Die Entdeckung der Langsamkeit, Teil 1

Folge 24, Aus dem neuen Leben eines Taugenichts

Etwa drei Monate nach Übernahme Rios aus dem Tierheim: 

Nachdem Rio, wie zuletzt geschildert, einer „Anamnese“ unterzogen wurde, legen wir uns den Plan für die darauf folgenden drei Wochen zurecht. Der sieht wie folgt aus: Wir verabschieden uns für unsere Spaziergänge für einen ganz begrenzten Zeitraum aus dem Alltagstrubel. In diesen drei Wochen polen sich Hund und Mensch aufeinander ein, um anschließend auf neuer Grundlage gemeinsam die Anforderungen des Alltags zu bewältigen. Der Hund soll in diesen drei Wochen „anders“ werden. Es soll Ruhe einkehren, Hektik und Nervosität sollen nachlassen, explosive Reaktionen verschwinden. Rio hat in dieser Zeit ein hartes Programm zu bewältigen, es gibt weder Spiel noch Spass, sondern einzig: Ausdauernde, ruhige Bewegung in einem vorgegeben Radius. Ohne Leine. Und als einzige weitere Übung lernt er, ruhig zu sitzen. Ohne Leine. Beliebig lang, auf unterschiedliche, sich vergrößernde Distanz.

Mir ist bewusst, dass sich das nicht gerade nach der aktuell populärsten Mainstream-Trainingsmethode anhört. Ich sehe jedoch Rio, sein Befinden, seine Angespanntheit, sein Verhalten und wie dieses sich verändert. Das ist für mich der einzige Indikator für mein Tun. Ob irgendwer das für kompletten Schmarrn hält, weil übliche Belohnungen oder Bestrafungen nach angeblich neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, (die die Betreffenden oft nicht einmal eingebettet in einen größeren Kontext sehen) keine Rolle spielen, interessiert mich nicht. Menschen machen autogenes Training, sie meditieren, machen Yoga, was auch immer, um zu etwas innerer Ruhe und Ausgeglichenheit zu gelangen. Nun also Rio: Om mani padme hum.

In folgenden Video sehen wir fast alles, was in den besagten drei Wochen geschehen ist. Rio geht mit mir spazieren. Langsam. Viel langsamer, als er das normalerweise tun würde. Er bekommt keine Kommandos vorgegeben. Wird er schneller, werde ich langsamer. Werde ich langsamer, bemerkt er das und wird ebenfalls langsamer. Bleibe ich stehen oder mache gar einen Schritt zurück, dann kommt schaut er kurz und kommt zurück an meine Seite. Das hat er, siehe Folge 23, gelernt: Geschieht etwas Unvorhergesehenes, dann ist es die beste Idee, erst einmal an meine Seite zurückzukehren. Wir warten dann ein paar Sekunden und setzen den Weg anschließend fort. 

Man braucht auf diese Weise für einen Kilometer eine Stunde. Das macht nichts, es ist hartes Training für ihn. Er muss sich sehr konzentrieren, nach eineinhalb oder zwei Stunden ist er völlig erledigt, plumpst auf sein Kissen und streckt alle viere von sich. Es ist genau das Gegenteil des wilden Auspowerns, das er kennt – und das verlangt ihm alles ab.

Nachdem er etwa zwei Wochen maximal drei Meter um mich herum bleiben musste, dehne ich den Radius dann langsam auf fünf Meter auf, später bekommt er zehn Meter Spielraum. Und weiter weg soll unaufgefordert nie gehen. Das muss ihm in Fleisch und Blut übergehen.

Wie schon gesagt, Rio bekommt in dieser Zeit keine verbalen Kommandos. Der Hund, der es gewohnt ist, auf Schritt und Tritt gesagt zu bekommen, was er tun soll, steht so vor einer völlig neuen Situation. Er muss aufmerksam sein, er muss sich ständig an mir orientieren, wenn er wissen will, wie es weitergeht. Hunde kommunizieren nur zu bestimmten Zwecken, die an dieser Stelle keine Rolle spielen, verbal. Sie sagen sich nicht, dass sie sitzen, stehen, liegen, bei Fuß gehen sollen (was nicht heißt, dass das im Alltag nicht nützliche Krücken sein können. Hier jedoch geht es um etwas anderes, Grundlegendes). Ihre Orientierung aneinander läuft nonverbal ab, ihr Zusammenhat als Rudel basiert nicht auf der Befolgung der Kommandos, die der Mensch sich ausgedacht hat. 

Die Spaziergänge zeigen ihre Wirkung. Rio arbeitet sich daran ab. Zu Beginn löst er sich, schnüffelt, ist noch angespannt. Gleichzeitig ist er bemüht, die Orientierung an uns aufrecht zu erhalten und im vorgegebenen Radius zu bleiben. Nach etwa einer halben Stunde fängt er an, die Rute etwas zu senken, sie Stück für Stück herunter zu nehmen. In die darauf folgenden 30 Minuten fallen z.B. die Sitz-Übungen, die ich noch zeigen werde. Die abschließende halbe Stunde dient dazu, das vorangegangene Geschehen ausklingen zu lassen. Wir trudeln langsam aus, kommen zu Hause an. Rios Fell wird gebürstet, er nimmt Körperkontakt auf, schmiegt sich an, langsam streichen wir über verschiedene Körperregionen. Dann legt er sich hin, ist müde und schläft ein.

So läuft das jeden Tag ab. Stereotyp, ohne Ausnahme. Nach zwei, drei Wochen ist spürbar, wie Rio insgesamt zu einem ruhigeren Gemütszustand gelangt ist. Er bleibt draußen interessiert, schnüffelt, hebt das Bein, ist aber nicht mehr hektisch, aber auch nicht unterwürfig. Weil das so ist, wird der zunächst enge Radius nun wieder aufgeweicht und Rio darf sich im Umkreis von fünf, dann zehn Metern bewegen. Das Prinzip bleibt stets das gleiche. Einhalten des Radius, Orientierung an uns, Anpassen an unser Tempo. 

*edit: Eine kurze Ergänzung, weil ich seinerzeit gefragt wurde:

„Aber wo bleiben denn Spiel, Spaß, Spannung? Der arme Hund?“

Erstens: Spiel und Spaß gibt es zu gegebener Zeit extra.
Zweitens: Spannung ist gegeben, nur geht es nicht den Rehen und sonstigen Lebewesen hinterher, sondern konzentriert mit mir den Weg entlang. 

Drittens: Was heißt „der arme Hund?“:

Er hat ein Dach über dem Kopf, einen warmen Ofen, wird zweimal täglich gefüttert, genießt Nähe und Sozialkontakt sowie eine umfassende medizinische Versorgung als Privatpatient. Da wird man ihm im Gegenzug auch etwas abverlangen dürfen, wozu zumindest angemessenes Benehmen gehört.

Teil 2 dieser Doppelfolge in Kürze.

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