Rouleur

Oblomow hat ein Zwischenhoch. Seine Liebe zu Olga ist, den Bemühungen seines Freundes Stolz sei Dank, entflammt – und wird erwidert. Oblomow macht die Sache allerdings sehr kompliziert und reitet sich so richtig rein ins zwischenmenschliche Durcheinander. Olga jedoch weiß ihn zu nehmen und so steht Oblomow jeden Tag aus seinem Bett auf, denn es zieht ihn zu Olga hin. Wenn da nur nicht das Gut Oblomowka wäre, stünde alles zum Besten. Denn auch wenn Oblomow es geschafft hat, endlich mal einen Brief an den Dorfältesten zu schreiben und er fast so etwas wie Interesse an den Geschehnissen in seinem Gut aufbringt, so kümmert er sich doch nicht recht darum. Diesmal hat er nicht einmal sporadisch ein schlechtes Gewissen, denn wie könnte er sich um solch dröge Dinge wie die Verwaltung und Bewirtschaftung des Guts kümmern, wenn er doch bei schönstem Wetter seiner Olga im Park zu Füßen liegen, mit ihr speisen und ihrem bezaubernden Gesang lauschen muss? So lassen wir dem Oblomow mal für ein paar Tage die wohlverdiente amouröse Pause vom ereignislosen Nichtstun.

Afrika. Da war ich in den vergangenen beiden Tagen dank justbikings hundertseitiger faszinierender Reiseerzählung aus dem Jahr 2010, der Schilderung einer Reise, die ihn mit dem Rad nach Senegal und Gambia geführt hat. Was ist dagegen schon unser beider Radausflug heute Nachmittag durch hiesige Gefilde? Afrika! 

In Afrika war ich noch nie und nachdem mich justbiking angefixt hat, musste ich gleich die nächste Lektüre zur Hand nehmen: Rouleur, in meinen Augen das schönste Radmagazin, das es gibt. Anspruch und Zielsetzung der Macher werden von ihnen klar herausgestellt: Ein Magazin für Menschen, die leidenschaftlich gerne Rad fahren, sich aber eher weniger (bis überhaupt nicht) für die immer wiederkehrenden und sich wiederholenden Vergleichstests-, Mess- und Rennergebnisse interessieren.

„13 Hammerräder von 2300.- bis 7.000.- EUR für Jedermann“, mit so etwas wird man in Rouleur nicht behelligt. Optische und haptische Qualität gibt es stattdessen, die ihresgleichen sucht. Schweres Papier, exzellente Fotos und eine Berichterstattung auf hohem Niveau. Die Engländer können das, allerdings in ihrer eigenen Landessprache.

Rouleur Nr. 30 ist eine Ausgabe, die für uns besondere Aspekte bietet. Aus der Sicht eines britischen Autoren wird der Radsport der DDR beleuchtet. Das geschieht, indem die Schicksale und Lebenswege einiger Protagonisten der ostdeutschen Radsportszene beleuchtet werden. Jan Schur vermittelt den Einstieg, knüpft Kontakte und wirft den intimem Blick des Sohnes auf den berühmten Vater. Irene Dorn, in deren kleinem Hotel der eine oder andere von uns Blogsportlern vielleicht schon zur RTF aufgebrochen ist oder anschließend dort seinen Teller Nudelsuppe gegessen hat, berichtet kritisch über ihre Jugend als Radsportlerin in der DDR. Auch Heinz Dietrich, der Vorsitzende des DDR-Radsportverbandes, kommt zu Wort. Rouleur beleuchtet die verschiedenen persönlichen Hintergründe und weil das nicht aus der Sicht des Deutschen geschieht, hebt es sich wohltuend von Ost-West Einfärbungen ab. Auf politische Voreingenommenheiten oder gar erhobene Zeigefinger wird verzichtet. Wir sind alle alt genug und mit genug Lebenserfahrung versehen, uns unsere eigene Meinung zu bilden.

Die Friedensfahrt bildet einen zweiten Schwerpunkt der Ausgabe. Nicht minder gut recherchiert und geschrieben wartet Rouleur auf neun Seiten mit ganzseitigen Abdrucken der Friedensplakate auf, die den Artikel einrahmen.

Zwischen diesen beiden (Ost-)Polen, dem Anfang und dem Ende des Heftes, liegt so viel Lesens- und Sehenswertes, dass ich es nur einen Artikel herausstellen möchte: Radsport in Ruanda, über 24 (!) Seiten hinweg (und das ist nur Teil 3 einer sich über mehrere Ausgaben erstreckenden Serie). Afrikanische Radsportler in einem vom Völkermord verwundeten Land, die im Wortsinne hungrig sind. Alles bebildert mit Fotos, die fernab von Hochglanzmotiven begeistern.

