Gewerkschaftliches Radfahren

„Oder ein anderer Witz, der gefällt Ihnen bestimmt. Ein hochrangiger israelischer Militär sucht eine Sekretärin.“
„Ich will das nicht hören.“
„Was wollen Sie dagegen machen? Er sucht eine Sekretärin.“
„Ich will es nicht hören.“
„Und er fragt die erste Bewerberin: Wie viele Anschläge schaffen Sie pro Minute?“
Carl schloss die Augen, drehte den Kopf hin und her und machte: „Lalalala.“ (Wolfgang Herrndorf, Sand)
***

Tarifrunde 2014 mit dem kreuzbuben:

1) 1000 km weniger bei vollem Leistungsausgleich!

2) Weitere Forderungen in 2014: Je Kilometer Radfahren eine Seite lesen.

Derzeit hat die Lektüre noch einen Vorsprung:

Sand, von Wolfgang Herrndorf, 472 Seiten. Wolfgang Herrndorf hat sich am 26. August nach schwerer Erkrankung 2013 erschossen. Das ist für ihn tragisch, und wir müssen fortan mit den wenigen Büchern auskommen, die er geschrieben hat, ohne jede Hoffnung auf mehr. Sand erzählt die aberwitzige Geschichte von einem, der das Gedächtnis verliert, dem aber keiner glaubt, dass er das Gedächtnis verloren hat. Ob er nun Extremist ist, Terrorist oder Spion und zu einem Geheimdienst gehörend, das weiß weder er selber noch wissen das Extremisten, Terroristen und Geheimdienste (der Leser bleibt auch lange Zeit im Unklaren, wer da wer ist) so recht. So wird er, dem eine undurchschaubare Blondine den Namen „Carl“ gibt, denn entführt, hierhin und dorthin geschleift, geschlagen, misshandelt und gefoltert, weil ihm schlichtweg keiner glaubt, dass er das tatsächlich Gedächtnis verloren hat und wirklich nicht weiß, wer er ist und was er treibt. Ohnehin werden da ständig jedem in grotesker Weise Fragen entweder gar nicht und allenfalls mit Gegenfragen beantwortet, so dass man es schon fast mit der Wut bekommt, dass doch endlich mal einer dem anderen zuhören und antworten möge. Abgerundet wird das Szenario mit einer Aussteigerkommune und mit bescheuerten und/oder korrupten Polizisten und Politikern sowie einer Band, die womöglich ebenfalls nicht das ist, was sie zu sein scheint. Angesiedelt ist die Geschichte in Nordafrika zur Zeit des Überfalls auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München 1972.

„Und da wiederholten sie ihre Frage, wie er heiße, und er sagte, er wisse es nicht, und sie gaben ihm Stromschläge. Er sagte, sein Ausweis laute auf den Namen Cetrois und sie gaben ihm Stromschläge. Er sagte, er heiße möglicherweise Adolphe Aun oder Betrand Bédeux, und sie sagten, er heiße nicht Adolphe Aun und auch nicht Betrand Bédeux und Cetrois schon gar nicht und gaben ihm Stromschläge. Er erfand Namen und Geschichten, und wenn er genügend Stromschläge bekommen hatte, erfand er andere Namen und Geschichten, und er bat sie, damit aufzuhören, und schrie zwischendurch alles heraus, was er über sich wusste, in der Hoffnung, dass sie seinen guten Willen erkannten, sein ganzes Leben von der Scheune angefangen bis jetzt und sie gaben ihm Stromschläge. Sie sagten, das sei nicht das, was sie wissen wollten, und wiederholten Frage eins, und Frage eins war die Frage nach dem Namen, und er sagte, sein Name sei Carl Gross. Und sie gaben ihm Stromschläge.“

Sand habe ich verschlungen und zu gerne hätte ich erfahren, welche Geschichten Herrndorf im Laufe eines langen Lebens noch ersinnt. So bleiben uns neben Sand und dem bereits begeistert von mir empfohlenen Tschick sowie dem Erstlingswerk Plüschgewitter nur die vom kreuzbuben dem Bücherfreund ebenfalls ans Herz gelegten Kurzgeschichten in Diesseits des van Allen Gürtels.  Wer lesen möchte, wie einer seinem eigenen Tod entgegen schreibt, kann das online tun oder die Druckausgabe von Herrndorfs Blog erwerben. Aber Obacht, das ist schwer verdauliche Kost.

