Unter Radsportlern

Mensch, tritt rin in die Pedale,
Immer rund ums Holzovale,
He! He! He! He! He!
Bohlen splittern, Reifen platzen,
Drei Musikkapellen jazzen,
He! He! He! He! He!
 (Ernst Busch, Sechstagerennen)

***

Unterm Rad hätte ich fast geschrieben, aber an einem Tag wie heute ist es, als sei Hesse in einem anderen Leben gewesen.

Jedenfalls, als ich seinerzeit im Radladen gefragt wurde, ob ich denn beim Rennen im Nachbardorf mitführe, da hab‘ ich gesagt, klar fahre ich mit, warum nicht? Ein paar Runden durch die Gemeinde, vorne dran ein paar Schnelle und hinten dran ein paar gemütlich Bummelnde, keine große Sache. Da isser dabei, der Kreuzbube.

Als ich seinerzeit gefragt wurde, ob ich mitführe, da wusste ich aber auch um den Rahmen der Veranstaltung nicht und das Rennprogramm habe ich entweder gar nicht wahrgenommen oder schnell verdrängt. Jetzt, nach vollzogener Verausgabung, muss ich das Geschehen erst noch verarbeiten. Let reality sink in, wird es in den kommenden Tagen heißen.

Doch beginnen wir von vorne. Es geht um einen etwa 1 km langen Rundkurs, der alle paar hundert Meter mit Kurven aufwartet. Morgens wird dem Kreuzbuben langsam bewusst, worauf er sich eingelassen hat. U13, U15, U18 fahren zunächst ihr jeweiliges Rennen. Das sind die Kids und Jugendlichen, die im Verein Radsport betreiben und die mit einem aberwitzigen Tempo unterwegs sind. Mit dabei Pascal R., 13, Radsportler, der Mechaniker des Teams Kreuzbube. Dem Kreuzbuben schwant Schlimmes für das ihm Bevorstehende. Das ist eine Radsportveranstaltung reinsten Wassers. Da gibt es eine Rennleitung, Punktewertungen, Funktionäre. 

Bevor die Fahrer mit A-Lizenz des Bunds deutscher Radfahrer starten, geht der Kreuz-bube an die Start- und Ziellinie. „Hobbysportler“ nennt sich die Gruppe, mit der er antritt. Dummerweise stellt sich heraus, die „Hobbysportler“ sind alle im RSV Entenhausen aktiv und tragen Trikots mit den Namen der Sponsoren. „Autohaus Donald & Neffen“. „Gas-Wasserinstallationen Düsentrieb“. „Bäckerei Daisy“. Der Kreuzbube fährt als einziger ohne Werbeaufdruck und erfährt hier und da und dort, welchen Aufwand die Konkurrenten so betreiben. Das reicht vom Frühjahrstraining auf den Balearen bis zur regelmäßigen Teilnahme an Wettkämpfen über die gesamte Rennsaison hinweg.

Dann geht es los. Bis der Kreuzbube den rechten Fuss ins Clickpedal rammt, hat die Hälfte des Feldes schon auf Tempo 40 beschleunigt. Und so sausen die Führenden fortan auch weiter. Immer hinter dem Führungsfahrzeug her. Für den Kreuzbuben ist das zu schnell. Der Asphalt glüht, die Sonne brutzelt herab und die Lungen pumpen so sehr nach Luft, dass an den Griff zur Trinkflasche kaum zu denken ist. Jeder Schluck raubt kostbare Atemzüge, wie machen das nur die anderen? Ganz gleich wie sie es machen, nach einigen Umkreisungen der einen Kilometer langen Strecke wird der Kreuzbube auch schon überrundet.

Eisern müht sich der Kreuzbube, nicht darüber nachzudenken, was er da tut. Nur fahren, einfach nur fahren. Keine Sinnfragen! So saust der einsame Rennteilnehmer hinter dem Feld her und gleichzeitig vor ihm weg. Und alles Denken wird rudimentär. 

Die lange, leicht ansteigende Gerade mit 33-35 km/h, nach außen, rum um die Kurve, im Kurvenausgang wieder mächtig in die Pedale, los-los, du musst wieder auf das alte Tempo kommen. Wenige hundert Meter bis zur nächsten Kurve. Aufpassen, von hinten überholen sie und schneiden direkt in der Kurve. 30 Zentimeter Platz bis zum Bordstein, nicht nervös werden, Linie halten. Kraftvoll treten, es muss wieder Fahrt aufgenommen werden. Wie viele hundert Meter bis zur nächsten Kurve? Egal. Treten. Da ist die Kurve, nach außen, reinlegen, Erholung, zehn Meter ohne zu treten, schön, in der Schrägen über den Streifen mit dem Kopfsteinpflaster, und wieder Gas geben.

Gut, dass sie die Runden anzeigen. Gut, dass jemand ruft. Mitzählen geht nicht mehr. Fahr einfach. So schnell du kannst. Schau nicht nach den anderen. Zu schnell. Dranhängen geht nicht. Nicht lange, jedenfalls. Schau, da geben zwei, drei Fahrer auf. Fahr weiter. Es ist heiß, na und? Atme. Trete. Fahre. Langsamer werden geht nicht. Atme. Trete. Fahre. Der Zeitplan. Atme. Die Lizenzfahrer, in zehn Minuten starten sie. Atme. Die Strecke muss dann frei sein. Langsamer werden geht nicht. Fahr weiter. Fahr schon. Nur noch zwei Runden. Es sind welche hinter dir. Doch, echt. Langsamer als du. Fahr, fahr, fahr.

Runter vom Rad. Nur runter. Kein Ausrollen auf einer weiteren Runde. Runter vom Rad. In den Schatten. Trikot aus. Schuhe aus. Socken aus. Luft. Luft. Trinken. Saft. Sprite. Radler. Alles nicht genug, alles nicht nass genug. 

Wer ist Hesse? In welcher Parallelwelt lebt ein Kreuzbube, der den kennt? Den solltest du mal kennenlernen. Aber nicht heute.

weiter zu Teil 2
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