Bismarck, Nietzsche und der Naumburger Meister


 
… treffen die Leipziger Schule

 Oder: Wie ich einmal das Grab von Heiner Brand besuchte 

Haken wir mal schnell den uninteressanten Teil des gestrigen Ausflugs ab und gehen zum spannenderen Teil über. Diesen Turm, „gewidmet dem Einiger des Vaterlandes, dem Fürsten Bismarck“ habe ich, selbstredend mit dem Rad, am Tag der Deutschen Einheit besucht und mir ausgemalt, man habe nach 1989 begonnen, überall im Land Kohltürme zu errichten… Nicht, dass jemand denkt, diese Bismarcktürme wären allesamt beeindruckende Gebäude. Schön sind sie ja ohnehin nicht, aber manche machen nun wirklich gar nichts her, sind Türmchen, die jeder Wasserturm von Größe und Gestaltung her in den Schatten stellt.

Der Bismarckturm im thüringischen Naumburg, etwa 60 km von Leipzig gelegen, ist so ein Exemplar. Ich kurbele da so den Berg hoch, die ersten 200 Meter über Kopfsteinpflaster, den Rest über Asphalt und nach zwei, drei Kehren bin ich fast oben. Vom Turm nichts zu sehen. Da steht eine Kastanie davor! Der Turm sieht aus, als hätte man eine Turmimitation an eine Burgimitation dran gebaut.

Wasserspeier am Naumburger Dom

Eine Reise war das nicht wert, aber zum Glück sind wir ja in Naumburg, und nun wird es ungemein interessant. Abgesehen von allem anderen steht dort ein Dom und von dem bin ich (erneut) so begeistert, dass ich etliche Fotos gemacht habe, die ich wegen ihrer Menge unten in eine Galerie einfüge.

Es ist ein romanischer Dom (mit zwei gotischen Türmen) und in ihm hat der Naumburger Meister gewirkt. Wer der Naumburger Meister war, ob er überhaupt eine einzelne Person war oder eine Gruppe von Künstlern, ist nicht bekannt. Geschaffen hat er für den Naumburger Dom zwölf Stifterfiguren, vor allem die berühmte Uta von Naumburg, eine der bedeutendsten Plastiken der Gotik. Aber auch in Kirchengebäuden in Reims, Metz, Mainz, Koblenz und Meißen hinterließ er im 13. Jahrhundert seine Werke. Heute trifft die mittelalterliche Kunst in den Kirchenhallen auf die Kunst der Leipziger Schule. Neo Rauch hat im Jahre 2007 drei Kirchenfenster entworfen, die ich schon immer mal sehen wollte.

Und dann kommen wir endlich mal zu richtigen Türmen mitsamt den Figuren, die diese Türme säumen. Einen steifen Hals bekomme ich, denn mein Kopf ist bei der kompletten Umrundung des Doms ausschließlich weit in den Nacken gelegt. Alle Achtung, die wussten damals schon Himmel, Hölle, Erde und allem was dazwischen ist, und sei es nur in der Fantasie des Menschen, Form zu geben. Jeden einzelnen dieser Wasserspeier packe ich in die Galerie.

Vor dem Dom das Mohrencafé, wo ich mich für die Rückreise stärke. Wie lange wohl bliebe die Fassade in einer beliebigen Großstadt ohne Grafitti gegen Rassismus, Faschismus, Krieg, gegen das System überhaupt?

Das Café jedoch geht auf das Jahr 1714 zurück und wurde zu Ehren des Heiligen Mauritius so benannt, der seit 1250 in Abbildungen mit dunkler Hautfarbe dargestellt wird. Keine Spur von diskriminierenden Gedankengut in diesem Fall, ganz im Gegenteil.

Einige Kilometer außerhalb von Naumburg liegt das ehemalige Zisterzienserkloster Schulpforta, das heute als Gymnasium zur Förderung besonders Begabter dient. Ein schönes Gelände haben die Schüler da und Harry Potter würde sich als Austauschschüler dort sicher wohl fühlen. Da all dies in ein Weinbaugebiet eingebettet ist trifft es sich gut, dass man direkt neben dem Internat Wein verkosten und einkaufen kann. Diesen Part übernimmt Carodame, die aufgrund der erforderlichen Hundebetreuung mich nur während meiner Pause in Naumburg besucht und das mittägliche Mahl mit mir teilt, bevor ich alleine nach Hause pedaliere.

Ist das nicht ein Ding, wie man im Kreuzbubenblog so geballt und konzentriert Kulturelles um die Ohren gehauen bekommt? Es kommt noch besser. Nach all dem religiösem Anstrich rund um den Naumburger Dom beschließt der Radreisende nach weiteren 30, 40 km kurzerhand, das Grab Heiner Brands Friedrich Nietzsches aufzusuchen, denn wir erinnern uns: Gott ist tot.

