Singing in the rain

Let the stormy clouds chase 
everyone from the place 
Come on with the rain 
I have a smile on my face 
I walk down the lane 
With a happy refrain 
and I’m singing, 
just singing in the rain
(Singing in the rain, am schönsten dargeboten im gleichnamigen Film mit dem unvergleichlichen Gene Kelly)

***

Leipzig. 9 °C. Regen, böiger Wind. Die Frisur hält.

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Dresden, 8 °C. 120 km erfrischenden Sprühregens weiter östlich.

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Leipzig ist wahrlich eine schöne Stadt, aber Dresden ist noch einmal ein anderes Kaliber. Die direkt an den Elbufern gelegenen Brühlschen Terrassen mit dem einzigartigen Barockensemble und der wiederrichteten Frauenkirche sind stets aufs neue beeindruckend. Weil der Akku meines Telefons mit meinem Einrollen dort um 19:48 Uhr schlapp machte, gibt es statt eigener Fotos jedoch nur eine Auflistung fremder Bilder:

Tabakfabrik, ResidenzschlossSemperoper, Zwinger, Frauenkirche, Albertinum … die Bezeichnung als Elbflorenz kommt nicht von ungefähr.

Im Filmtheater Schauburg mit seinen schönen Kinosälen, mit seinen Nischen und Tischen und Stühlen und der in den Eingangsraum hineinragenden Theke, mit seinen Sälen, die nicht Kino 1 und Kino 2 heißen, sondern beispielsweise Andrej Tarkowskij Saal und Sergio Leone Saal, fand am vergangenen Samstag das einzige Bicycle Film Festival auf deutschem Boden statt. Um 20:00 Uhr sollte es losgehenen, ich stand wie schon erwähnt um 19:48 Uhr nach mehrstündiger Regenfahrt noch vor der Frauenkirche und hatte mich zu sputen, das mir bis dahin unbekannte Kino in der Dresdner Neustadt rechtzeitig zu erreichen. Die auskunftsfreudigen Dresdner Passanten waren mir dabei eine große Hilfe und die Fülle der Fahrräder rund um das Kino, wie auch der voll besetzte großen Saal ließen erkennen, dass Dresden Fahrradstadt ist.

Vor dem Eingang carodame, nach links und rechts schauend, wo der kreuzbube denn nun bleibt. Dann fahre ich ihr vor die Füße, sie nimmt mein Rad, um es ins Auto zu laden und sagt mir gleichzeitig, dass drinnen am ersten Tisch Popcorn und ein Hefeweizen für mich stünden nebst einer Tasche mit trockenen Kleidern. Und dann ging es auch schon los mit den Kurzfilmen, die diesen Tag in Kombination mit meiner Anreise besonders und kurzweilig sein ließen.

Made in Queens – 5000 Watt am Rad. Großes Kino, da wollte man den Augen nicht recht trauen.  Notebook am Lenker, Vor- und Endverstärker und bis zu zehn Subwoofer, das alles irgendwie ans Fahrrad geschraubt und mit Autobatterien gespeist. Aberwitzige Vehikel von Einwanderkindern aus Trinidad, die so ihren sound auf die Straße des New Yorker Stadtteils Queens brachten.

Als zweiter Beitrag ging Rockville von den Leipziger Filmemachern und Radenthusiasten von ertzui film ins Rennen. Im Park einer seit Jahrzehnten verfallenden italienischen Villenruine trafen sich im Jahr 2012 Cyclocrosser zu einem singlespeed-Crossrennen und die Kamera fing weniger das Rennen selbst als die glücklichen Gesichter der Teilnehmer, den morbiden Charme des Anwesens und das anschließende Beisammensein bei italienischer Küche ein.

Ein rechtes Bein. Ein rechter Arm. Kein linkes Bein, kein linker Arm. Juanjo Mendez hatte einen schweren Motorradunfall erlitten und steigt nicht nur auf sein Rad, sondern fährt auf der Bahn Rennen. Ein rundherum beeindruckender dritter Kurzfilm aus Spanien.

