Shamrock Diaries

Das Shamrock, ein kleines dreieckiges Kleeblatt, ist das inoffizielle irische Nationalsymbol und jene, die sich auf das Zapfen von Guinnes Bier verstehen, wie mein lieber und geschätzter Blogsportkollege Jörg, zaubern ganz oben in den Schaum eben dieses dreieckige Kleeblatt. Wiewohl der kreuzbube nicht zu den Alkoholikern zählt, ist an manchen Tagen auch für ihn die irische Enklave mitten in Leipzig genau der Ort, an dem er sein will.

Die Rede ist vom Killiwilly, einem, ach was sage ich, dem Irish Pub in Leipzig, untergebracht in einem der beiden ehemaligen Torhäuser der Stadt. In denen wurde in früheren Zeiten darauf geachtet, dass kein Strolch die Stadt betritt, was auch heute keine schlechte Einrichtung wäre angesichts alljährlich gestohlener 4500 Fahrräder.

Man muss sich folgende Situation ausmalen: Die Temperaturen liegen knapp über null Grad, es herrscht Schneetreiben, ein feucht-kalter Wind bläst. Die Sonne ist hinter einem grauen, wolkenverhangenen Himmel in Deckung gegangen. Gleichzeitig drinnen im Pub, der vor 100 Jahren auch schon mal die Redaktionsstube einer sozialdemokratischen Zeitung war: Die Lichtverhältnisse sind gegenüber denen vor der Tür um 80 Prozent abgesenkt und mit „schummrig“ treffend beschrieben. Die Wände bis zur Decke holzgetäfelt, eine lange Reihe Barhocker vor einer langen Reihe Zapfhähne. Auf dem Boden Teppiche, die vermutlich abgewetzt sind, was man aber nicht so genau weiß, da die Lichtverhältnisse, wie schon erwähnt, mit „schummrig“ treffend beschrieben sind. Ob abgewetzt oder nicht, in jedem Falle dämpfen sie die Laute im Pub. In einem Teil des Raums bollert ein Ofen mit rotglühenden Holzscheiten vor sich hin. An den Wänden hängen alte Reklameschilder und Gitarren, was aus den Lautsprechern erklingt, ist weder hip noch hop und in etwa so aktuell wie die live-Mitschnitte von Rory Gallaghers Tourneen in den 70er Jahren. Der Fernseher zeigt ausnahmslos Fußball, inklusive weltbewegender Freundschaftsspiele wie jenem zwischen Australien und Norwegen. So also sieht es um den kreuzbuben herum aus, im Bollwerk gegen die draußen herrschenden ungastlichen Witterungsbedingungen, und es gehört viel Überwindung dazu, diese Schutzzone wieder zu verlassen, am Tag des ersten Schneeregens nach dem Sommer 2012. 

Draußen also ist es nasskalt, und es wird noch nasskalt sein, wenn der kreuzbube an diesem Samstag wieder vor die Türe tritt. Drinnen steht das Frühstück auf dem Tisch und das besteht aus Bohnen, Eiern, Speck und Würstchen. Es ist heiß und fettig und genau richtig, wie auch die Tasse dampfenden Kaffees, der Kaffee ist und kein Latte Macchiato. Ich frühstücke so nicht jeden Tag, aber an diesem Tag kommt nichts anderes in Frage. Der kreuzbube stellt mental den Artikel der Reise zu weiteren drei Bismarcktürmen zusammen, während er durch die Scheiben versonnen das wenig einladende Geschehen in der Lichtjahre entfernten Außenwelt betrachtet. Dann kommen Gedanken an den darauffolgenden Tag auf, den Sonntag des 2. Guinness Giro, der zur selben Zeit am gleichen Ort starten wird und nach dessen Ende der kreuzbube mit dem Crosser die ersten 90 schneegesäumten Kilometer nach Ende der Sommersaison zu verbuchen haben soll. Noch aber scheint die Teilnahme in weiter Ferne, 24 Stunden vor dem Startschuss hat der kreuzbube schlicht gar keine Lust, Winterhosen, -trikots, -jacken, -schuhe, -handschuhe, Schals und Mützen anzulegen und den Ixon Speed Scheinwerfer für die nächtliche Heimkehr über die Landstraße aufzuladen.

Auch am Sonntagvormittag finden sich etliche Gründe, nach dem Waldspaziergang mit den Vierbeinern doch lieber zu Hause zu bleiben, nicht sogleich wieder aufzubrechen. Weil aber eine Zusage eine Zusage ist, wird nicht gekniffen und der kreuzbube setzt in punkto Pub eins drauf. Nichtraucher ist der kreuzbube, wie auch drei weitere der insgesamt sechs Pedaleure, die sich anschicken, dem Frost entschlossen entgegenzutreten. Zwei Mitglieder des Blogsportkaders hingegen rauchen, und weil wir nicht kleinkariert sind und uns nicht sorgen, ob wir damit zwei Zehntelsekunden unserer Lebenszeit opfern, nehmen wir den ansonsten fast leeren Raucherraum in Beschlag, der immerhin den Ofen als Lockmittel aufweist. Klar, hinterher riecht alles nach Qualm, so what? Das hat’s früher ständig getan und einige der besten Abende und Nächte in Kaschemmen und Kellerclubs gingen damit einher. Ja, ich weiß, „es ist doch aber viel schöner, dass jetzt nicht mehr immer alles so stinkt“. Aber wenn’s das ab und an tut, dann ist das auch kein Beinbruch und vor allem kein Grund, dass sich Freunde in verschiedene Räume setzen oder dass jemand vor die Tür, hinaus in die Kälte, geschickt wird. Wir lüften uns hernach ohnehin stundenlang aus und wozu gibt es schließlich Waschmaschinen? Wir fahren Rad, nicht zu knapp, nicht zu langsam, aber wir sind keine Gesundheitsspießer.

Später am Abend dann, als der kreuzbube mit der carodame angeregt plaudernd über die nächtliche Landstraße nach Hause fährt, mit Vollmondbeleuchtung von oben und dem 50 Lux-Strahler vorne am Lenker, da ist alles gut. Um uns herum ist es kalt und dunkel und still, nicht einmal mehr Autos brausen an uns vorbei. Der Tag inmitten des Blogsportpelotons jedoch, ob im Sattel, ob auf dem Barhocker oder noch später auf dem Küchenstuhl in justbikings warmer Stube, klingt noch warm und hell in uns nach. Da hier Blogsymbiose herrscht, übernimmt der Vorsitzende im Zentralorgan den (anwendigeren) Part der Berichterstattung über diesen 2. Guinness Giro der Blogsportgruppe und füllt die Stunden, die der kreuzbube ausgelassen hat. Ich möchte von meiner Seite nur sagen: Meine Damen und Herren, wir haben alles richtig gemacht, besten Dank für euer aller Mitwirken.

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2 Antworten zu Shamrock Diaries

  1. kreuzbube schreibt:

    Absolut! Man muss raus aus dem Haus, und man muss mit anderen zusammenkommen, das bereichert.

  2. stefi_licious :) schreibt:

    klingt toll! und beneidenswert. schön, wie man sich so zusammen finden kann, gell? 🙂

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