Wider die Oblomowerei

oder: Warum man Querfeldein fahren muss. Weil man, nachdem man ein halbes Dutzend steile, schlammige Anstiege und Abfahrten hinter sich gebracht und in Kurven und Kehren die Reifen nach Traktion suchen ließ, im Niemandsland unvermittelt vor so etwas steht:

Irgendwo im ausgedehnten Gebiet rund um den (13 Quadratkilometer) Großen Goitzschesee ist das, aber wiederfinden würde ich es nicht. Warum auch immer, an Strugatzkis Erzählung „Picknick am Wegesrand“ musste ich gestern spontan denken, an die Verfilmung Tarkowskis unter dem Titel „Stalker„.

Wo wir gerade bei russischer Literatur angelangt sind und bei Männern, die Rost angesetzt haben, der Oblomow, der hat es vermasselt. Nichts wurde es mit der Hochzeit mit Olga. Schon die Gedanken, um was er sich im Vorfeld der Hochzeit kümmern müsse, welche geschäftlichen Dinge, Behördengänge und Geldangelegenheiten er in Angriff nehmen müsse, versetzt ihn in Angst und Schrecken, lässt ihn flüchten und sich in seiner Wohnung verkriechen. Man müsste zum Amtsgericht, etwas beglaubigen lassen. Woher aber soll man wissen, wo das Amtsgericht ist und wie man da hin kommt?

So kurz war er davor, aus seiner Lethargie herausgerissen zu werden und umso tiefer fällt er nun in sie zurück. Fortan geht es bergab. Vom geschäftlich gewandten Hausbesitzer, an den er sich verzweifelt wendet, weil er selbst doch weder über Geschäfts- noch über die geringsten Alltagsangelegenheiten etwas weiß und dem er darum Vollmachten erteilt, wird er um den allerletzten Knopf betrogen. Er lebt im Schmutz, trägt unzählige Male geflickte Kleider und muss sich mit einfacherem Essen begnügen, wenn er überhaupt noch einen Rubel in der Tasche hat. Vor dem völligen Untergang rettet ihn abermals sein Freund Stolz, der nach Jahren schaut, was aus Oblomow geworden ist. Stolz ist erschüttert, kümmert sich umgehend um die Angelegenheiten seines Freundes. Er übernimmt die Verwaltung des heruntergekommenen Guts, lässt dieses gedeihen und sorgt so dafür, dass Oblomow wenigstens wieder ein finanzielles Auskommen hat.

Denn das muss man wissen: Oblomow, „der feine Herr“, lebt nur davon, kann nur davon leben, dass ihm das Gut mit seinen zwei Dörfern und 300 Menschen gehört. Seine Bauern bestellen die Felder und die Erlöse werden ihm nach St.Petersburg geschickt. Lenins Umwälzungen Russlands liegen noch in ferner Zukunft und auch August Bebels Worte „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ sind noch unausgesprochen. Doch auch der Gutsbesitz ernährt den Oblomow erst wieder, als sein Freund Stolz sich darum kümmert. Kurz, Oblomow ist alleine nicht lebensfähig. Im Großen wie im Kleinen ist er auf die Arbeit und Hilfe anderer angewiesen. Folgerichtig auch seine späteren privaten Verhältnisse: Er nimmt die Schwester des Hauswirts zur Frau; die ist Hauswirtschafterin, putzt, näht und serviert ihm täglich drei Mahlzeiten.

Was aber tut Oblomow zwischen diesen Mahlzeiten? Er geht nicht mehr spazieren, verlässt das Haus nicht, besucht kein Theater, empfängt keine Freunde. Liest er denn wenigstens?  Nein, auch das nicht, ein Buch, einmal aufgeschlagen, bleibt so lange liegen, bis sich der Staub auf ihm ausgebreitet hat. Oblomow sinniert vor sich hin, verliert sich in Tagträumen und Erinnerungen. 

