Alles nur wegen mir. Alle wissen das hier.

„Ich bin der Nabel der Welt.
Zumindest der sich dafür hält.
Aus meiner Sicht
Dreht sich alles um mich
Ich bin der Nabel der Welt“ 
(Stephan Remmler)

Folge 12, Aus dem neuen Leben eines Taugenichts

Wenn ich so recht darüber nachdenke, dann scheint der Markt rund um den Hund exakt auf eine einzige Weise zu funktionieren: Unterschwellig wird das schlechte Gewissen der Hundehalter angesprochen bzw. hervorgerufen:

Nur wenn Du all diese Bücher kaufst, nur wenn Du jede Zeitschrift, jedes Magazin liest, nur wenn Du Dir und Deinem Hund keinen der neuesten Trends entgehen lässt, nur wenn Du so viele Seminare wie möglich besuchst und Dauergast in den Hundeschulen mit der aktuell angesagtesten Erziehungsmethode bist, nur wenn Du das Futter xyz kaufst/nur wenn Du keinesfalls das Futter xyz kaufst denn wir wissen ja, die Industrie möchte unsere lieben Tiere alle vergiften– dann, nur dann, hat Dein Hund es gut bei Dir. Nur dann ist er glücklich. Und das schuldest Du ihm ja wohl?

Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich bin in der Vergangenheit auf einige dieser Züge selbst aufgesprungen. Eine Unmenge von Zeit habe ich, vor allem als das Web noch neuer war, verbracht in Foren mit allen möglichen Diskussionen. Etwa bei Hundebuch Nr. 50 oder so habe ich aufgehört zu zählen und schließlich die meisten (bis auf ein paar antiquarische Raritäten) wieder verkauft oder verschenkt. Von virtuellen Diskussionsorten habe ich mich mit Ausnahme eines kurzen Wiederaufflackerns ferngehalten. Ich stellte einfach fest, dass mich das alles, gemessen am enormen Zeitaufwand, kaum voranbrachte. Die Diskussionen, über all die Jahre hinweg die gleichen, die Standpunkte die gleichen, die Erkenntnisse ebenso. Nur die Namen wechseln. Alle paar Jahre tritt ein für eine kurze Spanne angesagter „Experte“ auf und verkündet, die Hundeerziehung neu erfunden zu haben. Er tummelt sich dann nebst ein paar Fans in Foren und verschwindet dort wieder, wenn er genug auf sich aufmerksam gemacht hat. Diskussionsteilnehmer, denen nichts zu blöde ist, schaffen sichSockenpuppen, also zusätzliche, virtuelle Identitäten, und feuern die Diskussion auf diese Weise vermeintlich vielstimmig an, indem sie mit sich selbst reden. Kaum hat einmal einer ein halbwegs brauchbares Buch geschrieben, schreiben es mindestens zehn andere ab, die sonst nichts Anständiges gelernt haben. Von jedem Titelbild blickt austauschbar der immer gleiche Hundeblick des treuen Begleiters und die Damen und Herren Autoren schreiben sich gegenseitig Klappentexte, Vorworte und Empfehlungen. Das wird dann in Cyberspace durchdiskutiert, die herrschende Forenmeinung hebt oder senkt den Daumen, Belesenheit wird für Erkenntnis gehalten. Das Vokabular wird hin und wieder ausgetauscht, gerne amerikanisiert, als Warenzeichen geschützt, alles klingt ganz modern. Gefallen uns die Worte nicht mehr, erfinden wir halt andere. Raider heißt jetzt Twix. Der Hausmeister ist ein Facility Manager, die Küchenhilfe ein Nutrition Assistant – und der Hundetrainer nennt sich Kynopädagoge und hat „Tierpsychologie“ studiert, an der Universität von Hogwarts. Man kann kaum ein Jota besser mit Hunden umgehen, aber Hauptsache, wir haben ausgiebig darüber geredet. Darling, should we seek a dog psychiastrist?

Ich will diesen Zeitvertreib niemandem ausreden, wer sich auf solche Weise gut unterhalten fühlt, meinetwegen. Ich selbst jedoch wurde dessen immer überdrüssiger, auch unleidlicher, ich empfand es als, wie es der Blogger Don Alphonso einmal (in etwas anderem Zusammenhang) beschrieb, 

„Das Durchschnattern des neuesten Scheissdrecks, den man je nach Aussage hasst oder als Beleg der eigenen Bedeutung nimmt.“ 

Und was kommt insgesamt dabei heraus? Nie hatten wir so viele Sachbücher zum Thema Hund, nie so viele Zeitschriften, nie so viele TV-Experten, nie diese Fülle an Diskussionen der Internetbewohner. Glücklichere Hunde und zufriedene Hundehalter allenthalben? Mitbürger, die nicht mehr von Hunden belästigt werden? Schaut man in ein gut frequentiertes Forum, dann sieht es so aus:

Wohlgemerkt, das ist der screenshot eines einzigen Tages. Und so geht das seit Jahr und Tag und füllt die Server.

Schluss also mit dem Gerede, sagte ich mir, halte dich wieder an die Maxime Adi Preißlers, eines Fußballhaudegens der 50er Jahre: Entscheidend ist auf’m Platz.
Schreiben und erzählen kann jeder viel. Ich will sehen, Karten auf den Tisch. Vormachen, was man angeblich kann, vor allem, wenn es der Kunde lernen will. 90 % meiner eigenen bescheidenen Fähigkeiten habe ich mir aus der praktischen Anleitung durch ein paar versierte, erfahrene Hundehalter angeeignet. Von Trainern, die mir Dinge mit ihren eigenen Hunden vorleben konnten. Die -wenn sie gewerblich als Trainer arbeiteten- mit den Vierbeinern ihrer Kunden beweisen konnten, dass es eine Lösung für die Probleme gibt. Man traut einem Auge mehr als zwei Ohren.

Ich erwähne das, weil es in diesem Blog keine Ausführungen zu dem Buch des A. und des B. und des C. und den neuesten Methoden des D und des E und F. und generell keine Belehrungen und Bekehrungen geben wird. Geschildert wird der Werdegang des Guten Bubis. Das, was wir erlebt haben, das was wir gemacht haben; für ein paar Leute, die das interessiert, darunter einige, die den Hund kennen und hin und wieder live erleben. Es darf jeder davon halten, was er mag und wer alles ganz anders macht: Bitte schön, nur zu.

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