Sex, Lügen und Lenkerband

Am 29. Mai 1965 steht Jacques Anquetil um 17:00 Uhr erschöpft auf dem Podium, nachdem er gerade einen hart erkämpften Sieg beim prestigeträchtigen Criterium du Dauphiné Libéré, einer achttätigen Rundfahrt, errungen hat. Anschließend steigt er in den Ford Taunus seines Teams, der ihn ins Hotel bringt, wo er ein Bad nimmt und Hackbraten, Camembert und Erbeertorte mit zwei Flaschen Bier herunter spült. Dann lässt er sich zum Flughafen in Nimes fahren und fliegt nach Bordeaux.

Dort wartet Anquetil um zwei Uhr nachts des 30. Mai 1965 auf den Startschuss zum längsten aller Eintagesrennen, dem Klassiker Bordeaux-Paris über 567 km.  Nach einigen Stunden Fahrt durch die regnerische Nacht drückt Anquetil morgens seinem Mechaniker sein Rad in die Hand und gibt das irrsinnige Unterfangen auf. Mit wüsten Beschimpfungen setzt ihm daraufhin sein sportlicher Leiter Raphaël Géminiani zu, so heftig und so lange, bis sie den erhofften Effekt haben. Anquetil setzt sich wieder auf sein Rad, nimmt das Rennen erneut auf und fährt schließlich mit einer Gesamtzeit von 15 Stunden und drei Minuten als Sieger über die Ziellinie.

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Bis zum diesem Tag war Jacques Anquetil schon längst der erfolgreichste Radsportler, den Frankreich je hervor gebracht hatte. Als erster hatte er fünf Mal die Tour de France gewonnen, zwei Giri d’Italia und die Vuelta, den Stundenweltrekord aufgestellt und unzählige weitere Rennen gewonnen, darunter unglaubliche neun Mal den Grand Prix des Nations, über Jahrzehnte hinweg das bedeutendste Zeitfahren im Radsport.

Anquetils Karriere war eine der Superlative, es gab für ihn nach 1964 kaum eine weitere sportliche Herausforderung. Im Quartett des Radsport ist er einer der unbestrittenen Großen: Coppi, Anquetil, Hinault, Merckx. Man sollte meinen, so einer sei der Volksheld seiner Landsleute gewesen, in so einen müssten die Radsportfans verliebt gewesen sein. Doch erst das aberwitzige Unterfangen des Doppelsiegs beim Dauphiné und nur Stunden später bei Bordeaux-Paris, ließ Begeisterungsstürme folgen. Denn Jacques Anquetil war nicht volkstümlich, er war keiner, dem die Massen auf die Schultern klopften und keiner, der sich von den Massen auf die Schultern klopfen ließ.

Eine Liebe zum Radsport ließ sich Anquetil, dessen Eltern Bauern waren und Erdbeerfelder bestellten, auf denen er das Geld für sein erstes Sportrad verdient hatte, nicht entlocken. Radrennen zu fahren war für Anquetil eins: Die Gelegenheit, Geld zu verdienen, sehr viel Geld zu verdienen, und daraus machte er keinen Hehl. Radfahren war seine Arbeit, eine Arbeit, die ihn reich machen sollte. Von seiner Tochter Sophie später danach befragt, ob er denn das Radfahren nicht geliebt habe, antwortete er:

„Not for one second and entirely, for my whole life. The bike is a terrible thing that drives you to make excessive efforts, inhuman efforts. It takes a racing cyclist to understand what it means to hurt yourself on a bike.“

Anquetil fuhr für Geld und brachte das auch klar zum Ausdruck. Eine Anekdote beleuchtet das:

Nachdem Anquetil den Grand Prix de Lugano bereits sechs Mal gewonnen hatte, sollte er auf Wunsch des Veranstalters beim nächsten Mal den Italiener Baldini gewinnen lassen.  Anquetil stimmte zu, bestand aber darauf, sein -verdoppeltes- Antrittsgeld vor dem Start zu kassieren. Anschließend verlangte er von Baldini dessen Antrittsgeld, ebenfalls im Voraus, wenn er ihn gewinnen lassen sollte. Baldini war einverstanden. Anquetil kassierte, fuhr los – und gewann den Grand Prix de Lugano zum siebten Mal.

Anders als Hobbysportler, die freiwillig sehr lange und sehr weit fahren, ohne einen Cent dafür zu bekommen, hatte Anquetil auch bei seinem Training ein striktes Limit. Drei Stunden, oder 120 km, dann war Schluss.  Anquetil trainierte hart und intensiv, aber längst nicht über Entfernungen hinweg, die heute von vielen abgespult werden. Im Lichte seines sportlichen Alltags, der immensen Anzahl von absolvierten Rennen, wird dies neben seiner Haltung zum Radsport als Berufsausübung verständlich. Anquetil hat dazu und auch zum Thema Doping kein Blatt vor den Mund genommen. Es solle doch bitte keiner glauben, dass er Bordeaux-Paris mit Zucker gewinne, sprach er frank und frei aus, was Sache war.