Werbung ist auf den 160 Seiten des Hefts nur sehr sparsam untergebracht. Das und die hohe Qualität von Inhalt und Material hat seinen Preis, 15.- EUR kostet eine Ausgabe. Dafür hält man ein Magazin in Händen, das eher in Richtung eines reichhaltig bebilderten Buches geht, an dem man sehr lange zu lesen hat. In ein schnelles Durchblättern verfällt man nicht, ganz von selbst stellt sich eine ruhige Lektüre ohne Eile und Hast ein.

 Neugierig geworden? Der kreuzbube gewährt gerne Einblick.

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6 Antworten zu Rouleur

  1. kid37 schreibt:

    Eventuell interessant: Die ersten vier Ausgaben des Magazins „The Ride“ gibt es auf deren Webseite als Gratis-PDF-Download. Mein erster eindruck ist ein wenig durechwachsen, ich habe allerdings bislang nur geblättert und noch nichts gelesen. http://www.theridejournal.com/

    • kreuzbube schreibt:

      Auch hier sind wieder die Versandkosten im Wege. Umgerechnet 17.- EUR ist doch etwas zu viel des Guten. Ich kaufe gelegentlich in GB antiquarisch Bücher, das geht deutlich billiger. Aber ich werde mal reinschauen. Meine Zweifel hinsichtlich der Zielsetzung „we don’t cover the same subjects again and again“ gelten ja im Grunde allen Magazinen, denn die denkbaren Themen sind früher oder später besetzt bzw. von anderen bereits beackert. Das hängt es sehr vom Schreibenden ab, ob er einen anderen Zugang zu ihnen findet.

      edit: Die Schreibenden: Der dreimalige Tour de France Sieger Greg LeMond und die mehrfache Goldmedaillengewinnerin Victoria Pendleton. Immerhin… mal sehen, ob sie es können… naja, muss ich nach dem Lesen sagen…

  2. kreuzbube schreibt:

    Der Geruch! Ich habe den Geruch vergessen. Gestern Abend, nach Stunden im proppevollen Zug mit verbrauchter Luft, habe ich aus den Augenwinkeln verstohlen nach links geblickt ob wer guckt – und dann mal kurz die Nase in die Mitte des Heftes vertieft.

    In Deutschland gibt mit fahrstil ein Magazin, das in die gleiche Richtung geht. Ich will das nicht schlechtreden, keineswegs, aber wenn man Rouleur kennt, erkennt man das Vorbild. Anhand der Artikels über den DDR-Radsport habe ich ein wenig Einblick, welchen Aufwand die betrieben haben. Herbie Sykes ist nach Deutschland gereist, hat sich mit einem Berliner Fotografen zusammengetan, Jan Schur als „Mittelsmann“ gewonnen, hat begeistert im Friedensfahrtmuseum die Ordner mit historischem Material gesichtet, Gespräche mit ehemaligen Radsportlern geführt. Das ist schon ein anderer Aufwand, als mal eben aus dem Internet etwas zusammenzuklauben für einen schnell hingeschmissenen Artikel oder Blogeintrag.

  3. kid37 schreibt:

    Das Magazin sieht wirklich sehr hübsch gestaltet aus. Ich liebe so etwas (auch wenn mich Radsport nicht soo brennend interessiert), diese „Handwerk“ verströmenden Hefte. Die Probleme mit dem Bezug können einen wirklich Haare raufen lassen. Ich schätze das US-Kulturmagazin „Cabinet“. Ebenfalls sehr schön, ebenfalls immer nur mit Klimmzügen zu bekommen. Warum gibt es auf dem deutschen Markt so wenige davon?

  4. kreuzbube schreibt:

    Die Bezugsmöglichkeiten sind leider das Problem und auch der Grund, warum ich nicht häufiger zu diesem Magazin greife. Die Versandkosten aus United Kingkong machen die Sache ziemlich teuer. USA und GB (GB, wer hätte das vor vor Jahren gedacht) sind mittlerweile die Länder, die Trendsetter im Radsport, die klassischen Radsportnationen wie Italien hingegen längst abgehängt.

  5. Don Ferrando schreibt:

    Ich habe mal auf der website geguckt und in Deutschland bei den stockists allein 4 in berlin gefunden, aber leider keinen in hier in BY!

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