Der Fetischist

„62 Kilo häuslicher Gewalt, wenn er denn noch ein Sozialleben hätte“ (Achim Achilles)

Unlängst hat es hier in Leipzig beim Jedermannrennen wieder gekracht. Gruppenstürze, Verletzte, darunter ein Bekannter mit Schulterbruch und anschließendem mehrwöchigem Verdienstausfall.

In Berlin das Gleiche: Dort begab sich der Läufer Achim Achilles unter Hobbyradsportler und was erlebte er beim dortigen Velothon: Mit den Fäusten auf die Brust trommelnde Männchen. Uga-Uga! Karbon und Knochen flogen umher, dass es nur so splattatterte, um Helge Schneider zu bemühen. Für Achilles war das Anlass zu einer kurzen Typifizierung der von ihm etwas ungläubig erlebten Pedaleure, die von Alfons, dem Angeber bis zu Lars, dem Legionär reichen. Auf seinen Artikel machte mich justbiking aufmerksam und und mit einer prompten Erweiterung der Typologie durch mich gerechnet. Damit kann ich dienen: Der FetischistIch greife in meinen Blog-Fundus zurück, hatte ich doch in der Vergangenheit bereits psychologisiert (Dank an Peter K. aus Z.):

ba_1Nach gängiger psychologischer Anschauung ist der Fetisch immer grösser ist als das Individuum. Der Fetisch ist ein Objekt oder eine Idee, die alles sein kann. Es geht um den Zugang zum Grandiosen, dem Glanz im Selbstgefühl. Der Fetisch besitzt keine Qualität an sich, sondern verweist auf ein Set, das regelmäßig aufgesucht und repetiert werden muss. Sonst würde der Fetisch entleert. Er ist ein Mittel zur Erhaltung ungerichteter Triebhaftigkeit, der psychologische Haushalt wird verändert, Mankos mit künstlichen Pfropfen aufgefüllt. So bleibt die Organisation des täglichen Le­bens wei­terhin konstant.

Der Fetischist fährt nicht nennenswert Rad, zum Fahren ist so ein Fahrrad schließlich nicht da. Für seine Bedeutung als Fetisch ist es ohnedies nicht erforderlich, dass es gefahren wird. Wichtig ist das Kaufen und Besitzen, und das Kaufen und Besitzen, und das Kaufen und Besitzen, und … denn der Fetisch muss immer wieder neu aufgeladen werden.

ba_3Zentrale Reliquie der Sammlung des Fetischisten ist ein Original-Mozzarelli aus dem Jahre 1952.  Zwar hat Luigi Mozzarelli die eigene, von seinen Eltern früh als hoffnungslos erkannte Karriere als Radsportler mit erreichen des zwölften Lebensjahres eingestellt, und auch die beiden später von ihm im väterlichen Hühnerstall zusammengelöteten Fahrradrahmen fanden keinen Weg ins Renngeschehen. Doch hat Mozzarelli, so weiß der Fetischist zu erzählen, im Sommer 1942 einmal für einige Wochen gemeinsam mit Ernesto Colnago die Werkstatt bei Legnano gefegt und erhielt dabei einen aufmunternden und anerkennenden Klaps auf die Schulter von keinem Geringeren als dem noch jungen, späteren Giro d’Italia Sieger Fiorenzo Magni.

Als Caféracer versägt der Fetischist ab und an ein Kind auf seinem Tretroller, erlebt dabei aber auch die eine oder andere Schmach. Unterwegs erzählt er, zumindest so lange die Luft dafür noch reicht, anderen gerne, dass er zu Hause noch ein Mozzarelli (NOS!) hat und stört sich nicht an dem ihm entgegengebrachten völligen Desinteresse.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

14 Antworten zu Der Fetischist

  1. kreuzbube schreibt:

    Wiki dampft auch nicht mal eben Jahrzehnte der akademischen Ausbildung und Beschäftigung mit diesem Thema in ein paar Sätzen wie dem obigen zusammen, wie das ein Freund von mir mir nichts dir nichts getan hat.

  2. kreuzbube schreibt:

    Ja und nein. Dazu bräuchte man weitere Informationen. Der Fetischist wird sich in den meisten Fällen wohl nicht damit zufrieden geben, dass er viele Bücher hat. Er wird stets Erstauflagen lesen und Raritäten aufspüren und er wird nie damit aufhören können.

