Markieren in Multicolor

Der Gute Bubi muss nun nicht mehr an x-beliebigen, schmucklosen Laternenpfählen das Bein heben. Denn am gestrigen Sonntag ergab sich recht kurzfristig statt einer angedachten sportiven Radumrundung Bitterfelds, wo schon früher die Spitzen-erzeugnisse der DDR-Chemieindustrie zusammengerührt wurden, eine weit beflügelndere Exkursion. 

Recht kurzfristig bildeten die Kunstfreunde CarodameSchmalfuß und Kreuzbube einen Tross, der den allseits geschätzten Köönstler Prieditis bei einer Kunstaussetzung begleitete. Prieditis, das muss man wissen, leider unter Überproduktivität. Er malt und malt und malt und damit das nicht ernste Folgen hat, hat er ein Überdruckventil eingebaut: Er setzt Kunst aus. Der Finder darf sie an sich nehmen und gerne -früher oder später- ebenfalls wieder aussetzen.

Vor etwa 200 Jahren hatten sich hier (Leipzig/Sachsen) Deutsche, Franzosen, Österreicher, Schweden und noch ein paar andere Streitköppe mehr in Panorama-landschaft den Schädel eingeschlagen. Damit auch die Nachgeborenen wissen, wer, wann und mit wie viel Mann wohin marschiert ist (die meisten davon nicht mehr zurück), hat man kleine und größere und monumentale Steine in die Gegend gestellt. Das nennt sich dann Gedenken, vermittelt aber -zumindest bei den Teilnehmern unserer Exkursion- eher den Eindruck einer Faszination für militärische Begebenheiten, die mit Attributen wie Mut, Tapferkeit und Heldentum einhergehen. 

Gut, das war eine andere Zeit und den geschätzten Künstler Prieditis, dessen Blick ausweislich der für diesen Anlass gemalten Bilder ein erkennbar schärferer ist, gab es seinerzeit noch nicht (glaube ich).

Wir ziehen also los, erster Halt ist an der ersten Frittenschmiede. Die Presse muss informiert werden, ein Künstler vom Rhein, thematisch das ureigenste Leipziger Feld besetzend, das sorgt für Aufsehen. Die Frittenschmiede liegt an einem See, der früher ein Braunkohletagebau war, der neben einem früheren Schlachtfeld liegt. Passt. Als erstes braucht’s Kaffee. Die Künstler prieditis und Schmalfuß bestellen Kaffee. Art, Güte und Menge des bestellten Kaffees werden von ihnen auf Nachfrage mit „normal“ umschrieben. Dem Betreiber der Frittenschmiede entlockt dies einen kurzen Ausbruch. „Normal. Immer bestellen alle normal. Was ist normal? Für mich ist normal ein Liter, da verdiene ich!“. 

Dann ist auch schon der Fotograf da und Prieditis wirft sich gekonnt in Pose. Der Fotograf hat gefühlte 40 Sekunden Zeit „Stell dich mal so hin! Mach mal so! Ja, sehr schön!“, dann muss er zur sonntäglichen Redaktionsitzung. Ein wenig später trifft die zugehörige Redakteurin ein, die vom prieditisschen Überdruckventil angetan ist (er soll sogar ein Belegexemplar der Zeitung erhalten!) und befragt ihn ausgiebig. Wir, der restliche Tross, sind derweil ein paar Meter weiter in der Sonne sitzend zum Verzehr von Fischbrötchen übergegangen. B’Elanna ist auf dieser ersten Etappe mit dabei und lässt sich bevorzugt vom Kollegen Schmalfuß kraulen.

Nun wird es ernst. Zunächst noch eine kurze Fahrt zur casa creuzbube, wo ich mir die Gelegenheit nicht nehmen lasse, die von mir zusammengetragenen 8 1/ 2 Bilder endlich mal jemandem zu zeigen. Weiterer Kaffee, nein halt Tee war’s, der Gute Bubi darf sich auch mal anschauen, wer zu Besuch ist und dann schreiten wir gemessenen Schrittes zur ersten Kunstaussetzung. 

Das ist beeindruckend, Prieditis ist mit allen benötigen Utensilien ausgerüstet und sein Tun zeugt von lässiger Geübtheit, die gleichwohl nie in Routine abfällt. Sofort erkennt er die für die Aussetzung geeigneten Orte und damit einhergehenden Blickwinkel (Gegenlicht!).

Reihum werden die in der Gegend verteilten Steine abgeklappert, die dem Kreuzbuben von den Spaziergängen mit dem Guten Bubi und anderen Vierbeinern her in Erinnerung sind. Das klappt alles wie am Schnürchen, was angesichts der herrschenden Temperaturen die Fußmärsche angenehm verkürzt. Alle Bilder werden an ganz hervorragenden Stellen exponiert.

Der Vorschlag der carodame, ein Bild doch kurzerhand an den Baum zu tackern, wird einhellig empört -und das zu recht- abgelehnt. Wir wollen unserem Freund, dem Baum, nicht wehtun, kurze Reminiszenz an Alexandra, Kreuzbube umarmt den Baum, Prieditis entscheidet sich für die borkenschonende Variante Nylonseil.

Dann zeigt auch der Kollege Schmalfuß, der sich bis dahin aus anzuerkennenden Gründen nicht entschließen kann, sein Mobiltelefon auszusetzen, was er kann. Bildermuseum mit Bronzen August Gauls? Thomaskirche mit Bachdenkmal? Auch hier wird Kunst aushäusig.

Wir haben alles gegeben, nun wird es wieder Zeit für die Frittenschmiede. Wir suchen des Guten Bubis Lieblingsimbiss auf und das Speisenangebot (begleitet von Fassbrause, wahlweise rot oder grün) stößt bei allen Exkursionsteilnehmern auf grossen Anklang.

Auf dem Rückweg zur casa creuzbube dann entdecken wir, dass das erste ausgesetzte Kunstwerk schon nicht mehr da ist. Was mag mit ihm geschehen sein? Hat es ein Kunstliebhaber entdeckt? Oder irgendwer, dem es einfach so gefiel? Hat der Rein-lichkeitssinn eines Ortsbewohners, der den von Blumenbeet und Abgrenzungspfosten gesäumten Gedenkstein verunziert, gar geschmäht, sah, zur Entsorgung des Bildes geführt? 

An einem weiteren Bild kommen wir vorbei, es hängt am Abend noch dort, wo es Stunden zuvor ausgesetzt wurde. Die Spaziergänge mit Hund werden fortan einen neuen Reiz gewinnen. Welches der Bilder wurde bereits entdeckt? Befindet es sich noch dort, wo es hinterlassen wurde? Ist es gar an anderer Stelle aufzuspüren?

Dann möchte Prieditis noch das Mädchenrad sehen und er entdeckt, dass er sogar für einen Bodenbelag im Bad verantwortlich ist. Nach weiterem Kaffee und Kuchen entlässt der Gute Bubi die Künstler völlig unbeschadet und stört sich auch zuvor nicht nennenswert an einer kurzen pantomischen Einlage des Kollegen Prieditis, die diesen rückwärts auf das Hundekissen führt. Dem Kreuzbuben dräut nächtens noch eine Idee, den Fahrradbestand zu reduzieren, an dieser Stelle heißt es nun erst aber einmal:

Gruß an den Rhein! Und Gruß nach Weimar!

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