Der Maulbeerbaum, 2

Folge 42, Aus dem neuen Leben eines Taugenichts

Erinnern wir uns zurück an die Geschehnisse um die Inanspruchnahme und Behauptung des Maulbeerbaums

Der Gute Bubi war der Meinung, das sei seiner, mitsamt den bereits zu Boden gefallenen Früchten. Das Recht des ersten Naschens stand ihm zu, die B’Elanna hatte zu warten und wurde angebrummt, wenn sie vorwitzig zu stibitzen versuchte.

Ganz anders, wenn im Garten Handfestes serviert wird. Da liegt der Rio im Gras und nagt und nagt. Erst wird rund um den Knochen jede Faser Fleisch entfernt, anschließend ausdauernd mit der Zunge das Mark herausgeholt.

Die Lana tut es ihm währenddessen gleich, in völliger Eintracht gehen sie jeder für sich ans Werk, bis die übrig bleibenden Knochen blitzsauber sind.

Es gibt keinen Streit und keiner versucht, dem anderen etwas wegzunehmen. Da fragt womöglich der eine oder andere, Kreuzbube, warum ist das so? Was denkt der Hund jetzt? Warum will er den Baum partout für sich und bleibt beim Knochen so entspannt?

Tja, ich weiß es nicht und es ist auch nicht wichtig für mich. Ich glaube ohnehin nicht, dass man die geistigen Vorgänge in einem Lebewesen mit Gewissheit und zweifelsfrei ergründen kann. Das schafft der Mensch schon bei seiner eigenen Spezies nicht. (Beispiele, dafür lassen sich finden, wenn psychiatrische Sachverständige vor der undankbaren Aufgabe stehen, eine Prognose über die fortbestehende Gefährlichkeit eines zu entlassenden Strafgefangenen erstellen zu müssen.)

Ich betreibe keine Tiefenanalyse beim Hund, alles bleibt recht flach und orientiert sich an dem, was der Hund mir zeigt. Ich schaue mir an, wie er sich verhält, wenn die Umweltsituation so oder so ist. Wie ist der Hund, wenn ich dieses tue oder wenn ich jenes tue? Wie verändert sich sein Verhalten, wenn ich selbst so oder so bin?

Das sind Beobachtungen, aus ihnen kann ich das für mich richtige Tun ableiten. Ich muss keine Interpretationen anstellen, keine Mutmaßungen, keine Spekulationen. 

Beobachtung. Interpretation. Das sind ohnehin zwei Dinge, die tunlichst zu trennen sind. Problematisch wird es, wenn beim Beobachten bereits interpretiert wird, wenn die Interpretation bereits die Auswahl dessen bestimmt, was man sieht oder zu sehen glaubt. Davon halte ich mich möglichst fern, zu leicht sieht man sonst das, was man sehen möchte. 

Kommen wir zum Guten Bubi zurück. Es spielt keine Rolle, warum er den Baum beansprucht und andere Dinge nicht. Ich kann mir das anschauen und feststellen, ob sich zwischen Hunden daraus ein problematisches Verhalten entwickelt; ob sich insgesamt ein unerwünschtes Verhalten des Hundes daraus entwickelt. Ich kann es entweder zulassen oder unterbinden, wie es mir beliebt. Wie ich mich entscheide, ist abhängig vom Verhalten des Hundes bzw. seiner Verhaltensänderung, nicht davon, was er wohl gerade „denkt“.

Und die Frage nach dem „Warum?“ lässt sich auch so beantworten:

Weil er’s kann.

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