Blühende Landschaften

fürst_franz_1Es gibt Zeiten, da bin ich froh, nicht mehr im kulturellen Zonenrandgebiet West leben zu müssen.

??

Gut, ich will mal nicht so sein.

😉

Es gab Zeiten, da brachten Herrscher Landschaften zum Blühen und was da wuchs, waren keine Autobahnen, Gewerbegebiete und Windkraftanlagen. Es gab Zeiten, da war der Name des Fürsten auf immerdar verbunden mit einem Park, den er schuf und nicht mit einem Flughafen, den er zu errichten versuchte. 

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Fürst Leopold III Friedrich Franz, genannt auch „Vater Franz“, war ein Landesherr, der absolut der Meinung war, dass außer ihm niemand etwas zu sagen hat. Das war im 18. Jahrhundert so üblich und konnte für die Bevölkerung böse ins Auge gehen. Bisweilen entpuppte sich der Herrscher jedoch auch als Glücksfall. Fürst Franz, nach dem die 65 Kilometer lange Gartenreichtour in ellipsoider Form rund um Dessau benannt ist, war wohl ein Guter unter den damaligen Oberhäuptern.

dessauVielgereist war Franz ein Musterbeispiel eines aufgeklärten Herrschers.  Reformen des Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesens waren ihm ebenso ein Anliegen wie die Modernisierung von Land- und Forstwirtschaft. Unter Fürst Franz wurde Dessau zu einem Zentrum der Aufklärung und Toleranz. Die erste jüdische Zeitschrift erschien dort, nachdem zuvor schon Fürst Johann Georg im 17. Jahrhundert Juden die öffentliche Ausübung ihrer Gottesdienste erlaubt hatte. Im siebenjährigen Krieg blieb Franzens Fürstentum neutral und musste an Preußen 180.000 Taler Strafe zahlen. Dies tat der Fürst aus seinem Privatvermögen. Man stelle sich einmal vor, die Bundeskanzlerin zahlte aus der eigenen Tasche einen Beitrag zur Banken- und Eurorettung.

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In Dessau wurde 1781 die Allgemeine Buchhandlung der Gelehrten gegründet, um die Autoren von den Verlegern unabhängiger zu machen und Werke der Malerei wurden reproduziert, auf dass sie fortan nicht nur einigen wenigen zugänglich sein würden.

fürst_franz 44Unübersehbar ist für uns heutige Besucher der Region die Landschaftsgestaltung, die sich über eine Fläche von 200 Quadratkilometern erstreckt. Dort entstand eine paradiesisch anmutende Fläche mit Parks, Alleen, Schlössern, Brücken und sonstigen Bauwerken, die keineswegs der Hofgesellschaft vorbehalten waren. Die Parks waren von Anfang an für jedermann zugänglich und sollten der Bildung und Besserung der Menschen dienen. 

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Dort also waren wir gestern unterwegs. Die Fülle der Fotos musste ich erheblich reduzieren; weil es noch immer so viele sind, binde ich sie in Diashows ein. Im Dessau-Wörtlitzer Gartenreich muss man nicht gezielt nach Motiven suchen, mit verbundenen Augen ließen sich beliebig viele einfangen. Sobald man einmal auf dem Rundkurs entlang rollt, sieht es unentwegt so aus:

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Auf das Rennrad verzichtet man besser, mit dem Crosser ist man perfekt unterwegs. Asphaltierte Passagen wechseln sich ab mit Waldwegen und kurzen Kopfsteinpflaster-abschnitten. Wem es primär darum geht, eine bestimmte Anzahl von Kilometern abzuspulen, ist dort wohl nicht am richtigen Platz. Allerdings lässt es sich durchaus zügig pedalieren, wie wir das gestern getan haben. Auf den „Überlandstrecken“ hieß es jeweils (fast) volle Kraft voraus. Der Großteil der Strecke führt auf Rad- und Waldwegen entlang. Von Autos wird man auch auf den kurzen Abschnitten auf Straßen nicht behelligt.

Der etwa 15 Kilometer von Dessau entfernt gelegene Landschaftpark bei Wörlitz, selbstredend Welterbe der UNESCO, ist atemberaubend schön. Baumbestand, Anpflanzungen, Bauwerke, gar ein eigens geschaffener Vulkan, nichts wurde ausgelassen – und sollte vom Radreisenden nicht ausgelassen werden.

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Von Wörlitz aus führt die Tour über Oranienbaum. Dort begegnet uns das für die gesamte Strecke charakteristische Bild: Schloss und Park, ergänzt durch eine sehr, sehr lange Orangerie, alles Teil eines niederländisch geprägten Barockensembles.

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biberUnterwegs kreucht und fleucht es im Biosphärenreservat Mittelelbe und wir machen einen Schlenker, besuchen die Biber, die nach anstrengenden Arbeitsstunden allerdings gerade Mittagspause machen.