I’m just a dreamer, I dream my life away, hat Ozzy Osbourne gesungen. So verrinnt das Leben des Oblomow. Weil der eine oder andere das Buch vielleicht selbst lesen mag, schließe ich an dieser Stelle und verrate nicht, wie es Oblomow bis zu seinem Lebensende ergeht.

Man müsste sein wie der Stolz, aber der Oblomow steckt in vielen von uns. Weshalb man mit Freunden Querfeldein fahren und rostige Blechmänner entdecken muss.

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6 Antworten zu Wider die Oblomowerei

  1. kreuzbube schreibt:

    Um die Meisterhäuser? Eine Mauer? Schon wieder eine Mauer?

  2. carodame schreibt:

    Vielleicht müssen wir uns doch beeilen, denn ich hörte, es solle eine Mauer um das Bauhausviertel gezogen werden, weil die der Gropius mal machen wollte…

  3. ritzelconnection schreibt:

    …auf den ersten Blick seltsam, wieso im Zentrum der Blechkameraden ein großer Findling mit dem eingemeiselten Namen „Franz“ liegt. Im WWW fand ich eine Erklärung:

    Wächter der Goitzsche
    Eine Hommage an das frühzeitige, beispielhafte Wirken des anhaltinischen Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau findet sich im Werk des Düsseldorfer Künstlers Anatol Herzfeld wieder. Der anhaltinische Fürst verwirklichte im 18. Jahrhundert humanistische Ideale bürgerlicher Aufklärung. Das Dessau-Wörlitzer Gartenreich mit den Wörlitzer Anlagen zeugt noch heute von seinem dauerhaften Wirken.
    „Die Wächter der Goitzsche“ sollen über die Neugestaltung der Tagebaulandschaft wachen. Zehn 2,10 Meter große Eisenkerle, mit rotem Brustschild und roten Fahnen ausgestattet, sind um einen großen Findling aus dem Tagebau postiert, der die Inschrift „Franz“ trägt. Um die Wächter herum hat der Künstler einen Kreis aus etwa 70 kleinen Findlingen gruppiert, die wiederum ganz besondere Botschaften übermitteln sollen. Kinder aus der Sekundarschule Holzweißig lieferten Bilder für Motive, die Herzfeld dann gemeinsam mit einem Steinmetz in die Findlinge meißelte. Diese Botschaften werden noch in ferner Zukunft von der Verwandlung der Landschaft erzählen.

    • kreuzbube schreibt:

      Besten Dank für die Aufklärung! Die Wörlitzer Gartenlandschaft ist ein Traum und alleine dafür gehört dem Franz ein Denkmal gesetzt. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich daran, dass wir noch die Fürst-Franz-Gartenreichtour fahren müssen. Etwa 60 km mit dem Crosser, an die wir die 10 km Bauhaustour durch Dessau dranhängen mit Finale in der Bauhauskantine. Carodame meint aber, im Frühling sei das bestimmt viel schöner. Ich hingegen würde das glatt auch im Schnee fahren… 😉

  4. Don Ferrando schreibt:

    Ich muß ja gestehen, daß ich äußerst anfällig bin für die Oblomowerei. Es sind dann richtige Blockaden aufzustehen und etwas zu tun.
    Dicke schwarze Oliven hingen an den Bäumen und ich blickte immer wieder hoch und dachte jetzt müsse ich sie doch ernten.
    Aber nein, die Gartenbank wirkte wie ein Magnet und ließ mich nicht aufstehen. Ein Schande, sie dort oben längen zu lassen. Dachte sich auch mein Freund A. und erntete sie für mich !

    • kreuzbube schreibt:

      So fängt es an… 😉 Irgendwann geht es dann wie beim Oblomow so weiter: Man formt -zunehmend schläfrig werdend- im Mund das Wort „Olive“. Besser gesagt, man versucht, es aus einzelnen Buchstaben zu formen. Die schiebt man von der rechten Backe über den Gaumen rüber zur linken Backe. Bevor sie dort an den nächsten Buchstaben andocken können, schlummert man ein…

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