Auswärtsspiel für kreuzbube

Voreilig, voreilig, der kreuzbube. Da hat er den Goldenen Herbst unlängst erst für beendet erklärt und der hat ihm heute gezeigt, was ne Harke ist. Der Himmel präsentiert sich an diesem Feiertag, an dem die Ketzer Protestanten der Reformation gedenken, makellos azur und wolkenlos, die Temperaturen erlauben Dreiviertelhosen und den Verzicht auf die Radjacke. Stimmungsmäßig passt das sehr gut zu den Turmreisen der vergangenen Wochen, die noch fehlenden Etappen wollen wir nun abfahren.

Wir starten in östlicher Richtung und treffen nach etwa einer Stunde in Wurzen ein, wo wir, sehr löblich, gezeigt bekommen, dass gewerblich genutzte Bauten nicht zwingend die Anmutung eines überdimensionalen Schuhkartons haben müssen. Das hier ist ein Getreidesilo, und hier werden Haferflocken produziert.

Fünf Kilometer außerhalb der Stadt, noch immer in östlicher Richtung, entsteht dann dieses Foto, das es gar nicht geben dürfte.  Denn vor dem dunklen, wuchtigen Monument der Politikerverehrung steht mein Rennrad. Das ist verboten. Strikt verboten. Menschen, die ihr Dasein dem Naturschutz verschrieben haben, haben auch Schilder geschrieben. Das Mitführen von Fahrrädern ist untersagt. Man darf nicht fahren, man darf nicht schieben, streng genommen darf man nicht einmal das Rad schultern, denn auch das fällt bei ordentlicher Textexegese unter bei-sich-führen.  Das Rad soll man zehn Minuten vom Turm entfernt, unten, direkt an der Landstraße, stehen lassen. Doch, doch, die meinen das ernst. 

Der Bismarckturm in Deutzen bei Wurzen ist ein gutes Beispiel dafür, wie man sich das damals gedacht hat mit der Turmgestaltung. Da wurde nicht einfach vor Ort gebaut, wie einem der individuelle Sinn danach stand, sondern für die Gestaltung wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Gekürt wurde (wen wundert’s, deutscher geht’s nicht, und hier ging es immerhin um den Einiger des Reichs) das Modell „Götterdämmerung“: Quadratischer Grundriss, einfach gehaltener Sockel, Aufbau mit vier kräftigen Säulen an den Ecken des Turmes. Oben drauf ein Gesims, auf dem sich die Feuerschale befindet. Nach Möglichkeit aus unvergänglichem, deutschen Granit zu errichten. Wuchtig, schwer, frei von Raffinesse. Eiserner Kanzler, Götterdämmerung. deutsch.

Von Wurzen aus kann man übrigens über 20 km hinweg auf einem perfekten Radweg, der früher der Damm der Muldentalbahn war, bis nach Grimma fahren und dort den Katzensprung nach Höfgen, zum Bismarckturm im Juttapark, machen.  Aber da waren wir gerade erst, also springen wir stattdessen ein ganzes Stück weiter nach…

… Altenburg, etwa 45 km südlich von Leipzig. Wenn Leser aus den westlichen Bundesländern gerade ins Grübeln kommen, dass ihnen dieser Ort irgendwoher bekannt vorkommt, dann hat das seinen Grund. Altenburg ist seit 1832 Sitz der Spielkartenfabrik, die unter dem traditionsreichen Namen ASS Marktführer in Sachen Spielkarten ist und ungezählte Kreuzbuben produziert hat.  Da wundert es nicht, wenn der Kreuzbube mit gelinder Begeisterung am Straßenrand eine Vollbremsung hinlegt, als er das da entdeckt:

Früher hieß das Stadion, das immerhin 25.000 Zuschauern Platz bietet, Lenin-Stadion. In diesem Falle finde ich den aktuellen Namen trotz Umbenennung ausnahmsweise mal gefälliger, wo ein kreuzbube drin ist, muss auch ein kreuzbube drauf sein.

