Anstatt dass

Anstatt dass, anstatt dass,
Sie zuhause bleiben und im warmen Bett.
Brauchen sie Spass, brauchen sie Spass,
Grad als ob man ihnen eine Extrawurst gebraten hät! (Brecht/Weill, Dreigroschenoper)

Die carodame, anstatt dass sie sich vernünftig auf die morgige Querfeldeinhatz rund um einen See und den angrenzenden Forst einstimmt, geht ins off-Theater, geht aus, macht gemeinsame Sache mit der ebenfalls radsportelnden Freundin H. Von anderem Kaliber hingegen der kreuzbube, bekanntermaßen ein Ausbund an Selbstdisziplin und Zielstrebigkeit. Noch schnell 50 km gerollt, dann brutzelt er sich Garnelen mit reichlich Knoblauch und peperoncini, die er die zwei gehäuften Teller Pasta hebt. Anschließend legt er die Füße hoch und erreicht bei chilliger Lounge-Musik Tiefenentspannung. Da wird nichts dem Zufall überlassen, da stimmt die Vorbereitung, und so heißt es morgen früh um neun wieder:

kreuzbube, firm im Sattel und stark am Zügel!

Doch das hatten wir bereits, im vergangenen Jahr schon, und so soll die Gelegenheit ergriffen werden, zu den Bismarcktürmen zurückzukehren, die es in den vergangenen Wochen zu entdecken galt. Mit besagter Freundin H. und ihrem Ehemann, nennen wir ihn einmal J., ging es mit den Rennrädern auf eine Tour in die Weinbauregion, in der auch Naumburg mit dem jüngst ausgiebig gezeigten Dom liegt. Ein gemeinsamer Ausflug mit dem Rad inklusive Verköstigung als Geburtstagsgeschenk, denn was könnte man sich Schöneres wünschen, als einen ganzen Tag oder 130 km mit dem kreuzbuben verbringen zu dürfen? Eben.

Der Start erfolgt morgens um zehn an der bevorzugten Seeterrasse und zunächst immer vorbei an den ehemaligen Tagebauten. Dann westwärts, immer westwärts, der kreuzbube kennt die Gegend wie seine Westentasche. Und im Nu sind wir auch schon falsch, rumpeln erst über übles Pflaster, dann hört der winzige Ort ganz auf (der hört einfach auf, im Nirgendwo, es geht nicht weiter!) und wir fahren über Wiesenwege weiter. Macht aber nichts, es sieht recht schön aus dort. Man unterschätze zudem nie Zufälle: Weil wir auf ganz anderem Weg als geplant die nächste Transitstation ansteuern, entdecken wir unverhofft ein Schild: Bismarckturm.

Der stand nicht auf unserem Plan, doch selbstredend biegen wir sofort scharf rechts ab, durchfahren eine Allee, an deren Ende er steht. Der Weißenfelser Bismarckturm, schmuck herausgeputzt, eine Zierde seiner Art. Wie auch die anderem Türme wurde er zu Zeiten der DDR sträflich vernachlässigt und vor allem durfte er natürlich nicht Bismarckturm heißen. Für ein paar Jahrzehnte wurde er zum Keplerturm, wurde so marode, dass er gesperrt werden musste. Die Bilderstürmerei ging so weit, dass die weißen Adler, die sein Dach säumen, kurzerhand entfernt wurden. So etwas ist natürlich reichlich albern, um nicht zu sagen: engstirnig. Als käme man auf die Idee, die Pyramiden von Gizeh zu schleifen, weil ein Despot sie einst auf dem Rücken -und den Gebeinen- von Sklaven errichten ließ. Aber so sind sie halt, die Politsysteme, da geben sie sich nichts, das eine wie das andere. 

Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, im Jahr 2007 wurde der Weißenfelser Bismarkturm instandgesetzt und auch die Adler kehrten zurück. Die Umbenennung des Turmes war nicht sein alleiniges Schicksal, das ging auch anderen Türmen so, davon soll später noch die Rede sein. Einstweilen sind wir aber noch bei unserem Ausflug und der ging turmlos weiter, einer pro Tag reicht ja auch. Während wir so die Radwege befahren, die uns an den Flusslandschaften von Saale und Unstrut entlang führen, festigt sich der schon vorher in Erwägung gezogene Entschluss: 

Im kommenden Sommer wird der Kreuzbube den Fahrradsattel hin und wieder mit dem Platz im Kajak tauschen. Leipzig ist und wird immer mehr eine Stadt der Kanäle und Wasserwege, auf denen es sich an heißen Tagen trefflich über dem kühlen Nass und unter den ausladenden Ästen schattenspendender Bäume paddeln lässt. Das geht in die Arme, die Schultern, den Rücken, bietet eine willkommene Ergänzung der Ertüchtigung der Kreuzbubenleibes.

Doch noch sind wir mitten im Herbst und der präsentiert sich bei unserer Ausfahrt von seiner besten Seite. Eher wir uns recht versehen, haben wir 70 km abgespult, finden die perfekte Gelegenheit für eine Rast und laben uns in ansprechendem Ambiente an Federweißem, Kürbiscreme-suppe und Gebäck mit Kräutern.

Der Rückweg vergeht ähnlich wie im Fluge, wie das eben so ist, wenn die Landschaft was fürs Auge bietet und man sich angeregt unterhält. Eine kurze Eintrübung erfährt der makellose Tag durch einen Spinner, der vor seiner Freundin/Frau an uns vorbei fährt. Kreuzbube und J. fahren ein wenig voraus, die Entgegenkommenden passieren carodame und H. Und als sie das getan haben, fällt die fremde Pedaleurin ins Gras am Wegesrand. Die Ursache ist unbekannt und wird auch im weiteren Verlauf nicht erhellt. Das hindert ihren Begleiter, der natürlich nicht mitbekommen hat, was hinter ihm passiert ist, nicht daran, sich aufzuplustern und der carodame und H. zu verkünden, dass er das nächste Mal zutreten werden. Beim nächsten Mal werde er zutreten. Nur damit sie das wissen, beim nächsten Mal… zutreten… und so weiter. Der Zeitgenosse wird erst ruhiger, als der kreuzbube eintrifft und ihn, angetan von der Einladung zum Beinelockern, zu einem gepflegten gemeinsamen Wetttreten auffordert. Nun wird es dem Zeitgenossen mehr als eine Spur zu sportlich und er möchte doch lieber die Füße still halten. Das tut er dann auch mustergültig. Währenddessen wird seine Freundin versorgt, nach ihrem Befinden und dem Rad geschaut, selbiges auf ordnungsgemäße Funktion überprüft und ihr eine gute Fahrt gewünscht. Die Frau des Zeitgenossen ist nett, eine freundliche Person, überhaupt, meint sie, es sei doch nichts passiert.

Dann geht es schnell noch 50 km weiter und am Start-Ziel-Ort gönnen wir uns den verdienten Absacker. 

Nun habe ich mich aber wieder verplaudert. Ich weiß natürlich, dass mein halbes Dutzend Leser wie ein Flitzebogen gespannt ist, wie es weitergeht. Aber, da bitte ich um Verständnis, für weitere Türme ist es heute schon zu spät. Mehr demnächst.

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2 Antworten zu Anstatt dass

  1. kreuzbube schreibt:

    Ich habe mir ja angewöhnt/versuche mir anzugewöhnen, mich möglichst über nichts aufzuregen und all diese unwichtigen Sachen einfach zu ignorieren. Aber dieses HB-Männchen meinte ja, so lange wir weit genug weg waren, die beiden Frauen anbrüllen und bedrohen zu müssen. Der ließ sich gut einschätzen und paar ganz ruhige, aber sehr deutliche Worte zu ihm hingezischt haben ihn dann auch sofort verstummen lassen. Dass die Leute sich so unnötig einen schönen Tag verderben müssen. Als wäre das am Schluss wirklich wichtig, wer jetzt gerade im Recht ist und wer nicht.

  2. jotwd schreibt:

    Schöner Bericht, danke!
    So ne Treter-Vertreter kamen mir dieses Jahr auch schon zwei unter. Beide von der autofahrenden Zunft, die meinten mir Nachhilfe in den Regeln der StVO geben zu müssen.
    In solchen Momenten immer schön ruhig bleiben und lächeln, der Eine war etwas hartnäckiger, verzog sich aber auch, als ich anfing mit meinem Handy die Situation zu dokumentieren.

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