Ein junger Mann stirbt bei einem Unfall auf seinem Rennrad. Sein Vater sägt an einem Baum einen Ast ab, hobelt und schleift ihn, bis er das perfekte Stück Holz ist.  Sorgfältig und präzise arbeitet er „Ride on“ an der Unterseite des Holzes heraus und fügt dieses schließlich in die Holzbahn des Velodroms in Manchester ein. „Boy“ aus England war filmisch der gelungenste Streifen, hat nach meinem Dafürhalten aber ein wenig überdeutlich herausgestellt, dass da ein Junge gestorben ist und ein Vater sich seiner erinnert. Mit dem product placement hingegen konnte ich leben, das ebnete vermutlich den Weg zum Dreh im Velodrom.

Bikelordz war ein Film über die BMX-Szene in Ghana und ist heute, einen Tag später, noch immer mein Favorit des Festivalprogramms. Ich hatte ja keine Ahnung, was man mit einem Rad alles machen kann… Die Freude der afrikanischen Jugendlichen, ihr manchmal großmäuliges Bemühen, cool zu sein, die Begeisterung der Zuschauer und der Umstand, dass ohne Musik gar nichts geht, ergaben ein Gemenge, das ansteckend in Sachen gute Laune war. „If you call me for a show, I will go. No show, I will be inside my house. Cool.“ meinte einer in unnachahmlicher Weise. 

Meine Güte, die sind dort froh, wenn sie überhaupt ein Rad besitzen und wir sorgen uns um den Prestigefaktor unserer Komponenten. Weil es mir so gut gefallen hat, gibt’s zur Auflockerung einen Zusammenschnitt des gestern gezeigten Films.

In Pulse, den zweiten deutschen Beitrag des Abends, könnte ich übergehen. Angekündigt als „gut gemachter Film“ über einen Fahrradkurier, der in „eine Gemengelage aus Sex, Drogen und lästige Frauen“ hineingezogen wird, war der Film vor allem eins: mit seinen 24 Minuten viel zu lang. Ein Teil des Publikums hat gejohlt angesichts der Klischees Aneinanderreihungen Fahradkurier-Räder-Clubs-Koks-Sex hier-Sex da, von anderen kam der Zwischenruf, wie lang das denn noch dauere.

Der nächtlichen Faszination der Skylines amerikanischer Großstädte mit ihren Wolkenkratzern kann man sich schwerlich entziehen, wenn man inmitten der unzähligen Lichter mit dem Auto -teils auf mehreren Ebenen- durch sie hindurch mäandert, so wie ich das vor Jahren unter anderem in Los Angeles tat. Einmal im Jahr wird dort nachts für wenige Stunden ein Teil der Stadt für den Verkehr gesperrt, weil morgens der L.A. Marathon stattfindet. Dieses Zeitfenster haben Rennradfahrer für ein inoffizielles Rennen genutzt, das Marathon Crash Race.  Nachts in irrem Tempo mit dem Rennrad 26 Meilen durch L.A. über Sunset Boulevard, Hollywood Boulevard, Santa Monica Boulevard… Ich war begeistert von den Bildern und deshalb gibt’s die auch hier. The Wolfpack Hustle:

Sister Session, ein Kurzfilm aus Estland und der abschließende Beitrag des ersten Blocks, hat mich zunächst nicht aus der Reserve gelockt. Das mag daran gelegen haben, dass ich langsam aber sicher etwas die Konzentration verlor, Hunger hatte und einen Kaffee brauchte. Die Anreise forderte ihren Tribut. Noch ein Film über BMX, diesmal über ein paar junge Frauen? Doch dann gefiel es mir, weil die Fahrerinnen bei ihrer Showteilnahme eine solch überschäumende, unverstellte Freude und Begeisterung über gelungene Akrobatik zeigten, dass mein Anflug von Müdigkeit verging.

Den später startenden zweiten Block mit drei weiteren Kurzbeiträgen und einem 60-minütigen Film haben wir uns dann nicht mehr angesehen. Das wäre zu viel der Eindrücke gewesen. So war’s ein perfekter Tag, nicht die letzte (Rad)Fahrt nach Dresden, womöglich auch nicht der letzte Besuch im Filmtheater Schauburg.

schauburg

***

Um all den Regen in Gene Kellys berühmter Tanzszene optisch besser hervorzuheben, verwendeten die Filmemacher neben jeder Menge Wasser auch Milch, die sie auf den Darsteller herabprasseln ließen… das hätte mich gestern auch nicht gestört.
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11 Antworten zu Singing in the rain

