Dicker werden

Es war dieser Moment während der verrinnenden Nachmittagsstunden. Das eine Sommersonne imitierende Gestirn spendete zwar helles, aber ein wenig fahl werdendes Licht. Der Asphaltband, das sich unter den schmalen Reifen abspulte, war gewohnt tadellos, aber schon zu oft befahren. Noch 40 km davon lagen vor uns und jeder einzelne war uns von vergangenen Ausflügen wohlbekannt, gestern jedoch zu gut bekannt. Das erste Mal in diesem Jahr machte mir das Radfahren plötzlich, schlagartig, keinen Spaß mehr und Carodame, die ich fragend ansah, ging es in diesem Moment nicht anders. Wie aus dem Nichts war die Stimmung gekippt, nachdem wir zuvor ein lohnenswertes Ausflugsziel angesteuert hatten.
Nun wollten wir nur noch nach Hause, runter von der Landstraße, weg von den Autos der Ausflügler, die uns überholten. Nach Hause, unter die Dusche. Aufs Sofa, mit Tee, Kuchen, Keksen, einem Buch in der Hand, die Hunde zu unseren Füßen gruppiert.

Das untrügliche Zeichen, dass es Zeit wird, dicker zu werden. Nein, nicht der Kreuzbube, der wird nicht dicker. Er positioniert sich alle zehn Jahre auf eine Waage und stellt -soweit die Erinnerung nicht trügt- fest, dass sich nichts verändert hat.

Dicker werden die Reifen. Der Herbst ist die Jahreszeit, in der der Kreuzbube zunehmend vom Rennrad auf den Crosser umsteigt. Flussauen, Waldpassagen, Sand- und Schotterwege, all das ist willkommen, weil es frische Eindrücke und die Farben des Herbstlaubs mit sich bringt. Hindernisse stören nicht, sondern gehören dazu. Der Tacho und sonstige Messgeräte bleiben meist zu Hause, ich fahre so, wie mir gerade danach ist. Ein typischer Querfeldeintag bietet was fürs Auge, den Geruchssinn, fordert Konzentration ein, verlangt Koordination. Die Passagen bieten für alle Sinne Dinge, denen man auf den Landstraßen fern ist.

So ging es heute über die Schotterwege einer Anhöhe über eine Wiese, die nach einem Kilometer Asphalt in einen schmalen Sandpfad mündete, der mich bis auf 15 Minuten ans Flussufer heran brachte, welchem ich dann auf dem Deich für einige Kilometer folge. Fast wäre ich an dem schmalen Einschnitt in den Wald vorbei gefahren, den mir ritzel mal gezeigt hatte und der quer durch den Tann in einen schönen Schlosspark führt. Diesen Transit hatte ich mir zurecht gelegt, um etwas weiter entfernt, in einer ziemlich hässlichen Gegend, einen dort übrig gebliebenen alten Turm anzufahren, von dem zu einem späteren Zeitpunkt noch zu berichten sein wird.

Wie das so ist, wenn man ein wenig auf gut Glück unterwegs und offen für neue Wege ist, landet der kreuzbube tatsächlich mitten im Wald – allerdings ohne Pfad. Einmal eine Gabelung verwechselt und es ist kein Fortkommen auf zwei Rädern mehr. Kurzerhand wird der Crosser geschultert, die paar Meter… Nun hatten die Forstwirtschaftler aber vor kurzem Holz geschlagen. Der ganze Wald sieht aus wie Kraut und Rüben. Gestrüpp, Äste, Baumstämme allenthalben. Anfangs sieht das nach einem netten Fotomotiv aus, dann ist nicht mal mit dem geschulterten Rad ein Durchkommen. Über jeden querliegenden Baum einzeln muss das Gefährt gehoben werden und der Crossfahrer klettert, springt und flankt hinterher.

Ganz nebenbei erfährt er erneut, wie gut doch ein Diamantrahmen (hier heißt das Rad sogar so) mit klassischer Geometrie ist statt einer sloping-Variante, bei der das Oberrohr stark abfällt, was das Schultern unerfreulich erschwert. Nach etwa 20 Minuten hat der kreuzbube dann, Orientierung nach Gehör, in der Ferne waren Fahrradgeräusche zu hören, einen Weg wiedergefunden und kommt schließlich da raus, wo er raus kommen wollte. Alles schick, alles schön.