Nietzsche, der einige Jahre auch in Naumburg lebte, liegt in seinem Geburtsort Röcken, unweit von Leipzig, bestattet. Um sein Grab ist eine Gruppe von Bronzen angeordnet, die ihn selbst dreimal, einmal am Arm seiner Mutter, an seinem eigenen Grab zeigen. In der DDR wurden Nietzsches Schriften natürlich nicht verlegt, der (bereits 1900 gestorbene) Nietzsche galt dort als Nazi-Philosoph. Die Nazis hatten sich an Schlagworten wie Nietzsches „Übermensch“ oder „Wille zur Macht“ bedient, des Philosophen Ablehnung von Antisemitismus und Nationalismus kurzerhand unterschlagen. Vereinnahmung durch die einen, der Vorwurf unschicklicher Geisteshaltung durch die anderen. Das ist der Vorteil von -ismen, die Welt wird so schön einfach und sortierbar. Die Menschen der Region, die heute gegen die Erschließung eines weiteren Tagebaus protestieren, bemühen auf Protestbannern Nietzsches Worte: „Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch, und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: Ich, der Staat, bin das Volk.“ 

Wer sich jetzt immer noch fragt, „Nietzsche? Woher kenne ich diesen Namen nur?“: Nietzsches bekanntestes Werk, Also sprach Zarathustra, wurde zu einem berühmten Musikstück von Richard Strauss und fand wiederum Eingang in die Eröffnungssequenz von Stanley Kubricks 2001-Odyssee im Weltraum, dem ebenfalls besten Science Fiction Film aller Zeiten.

Ach ja, von Nietzsche noch einmal kurz zurück nach Naumburg. Dort steht „die Kadette“. Die Kadettenanstalt, die schon immer eine war, gleich unter welchem Herrschaftssystem. Dort sind die königlich-preußischen Kadetten des Bismarckschen und Wilhelminischen Reichs marschiert, noch stolz in ihren Uniformen, mit blankgewienerten, auf dem Pflaster des Exerzierplatzes knallenden Stiefeln und aufgepflanzten Bajonetten. Forsch voran auf die Schlachtfelder des 1. Weltkriegs! Die wenigen Überlebenden ihres Jahrgangs, gleich ob versehrt oder nicht, hingegen… you don’t walk so proud,  you don’t talk so loud,  anymore … um mal Guns ’n Roses Estranged zu bemühen. Für den nächsten Krieg war „die Kadette“ dann Heimstatt der Napola, wo die Elite für den Führer herangezogen wurde. Kaum war der Führer mausetot, brachte die DDR ihre NVA-Kadetten ebenfalls dort unter. Heute dient der riesige Komplex der Bundeswehr. Traditionspflege.

Vor all diesen Reiseeindrücken schrumpft der Eiserne Kanzler nebst den zu seinen Ehren errichteten größeren oder kleineren Türmen im Kreuzbubenmaßstab auf eine Dimension, die im Abschluss dieses Herbstausflugs anschaulich wird. 120 Kilometer waren es, die ich gestern gefahren bin. Wie stets, wenn mir unterwegs genug Eindrücke begegneten, ist die Zeit schnell verronnen, die Anstrengung mir kaum bewusst geworden.  Nun in die Galerie, es gibt noch viel zu sehen.

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Zum weiterlesen: Nietzsche und die DDR auf rosaluxemburgstiftung.de

 

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12 Antworten zu Bismarck, Nietzsche und der Naumburger Meister

  1. kreuzbube schreibt:

    Spätromanisch angefangen und frühgotisch weitergebaut. So einen Dom baut man ja nicht auf die Schnelle und zum Festpreis… Die Innenfotos sind selbstversändlich dort entstanden. Dass es so wenige sind, hat folgenden Grund: Um in den Dom zu gelangen, muss man Eintritt (6,50 EUR) bezahlen. Gut, sehe ich noch ein, die Erhaltung kostet. Nun verlangen die aber neben dem Eintritt weitere 5.- EUR, wenn man fotografieren will. Und da hört es für mich auf. Andererseits, da gibt es Sachen zu sehen, die man eigentlich alle fotografieren müsste…

    • mark793 schreibt:

      Fünf Öre zusätzlich für die Fotografier-Erlaubnis, das ist schon happig. Im Aachener Dom, der keinen Eintritt kostet, kriegt man das Bändchen für einen Euro. Und natürlich tu ich trotzdem (oder grade drum) was in die Box zur Erhaltung dieses einzigartigen Baudenkmals. Eintritt für Kirchen zahle ich aber grundsätzlich nicht, dafür habe ich zu lange Kirchensteuer bezahlt, da bin ich stur.