  1. kreuzbube schreibt:

    @mark793: Gut, dass Du mich daran erinnerst, ich hatte natürlich etwas Wärmendes um den Hals, fühle mich fast schon nackt ohne Tuch oder ähnliches in diesem Bereich

  2. kreuzbube schreibt:

    Ein Nachtrag: Inmitten seiner größten Dopingskandale hat der Weltradsportverband UCI sich nicht entblödet, auf die Einhaltung seiner Regel 1.2.019 zu drängen: Kein mit einer Lizenz des Verbandes versehener Radsportler dürfe an inoffiziellen Rennen (wie z.B. den Wolfpack Rennen) teilnehmen. Solch ein Unsinn betrifft Fahrerinnen wie die nationale U23-Meisterin Bea Rodriguez, die beim Wolfpack Hustle mit Radrennen begann und auch nach Gewinnen der US-Meisterschaft gerne erneut nachts durch L.A. rasen möchte. Einfach so, zum Vergnügen. So etwas geht gar nicht, meint der Verband. Da müssen Geldstrafen angedroht werden und die Suspendierung vom Rennbetrieb.

    Wer jetzt denkt, der große Radsport sei weit weg, wir haben ein ähnliches Beispiel für verzerrte Realitätswahrnehmung der Funktionäre in unserer Region. Die Veranstalterin einer sehr schönen RTF, die BSG Lok Torgau, bekam Post von Bund Deutscher Radfahrer (BDR). Künftig müsse man sich beim Termin für die RTF an die Vorgaben des Verbandes halten und überhaupt müssten alle Vereinsmitglieder dem BDR beitreten. Ergebnis: Die RTF fällt aus, weil die Torgauer sich das nicht bieten lassen:

    „Der BDR verlangt, erstens eine Terminvorgabe seitens des BDR und zweitens, dass alle Vereinsmitglieder dem BDR beitreten. Die zweite Forderung ist mit zusätzlichen Kosten verbunden, die wir als kleiner Verein nicht gewillt sind zu bezahlen. Der Ausgleich der Kosten der Veranstaltung ist in der Vergangenheit schon eine Gratwanderung gewesen. Sponsoren werden immer weniger und Stadt und Land haben kein Interesse. Auch die erste Forderung können wir nicht akzeptieren, da wir die gesamte Organisation in unserer Freizeit durchführen und uns deshalb das Wochenende, an dem wir für den Radsport unsere Zeit opfern, schon selbst aussuchen möchten.“

    Recht haben sie.

  3. carodame schreibt:

    Ja, es gibt Spezialisten, die meinen, ab sieben Grad plus wird kurz gefahren.

  4. kreuzbube schreibt:

    Ich kann es nur wiederholen, es war gar nicht so unangenehm. Ein Frühlingstag eben, der etwas frischer war… Aber ich hatte Lust darauf zu fahren und es hat mir tatsächlich Spaß gemacht. Vor allem auf den letzten 35 km auf dem Elberadweg, der völlig leer war und den ich ganz alleine als Rennbahn nutzen konnte. Das kam mir sehr gelegen, wegen kleinerer Irrwege im Bermudadreieck zwischen Lommatzsch, Riesa und Oschatz (ich bin unter anderem zwei Kilometer über eine Wiese ohne jeden Weg gerumpelt) war ich etwas unter Zeitdruck und musste vor Meißen dann alles auf die Pedale bringen, was drin war.

    Klitschnass? Sagen wir mal, feucht. Das trifft es besser. Ich habe eine Regenjacke vom Wandern genommen und eine 3/4 Regenhose. Das hielt erstaunlich gut. Im Grunde waren nur die Füße betroffen, aber bei 8, 9 Grad friert man in der Bewegung nicht.

    Carola hatte mir zudem Schnittchen und Schokoriegel hinten ins Trikot gestopft, das hat mich gerettet. Samstag nachmittags unterwegs, da hat alles schon geschlossen. Gut, da spart man Zeit. Nur die Tanke in Meißen hat sich als Kontrollpunkt mit einem Kaffee angeboten. Da traf ich dann einen Radreisenden, der (in Bermudashorts und mit Filzhut) außer mir der einzige war, der im Regen radelte.

