Bitte tief durchatmen – kreuzbube fährt zur Kur!

Als George Foreman 1994 überraschend im Alter von 45 Jahren noch einmal Schwergewichtsweltmeister wurde, da hat er bei seinen Kämpfen darauf verzichtet, sich in den Rundenpausen zu setzen. Er blieb stehen. Ob die Knie ihn jedesmal vom Hocker wieder hoch bringen würden, war ihm zu ungewiss.

(Ich hatte ein Jahr später in einem Spielcasino in einem Indianerreservat in Florida Foremans Kampf gegen Axel Schulz gesehen. Das war ein (sein einziger…?) beherzter Auftritt von Axel Schultz und auch die amerikanischen Zuschauer um mich herum waren einhellig der Meinung, der Deutsche haben den Kampf gegen ihren Boxveteranen gewonnen. Die Kampfrichter werteten den Kampf bekanntlich anders und der nette Herr Schulz wurde kein Weltmeister. Jedenfalls blieb der gute George in den Pausen tatsächlich stehen und walzte dann wieder los.)

Wir haben uns das für unseren gestrigen Radausflug abgeguckt und die Pause am Stehtisch vor einem Kiosk verbracht. Zwar gab es wettermäßig die eine oder andere Versprechung in Richtung Frühling, aber es schien uns zu riskant, uns behaglich uns warme Café zu setzen. Da wieder heraus zu kommen, um für weitere zwei Stunden aufs Rad zu steigen…

Nach dieser schon zu Beginn des Artikels erfolgten Abweichung nun aber hart ans Thema. Westwärts, nach Bad Dürrenberg ging es, und der Namensbestandteil „Bad“ garantiert dreierlei: Einen Kurpark. Irgendeine um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bereits bekannte, der Gesundheit förderliche, aber körperlich wenig anstrengende lokale Behandlungsspezialität. Und abgesehen von den beiden vorgenannten Punkten: Das Fehlen weiterer zum Besuch des Ortes animierender Gegebenheiten. Andererseits: Two out of three ain’t bad, wie Meat Loaf schon gesungen hat.

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Zunächst jedoch stand die Anreise an. Die begann bei Nebel, welcher recht bald von der durchbrechenden Sonne in tausend Stücke zerfetzt wurde. Einen Teil des Wegs begleitete uns montymind, später waren carodame, justbiking und ich zu dritt unterwegs. Weil es gut lief und an diesem Tag das Rennen Paris-Roubaix stattfand, haben wir unseren Tribut geleistet, indem wir kurzerhand eine Weile über übles Kopfsteinpflaster gerumpelt sind.

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Justbiking und ich, wir kannten das ja schon zur Genüge und so entlockten uns diese zwei Kilometer und anschließend dieser Ort, in dem seit über 20 Jahren keiner mehr Straßen gebaut hat, nur ein müdes Gähnen.

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Im Nu waren wir dann auch schon am Ziel und während ich mich aufmachte, die ersten Aufnahmen in den Kasten zu bringen, orderten carodame und justbiking erst einmal sports nutrition in flüssiger und fester(er) Form.

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Denn die Gesundheit steht im Vordergrund in Bad Dürrenberg, das von der Erscheinung des wahrhaft imposanten Gradierwerks beherrscht wird.  

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Beeindruckend ist auch dessen Entstehungsgeschichte. Mitte des 18. Jahrhunderts wünschte sich der damalige Herrscher, Kurfürst August der Starke, mehr Salz in der Suppe. Tief im Erdreich ließ er nach erhofften Solevorkommen graben. 1744 wurde man zunächst fündig, aber der Salzgehalt der Sole war für eine Salzgewinnung zu dürftig. Geschlagene 19 Jahre emsigen Buddelns bedurfte es, bis 1763 in 223 Metern Tiefe eine Solquelle mit gewünschtem Salzgehalt gefunden war. Ein Schachtturm wurde errichtet, der nach dem leitenden Bergrat benannte Borlachturm, und auch das besagte Gradierwerk.

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Die hatten Grips damals, das muss man ihnen lassen: Das 640 Metern lange und hoch aufragende Gradierwerk besteht im wesentlichen aus Schwarzdorn. Über den ließ und lässt man die geförderte Sole rieseln, diese tropft herab und ein Teil des Wassers verdunstet auf seinem Weg. Was schließlich unten ankommt, hat einen Salzgehalt von 18-20 % und eignet sich zur abschließenden Salzgewinnung, die durch Einkochen geschah. Nebeneffekt des natürlichen Schwarzdornfilters: Mit zu Tage geförderte Schmutzstoffe werden ausgesiebt.

