Sechs Tage im Kreis, immer rund herum. Teil 2

Folge 30, Teil 2 Aus dem neuen Leben eines Taugenichts

Jemand Reiter?

Aus dem Pferdesport kommt das Longieren, es wird dort zur Ausbildung der jungen Pferde wie auch zum Training, der Gymnastizierung und dem Konditionsaufbau der erwachsenen Pferde genutzt. Nicht immer unternimmt man einen Ausritt, bisweilen bewegt man das Pferd auch nur auf einem Trainingsplatz im Kreis an einer langen Leine, der Longe. Man lässt das Tier laufen und dabei – „Tee-rab“ und „Ga-lopp“ – die Gangarten wechseln. In den vergangenen Jahren ist das Longieren auch bei einer Reihe von Hundeschulen im Angebot, um dem Hund eine weitere Möglichkeit der körperlichen Auslastung zu bieten.

Wir jedoch, das sollte anhand des ersten Teils dieser Folge schon klar geworden sein, machen etwas anderes. Wir betreiben am Longierkreis keinen Sport, sondern nutzen ihn zu sozusagen „therapeutischen“ Zwecken. Der Böse Bubi wird ausdauernd im Kreis laufen und währenddessen allerlei Konfrontationen bewältigen müssen, denen er ausgesetzt wird. Dabei soll er erleben, dass die beste Lösung die simpelste ist: Einfach weiterlaufen. Die Atmung wird gleichmäßig, die Anspannung der Muskulatur lockert, Verkrampfungen lösen sich. Aggressives Verhalten, das er hier ohne weiteres heraus lassen darf, wird ihm nichts bringen, weder Mensch noch Hund werden davon beeindruckt sein oder weichen zurück. Man kann nicht eine Stunde lang toben, irgendwann ist das Pulver, resp. das Adrenalin verschossen. Machen wir uns aber nichts vor, Rio wird psychischem Druck ausgesetzt. Das ist kein Wohlfühlprogramm. Wir sind für die Dosierung, Steigerung und Wegnahme der Belastung zuständig, aber er ist derjenige, der da durch muss. 

Es gibt Tiertalibanliebhaber (vor allem wenn sie selbst keinerlei Erfahrung damit haben), die so etwas rundweg ablehnen. Aber machen wir uns auch hier nichts vor: Den Stress hat der Hund im Alltag ohnehin dauernd. Immer wieder, bei jedem ganz normalen Umweltreiz, der ihm schon so zusetzte, dass er zu toben begann. Unterwegs entstehen die Situationen jedoch willkürlich, zufällig, bisweilen chaotisch, außerhalb jeder eigenen Einflussmöglichkeit. Man kann diese Konfrontationen nicht vermeiden, also machen wir sie uns zunutze, indem wir sie selbst schaffen und steuern.

Noch kurz ein Gedanke, warum der Hund dabei laufen soll: 

Es gibt die körpereigen Substanzen Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin. Diese Stresshormone werden in Stresssituationen ausgeschüttet, das kann bei Angst der Fall sein, bei schwerer körperlicher Arbeit, bei Leistungssport. Die Energiereserven des Körpers werden freigesetzt, das Herzminutenvolumen erhöht sich, eine Blutumverteilung zugunsten der arbeitenden Skelettmuskulatur findet statt, die Leistungsfähikeit wird erhöht. 

Man muss das nicht weiter vertiefen, worum es mir geht: Im Englischen heißen die Stresshormone bezeichnend „fight and flight“ Hormone. Ihre Ausschüttung dient der Vorbereitung auf eine bevorstehende Flucht oder einen Kampf – und beides ist zwangsläufig mit Bewegung verbunden. So läuft unser Hund also auch aus diesem Grund, statt in Sitz oder Platz gezwungen zu werden (später kann sich das wandeln). Wie Trainer und Forscher B. Mitte der 90er schon meinte: Im Zweifel immer in Bewegung bleiben.

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