Last night the DJ saved my life

Folge 23, Aus dem neuen Leben eines Taugenichts

„Er stupst sie mit der Nase umher, wirft die noch recht unbeholfenen Kinder mit dem Pfoten um oder packt sie gar mit den Zähnen und wirft sie meterweit durch die Gegend. Wenn man das zum erstenmal sieht, hat man den Eindruck, der Rüde setze alles daran, die Welpen umzubringen … doch sehen wir, was weiter geschieht. Der Rüde hat sich von dem auf dem Rücken liegenden und laut schreienden Welpen abgewandt, um sich auf einen anderen zu stürzen. Der Erste aber läuft so schnell, als ihn die kurzen, ungeübten Beinchen tragen können, dem vertrauten Lager zu und verschwindet darin. Bald haben sich alle Welpen hier versammelt und sind um eine große Erfahrung reicher: Außerhalb des Lagers gibt es sehr unangenehme Erlebnisse, innerhalb des Lagers ist Geborgenheit.“

Eberhard Trumler, Hunde ernst genommen

Schon vor Jahrzehnten beschrieb Trumler, wie der Vater „in ganz einschneidender, sogar schockartiger Weise“ in Erscheinung tritt, wenn die Welpen das erste mal das Lager bei der Mutter verlassen. Sein Spiel mit ihnen ist „… nicht gerade rücksichtsvoll.“ Die erste Lektion in Überlebensstrategie. Draußen lauern Gefahren, denen man nicht unbedarft und kopflos entgegen stürmen darf.

An einem Montag Mittag beenden wir unseren Arbeitstag früher als üblich und treffen uns mit H., der jahrzehntelange Erfahrung als Trainer und Züchter mitbringt. Rio muss zum Psychocheck, damit sich weitere diagnostische Maßnahmen und die künftige Behandlung unseres vierbeinigen Patienten anschließen können. Wir machen uns ein vollständigeres Bild vom Hund, das in den darauf folgenden Wochen ein weiterführendes Training ermöglichen soll. 

Das geht nur mit jemandem, der hinreichend Erfahrung auch mit aggressiven und bissigen Hunden hat, den es nicht aus der Bahn wirft, wenn er von einem solchen Hund angegangen wird und der zu Trainingszwecken eigene, geeignete Hunde einsetzen kann. Wie früher schon erwähnt, treffe ich meine Auswahl ganz strikt: Wer mit dem eigenen Hund nicht vorleben kann, was der Kunde lernen möchte, scheidet aus. Wer mit dem Hund des Kunden keine Ansätze aufzeigen kann, dass eine Verhaltensänderung im weiteren Verlauf möglich sein wird, scheidet aus. Das ist keine Selbstverständlichkeit unter Hundeexperten, dazu ein anderes Mal vielleicht mehr. Dem einen oder anderen mag man auf diese Weise Unrecht tun, aber weder meine Hunde noch ich sind Versuchskaninchen. Ich will sehen, nicht erzählt bekommen, was einer angeblich kann. 

In diesen 1 ½ Stunden jedenfalls bekomme ich eindrücklich vor Augen gehalten, was den Profi vom Amateur (also von mir) unterscheidet. Alles läuft mit absoluter Ruhe und Bestimmtheit ab. H. sieht den Hund, sagt konkret voraus, was geschehen wird und in den darauf folgenden 1 ½ Stunden tritt alles so ein, wie er es prognostiziert hat.

Einschub: Ich werde den Ablauf unseres Handelns in einem bestimmten Punkt nicht exakt beschreiben, sondern bestimmte einzunehmende räumliche Positionen und zeitliche Abfolgen außen vor lassen. Das wird den einen oder anderen enttäuschen, aber was wir tun ist nichts, was man einfach mal ausprobiert, weil man davon gehört oder gelesen hat. Ohne versierten und seiner Sache sicheren Helfer geht es ohnehin nicht. Ich merke das an, weil ich diesbezüglich (wie auch früher schon) missliebige Erfahrungen gemacht habe. Eine Bekannte von uns beispielsweise hatte das Vorgehen bei uns gesehen. Daraufhin meinte sie, einer noch ahnungsloseren Freundin von ihr wiederum erklären zu müssen, wie man das macht und dass diese das doch mal an ihrem Hund ausprobieren solle. 