„You have to be an imbecile or a hypocrite to imagine that a professional cyclist who races 235 days a year in all weathers can keep going without stimulants.“

In heutigen Zeiten, in denen Forderungen nach verschärften Altersfreigaben für Filme, in denen geraucht wird laut werden, erscheint es nahezu undenkbar, dass ein Spitzensportler auf jeglichen Vorbildcharakter pfeift. Anquetil war kein Mönch und hielt nichts von asketischer Lebensweise. Er genoss Essen und Trinken und weil er wusste, was er seinem Ruf schuldig war, hat er für die Reporter direkt vor wichtigen Rennen den Stoff für die nächste Zeitungsausgabe geliefert und mit Champagner, Zigarette und mehrgängigem Menü posiert, begleitet von markigen Aussagen, dass das der Stil Anquetil in der Vorbereitung auf ein Rennen sei. Bis zu seinem Karriereende änderte sich seine Haltung zu seinem Beruf nicht:

„I still have a furios desire to race, but I never do it just for pleasure. Pure, unadulterated amateurism is a chimara. I doesn’t exist. It can’t exist, and everybody knows it. Why this hypocrisy is tolerated, I don’t know.“

Unnötig zu erwähnen, dass er sich nach seiner Karriere nicht mehr aufs Rad setzte. Die echten Skandale jedoch folgten nach dem Ende seiner Laufbahn. Anquetil, schon lange mit der ehemaligen Frau seines Arztes liiert, wünschte sich ein Kind, das seine Frau nicht mehr bekommen konnte. Anquetil bekam sein Kind – die Mutter dieses Kindes wurde die 18 Jahre alte Tochter seiner Frau aus erster Ehe, seine Stieftochter Annie. 12 Jahre lang lebten er und die beiden Frauen zusammen in einer Dreierbeziehung. Als Annie aus diesem Leben schließlich ausbrach, als die ménage à trois zerbrach, reagierte Anquetil auf seine Weise. Er ging eine Beziehung mit der Ehefrau seines Stiefsohns ein, mit der er fortan zusammenlebte.

Jacques Anqeutil trat so ab, wie er stets aufgetreten war. Schwer an Krebs erkrankt und dem Tode nah, wollte er von einem Freund und von Bernrad Hinault, dem einzigen französischen Radsportler, der ihm in seinen Erfolge ebenbürtig war, nicht im Krankenhaus besucht werden. Stattdessen ludt seine Frau in das von den Anquetils bewohnte Schloss ein. Anquetil ließ sich mit dem Krankenwagen von der Klinik nach Hause fahren, wo ihn die Krankenpfleger die Stufen zur Eingangstür hinauf trugen. Dann durchschritt er, als sei nichts gewesen, die Flügeltür und begrüßte die Anwesenden. Mit ihnen zusammen schaute er sich -die Kanüle für das Schmerzmittel im Arm- ein Rugbyspiel an, bis er in der Pause verkündete,  nun gehen zu müssen, weil man in der Klinik auf ihn warte.  Acht Tage später starb Jacques Anquetil im Alter von 53 Jahren.

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Alle Zitate sind der 2008 erstmals erschienenen Biografie Sex, Lies and Handlebar Tape von Paul Howard entnommen, einer weiteren Empfehlung für die Disziplin, in der der kreuzbube aktuell Großes vollbringt: Stundenlanges, regloses Herumlümmeln auf dem Sofa. Sex, Lies and Handelbar Tape, der  Titel ist Programm und kommt, wie es sich für eine Biografie gehört, ohne blinde Bewunderung des sportlich und finanziell erfolgreichen Anquetil aus.

(Am Rande: Auch Rudi Altig, einige Zeit im gleichen Team wie Anquetil fahrend, mit ihm befreundet und wie er an Magenkrebs erkrankt, erhält im Buch einigen Raum.)

Im Netz: The Impossibe Double

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3 Antworten zu Sex, Lügen und Lenkerband

  1. crispsanders schreibt:

    erstaunlich ist wieviel auch aktuelle Literatur um Anquetil keine deutsche Übersetzung erfährt. Als Zeitgenosse des damals durchaus sehr populären Rudi Altig wäre da ja eine mögliche Brücke. Anquetil tout seul ist hier das Buch, das ich jedem empfehle.

    • kreuzbube schreibt:

      Der Rudi Altig wurde hier 2012 lautstark gefeiert, als er bei den Deutschen Meisterschaften die Tribüne an der Zielgeraden betrat. Geschichten wie die von Anquetil verkaufen sich aber wahrscheinlich nicht so gut in Tagen, wo man lieber glattgebügelte Erfolgsgeschichten verfasst, die ohne größere Brüche und tiefere Abgründe auskommen. Anquetil war das absolute Gegenteil eines Vorbilds für die Jugend und taugt nicht mal zum Idol und Sympathieträger jener, die sich ein Blut, Schweiß und Tränen-Arbeitsethos auf dem Rad verordnet haben. Er hat ja mehr als deutlich gemacht, dass er sich nicht zum Spaß auf dem Rad abplagen würde.

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