Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein

hierbinichmenschWenn man, wie wir, denn drunter machen wir’s ja nicht, von Weltkulturerbe zu Weltkulturerbe reist, dann beweist sich erneut das Querfeldeinrad als das bessere Rennrad. Die schönsten Wege sind nicht für den Renner gedacht, sondern folgen Pfaden, auf denen etwas breitere Pneus den Reisenden gesteigerten Komfort versprechen.

panaracer paselaMein Favorit unter den 28 mm breiten Reifen ist nach ausgiebigen Erprobungen der Panaracer Pasela. Die Seitenwand ist schön geschmeidig und so rollt es sich auf ihm trotz 6 bar Druck auch dahin. Schick sieht er zudem aus – wenn man ihn als Schönwetterreifen fährt. Nicht, dass die Fahreigenschaften im Regen schlecht wären, das nicht, aber über die schönen, naturfarbenen Flanken zieht sich bei Regenfahrten leider im Nu ein hässlicher, grauer Schmierfilm.

vittoria cross xnWer es mit 32 mm etwas breiter mag, greift zum Vittoria Cross XN. Der ist als Semislick auf jedem trockenen Untergrund richtig schnell und während es den Rennradler auf den vielen hiesigen Kopfsteinpflaster-abschnitten richtig durchrüttelt, bügelt man mit den Crossreifen zügig darüber hinweg. (Das Kürzel „Pro“ steht bei den meisten Crossreifen für die Faltreifenvariante: Sie lassen sich zum Transport zusammenfalten, und sind leichter als die normale Ausführung als Drahtreifen.)

saale-unstrut_2

Aber das nur am Rande. Wie eingangs bereits zu erkennen war, war Weimar das Ziel unserer Sturm und Drang-Reise. Der Weg führt von Leipzig aus über Naumburg mit der es umgebenden Fluss- und Kulturlandschaft. Diese schickt sich mit dem Naumburger Dom, den wir in diesem Blog schon besucht hatten, an, als Unesco-Weltkulturerbe anerkannt zu werden. Von Naumburg aus gelangt man durch die dortigen Weinbaugebiete auf dem Saale-Radweg zum Ilm-Radweg, welcher dann bis nach Weimar führt.

saaleck_1

Zunächst gilt es jedoch die Rudelsburg zu erklimmen und dort steigt und steigt und steigt der „Radweg“ an, bis er schätzungsweise 20 % steil ist. „Radweg“ heißt in diesem Fall, dass der Untergrund aus losem Schotter und Spurrinnen besteht, bis dann der Fels auf den letzten Metern den Weg ähnlich den Wurzeln eines mächtigen Baumes quert. Also wird das Rad geschultert und plötzlich steht man vor diesem monumentalen Relief:

kriegsopferdenkmal

gefallenenehrenmalEs handelt sich -mal wieder- um ein Denkmal für Kriegsopfer, in das ursprünglich eine Bronzetafel mit einem schmissig-pathetischen Text für die Gefallenen eingelassen war.  Wie so oft, hat man in der DDR kurzen Prozess gemacht und Bilderstürmern gleich die Tafel heraus geschlagen. Selbstverständlich, der Gedenktext ist ein aufgeblasenes Geschwurbel, das steht außer Frage. Aber wie will man denn erfahren, wie die Menschen damals getickt haben, wenn solche Sachen einfach zerstört werden? 

An der Rudelsburg und an Burg Saaleck vorbei fährt man die Ilm abwechselnd zu ihren beiden Ufern entlang. Etwa 20 km vor Weimar kann man einen Abstecher nach Apolda machen, wenn man unbedingt das Dobermanndenkmal sehen möchte. Andernfalls spart man sich diesen Schlenker lieber. Die Streckenführung wird nicht schöner, auf dem Ilm-Radweg zu bleiben ist die bessere Wahl.

