„Des Teufels liebstes Möbelstück ist die lange Bank.“

Folge 15, Aus dem neuen Leben eines Taugenichts

Guten Morgen. Im Osten geht die Sonne auf. Ich hingegen muss mich erst einmal wieder einkriegen. Die Katzen haben am Christstollen ein Massaker verübt. Irgendwie haben sie es geschafft, die Tür zur Speisekammer zu öffnen. Keinesfalls kann das dadurch erleichtert worden sein, dass womöglich ich sie nicht richtig geschlossen habe, die Tür. Denn eine meiner herausragendsten Eigenschaften ist ja die, dass ich nie schuld bin. Wo kämen wir da hin?

Der Gute Bubi harmonisiert in dieser Hinsicht ganz prächtig mit mir. Aus naheliegenden Gründen kann ich jedoch kaum mit Fotos oder gar Filmaufnahmen von Rios Fehlverhalten dienen. In diesen Momenten hat man alle Hände voll zu tun, alle Konzentration gilt dem Hund.

Es gibt Menschen, die opfern sich für ihren Hund auf. Die Erziehungsbemühungen dauern ein halbes Hundeleben und nach drei, vier oder fünf Jahren verfolgt der Vierbeiner immer noch wütend jede Katze oder ist bei Alltagsablenkungen so gestresst, dass er nicht einmal ein Sitz hinbekommt. Spaziergänge werden in menschenleere Gegenden verlegt oder finden gar erst spät abends statt, wenn niemand sonst mehr unterwegs ist. Das Auftauchen von Passanten, gar mit anderen Hunden, führt dazu, dass man mit einer Kehrtwendung schleunigst das Weite sucht.

Ein solches Endlos- und Ausweichprogramm sollte und konnte es bei Rio nicht geben. Wir bewohnen die Hälfte eines großen, ehemaligen Bauernhofs. Wohnhaus, Stallungen. Das andere Wohngebäude nebst Scheune hatten nach Rios Einzug bei uns neue Nachbarn gekauft, die dort nun mit ihrem Kleinkind leben. Zwischen den hufeisenförmig angeordneten Gebäuden befindet sich ein gemeinsam genutzter Hof. Die Nachbarn sind mit Renovierungsarbeiten beschäftigt, es ist ein Kommen und Gehen von Handwerkern, Freunden und Bekannten mitsamt deren Kindern. Vor die Tür getreten, begegnen mir große und kleine Menschen, die Hunde von Nachbarn und der Hunde“sportler“ vom etwa 150 Meter entfernten Hundeplatz (die allerdings selbst anderen Hunden gerne aus dem Weg gehen). 

Unsere Hunde sollen uns im Alltag begleiten können, ob bei Ausflügen oder in Biergarten, Café und Restaurant. Sie müssen nicht stets dabei sein, aber es soll möglich sein. Sie verreisen mit uns und wenn man nicht auf all das verzichten und sein ganzes Leben auf den Hund ausrichten will, dann muss man schauen, dass man in einem überschaubaren Zeitraum voran kommt.

Die ersten Wochen mit Rio hatten dem Kennenlernen gedient, es schlossen sich etwa zwei Monate an, in denen wir mehr oder minder herum probierten, was funktionieren könnten. Das Ergebnis war unbefriedigend. Der Hund schien mit guter Auffassungsgabe versehen, aber seine tiefsitzenden Probleme blieben vom Lernen antrainierter Verhaltensweisen unberührt.

Müsste ich davon ausgehen, dass Rio bis an sein Lebensende trainiert werden muss, wie das mancher für seinen Hund als unvermeidbar ansieht, dann wäre Rio ein Kandidat für eine Umplatzierung – oder für ein Einschläfern. Ich sehe nicht, dass das nötig sein wird, aber endlos Zeit kann ich mir nicht lassen. Ich habe das Gefühl, dass das Training Stückwerk ist. Ich habe Bausteine, aber es fehlt irgendwie der Mörtel, der sie erst zusammenhält. So baue ich eine Wand, die auf den ersten Blick gut gemauert aussieht – bei einem stärkeren Windstoß jedoch umfällt.

Ich hatte mir also ehrgeizig einen groben zeitlichen Rahmen gesteckt. Nach drei Monaten wollte ich eine nachhaltige Veränderung in Rios Verhalten feststellen, nach sechs Monaten aus dem Gröbsten heraus sein. Rio stellte uns in dieser Zeit auf eine enorme Probe. Es war uns klar, dass der Weg nicht leicht sein würde.

Wie steil der Anstieg jedoch werden würde, das hatten wir nicht vorausgesehen. Die Hausordnung half enorm, aber draußen war sein Verhalten weiterhin, sagen wir mal, eher unschön. Ein Wüten gegen Mensch und Tier. Der Hund hielt keiner Belastung stand und „löste“ dies, wie er es wohl immer gelöst hatte, mit aggressivem Verhalten.

Das weitere Zusammenleben mit dem dem Bösen Bubi sollte daher zunächst von einem „Entschleunigungsgedanken“ getragen werden. Rio ist, wie bereits berichtet, fix im Kopf und fix in den Beinen. Er sollte entspannter, ruhiger und auch langsamer werden, Hektik abbauen, nicht ständig unter Strom stehen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass wir dem Hund unbedingt vermitteln mussten, dass aggressive Verhaltensweisen absolut unerwünscht, keine Erfolgsstrategie, sondern vollkommen tabu sind. Das ist der Teil der Erziehung, der niemandem schmeckt und den die meisten gerne vermeiden möchten: Das Wort „nein“. Und die Konsequenz, die es hat, wenn das Nein nicht befolgt wird. Und so werde ich im weiteren davon berichten, wie wir dies dem Hund mit Geduld und Spucke vermittelten.

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