„Du kommst hier net rein!“

Folge 11, Aus dem neuen Leben eines Taugenichts

Ohne allzu sehr in die unschönen Details gehen zu wollen lässt es sich sagen, dass Rios vordringlichstes Problem seine Haltung gegenüber Besuchern war. Außer seinem Problem mit anderen Hunden. Und seinem Problem überhaupt mit jedem, der ihm (außer uns) zu nahe kam, wobei „zu nahe“ im Einzelfall durchaus auch 50 Meter sein konnten. Das waren keine Lappalien, nichts, womit man hätte leben können. 

Aber bleiben wir zunächst im eigenen Heim. Rio wollte keine Fremden im Haus haben. Basta. Um das klar zu machen, hat er sich entsprechend aufgepflanzt. Starrer Körper, Rute bis zum Anschlag nach oben, Fixieren, Grollen, kurz: Rio macht die Tür.

Du kommst hier nicht rein!
Warum nicht?
Nur für Stammgäste.
Und wie werde ich Stammgast?
Gar nicht.

Der Hund musste folglich dieses Amtes enthoben werden. Zu diesem Zweck führten wir eine Hausordnung ein: 

Der Hund bekommt eine Decke oder ein Kissen zugewiesen und das wird der Platz, an dem er sich fortan aufzuhalten hat. Ein Haken wird in der Wand befestigt und dann wird der Hund zeitweilig dort angeleint. Damit er das nicht ausschließlich negativ verknüpft, wird er jeweils vor den Spaziergängen und vor dem Füttern für eine halbe Stunde angebunden. Bis es das Normalste auf der Welt für ihn ist. Er wird auf sein Kissen gelegt und angebunden, wenn Besuch kommt. Das macht die ganze Sache entspannt, niemand beachtet den Hund, alle lassen ihn links liegen, man muss sich nicht um ihn kümmern. Er erhält keine ihn bestärkende Ansprache, keine ihn belohnende Aufmerksamkeit, denn auch mit seinem Pöbeln hätte er sonst Erfolg: Mensch wendet sich ihm zu. Ob zum Wiederholen von Kommandos oder gar zum Schimpfen, spielt keine Rolle. Der Hund bekommt Aufmerksamkeit und Nähe für sein schlechtes Betragen. 

All das entfällt, wenn der Hund zur Randfigur auf seinem Kissen geworden ist. Besuch ist nichts Besonderes, nichts, worum man sich kümmern müsste, erst recht nichts, was man verhindern, angreifen und vertreiben müsste. Er wird seinerseits auf seinem Platz nicht behelligt, auch nicht von wohlmeinenden Tierfreunden, die unbedingt an ihm herumtätscheln wollen. Der Hund ist nur dabei, statt mittendrin.

Vor jedem Spaziergang wird der Hund auf seinem Kissen abgeholt und jeder Spaziergang endet dort. Nach geraumer Zeit hat er verinnerlicht, dass das sein Platz ist und plumpst schnurstracks mit einem tiefen Seufzer auf das Kissen, rollt sich zusammen und döst vor sich hin.

Mit zunehmender Sicherheit und Ruhe des Hundes kann man das Ganze ein wenig auflockern, aber beim Guten Bubi hat es sich gezeigt, dass die einmal verinnerlichte Routine von ihm gerne angenommen wird und ihm den Umgang mit Besuchern erleichtert, ihn auch insgesamt merklich ruhiger macht. 

Zu Beginn wurde ihm durch die Hausordnung verhindert, dass er die Leute aus dem Haus zu treiben versucht. Dann lernte er über die verhängten Maßnahmen, dass es nicht seine Aufgabe ist und schließlich, dass es auch gar nicht erforderlich ist. Der Hund stellt sich recht schnell darauf ein, die Veränderung dauert -bei flankierenden Maßnahmen außer Haus- nur wenige Wochen. Selbst die Leine wird erkennbar nicht als unliebsame Einschränkung empfunden, sondern mehr und mehr als Nabelschnur zur Sicherheit des eigenen Ruheplatzes. 

Je nach Hartnäckigkeit des vierbeinigen Bösewichts empfiehlt es sich jedoch, seinerseits hartnäckig die neu etablierten Abläufe beizubehalten, bis sie selbstverständlich geworden sind.

Abends gehen wir mit unseren Gästen essen und als wir zurück nach Hause kommen und eintreten, ist Rio mehr oder minder entspannt. Wir schauen noch zwei Stunden lang einen Film. Alle sitzen mit dem Rücken zu ihm. Er liegt ein paar Meter entfernt auf seiner Decke und stört sich an nichts. Ein, zwei Male kommt er am Sofa vorbei gelaufen, schaut sich kurz um und trottet dann wieder auf seine Decke. Man könnte nun meinen, damit sei das Eis gebrochen. Könnte man. Nachdem Rio eine Nacht über die ganze Sache geschlafen hat, ist er offenkundig zu einem anderen Ergebnis gekommen. Er benimmt sich erneut so, als sähe er unsere Gäste zum ersten Mal.

Wir haben es bei den geschilderten, ritualisierten Abläufe bis heute belassen. Noch immer wird er vor jedem Spaziergang an seinem Platz abgeholt und anschließend wieder dorthin zurückgebracht, wobei er dann ohnehin schon von selbst zu seinem Kissen strebt. Ab und an wird er auch noch angebunden, um die Gewöhnung daran aufrecht zu erhalten. Nicht jeder Besucher, und seien es Handwerker und Schornsteinfeger, ist von Hunden angetan und sie sind bisweilen merklich beruhigt, wenn der nur ein paar Meter entfernte Hund zwar uninteressiert, dennoch aber abgesichert ist.

Ich bin gefragt worden, ob man den Hund nicht einfach von jedem Besucher hätte füttern lassen können, damit er sie „gut“ findet. Nun, wer schon einmal erlebt hat, wie ein Hund erst das Leckerli und dann sofort den ganzen Arm mitnimmt, der hat etwas dazugelernt. Nicht jeder ist bestechlich.

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