Let’s get ready to rumble

And in the left corner, weighing in at 80 pounds, the undisputed middleweight champion of the world: RrriiIIIOooooooooooo!

Folge 19, Aus dem neuen Leben eines Taugenichts

Die ersten drei Runden hatte Rio alle gewonnen. Nach Punkten lag er klar vorne, die Gegner waren gezeichnet von dem, was sie hatten einstecken müssen. (S-e-l-b-s-t-v-e-r-s-t-ä-n-d-l-i-c-h testen wir nur mit freiwilligen Helfern und nicht anhand unbeteiligter Passanten). Runde vier konnte dank konsequenteren Auftretens des Ringrichters ausgeglichener gestaltet werden. Tiefschläge wurden unterbunden, Rio musste in die Ringecke. Dort wartete er auf das Signal zur nächsten Runde, Adrenalin pur, doch vor dem Gong ist noch Zeit für eine kurze Unterbrechung.

Ein Teil der heutigen Hundeszene propagiert, auftretender Probleme -etwas verkürzt und vereinfacht ausgedrückt- wie folgt Herr zu werden:

Fehlverhalten des Hundes ignoriert man. Dann wartet man darauf, dass der Hund von selbst ein richtiges Verhalten anbietet, um es dann zu belohnen. Dergestalt bestärkt wird der Hund sich künftig richtig verhalten, weil das falsche Verhalten ihm ja keinen Erfolg einbringt. Die Wahrscheinlichkeit richtigen Verhaltens hingegen steigert sich aufgrund der Belohnung eben desselben.

Soweit die Theorie. Wie kommt man darauf? Ein paar Leute haben sich an Versuche und Studien erinnert, die von Wissenschaftlern vor ein paar Jahrzehnten angestellt wurden und deren Thematik man zusammenfassend umschreiben könnte als „Belohnung und Bestrafung im Lernexperiment“. Damit es hier nicht zu trocken und theoretisch zugeht, will ich ein konkretes Beispiel schildern. Einen unserer früheren Hunde haben wir an einer Studie des hiesigen Max-Planck-Instituts für evolutionäre-Blablabla teilnehmen lassen. In einer leeren Trainingshalle sollte in einer bestimmten Versuchsgestaltung den Weg zu einem Futternapf finden, wobei der direkte Zugang versperrt war. Falsche Versuche blieben erfolglos, ganz gleich, wie oft er sie wiederholt hat. Nur der richtige Lösungsansatz führte zum Fressen.

Das Problem der Übertragbarkeit auf ein Fehlverhalten des Hundes unter realen Alltagsbedingungen wird schnell augenscheinlich. Es handelt sich um Laborversuche, die in einer kontrollierten Umweltsituation stattfinden. Im Alltag fehlt es an dieser kontrollierten Umgebung. Verdeutlichen wir dies und fügen wir zu unserem oben erwähnten Rüden, den Hindernissen und dem Futternapf eine läufige Hündin hinzu. Oder einen anderen Rüden. Lassen wir eine Katze herumstromern, ein Kaninchen durch den Raum hoppeln. Bauen wir einen Misthaufen in der Ecke auf und schmeißen herrlich stinkende Essenreste darauf. Die Hündin wird womöglich verlockender duften als das Futter, den Rüden muss der Vierbeiner erst einmal kontrollieren und ihm klar machen, wessen Halle das hier ist. Die Katze wird als Nahrungskonkurrent verscheucht, der Hase munter gehetzt, der Misthaufen wird erschnuppert. Jede dieser Aktivitäten kann für den jeweiligen Hund erfüllender, lohnenswerter, wichtiger sein als das Futter. „Sch**ß auf die Leckerlis, erst einmal verpass ich dem Kerl da drüben eine, dass es sich gewaschen hat.“

Genau das erleben -zig Hundehalter im Alltag: „Eigentlich hört er ja gut und kann ganz viel. Aber sobald wir draußen sind, interessiert er sich weder für meine Leckerlis noch für seinen Ball und erst recht nicht für mich.“

Manche sind auf die Idee gekommen, den Hund dafür zu belohnen, wenn er sie anschaut. Von ihm etwas anderes zu verlangen, was mit aggressivem Verhalten nicht kompatibel ist. Zum Beispiel Sitz, oder den Hund etwas tragen lassen. Das ist grundsätzlich keine schlechte Idee, man kann sich das auch im späteren Verlauf zunutze machen. 

Aber wer jemals einen aggressiven, tobenden Hund an der Leine hatte, der hat womöglich erlebt, dass dieser Vierbeiner alles getan hat, nur eins nicht: Blickkontakt zum Halter aufnehmen. Er ist auf einer anderen Umlaufbahn. Auf Planet Terror. Den Kontrahenten fixieren, dabei grölen, toben, in die Leine springen, ziehen, zerren, im Kreise drehen. Die Adrenalinausschüttung lauft auf Hochtouren. Nicht ansatzweise ist der Hund noch ansprechbar und das letzte, worauf er kommt, ist den Feind aus den Augen zu lassen. Geschweige denn, sich hinzusetzen und ruhig zu verharren. Pah! So auch der Böse Bubi. Wie ein paar Beiträge zuvor schon erwähnt: Bis zum Herzkasper.

Um es kurz zu machen, wenn man diese teils über Jahre hinweg wieder und wieder ausgelebten Automatismen nicht unterbricht, dann gelangt man nicht an den Punkt, dass man den Hund für ein Wohlverhalten loben kann. Man bekommt einfach kein Wohlverhalten geboten. Never ever.

Der aggressive Hund weiss nicht, dass sein aggressives Verhalten falsch ist, wenn man es ihm nicht sagt. Er bewertet es nicht als falsch. Er bewertet es überhaupt nicht. Für ihn ist es die passende Reaktion auf die Umweltsituation und das „Versagen“ seines Menschen. Je öfter dieser Knopf bereits gedrückt wurde, umso eher. Bei menschlichen Verbrechen schüttelt der Außenstehende oft den Kopf: „So ein sinnloses Verbrechen“. Dabei ist es das keineswegs: Denn im Kopf des Verbrechers ergibt alles einen Sinn und passt wunderbar zusammen. Auch für den Hund ist sein Verhalten nicht falsch. Es ist für ihn die richtige Antwort auf die Anforderung, die sich ihm stellt. Dem bissigen Hund wird man nicht zeigen können, dass sein Beißen nicht erforderlich ist, wenn man den Automatismus nicht endlich einmal unterbricht und seinen Angriff stoppt. Er wird sich nicht um eine alternatives, in unseren Augen „richtiges“ Verhalten bemühen, wenn er die für ihn richtige Antwort doch bereits gefunden hat und wieder und wieder ausleben kann.

Ring frei zur nächsten Runde.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Aus dem neuen Leben eines Taugenichts abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s