Folsom Prison Blues

Folge 5, Aus dem neuen Leben eines Taugenichts:

Ein Tierheim erfüllt Pflichtaufgaben der Kommunen: Die Aufnahme und Pflege von entlaufenen Tieren und deren Rückgabe an ihre Halter; die Aufnahme und Pflege herrenloser Tiere, dies sind beispielsweise Hunde, die im Stadtgebiet ausgesetzt wurden. Weitere dort untergebrachte Hunde wurden ihren Haltern durch behördliche Maßnahmen entzogen. Abhängig vom Platzangebot nehmen Tierheime auch Hunde auf, die von ihren Haltern, aus welchen Gründen auch immer, abgegeben werden.

Die Unterbringung eines Hundes im Tierheim erfolgt vor verschiedensten Lebenshintergründen. Dies bringt es mit sich, dass dort schlichtweg alle nur denkbaren Hundetypen anzutreffen sind. Man findet Welpen, junge und alte Hunde; große, mittlere und kleine Hunde; kurzhaarige und langhaarige Hunde, Hunde jedweder Fellfärbung; freundliche und aggressive Hunde, gesunde und kranke Hunde; Mischlinge wie auch reinrassige Vierbeiner.

Manche Hunde werden schnell vermittelt, andere sind jahrelang im Heim untergebracht und nicht wenige erhalten dort ihr Gnadenbrot, finden niemanden mehr, der sich ihrer annimmt.

Im hiesigen Tierheim sind stets mindestens 70 bis 80 Hunde untergebracht. Man hat beim Neubau der Anlage versucht, die Tiere so weit möglich tiergerecht unterzubringen. Es gibt zwei Freilaufgehege von 10 x 15 Meter, in dem die Hunde teils alleine, teils mit anderen „Auslauf“ erhalten. Wer sich den Hofgang von Strafgefangenen vor Augen hält, bekommt eine realistische Einschätzung.

Die Hunde werden zudem von Mitarbeitern wie auch von freiwilligen Helfen im Gelände rund um das Tierheim ausgeführt. Die Möglichkeiten sind gleichwohl begrenzt, was in der Natur der Sache liegt, Und so kommt es, dass ein Teil der Hunde nach geraumer Zeit Anzeichen von Hospitalismus entwickelt. Sie laufen zwanghaft die Gitterstäbe ihres Zwingers auf und ab oder drehen sich ohne Unterlass im Kreis. Andere kauen auf Steinen herum oder verweigern das Fressen. Der Gute Bubi, von dem hier die Rede ist, schlug sich die Ohren an den Wänden seines Zwingers blutig. Die Größe dieser Zwinger, in denen die Hunde fast rund um die Uhr untergebracht sind, sieht man hier, durch eine Klappe geht es nach draußen, es schließt sich ein Bereich an, der noch einmal so groß ist.

Diese Zwinger reihen sich in zwei gegenüberliegenden Gebäudekontrakten aneinander. Und nie, wirklich nie, hört das allgegenwärtige Bellen auf. Ausnahmslos bellen Hunde, kaum hört einer mal auf, setzt der nächste ein, animiert wieder andere.

Der Gute Bubi wurde als junger Hund im Alter von wenigen Monaten von Unbekannten ausgesetzt und auf den Straßen der Stadt aufgelesen. Es erfolgte eine Vermittlung, nach geraumer Zeit wurde er zurück gebracht. Er sei aggressiv, die Liste seiner Schandtaten lang, man komme mit ihm nicht mehr zurecht, obwohl man „alles versucht“ habe. Im Laufe der Jahre hatten vier, fünf Menschen Interesse an ihm, aber die Vermittlungsversuche schlugen jeweils fehl. Der Hund hatte ein erhebliches Aggressionsproblem. Man sollte wohl eher sagen, dass die potentiellen neuen Halter ein Problem mit seinem aggressiven Verhalten hatten – der Hund erkennt sein eigenes Verhalten ja nicht als Problem.

Man mag sich nun fragen, warum sich jemand freiwillig und gezielt einen solchen Hund aussucht. Nun, bei uns ist das so: Rassezugehörigkeiten oder gar Stammbäume und Ahnen von Hunden interessieren uns nicht sonderlich. Die Wahl erfolgt angesichts des individuellen Hundes. Ich bücke mich nicht gerne, um ihm den Kopf zu tätscheln, tendenziell entscheiden wir uns aus eigener Bequemlichkeit (in Herbst und Winter werden Hundefelle recht nass) für kurzhaarige Hunde. Eine bestimmte Physis und Agilität sollte der Vierbeiner mitbringen, damit man sportlich mit ihm unterwegs sein kann. Das Gewicht fällt so aus, dass ich den Hund, sei es beim Tierarzt, bei Verletzungen oder im Alter noch heben und ein Stück weit tragen kann.

Der Gute Bubi ist, so meint dies zumindest der Tierarzt, ein Dobermann-Malinois-Mischling, (Im Tierheim hatte man noch einige andere Rassebestandteile im Spekulationsangebot) Ob dies zutrifft, lässt sich allerdings nicht mit Bestimmtheit sagen und ist für uns auch nicht nennenswert von Belang.

Wir sind von unserer beruflichen und privaten Situation sowie vom Wohnumfeld her in der Lage, schwierige Hunde, die sonst nicht so leicht bei jemandem unterkommen, zu übernehmen und so landen bei uns Notfallvermittlungen und problematische Tierheiminsassen. Die Entscheidungen, wenn man sie überhaupt so nennen will, fallen dabei nicht von langer Hand geplant, sondern so, wie es sich ergibt. Allerdings gehörte nicht viel dazu vorauszusehen, dass ich nicht einfach nur einmal das neue Tierheim besichtigen gehe, ohne hinterher einen weiterer Hund im Schlepptau zu haben.

Ein Wort noch zur Historie des hiesigen Tierheim: Im Jahre 1875 entstand als Vorläufer des heutigen Tierschutzvereins eine Genossenschaft, die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln der Tierquälerei entgegenwirken sollte. Sie sollte jedoch nicht nur helfen, das Los leidender Tiere zu verbessern, sondern auch „zur sittlichen Erziehung des Volkes beitragen“.

Zurück zu Folge 4

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Aus dem neuen Leben eines Taugenichts abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s