dobermanndenkmal_2Aus Apolda kommt, und deshalb haben wir den Umweg gemacht, der Dobermann, benannt nach Herrn Dobermann, seinem Schöpfer und Namensgeber. Herr Dobermann war unter anderem Nachtwächter und Steuereintreiber in Apolda und dachte sich, dass es keine schlechte Sache sei, bei den Dienstgeschäften einen patenten Hund an der Seite zu haben. Er nahm sich einige ihm geeignet erscheinende Hunde und verpaarte sie miteinander, bis er das gewünschte Ergebnis erzielt hatte. Die Hunderasse Dobermann war geboren, ein Mischling reinsten Wassers, wie es zu Beginn jeder Rassehund ist. Der Dobermann sah allerdings noch anders aus als heute, das typische Erscheinungsbild dieses Hundes setzte erst mit der „Veredelung“ der Rasse ein. Beim Dobermann wie bei anderen Hunderassen auch bildeten sich nämlich recht bald Verbände für das Zucht- und Hundewesen, die genau vorschrieben, wie der Hund auszusehen habe. Wich sein Erscheinungsbild von den Vorgaben ab, durfte er sich nicht fortpflanzen.

dobermanndenkmalDie lange Zeit für sein Erscheinungsbild typischen hochstehenden, spitzen Ohren hat der Dobermann natürlich nicht von Geburt an. Die Ohren bekam er als Welpe abgeschnitten und dann nach oben geklebt. Teils verwendete man übergestülpte Joghurtbecher und ähnliche Gegenstände, um seinen Ohren die verbandsseitig vorgeschriebene Form zu verpassen. Heutzutage ist das Kupieren der Ohren wie auch der Rute in der EU verboten. Sieht man heute noch einen Dobermann mit spitzen Stehohren und einem Stummel statt einer Rute, dann stammt er vermutlich aus Osteuropa, aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawien. Im Dobermannbesitzer muss man in einem solchen Fall nicht automatisch den Tierquäler vermuten, bisweilen gelangen die Hunde über Auffangstationen und Tierheime an ihre neuen Halter, die überhaupt nichts für die Verstümmelungen können.

goethe_schillerUnd dann Weimar. Ein Ort, an dem ich immer wieder gerne bin und ein Ort, an dem ich so viel fotografieren könnte, dass ich erst gar nicht damit anfange, diesen Beitrag umfangreich zu bebildern. Weimar ist natürlich untrennbar mit der deutschen Klassik, mit Schiller, Goethe und Herder verbunden und wuchert mit diesen Pfunden. Da stehen Denkmäler an jeder Ecke und selbst Kaufhäuser tragen dort den Namen der Dichter und Denker. Beim letzten Besuch konnte ich dort in einer Ausstellung gar ein Werk des Pop Skurrilisten Prieditis erstehen! Weimar ist aber auch Gründungsort des Bauhauses und nicht zuletzt die Geburtsstätte der ersten deutschen parlamentarischen Republik, die daher ihren Namen trug.  

weimar_1Besucht Weimar! Schlendert durch die Stadt, schlendert an Goethes Gartenhaus vorbei durch den Park an der Ilm, schaut den Schafherden zu, die dort als Landschaftspfleger tätig sind und den Rasen kurz halten  – und dann, nachdem ihr diesen etwa 40 ha großen und seit dem 18. Jahrhundert in seiner ursprünglichen Form erhaltenen Park gesehen habt, dann werdet ihr kaum glauben können, welche räumlichen Ausdehnungen jenes Weltkulturerbe hat, von dem ich als nächstes berichten werde.

gartenhaus

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2 Antworten zu Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein

  1. kreuzbube schreibt:

    Die fehlende Zeit zum Abbiegen kenne ich nur zu gut. Wenn ich zu Beispiel mal in Frankfurt bin und Freunde aus Mainz meinen, ich solle doch bei der Gelegenheit zwischendurch mal kurz vorbeikommen. Das sind zwar nur 30 Autobahnkilometer, aber mit den Fahrten durch die Innenstadtgebiete und Parkplatzsuche vergeht dann so viel Zeit, dass ich solche Schlenker im Tagespensum kaum noch einbaue. In meinem Falle kommt noch hinzu, dass ich immer weniger eine Auto fahre, was eine interessante Entwicklung ist, nachdem das früher auch schon mal 50.000 km im Jahr waren.

  2. mark793 schreibt:

    Weimar hat was. Hatte vor Jahren auf einer Heimfahrt von der Leipziger Messe mal die spontane Eingebung, dort vorbeizuschauen. Würde gern nochmal wiederkommen mit mehr Zeit im Gepäck. Aber es hat sich nicht ergeben (auch nicht, vorgestern beim Kreuz Rippachtal in Eure Richtung abzubiegen, als ich die Kleine im Harz abholte vom Tegernsee kommend).

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