Wir treffen uns mit H. an einem Hotel am Waldrand. Vor dem Hotel ist ein großer Parkplatz. Eine Tankstelle und ein Fastfood-Restaurant grenzen an. Ein Stück weiter befindet sich ein Treffpunkt für Motorradfahrer, ein Lokal mit großem Biergarten. Auf der Rückseite des Hotels geht es in den Wald. Wir trinken mit H. im Hotel einen Kaffee, reden kurz über Rio und unsere Vorstellungen und Schwierigkeiten. Wir sprechen kurz ab, was geschehen soll und was H.s Meinung nach geschehen wird. Allzu viel will er von mir über den Hund nicht wissen, er sagt „schauen wir uns doch den Hund mal an“. Wir gehen zum Auto, ich öffne die Heckklappe. Ha! Der Rio sitzt. Wir haben ja schon geübt. Denke ich mir … und dann stellt H. sich frontal zu Rio, richtet sich auf, neigt leicht ganz den Oberkörper vor, schaut Rio in die Augen. Das war’s. Rio fliegt heraus heraus, bereit zum Einsatz seiner naturgegebenen Bewaffnung. Blitzschnell bekommt Rio einen Gummischlauch zwischen die Füße geschmissen, verbunden mit einem Warnlaut, (in unserem Fall ein Zischen). Rio springt zur Seite, ist verwirrt. Er wird von uns sofort freudig herangerufen, er kommt und nimmt „erleichtert“ seine Position dicht neben uns. Dafür gibt es ganz ruhiges Lob und Streicheleinheiten. Rio kriegt er sich wieder ein: Draußen in der Welt lauern Gefahren, an unserer Seite ist sofort alles wieder gut und sicher.

Dann gehen wir ganz gemessenen Schrittes über den Parkplatz in Richtung Wald. Wir reden nicht viel, das wenige ganz ruhig und das Augenmerk ist, so muss es auf Außenstehende wirken, nur nebenbei auf den Hund gerichtet.

Eine ganzes Stück weit entfernt kommt uns ein Mountainbiker mit seinen beiden Doggen entgegen (ihn hatte ich in einem früheren Beitrag schon erwähnt). Rio ist auf der einen Seite des Weges, H. einige Meter entfernt auf der anderen. Die Doggen galoppieren den Weg entlang, Rio will sich schon auf 50 Meter Entfernung in volle Erregung steigern. 

Er bekommt einen Gummischlauch zwischen die Füße geworfen, gleichzeitig mit dem Warnlaut. Rio wird heran gelobt, setzt sich, die Doggen donnern unangeleint vorbei. Rio springt nicht mehr in die Leine, grölt nicht, nichts. Er bleibt noch ein paar Sekunden sitzen, wird dabei ruhig über Flanke und Brust gestreichelt. Gefahr gebannt, an unserer sicheren Seite der Rio sich weiß.

Wir gehen weiter. Rio läuft ruhig neben uns. Die Rute ist nicht mehr bis zum Anschlag oben, aber auch nicht angstvoll eingeklemmt, sondern auf halber Höhe.

Rio geht auch die nächsten 50 Meter bei Fuß. Wir fragen H., ob wir ihn dafür jetzt loben sollen. Lerntheoretiker propagieren gerne, alles müsse in kleinsten Schritten bestärkt werden, shaping nennt sich das neudeutsch. H. meint: Wofür, er hat doch noch gar nichts gemacht? Eine halbe Stunde später weiß ich, was er meint. Rio geht eine halbe Stunde an lockerer Leine bei Fuß. Dann das Ganze ohne Leine. Es gibt kein einziges Kommando. Wenn Rio schneller wird, gehen wir noch langsamer, und noch langsamer. Rio passt sich an. Schnüffelt unterwegs, in einem Radius von zwei, drei Metern, aber immer in unserem Tempo. Geht er von uns weg, gehen wir unmerklich zur anderen Seite. Drängt er gegen uns, gehen wir zu seiner Seite. H. hängt sich unterdessen mit dem Arm bei uns ein, dirigiert ein wenig die Winkel und das Tempo. 

