Uga-Uga!

Da saß er, der ältere Herr, sprach kurz von den Enkeln und wiederholte, wie schön es doch sein müsse, mit dem Partner gemeinsam Rad fahren zu können. Seine Frau hingegen, die habe keinerlei Verständnis für ihn. Stets verdrehe sie die Augen, wenn er noch mal für ein Stündchen eine Runde drehen wolle. Ob sie sich denn nicht freuen könne, dass er in seinem Alter noch gesund sei?

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Eine Stunde zuvor fuhr der ältere Herr in einer Gruppe von Radfahrern, die sich wie an der Perlenschnur hinter dem Kreuzbuben aufreihten. Der überwiegende Teil der sieben, acht Leute war ein ganzes Stück älter als der Kreuzbube, der sich nicht richtig verhielt und viel zu schnell fuhr.

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Bei einer RTF-Verstanstaltung wie der gestrigen nehmen ein paar hundert Fahrer teil. Alter und Fitness und das dem einzelnen mögliche Tempo weichen stark voneinander ab. Es wird nicht auf Gesamtzeit gefahren, sondern eine Strecke, in deren Verlauf Kontrollpunkte eingerichtet sind, wird abgefahren. Wie schnell oder langsam, ist einem jeden selbst überlassen, ebenso, ob und wie lange er an den Kontrollpunkte pausiert. Am Anfang fahren alle immer zu schnell los und immer bilden sich unterwegs, nach einigen Kilometern und nach Verklingen der ersten -Uga-Uga!- Adrenalin und Testosteronschübe, Gruppen und Grüppchen. Man fährt meist schneller, als wenn man alleine mit dem Rad unterwegs ist und das gemeinsame Fahren in einer Gruppe ist die willkommene Gelegenheit, ein höheres Tempo auch durchzuhalten.

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Die Gruppe mit dem älteren Herrn hatte bis zum Kontrollpunkt bei km 40 ihr Tempo gefunden. Der Kreuzbube auch, nur eben in einer anderen Gruppe, weiter vorne, und die war im Schnitt etwa 5 Kilometer schneller unterwegs. Am Kontrollpunkt, wo freundliche Helfer Saftschorle, Waffeln, Nutellabrote und Bananen in Hülle und Fülle verteilten, entsann sich der Kreuzbube, dass ja anfangs auch Carodame noch mit dabei war. Die war ihm irgendwie, und noch dazu recht früh, abhanden gekommen, trotz bester Vorsätze. Stattdessen war der Kreuzbube dahingebraust, in einer Gruppe, in der das Windschattenfahren leidlich klappte.

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Dabei fährt man, je nach Windrichtung auch seitlich versetzt, hintereinander. Der Führende bekommt den gesamten Gegenwind ab, die hinten dran sind mit reduziertem Kraftaufwand unterwegs. Der vorne macht das ein paar Minuten, dann schert er nach links raus, lässt sich zurückfallen und reiht sich hinten wieder ein. Bei einem halben Dutzend Fahrern ist das eine schöne Sache. Man fährt zwei Minuten im Wind und ruht sich zehn Minuten aus. „Ausruhen“ ist dabei relativ, stramm pedalieren muss man ja dennoch. Jedoch ist man auf diese Weise kräftesparender unterwegs und kann dauerhaft schnellere Geschwindigkeiten erzielen. Man kennt zwar keinen der anderen Fahrer, findet sich aber für begrenzte Zeit zu einer Gemeinschaft zusammen. Gemeinsam kommen alle besser voran und jeder leistet seinen Teil der Arbeit. Es ist dabei nicht wichtig, dass alle gleich viel machen, wir sind ja bei einer Freizeitveranstaltung. Die Stärkeren, Schnelleren übernehmen einer größeren Teil der Anstrengung, auf die Schwächeren wird Rücksicht genommen – solange sie guten Willen zeigen. Wer sich dauerhaft nur von den anderen durchschleppen lassen will, als Dauerlutscher an deren Hinterrad, ohne selbst auch nur das Geringste für die anderen zu tun, zieht die Stimmung in der Gruppe gewaltig nach unten.

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Ich kann das als Selbsterfahrung nur empfehlen: Mal eine halbe Stunde, Stunde fahren, immer wieder gegen den Wind und hinten dran einer, der es sich dort lässig gemütlich macht, die anderen ackern lässt. Löst Urinstinkte aus, so was. Uga-Uga!

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Im Ziel, das auf einem Brauereigelände gelegen ist, dann das Wiedertreffen mit dem älteren Herrn und anderen. Man erkennt niemanden, ohne Helm. Mit Helm sehen alle sportlicher und jünger aus.

Ein paar Worte hier und da, dann Hinwendung zu Essen und Getränken, die preiswert sind, wie auch das Startgeld von 5.- EUR.

Der Veranstalter, ein örtlicher Radsportverein, hat sogar einen Alleinunterhalter aufgeboten, der uns in den sonnigen Nachmittag entlässt mit einer zwar schaurigen- aber immerhin- Version des 80er Jahre Sommerhits Dolce Vita und damit an eine Zeit gemahnt, in der immer und ausnahmlos und in der Italo Disco sogar nachts die Sonne schien.

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