Nur wenige hundert Meter weiter biegt man nach rechts in den Wald ab und steht vor dem Bismarckturm, den man wieder einmal erst dann sieht, wenn man direkt davor steht.  Naja, was soll man sagen, wenig spektakulär, das Bauwerk. Auch dieser Turm hieß in der DDR natürlich nicht Bismarckturm, sondern „Turm der Jugend“, was ganz unwichtig ist, aber ich muss Platz schinden, damit es mit dem Foto passt.  Direkt gegenüber gibt es eine Gaststätte mit Freisitz unter großen Kastanien und nachdem wir uns dort gestärkt haben, reisen wir weiter nach…

… Leipzig-Radefeld, das nicht zum Wohnen oder gar Leben, sondern einzig und alleine deshalb existiert, um Gewerbesteuereinnahmen zu generieren. In Radefeld lebte einst ein so glühender Verehrer Bismarcks, dass er sich kurzerhand seinen eigenen Turm ans schlossartige Gebäude bauen ließ.  Übrig sind heute Mauerreste des Gebäudes und der (mehr als kleine) Turm in ruinösem Zustand. Beides steht auf einem Privatgrundstück und angebaut ist ein Wohnhaus mit Nebengelassen. Guter Bubi!-street view:

So, liebe virtuelle und reale Begleiter des Erkundungsreisenden kreuzbube, das war es fürs Erste mit den Türmen. Um die nächsten zu erreichen, müsste ich dreistellige Kilometerzahlen fahren und das lassen die Temperaturen und auch die Lichtverhältnisse nicht zu. Zwar habe ich seit neuestem einen Scheinwerfer fürs Rad, der die Fahrbahn ordentlich ausleuchtet, aber ein Freund von Nachtfahrten bin ich dennoch nicht.

Ziele gibt’s gleichwohl immer und die Türme sind auch gar nicht so wichtig. Hauptsache man fährt mal Wege, die man nicht schon mehrfach gefahren ist. Vielleicht besuchen wir demnächst mal die Pyramide… oder den Vulkan…

 

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3 Antworten zu Auswärtsspiel für kreuzbube

  1. prieditis schreibt:

    „It is democracy! a fundamental principle of democracy: the Ober always sticht the Unter!“
    (Gerhard Polt)

  2. kreuzbube schreibt:

    Wer hätte das gedacht, ein Reisebericht zu einem Bismarckturm! Besten Dank! Den Turm hatte ich auf meiner Liste der mittelfristig anzusteuernden Exemplare. Er scheint ja landschaftlich fantastisch gelegen (Weinberge sind immer schon die halbe Miete) und der Gastronomietipp lockt ebenfalls, denn Klöße esse ich für mein Leben gern.

    Eine Mogelpackung ist der Turm wohl insofern, als sie damals beim Bau kein Geld mehr hatten für eine Innentreppe. Und das obwohl Karl May 100.- EUR gespendet hatte, was schon eine der hohen Einzelspenden war.

    Der Eichel-Unter findet sich selbstredend im jüngst erworbenen Skatblatt, man weiß ja nie, wann ein weiters Pseudonym gebraucht wird.

  3. Fritz_ schreibt:

    Wobei man in Altenburg das Skatspiel nicht mit dem Kreuzbuben, sondern mit dem Eichel-Unter ausübt. 🙂
    Sehr schöne Tour, die Sie da gemacht haben. Ich habe gestern mit dem Bergrad zufällig einen Abstecher zum Bismarckturm Radebeul eingelegt, der so ziemlich auf der höchsten Stelle eines großen Weinberges zu finden ist. Es gibt zwar an anderer Stelle eine Straße hinauf, aber der übliche Weg, wenn man aus dem Tal kommt, führt über 400 Stufen durch den Weinberg nach oben. Im Weinberg kann man sich auf einer Bank niederlassen und den Sonnenuntergang genießen mit einem wunderschönen Blick ins Elbtal nach Radebeul und Dresden. Die Gaststätte „Spitzhaus“ oben bietet zur Zeit knusprige Gänsekeule mit Klößen an. Sehr zu empfehlen!
    Der Bismarckturm passt recht gut in die Landschaft, ist nicht allzu groß und sieht ganz nett aus, entpuppt sich aber in gewisser Weise als Mogelpackung. Wenn man durch die Eingangstür tritt, findet man eine leere Hülle vor, mit freiem Blick auf den Himmel. Ich nehme an, dass er von Anfang an so beschaffen war.

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