    • mark793 schreibt:

      Die Regenklamotten isolieren ja schon auch ein bisschen, aber 8,9 Grad finde ich schon ziemlich frisch, da bin bei trockenem Wetter ohne Regenhose eher mit langer Unterbuxe unter der langen Radhose unterwegs. Ich staune auch immer wieder, was für Spezialisten dann währenddessen mit kurzer Hose und wenns hoch kommt Langarmtrikot rumpedalieren. Ich kann mich zwar schon von innen her warmstrampeln, aber nicht, wenn mir der Wind-Chill zuviel Wärme entzieht bei zu dünnen Klamotten.

      Seit dem Verkauf des Eilpostrads sind meine Schutzbleche ja verwaist, mal gucken, was ich damit irgendwann noch anstelle…

      • kreuzbube schreibt:

        Regenjacke und Regenhose haben zum einen das Wasser, zum anderen den Wind abgehalten. Das ist mehr als die halbe Miete. Wichtig dabei ist auch, dass die oberen Schichten nicht so eng sind, sondern Luft lassen. Die Luft erwärmt sich durch die Körperwärme und bildet eine schöne Dämmschicht.

        Meine Samstagbekleidung in Schichten:

        Oberkörper:
        T-Hemd („baselayer“)
        Langarmtrikot ohne Thermofutter
        Regenjacke

        Beine:
        Lange Radhose ohne Thermofutter
        3/4 Regenhose

        Füße:
        Wollsocken mittlerer Dicke
        Winterradschuhe (Knöchelhoch mit Neoprenabschluss)
        Regenüberzieher

        Hände:
        lange Frühjahrshandschuhe ohne Futter
        Gummierte Handschuhe drüber

        Kopf:
        Regen abweisende Mütze
        Helm

        Kalt war es mir kein einziges Mal. Ganz im Gegenteil, die Temperatur empfand ich als sehr angenehm.

      • mark793 schreibt:

        @carodame: Tatsächlich hatte ich nach diversen Beobachtungen schon überlegt, ob bei manchen Leuten 7 Grad die Untergrenze markiert, ab der in kurz gefahren wird.

        @kreuzbube: Auch wenn ich mal davon ausgehe, dass Deine Regenjacke zum Wandern bisschen mehr dämmt als meine, die ich zum Radfahren benutze, denke ich, obenrum hätte ich vermutlich bisschen mehr angehabt, irgendwas mit Rollkragen für den Hals. Der ist bei mir ziemlich empfindlich. Und im Zweifelsfall komme ich bisschen zu dick angezogen besser klar als mit zu wenig an.

  5. justbiking schreibt:

    He’s a pretty tough guy! Hats off to him!
    Die eigentliche Heldentat so einer Regenfahrt besteht ja im Grunde darin, einfach loszufahren; vom Trockenen ins Nasse, vom Komfort in den Diskomfort zu wechseln. Nach ein paar Kilometern ist es dann sowieso schnuppe, da man sowieso klitschnass ist.

  6. kreuzbube schreibt:

    Noch ist nicht 2016… aber das ist schon ein dickes Ding von der Telekom, nicht wahr? Zurück in die Steinzeit. Da kommt Neandertal zu neuer Bedeutung.

    Der Regen war aber nicht schlimm. Es war mir keinen Moment lang kalt und das Wasser war nur ganz fein, wie der Sprühnebel aus einer Sprühflasche. Alles rings um mich herum war satt grün, die Magnolien und Kirschbäume blühten, da kann es auch mal regnen. Problematisch ist bei solchen Wetterbedingungen einzig, dass die Brille (ohne ist man bei Regen wohl besser bedient) beschlägt und auch das Display von Telefon oder Navigationsgerät von Tropfen überzogen ist. Das führt dazu, dass man an Kreuzungen öfters als erwünscht halten muss und sich auch mal verfährt… Mein backup, sprich das Pappkärtchen mit der Wegstrecke, war auf halber Strecke sowieso schon völlig aufgelöst.

  7. mark793 schreibt:

    Respekt für die Regentour! Die ganzen Ausschnitte trau ich mich gar nicht anzugucken – nicht dass mir die Telekom den Anschluss drosselt und mir datenmäßig den Schnitt versaut.

  8. carodame schreibt:

    Spektakuleure. Worldwide. Kurzfilmgucken macht wirklich Spaß. Bei der nächsten Reise werden die Rollen getauscht…

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