Das singende, klingende Türmchen

Jetzt aber hurtig. Fünf Grad kühl war es gestern bereits und nach 50 km war der kreuzbube glücklich, im warmen Café zu sitzen, statt mit fröstelnden Waden und Füßen die letzten 15 km direkt nach Hause zu fahren.

Heute Morgen dann,  ich schlurfe schlaftrunken ins Bad, ereilt mich dieser Anblick. Den Goldenen Herbst darf ich ruhigen Gewissens offiziell für beendet erklären, seine letzten Ausläufer gibt es nun hier zu sehen.

Nächste Station: Höfgen. Das ist dieses kleine, malerische Dorf, das etwa 30 km von Leipzig entfernt liegt, wo wir mit dem kreuzbuben-Blog schon zweimal zu Gast waren, mal beim Dorffest, mal in der mit herrlich knackenden und knarzenden Inventar versehenen kleinen Bergkirche. Da will man es kaum glauben, dass wir den dortigen Bismarckturm erst jetzt entdeckt haben. Das mag daran liegen, dass die Sinne in und um Höfgen mal von Musik und Klangkunst, mal von Literatur und auch von Film und Fotografie angesprochen werden. Alles ist in eine schöne Landschaft eingebettet und wird durch eine alte Schiffsmühle und herrliche Wege den Fluss entlang garniert. Sogar Gelegenheit zum Schultern des Rades erhält man…

Bismarcktum Höfgen

So kann man einen Turm schon mal übersehen, vor allem wenn der Baumwuchs eines Jahrhunderts die Sicht auf ihn verstellt. Um es für die Einheimischen, die mir nacheifern wollen, kurz zu machen: Oberhalb des Dorfes befindet sich der Jutta-Park. Eine Allee führt bis zu seinem höchsten Punkt, einer Anhöhe, auf der der Bismarckturm thront. Nachdem der Turm im 2. Weltkrieg beschädigt worden war, bröckelte er Jahrzehnte lang vor sich hin. 1993 wurde er restauriert und als Wasserturm Teil des Wasserkreislaufsystems der weiter unten gelegen Schiffsmühle.  

Neues Leben bekam er auch durch eine Klanginstallation des Komponisten und Klangkünstlers Erwin Stache ein-gehaucht. Stache hat so skurille Apparaturen erfunden wie das Waschmaschinenprogrammscheiben-orchester und Kompositionen wie die Landmaschinensinfonie: ein Konzert für Mähbinder, Heuwender, Traktoren, Kartoffelkombine, Gülleorgel, Konzertmusiker und Dorfbewohner geschaffendie alljährlich beim Festival in dem kleinen Ort Stelzen aufgeführt wird. 

Kaum tritt man durch die Tür in Innere des Höfgener Turms, schon erklingen Klangfetzen, die sich mit dem Rhythmus des festen Tritts des Besuchers die Stufen hinauf verbinden.  Betreten wir an einem Herbstsonntag den laubumrankten Turm und schauen und hören wir uns das einfach mal.

Das mag nicht spektakulär sein, aber im Zusammenspiel mit der Anfahrt über knirschenden Sand, durch raschelndes, würzig duftendes, vertrocknendes Laub und den Ausblick von der Turmplattform gibt das ein nettes Gesamtpaket, das den Ausflug lohnt.

Zwei Türme habe ich noch nachzureichen, nein, halt, sind sogar drei, das schreibe ich in einem Aufwasch runter, und dann ist es damit wohl erst einmal vorbei. Die nächstgelegenen weiteren Türme erfordern mindestens 100 km Fahrt, doch in unseren Gefilden kurz vor Moskau hat schon Frosty, the snowman Einzug gehalten! Und da wäre ja auch noch the bike formerly known as Colnago… und der carodame Schutzblechrad… Zeit für kreuzbube customs. Oder etwas ganz anderes.

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4 Antworten zu Das singende, klingende Türmchen

  1. PercyGermany™ schreibt:

    klingen tut der aber lang nicht mehr 😉
    …leider.

  2. kid37kid37 schreibt:

    Danke für das Video, das gibt einen guten Eindruck. Schön, daß man diesen Turm besichtigen kann. Und ein Klangkünster mit skurrilem Instrumentarium ist selbstverständlich genau mein Mann.

    • kreuzbube schreibt:

      Von den bislang von mir erkundeten Türmen kann man vier besichtigen. Der in Höfgen ist aber bislang der erste, der sich mit der Klanginstallation über eine reine Restaurierung entfernt. Der Vorplatz des schon vorgestellten Turm in Leipzig-Lützschena ist heute gelegentlich Ort von Musikveranstaltungen und zur Sonnenwende wird in einer Feuerschale auf dem Turm ein Feuer entzündet.

      Ich bin gespannt, womit andere Türme aufwarten werden, Als Bauwerk sind viele von ihnen eher unansehnlich bis abstoßend, scheusslich, wie wir beim Naumburger Turm wie auch bei den nächsten dreien noch sehen werden.

      In Hamburg gab es übrigens auch mal einen, in St. Pauli nördlich der Landungsbrücken. Man hatte dort wohl einen vorhandenen Turm kurzerhand umbenannt:

      http://www.bismarcktuerme.de/ebene3/laender/hamburg.html

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