Dann wär‘ ich Rio, der 1.

Folge 2, Aus dem neuen Leben eines Taugenichts. Rückblick:

Die zweite Begegnung mit dem Hund. Ich treffe meine bessere Hälfte, die gerade 500 km auf der Autobahn hinter sich hat, im Tierheim. Via Mobiltelefon hat mir die Holde zuvor unterwegs sämtliche auch nur ansatzweise in Frage kommenden Gründe heruntergebetet, die gegen den Hund sprechen könnten. Wir verbringen eine Stunde mit ihm. Sie: „Toller Hund. Das wird schon. Kein Problem. Der gefällt mir.“

Eine Stunde zuvor im Tierheim. Der Neubau ist so gestaltet, dass sich zwischen den Zwingern und einem Gang für die Besucher eine Mauer mit Fenstern befindet. Die Besucher können nicht direkt an die Hunde heran. Die Tierheimmitarbeiter holen die Hunde aus dem Zwinger, führen sie einen abgetrennten Gang entlang, durch eine Tür und übergeben sie dann im Besuchergang den Interessenten.

So wird mir auch Rios Leine in die Hand gedrückt und los geht es. Vor uns ca. 25 Meter Gang mit allerlei Menschen, die sich Hunde anschauen. Es bellt von links und rechts, unentwegt, und es riecht sehr stark nach Hund. Das alles kennt Rio zur Genüge, es interessiert ihn nicht. Er will raus und macht deutlich, dass das in seinem Tempo zu geschehen hat. Leinenführigkeit ist für den Hund ein Fremdwort. Er zieht wie ein Ochse und bleibt genauso abrupt stehen, wenn er schnüffeln oder das Bein heben will. Uns kommen mehrere Hunde entgegen. Rio macht einen langen Hals, zieht mit Macht in ihre Richtung, grollt. Um die Ecke dann zwei Katzen. Der Hund zieht sofort an, aber auch nicht mehr, als ich das mit anderen Hunden erlebt habe. Mordlust sieht anders aus, dabei soll er Katzen -leider bereits mit finalem Erfolg- gejagt haben.

Ich überspringe an dieser Stelle die nächsten 20 Minuten, in deren Verlauf Rio das hochmotivierte weibliche Ende der Leine über den Acker zieht.

Test: Wir bleiben stehen, wenn Rio zieht und gehen erst weiter, wenn die Leine sich lockert. So wird das schon einmal nichts, denn Rio kann -so scheint es- problemlos 100 Mal erneut in die straffe Leine rennen. Wir erinnern uns an einen Jahrzehnte alten Ratschlag Granderaths. Der Jagdhundeausbilder empfahl 30 Minuten verschärftes Radfahren, bevor man mit dem Hund trainiert. Also verfallen wir in Laufschritt. Das scheint für den Hund neu zu sein. Kondition hat er als jahrelanger Zwingerinsasse nicht: Nach zehn Minuten im unwegsamen Gelände merkt man, dass Rios Temperament ein wenig gezügelt wird. Unseres allerdings auch.

Auf einer Wiese dann die gleiche Übung wie zuvor, spontan abgewandelt: Die Leine strafft sich: wir bleiben stehen. Die Leine lockert sich: es geht nicht vorwärts, sondern der Hund wird in diesem Moment freundlich zu uns gerufen. Siehe da, er kommt. Umso schneller, wenn man selbst rückwärts ein wenig von ihm weggeht. Rio reagiert auch auf Richtungswechsel und Kehrtwendungen und folgt diesen. Dass er dann sofort wieder mit aller Kraft zieht, ist jetzt nebensächlich. Es geht ja erst einmal nur darum, den Hund kennenzulernen.

Rio darf uns anstupsen und beschnüffeln, tut das aber kaum. Nach einer halben Stunde beginnen wir, ihn beiläufig zu berühren. Schließlich lässt er sich im Stehen das Fell kraulen. Er stört sich nicht daran, zeigt aber auch keine Reaktion, die auf ein Wohlbehagen schließen ließe.

Nach einer Stunde kehren wir mit dem Hund ins Tierheim zurück. Die Mitarbeiterin nimmt ihn uns ab, wir sind schlagartig Luft für ihn. Fazit des Tages: Der Hund verhält sich uns gegenüber weder unsicher noch ängstlich noch überhaupt nennenswert interessiert, er scheint kein Sensibelchen mit ausgeprägten Neurosen zu sein. Ich finde ihn gut.

Inwieweit die erste Einschätzung uns getrogen hat, davon erzählen wir später.

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