  2. Fritz_ schreibt:

    „Um sein Grab ist eine Gruppe von Bronzen angeordnet“
    Nicht wenige Leute bleiben in Rökken an der Figurengruppe stehen, weil ein dem echten nachgebildeter Grabstein dabei ist, und halten das Denkmal für das Grab. Ich hoffe, es erging Ihnen nicht ebenso?
    Das Grab ist auf der anderen Seite der Kirche an der Kirchenmauer.

  3. jotwd schreibt:

    Klasse Bericht!
    Waren die Innenaufnahmen unten in der Galerie vom Naumburger Dom? Sieht gar nicht romanisch aus. Scheint wohl eher, wie hier bei unserem Münster, eine romanische Gründung, mit ein paar Gebäuderesten, die gotisch überbaut wurden zu sein.
    Und Mohrencafe, hach da werden die Dinge noch beim Namen genannt… Ups.

  4. kreuzbube schreibt:

    Naja, das war auch ziemlich einfach dort zu fotografieren. Naumburg mit Dom und umgebender Flusslandschaft will auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Man kann einfach die Kamera in die Luft halten und trifft was… 😉

    Es kommt hinzu, dass in den 40 Jahren DDR die innerstädtischen Zweckbauten der westdeutschen 50er bis 70er Jahre weitgehend fehlen. Die haben zwar vieles verfallen lassen, aber eben nicht abgerissen. Also kann man es restaurieren, was in den 90ern (Steuerabschreibungen) allerorten geschah und heute wieder (EURO-Panik) stattfindet. Allerdings geben sich die Architekten und die üblichen großen Handelsketten alle Mühe, die städtebauliche Verschandelung aufzuholen…

    • carodame schreibt:

      Naumburg war durch die Kriege wenig zerstört. Im Stadtzentrum gab es somit einfach keinen Platz für hässliche Lückenschließungen. Zum Glück. Und: Auch in der DDR gab es engagierten Denkmalschutz, wenn auch die Mittel bescheiden waren. Solche mit historischer Bausubstanz gut erhaltenen Städte wie Naumburg, oder beispielsweise Quedlingburg, waren zudem auch als Devisenbringer durch Tourismus doppelt schützenswert.

  5. mark793 schreibt:

    Danke fürs Mitnehmen der Leserschaft, das war jetzt doch bisschen ergiebiger (auch von den Kilometern her gesehen) als mein kleiner Ausflug nach Büttgen. Allein die Wasserspeier-Serie ist schon sensationell.

  6. kreuzbube schreibt:

    Jörg, ich bin begeistert und werde mal schauen, ob ich Deine Empfehlung antiquarisch erwerben kann. Hört sich ganz danach an, dass ich das im Regal haben möchte. Sollte ich das Buch nicht finden komme ich gerne auf Dein Angebot zurück. Du kannst Dir dann, wenn wir demnächst schrauben, das hier mitnehmen, ein Heft aus den 20ern von Menschen, die sich damals um Schönheit, Gesundheit und freie Geister in freien Körpern bemühten. Nebenbei sind da sehr skurille Werbeanzeigen drin, fast so wie heute….

    Die Schönheit - Nietzsche Heft

  7. justbiking schreibt:

    …das nämlich bedeutete, gänzlich auf Zufälle (welche es ja eigentlich garnicht gibt) zu verzichten.
    Ich habe da gleich noch eine Buchempfehlung zu Heiner Brand. „Nietzsche“ von Michel Onfray und Maximilian Le Roy, einer bebilderten Einführung in Nietzsches Lebenswerk. Es liest sich fast wie ein Comic und besonders die eingestreuten Zitate sind sorgfältig gewählt. Ich kann mich noch an eins erinnern, das lautete sinngemäß „…dem einzigen Gott, dem ich glauben könnte, müsste tanzen und singen können“. Buch steht bei mir im Regal und kann entliehen werden…

  8. kreuzbube schreibt:

    Die Blogsportgruppe ist immer und überall! Eigentlich wollte ich ja nur zu diesem lächerlichen Turm, aber dann ergab sich eins nach dem anderen. Ich habe noch viele Ziele vor Augen und hoffe auf -unter anderem- Deine Begleitung.

    Am Rande habe ich mitbekommen, dass es für smartphones eine Funktion gibt, mit der man den jeweiligen Aufenthaltsort von Freunden und Bekannten angezeigt bekommt. Aber so weit wollen wir nicht gehen?

  9. justbiking schreibt:

    Fein geschrieben, lieber Andreas. Das wir uns gestern nicht über’n Haufen gelaufen sind, ist ein Wunder. Freyburg, Neuenburg, Schulpforta, ach natürlich und Nietzsches Rökken. Leider hatte das dazugehörige kleine Museum noch geschlossen.

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