    Da der Fetisch allerdings alles sein kann, kann es auch ganz anders sein. Möglicherweise sammelt der Fetischist komplette Reihen an sich wertloser Groschenromane zusammen, die in ihrer Gesamtheit aber wieder den Fetischcharakter erfüllen – solange der Fetischist kleiner ist als sein Fetisch. Erkennst Du Dich darin tatsächlich wieder? Ich zweifle.

    • Rebekka. schreibt:

      Ok, ich diversifiziere: Mein Fetisch ist das prall gefüllte Bücherregal. Also hauptsache VIELE Bücher. Und SCHÖN müssen sie sein; haptisch attraktiv auch, wenn es geht. Daher tue ich mich trotz Vielleserin immer noch so schwer mit einem eReader…

      [Allerdings gab mir wiki auch keinerlei praktischen Handhabungshinweis für dieses schwerwiegende Wort, „Fetischist“…]

  3. Rebekka. schreibt:

    Daraus folgt: Rebekka ist eine Bücherfetischistin.
    q.e.d.

  4. justbiking schreibt:

    Och, jetzt hast Du uns aber einen tiefen Blick in Innere gewährt. Erinnerst Du Dich, einmal vor längerer Zeit, habe ich Dich als die Heidi Klum des Radsports bezeichnet. Da hat einfach alles gestimmt, alles war perfekt aufeinander abgestimmt. Die Farbe des Laufrads zum Dress, das Lenkerband zu den Socken, die Schuhe zur Farbe des Rahmens usw. Selbst die Eloxierung der Bowdenzugsabschlussklemme findet sein Pendant in der entsprechenden Farbe der Naben. Kein Zufall – der pure Drang zur Individualität. Meine Frau, auch wenn sie herzlich wenig vom Radfahren versteht, hätte ihre helle Freude an diesem Anblick.
    Nein, mit Radfahren hat das natürlich nichts zu tun, könnte man meinen. Stimmt aber nicht! Jetzt stellt Euch doch nur mal vor, er würde auf einem dieser Massenräder durch die Landschaft kurbeln müssen…aus dem Kreuzbuben würde der gekreuzte Bube werden.

    • kreuzbube schreibt:

      Man glaubt ja gar nicht, wie anspruchsvoll die Rolle als kreuzbube angelegt ist. Ich kann nicht einmal mehr einen beliebigen Weg entlang fahren. Gestern in Thüringen beispielsweise, roter Teppich, kreuzbuben style:

      Mit den Schuhen hast Du jetzt aber was angerichtet. Ich habe ja nur ein schwarzes Paar …

  5. fritz_ schreibt:

    Wisst ihr was? Aus Sicht eines quasi Baumarktfahrrad-Fahrers wie es ich bin, seid ihr alle ziemliche Fetidingsda, -schissten!

    • kreuzbube schreibt:

      Ganz recht, werter fritz! Die Saat ist schnell gelegt und geht auch in Dir schon auf… (was wurde eigentlich aus dem herrlich grünen….?)

      Nicht auszudenken übrigens, ich würde mich selbst bei meinen Geschichten ausnehmen. Dann würde ich ja mit dem Zeigefinger auf andere deuten.

      • fritz_ schreibt:

        Tatsächlich ein schönes Rad. Ich hab reiflich überlegt, weil meine Farberwartungen für ein Alltagsrad etwas Gedeckteres vorsehen, das Rad war in 1978er Trabant-Cliffgrün. Das liegt in Sachen Dezenz zwischen Feuerwehrauto und Postauto.

  6. cut schreibt:

    Schöne Typifizierung. Und gleich was gelernt. Demnächst gehe ich nur noch im Biel-Trikot an den Start!

    • kreuzbube schreibt:

      Ich habe seit Wochen den „Laufzausel“ im Hinterkopf. Sein Pendant findet man unter Radler meist auf obskuren Liegerädern bei Langstreckenveranstaltungen. Leider wollte nicht mehr aus der Feder fließen.

  7. donferrando schreibt:

    Ja,
    so habe ich es auch aufgefasst und bin mächtig stolz.

  8. kreuzbube schreibt:

    Weil das Bild so schön war, hab ich es gleich gemaust. Meine Art der Würdigung. Ich greife hier ja schließlich nicht alles und jeden auf.. ,-)

  9. donferrando schreibt:

    Wie, was?!
    Das Bild mit dem Tretroller stammt von mir!
    Leistungsschutzrecht, Copyright etc!
    😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s