Vollblutrennfahrer

It’s Millartime!

David Millars „Vollblutrennfahrer“ – nach dem bescheidenen Dafürhalten des Kreuzbuben das Sportbuch des Jahres und ein Augenöffner für jeden, der sich mit dem Radsport beschäftigt, ob als Fan, Skeptiker oder Gegner. 

millartime

In David Millars Palmarès stehen gelbe Trikots bei der Tour de France und das begehrte maglia rosa des Giro Italia. Er gewann die englischen Meisterschaften auf der Straße und auf der Bahn, Etappen bei großen Rundfahrten wie zuletzt der Tour de France, den Klassiker Paris-Nizza sowie Gold und Silber im Zeitfahren bei Radweltmeisterschaften. Im Jahr 2004 wurde er wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt und verlor seinen Weltmeistertitel.

Er verlor noch weit mehr und über seinen Fall und Aufstieg aus der Asche hat David Millar ein Buch geschrieben. David Millar hat ein Buch geschrieben, kein Ghostwriter, der eine belanglose Geschichte aus ein paar biographischen Daten und Anekdoten eines Sportstars zusammengeschrieben hat. Aufbau und Stil sind nicht geschliffen, literarisch dauert es einige Kapitel, bis Millar zu seiner eigenen Linie gefunden hat und ab und an holpert es ein wenig, aber das tut der Sache keinen Abbruch, lässt erkennbar den Sportler, nicht den Autoren zu Wort kommen.

Vollblutrennfahrer gewährt einen Blick in die Welt des Profiradsports, der die Leidenschaft des Autoren für das Rennenfahren spürbar werden lässt, jedoch nicht beschönigt, vor welchem teils kriminellen Hintergrund das Renngeschehen sich abspielt. Millar nennt Ross und Reiter, seien es Ärzte, sportliche Leiter oder andere Rennfahrer. Der Leser erfährt, wie Rennfahrer bis unter die Hutschnur mit Kokain und Medikamenten zugedröhnt von anderen Teammitglieder ans Bett gefesselt werden… Er beschreibt die Szene der 90er und nuller Jahre zu den Hochzeiten des EPO-Dopings detailliert, schildert aufs Genaueste, wie Sportler von ihren erfahrenen Kollegen ins Doping eingewiesen werden und spart auch unappetliche Aspekte wie die tägliche Benutzung des Spitzbestecks und die Beschaffung des Stoffs über Mittelsmänner und im Plastebeutel nicht aus. Gleichwohl erschöpft sich David Millar nicht einer Aneinanderreihung äußerer Geschehnisse. Ihre große Stärke gewinnt Millars Erzählung aus der Schilderung seines inneren Erlebens. Da ist ein junger, talentierter Radsportler, auf Malta geboren und in Schottland und Hongkong aufgewachsen, der sich fest vornimmt, sauber zu bleiben und der diesem Vorsatz über Jahre treu bleibt. Dann folgen die ersten Spritzen, Vitamine, Eisen … nur zur „Regeneration“. Stück für Stück, aber auch mit zunehmenden Erfolg, wird aus dem jungen Talent ein berechnender Rennfahrer, der an den Punkt kommt, an dem seine Vorsätze endgültig kippen. Der junge Millar befragt Tony Rominger, einen der damaligen Stars, ob man clean gewinnen könne. Rominger zögert, ein Eintagesrennen, ja, auch einen Klassiker… aber eine große Rundfahrt…?

Millar stellt sich die Frage: Wenn ich schon clean Rennen gewinne, wie viel Erfolg könnte ich dann erst gedopt haben? Ab da unterscheidet er sich nicht mehr von den anderen, denen er nie nacheifern wollte. Teammitglieder und Kollegen wissen, was zu tun ist. Er gehört nun auch zu den Dopern und gewinnt mehr als zuvor. Gleichzeitig verliert er mehr und mehr seine Selbstachtung. Er fühlt sich einsam, mit seinem Interesse an Literatur, Musik und Kunst ohnehin ein gutes Stück weit fremd im Profizirkus. Den Leser desillusionieren auch andere Aspekte, wie bisweilen schäbig, ohne jede Betreuung und Unterstützung der Sportler das Renngeschehen funktioniert. Die Teamleitung sitzt auf einem anderen Kontinent und der Sportler erfährt per email, für welches Rennen er gemeldet wurde. Ob er krank oder verletzt ist, spielt keine Rolle, was in Millars Fall sogar so weit geht, dass er nach einem Fersenbruch noch an Krücken humpelnd aufs Rad gehoben wird, um ein Rennen zu absolvieren.

Die Überführung wegen Dopings ist Tiefpunkt, gleichzeitig aber auch befreiender Wendepunkt in seinem Leben. Millar verliert sein Haus und steht mit einer Million EUR Schulden da, die er auf Jahre hinaus abzahlen muss. Der ehemalige Weltmeister ist froh, als ihm Mitglieder eine anderen Teams mit ein paar Radsportklamotten aushelfen. Mit seiner Dopingvergangenheit geht er nun offensiv um. Er vermeidet Ausreden und Ausflüchte und packt öffentlich aus, wie das Dopinggeschäft abläuft. Er nimmt sich bei seinen Schilderungen selbst nicht aus und hat wegen seiner Offenheit die Chance, für Antidopingbehörden Vorträge zu halten. Eindrücklich die Szene, in der er Lance Armstrong auffordert, dem Radsport , dem er so viel verdanke, etwas zurückzugeben und sich klar gegen Doping zu positionieren – Armstrongs versteinerte Miene ist im Buch fotografisch abgebildet.

Dem Kreuzbuben kommt beim Lesen wiederholt der Gedanke, dass Sport nach dem Prinzip höher-schneller-weiter im Grunde dumm ist, weder für Körper noch Seele gesund ist. Mal Hand aufs Herz: Wäre eine Tour de France, eine Flandernrundfahrt, Paris-Roubaix oder ein Amstel Gold Race weniger spannend, wenn das Durchschnittstempo der Fahrer zwei oder drei Kilometer langsamer wäre? Es ist leicht, mit dem Finger auf die Fahrer zu zeigen und diese als Doper zu beschimpfen – während das Publikum in allen Sportarten nach immer neuen Rekorden giert.

Nach Millars Worten gehen seit einigen Jahren eine Reihe von Teams eine neuen Weg, weg vom Doping, während in anderen die Empörung gespielt ist, wenn mal wieder einer der Fahrer erwischt wird. Millar möchte an einen Wandel glauben, weiß man jedoch um all die Bücher, in denen Radsportler über Jahrzehnte hinweg vom Doping zu erzählen wissen, dann fällt es schwer, die Glaube zu teilen.

Vollblutrennfahrer. Ein Buch von einem intelligenten Sportler, dessen Horizont über den Vorbau seines Lenkers hinaus reicht. Ein intelligentes Buch, das verdeutlicht, dass zwischen Schwarz und Weiß noch ein paar Graustufen liegen. Vor allem aber ein Buch, das mir David Millar näher gebracht hat, dessen Tweets ich jedem nur empfehlen kann: Der Mann hat Witz und ist mit 140 Zeichen reichlich unterhaltsam.

 

David Millar, Vollblutrennfahrer, 406 Seiten mit zahlreichen Abbildungen ist 2012 im covadonga Verlag erschienen.

 

 

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