So setzt sich die Runde durchs Grüne fort, bis wir nach Dessau zurück gelangen. Als reichten die Eindrücke noch nicht aus, lässt sich innerstädtisch auf einer 17 km langen Schleife die Bauhaustour abfahren. 

bauhaus_7Hier schließt sich der Kreis in doppelter Hinsicht. Das Bauhaus wollte in den 20er Jahren herausragende Künstler und Architekten zusammen, die sich mit den Fragen der Modernisierungsprozesse und der Gestaltung befassten. Die Rückbesinnung auf handwerkliche Tradition, die Aufhebung der Trennung von Kunst und Produktion und die Gestaltung aller Gegenstände und Räume für eine humanere Gesellschaft waren das Ziel der Meister (der Titel des Professors wurde am Bauhaus nicht geführt) und Studierenden, die zuerst in Weimar, nach dem Umzug des Bauhauses später in Dessau wirkten. Dort arbeiteten Handwerker als „Werkmeister“ und Künstler als „Formmeister“ zusammen, um Handwerk, Kunst und Technik zusammen zu führen. Frauen durften studieren ohne dies in Frauenklassen tun zu müssen. Ein libertärer  Geist herrschte, der mit der Machergreifung durch die Nazis sein Ende fand. Das Bauhaus löste sich 1933 selbst auf, seine Protagonisten wie Walter Gropies oder Ludwig Mies van der Rohe emigrierten in die USA. Ohne Bauhaus ist kaum etwas von dem denkbar, was uns heute als Gegenstände des täglichen Lebens begegnet und wenn man es nicht weiß, ist an oft verblüfft, was in den 1920 Jahren bereits entstand oder zumindest seine Vorlage fand.

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bauhaus_18Das im Souterrain Bauhausgebäudes gelegene Café war auch gestern der folgerichtige und immer wieder gern gewählte Schlusspunkt unseres Ausflugs. Meine Empfehlung nach körperlicher Ertüchtigung: Das Arbeiter- und Bauernfrühstück.

Drei Wochenenden mit Radtouren voller nachwirkender Bilder liegen nun hinter mir. Es wird Zeit, ein wenig durchzuschnaufen und als Intermezzo Normalität im Sattel einkehren zu lassen. Immer nur Highlights, das kann auch zu viel des Guten werden.

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7 Antworten zu Blühende Landschaften

  1. Pingback: Trödelradeln vom Feinsten … was für ein Start in’s Pfingswochenende | anjasblog.com

  2. kreuzbube schreibt:

    Die Tour war wirklich sensationell. Dürfte ich Landschaft entwerfen und müsste nur auf Berge verzichten, dann sähe das bei mir wohl so aus wie gezeigt. Aber was soll ich sagen, das für dieses Wochenende angedachte Routineprogramm mit dem Rad wurde schon wieder gekippt – es gab schon wieder Schlösser, ein Kloster, eine Basilika… 😉 Alles im Grünen gelegen und ohne störende Gewerbegebiete nach hessischem Muster… aber auch ohne autogerechten Tausendfüßler. Es gibt diesmal nicht ganz so viele Fotos, aber ich werde mir noch einen kleine Artikel einfallen lassen.

    Den Rhein bekommt man aus mir dennoch nicht heraus. Ich habe ja lange genug dort gelebt, bin darauf herum geschippert, darin geschwommen und habe bei der Arbeit auf vorbeiziehende Schiff geguckt.

  3. cut schreibt:

    Immer nur Highlights! Toller Beitrag! Ich jückel hier leider ganz unspektakulär durch die Gegend. Glücklicherweise aber am Rhein. 😉

  4. kreuzbube schreibt:

    Die Krapfen! Ich habe die Krapfen vergessen. Fährt man in Wörlitz durchs Tor „Zum Eichenkranz“ und dann einige hundert Meter weiter, dann stößt man an der Weggabelung auf eine unscheinbare Bäckerei. Dort gibt’s mit Quark und Rosinen gefüllte Krapfen, die ein Gedicht sind.

    Krapfen

  5. carodame schreibt:

    Mittelelbe
    Da ist ein Grün der Auen und Wälder – grell wie der Löwenzahn, der als gelbes Band die Wiesenwege säumt. Man ist geneigt, diese Farbüberteibung im Photoshop zu korrigieren. Aber alles echt. Wie der Glühwein (im Mai!) auf einer halbkreisförmigen Miniburg. Der Kopf wie eine Feder, die Beine doch auch ein wenig schwer am Ende dieses frohen Tages.

  6. kreuzbube schreibt:

    Die Kaisersäule nehmen wir selbstredend außer Konkurrenz mit. (Für die Leser: Diese beiden Kommentare hatten gestern noch einen Bezug zum Text, nach der heutigen Überarbeitung nicht mehr)

  7. don ferrando schreibt:

    Wir haben hier keinen Bismarckturm, sondern eine Kaisersäule.
    Leider muß einige Tage an den Rhein und danach darf ich einige Tage nach Tuscien.
    Danach radle ich mal zur Säule und poste dann ein Photo!

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