Wir unterhalten uns dabei in aller Seelenruhe über ein paar Dinge, die teils mit dem Hund gar nichts zu tun haben, genießen den winterlichen Wald und den ruhigen Spaziergang. H. spricht sehr leise, ich muss selbst genau hin hören, wenn ich ihn verstehen will. Nach einer Stunde sind wir am Hotel zurück. Auf dem Parkplatz geht eine Frau mit ihrem Schäferhund zwischen den dort ein- und ausparkenden Autos und Leuten, die herum laufen. Der Schäferhund (hatte zuvor schon über einen niedrigen Jägerzaun hinweg nach Rio geschnappt) sieht uns, hängt sofort tobend in der Leine, dreht sich um sich selbst. Die Frau packt mit beiden Händen zu, zieht zerrt, redet auf ihn ein, er wird immer wütender. H. meint, „den nehmen wir, nimm die Leine bitte ganz locker zwischen Daumen und Zeigefinger“ und steuert mit uns auf den Schäferhund zu. Die Halterin versucht, sich mit ihrem DSH zwischen zwei Autos zu drücken, zerrt an ihm, redet unaufhörlich auf den Schäferhund ein, der immer mehr in Rage gerät. Wir gehen mit Rio an lockerer Leine an ihm vorbei.

Dann steuern wir Autofahrer an, die ein- und aussteigen. Einen Kleintransporter, der eine Panne hat und stottert und stinkt, während an ihm gearbeitet wird. Rio wird locker mit zwei Fingern geführt. Keine Kommandos. Er geht bei Fuß. Währenddessen ist die Frau mit ihrem DSH beim Fastfood- angelangt, bindet ihn an den Zaun direkt neben der Eingangstür und geht hinein. Er sieht uns und tobt, sie futtert drinnen. In einem bestimmten Winkel gehen wir auf ihn zu. Immer weiter. Der DSH ist außer sich. Rio ist immer noch ruhig. Es geht mit Rio noch näher heran, bis zwei Meter vor den anderen Hund. Der andere Hund wird angezischt. Rio setzt sich hin. Der DSH tobt. Rio sitzt. Nach ein paar Sekunden wird er gelobt, sanft gestreichelt und wir entfernen uns aus dieser Situation. Gefahr gebannt, guter Bubi. Wir laufen zum Ausklang noch ein wenig umher, unterhalten uns. Rio wird ins Auto gebracht und bei einem Kaffee lassen wir den Nachmittag ausklingen. 

Vor diesem Spaziergang war ich neugierig, aber auch skeptisch. Was sollte entscheidend anderes zu erleben sein? Kannte ich nicht schon alles, was in der Hundewelt so angesagt ist? Hatten wir nicht alles gelesen? Mit allen diskutiert? Mehrere Hunde gehabt? Eine eigene Hundegruppe im Verein geleitet?Und dann: Es gab weder laute noch leise Kommandos. Es gab auch keine Leckerlis, keine Ablenkungsversuche mit was-auch-immer. H. hat sich nicht ruhig verhalten, sondern mit jeder einzelnen Pore absolute Ruhe und Sicherheit ausgestrahlt, völlige Gewissheit ob dessen, was kommen wird. Und Rio, wegen dem wir schließlich da waren und der dann aber als mehr oder minder unwichtiger Begleiter behandelt wurde, der schloss sich an. 

Wie eingangs erwähnt, das war noch nicht Rios eigentliches Training und es wurde kein Problem in dieser kurzen Zeit gelöst. Wir haben uns ein Bild von Rios Verhalten und Reaktionen in gezielt herbeigeführten Situationen auf bestimmte Reize gemacht. Von da an sollte es zielstrebig und mit klar umrissenen Konzept weitergehen. In den sich anschließenden drei, vier Wochen leisteten wir erforderliche Vor- und Grundlagenarbeiten, davon werde ich in den kommenden Tagen zwei Videos zeigen. Einen Monat später dann standen an mehreren aufeinander folgenden Tagen Übungseinheiten auf dem Plan, in deren Verlauf Rio gezielt und intensiv, wieder und wieder, Belastungen ausgesetzt werden sollte.

Ach ja, und die Gummischläuche, die wurden später zu Rios Spielzeug und Apportel. Nichts Negatives blieb zurück.

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