Über die nächsten 30 Minuten wird überwiegend der Mantel des Schweigens gedeckt: Eine Betonunterführung und dann: Bahngleise. Schnellstraße. Gewerbegebiet. BMW-Werk zur Rechten, Porsche-Werk geradeaus. Linker Hand der Flughafen, kilometerweit brachliegendes Ackerland. Ein weiteres Gewerbegebiet. Die Auto-bahn. Anschließend geht es 30 Minuten auf dem gleichen Weg zurück.

Menschenfeindlich erscheint mir so etwas zunehmend, offenkundig werde ich mit den Jahren empfindlicher. Gewerbliche Zweck-bauten, wohin ich schaue, austauschbar, einer so hässlich wie der andere. Nicht weit entfernt von den schnell errichteten rechtwinkligen Schachteln aus Stahlträgern und Beton-fertigteilen plötzlich eine alte Brauerei, die dem Verfall überlassen ist.

Statt des kürzeren Wegs nach Hause, der mich immer weiter entlang der Autobahn, durch eines dieser Gewerbegebiete nach dem anderen, geführt hätte, eile ich so schnell wie möglich zurück in den Schlosspark.

Sofort geht es mir besser und ich beschließe, vor der Rückkehr auf den heimischen Hof noch eine Pause auf der Sachsenbrücke einzulegen, welche die Elster überspannt. Wie stets bei schönem Wetter ist die Brücke, die einfach nur eine Brücke im Grünen über den Fluss ist, voll mit Stadtbewohnern, die in der Sonne sitzen, entspannen, Musikanten lauschen, Eis essen, Kaffee trinken, dem Treiben der anderen zuschauen, sich küssen… Welch verschiedene Lebenssphären.

Zehn Kilometer Luftlinie entfernt das Grauen der Gewerbegebiete, hier nun alles so, dass es schöner kaum sein kann. Dann wird es Zeit aufzubrechen, durch den Park, noch ein Stück den Fluss entlang, an der Galopprennbahn vorbei. Die Hälfte des zurückgelegten Weges hätte ich mit dem Rennrad fahren können, die andere Hälfte nicht. Welche heute die schönere war?

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4 Antworten zu Dicker werden

  1. kreuzbube schreibt:

    Man „liegt“ sozusagen im Lenker drin, aber auf angenehme Weise. Gleichzeitig kann man im Unterlenkergriff perfekt die Bremsen bedienen. Auch oben auf den STIs greift es sich gut, dann halt eher schulterbreit. Man kann aus der Kurve raus richtig schön ziehen, gerade im Gelände, wenn man weniger schaltet, noch im grossen Gang ist. Lenkerendschalthebel waeren auch eine Option. Weil der Lenker nach aussen weg geht, stösst man nicht an Beinen an. Ach ja, und bergab um Kurven herum bringt es auch eine neue Erfahrung. Fühlt sich sehr sicher an. Alles in allem: Neu, anders, aber gut.

  2. kreuzbube schreibt:

    Ja, mark793, das ist ein Diamant aus Belgien. Allerdings haben auch die den Rahmen nicht selbst gebaut, nicht einmal lackiert. Lediglich den eigenen Markennamen haben sie anstelle eigentlichen Lieferanten angebracht. Schau mal hier, das ist das Diamant:

    Diamant/Belgien

    Diamant Crossbike

    Und das hier das Mädchenrad:

    Colnago Dream

    Colnago Dream

    Den Rahmen habe ich vor ein paar Monaten für einen zweistelligen Betrag gekauft. Er hat einen vertikalen Haarriss im Sitzrohr, der sich allerdings bislang nicht verändert. Das ist nun sozusagen mein Testrad, an dem beliebig Dinge verändere, die ich immer mal ausprobieren wollte. Zuletzt habe ich nach flatbar und schmalem RR-Lenker den Midge Lenker montiert, der mir viel Spaß macht. Vielleicht lasse ich den Riss irgendwann schweißen, aber das eilt mir nicht.

    • mark793 schreibt:

      Die farbliche und ornamentale Ähnlichkeit mit dem Mädchenrad war mir in der Tat aufgefallen. Dank Deiner Antwort weiß ich jetzt auch, wie diese Lenkersorte heißt. Sah für mich ein bisschen so aus, wie der nicht ganz zu Ende geführte Versuch, einen Rennbügel zu einem Moustache-Lenker flachzupressen. 😉 Abgesehen davon, dass mich die geschrägten STIs etwas irritieren, kann ich mir aber durchaus vorstellen, dass es sich damit gut fährt.

  3. mark793 schreibt:

    Ah, ist das einer von diesen belgischen Diamanten?

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