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Mediziner entdeckten die heilsame Wirkung der Sole und diese wurde durch innere und äußere Anwendungen gegen allerlei Wehwehchen eingesetzt. Von Skrofulose über Rheumatismus, Nervenleiden und Hautkrankheiten erstreckte sich das und ein findiger Arzt kam Anfang des 19. Jahrhunderts auf die Idee, die herabtropfende und zerstäubende Sole für Inhalationszwecke zu verwenden.

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Auch heute noch ist das Gradierwerk -mit einer Unterbrechung zu DDR-Zeiten, als man es dem Zerfall preisgab- in Betrieb, um die Luft im Ort zu verbessern. So kann man mitten in Sachsen, zwischen Rübenfeldern und Autobahnen, salzhaltige Luft  atmen.

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Das beschwingt, wie wir anschließend an carodame bemerken durften. Denn gut gelaunt versicherte sie uns auf der Heimreise, stets auf dem großen Blatt kurbelnd, dass das Tempo kein Problem sei:

Es läuft. Habe mich eingefahren.“

Vielleicht lag es aber auch einfach nur an der Currywurst.

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5 Antworten zu Bitte tief durchatmen – kreuzbube fährt zur Kur!

  1. kreuzbube schreibt:

    Wir haben uns neulich, in der größten Verzweiflung, an zwei Tagen im Gondwanaland aufgewärmt. Das ist eine 16500 qm große (und 67 Mios teure) Tropenhalle des hiesigen Zoos mit allerlei Getier, in der -nomen est omen- tropisches Klima herrscht. Man läuft im T-Shirt umher oder liegt im Liegestuhl mit leckerem Kuchen von Marché.

    Kuranlagen und -parks mag ich aus irgendeinem Grund sehr, obwohl dort stets so ziemlich alles verboten ist, außer scheintot auf einer Bank zu sitzen. Aber die Parkanlagen mit dem (demnächst) gepflegten Grün und den (demnächst) blühenden Bäumen und Sträuchern steuere ich gerne an. Ich habe für Frühjahr und Sommer schon drei, vier Ziele im Auge, die aber nicht alle mit dem Rad erreichbar sind; zumindest nicht, wenn man dort auch noch ein wenig bummeln und Zeit verbringen will.

    • mark793 schreibt:

      Mein Verhältnis zu Kuranlagen und -Parks ist in gewisser Weise ähnlich zwiegespalten wie das zum Tagebau. Die Schönheit der Anlagen kontrastiert mit dem Siechtum und den körperlichen Gebrechen derer, die dort Linderung oder Erholung suchen, und witzigerweise meinte meine Mutter dieser Tage nach ihrer Stippvisite in Bad Ems, sich dem so massiv auszusetzen ziehe sie ziemlich runter, deswegen hätte sie schnell wieder die Kurve gekratzt. Dabei ist sie selber mit 85 auch kein heuriger Hüpfer mehr.

      • kreuzbube schreibt:

        Da scheint Frau Mama aber noch munter zu sein. So eine Stippvisite mal eben nach Bad Ems macht so manch einer nicht mehr. Da kenne ich weit Jüngere, denen schon lange alles zu mühsam geworden ist und die sich in Trägheit eingerichtet haben.

  2. carodame schreibt:

    Im Kurgarten befindet sich ein sehr schönes Kaffeehaus. Gern verzehre ich an solchen Orten leckeren Kuchen, aber erstens wollte der akute Hungerast sofort abgesägt sein, sei es mit Hilfe dieser triefenden Currywurst, und zweitens gab es Bedenken, dass wir bei der noch einstelligen Temperatur aus der warmen, von umbra gekleideten Rentnern bevölkerten Lokalität wieder leichtfüßig aufs Rad zurückfinden können.

    • mark793 schreibt:

      Aus ebensolchen Erwägungen heraus habe ich mich dieser Tage in Bad Ems auch nur an der Imbissbude verpflegt und Kaffee und Kuchen im Kurambiente drangegeben. Aber die Versuchung, mich in der neuen Therme mal so richtig aufzuwärmen, war natürlich groß.

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