3) Zurück zu den Lebenden. Je 1000 km auf zwei Rädern gehört ein Bild an die Wand. Vorschuss: Cycliste von Eric Prieditis, Aquarell auf Kaffeefilter Büttenpapier, nach der Zeichnung „Sportzigarette“. 

cycliste

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16 Antworten zu Gewerkschaftliches Radfahren

  1. Rebekka. schreibt:

    Ad 2):
    Ich schließe mich an: In der Tat alles wunderbare Literatur, was von Wolfgang Herrndorf bleibt. Und zu wenig, aber immerhin! Ich war/bin genauso begeistert wie du.

    Und mein Leseziel lautet: mindestens 40 Bücher in 2014, was bei einer durchschnittlichen Seitenzahl von 4oo pro Buch [extra hoch gegriffen] für mich maximal [nur!] 4h/Woche bedeutet. Ist wohl zu schaffen.

    • kreuzbube schreibt:

      Bücher werden ja seit Jahren tendenziell eher dicker als dünner, wie mir scheint. Ich freue mich stets, wenn mal einer mit 200 Seiten auskommt, weil auf den Punkt kommt. Außer im Urlaub, da ist es das Schlimmste für mich, wenn noch ein paar Tage übrig sind, aber kein Buch mehr.

      Was mir jüngst auch gut gefiel: „Die Fakultät“ von Pablo de Santis

  2. kreuzbube schreibt:

    fritz, man kann mir nicht nachsagen, nicht zu Fuß zu gehen. „Fußfreak“ ist aber wohl anders konnotiert.

    In der Tat sind mir aber Wege ohne km-Zähler schon kürzer vorgekommen. Da fährt man vor sich hin und sagt dann zu einem Freund: „Was, so weit sind wir schon? Wie die Zeit vergeht.“
    Ab März jedoch schaue ich mir wieder sechs Wochen lang meinen Pulsschlag an, dann fährt es sich den Rest der Saison leichter.

  3. kreuzbube schreibt:

    @don ferrando: Mit ungeklärten Eigentumsverhältnissen hat man hier im Osten nach wie vor zu tun. Die Ehrenrunde führt über eine schöne Strecke mit Start und Ziel am See und einem Eiscafé auf halber Strecke. Du musst nur 2 x 1 1/2 Stunden durchhalten, das kriegen wir hin.

    @mark793: …und dann werden all die elektronischen Navigationsgeräte die Daten unterwegs automatisch in die Cloud schicken, wo sie zentral erfasst werden und dann kann jeder unterwegs jedem anderen Radler ins Gesicht schauen und die Gesichtserkennungs-App macht pling auf dem Brillenglas und verrät, wer der andere ist und wie alt er ist und wie viele Kilometer und wie viele Höhenmeter er im Jahr fährt und wie sein aktueller Trainingsstand ist und wie viele Wertungspunkte er dieses Jahr schon zusammengefahren hat und wie seine Zeiten den Glockner rauf oder rund um den Ring waren und ob er zuletzt mit einer Erkrankung/Verletzung zu kämpfen hatte und alle werden’s gut finden, weil man dann unterwegs endlich weiß, ob man’s dem Lutscher zeigen kann oder ob das in die Hose geht; oder auch nur deshalb, weil ja zuvor schon 23 Minuten lang nichts Neues mehr passiert ist.

  4. mark793 schreibt:

    Hm, solch angenehme Freizeitverrichtungen wie Lesen und Radfahren zum Gegenstand eines Arbeitskampfs mit dem Ziel verbindlicher betrieblicher Vereinbarungen zu machen, dazu muss man wohl schon bisschen speziell veranlagt sein, oder? 😉

    Ich bin ja mehr so für „Weg mit der Kilometerzählerei!“ und „Scheiß auf irgendwelche Planerfüllung!“…

    • kreuzbube schreibt:

      Tarifverhandlungen sind eine komplexe Sache, vor allem wenn ich sie mit mir selbst führe. Für den Mindestlohn dafür, dass ich überhaupt in den Sattel steige, habe ich noch gar kein Konzept, deshalb haben wir auch erst die Gratifikationen geregelt.

      Aber für eine Initiative „Entledigt euch eurer Kilometerzähler“ könnte mich mich auch erwärmen.

      • mark793 schreibt:

        Solange der Zähler/Tacho an der Kogadose noch tut, werde ich ihn nicht demontieren, aber ersetzt wird er wahrscheinlich nicht, wenn er den Weg alles Irdischen geht. An den anderen Rädern vermisse ich ohne Kleinstcomputer jedenfalls nichts. Und ob ich 2013 mehr oder weniger gefahren bin als 2010 (das einzige Jahr, in dem ich halbwegs genau die Gesamtfahrleistung erfasste), dafür gibts weder Prämien noch andernfalls Strafpunkte.

      • fritz_ schreibt:

        Auf meinem täglichen Weg zum Bergwerk hatte mir irgendwann die bloße Anwesenheit eines Kilometer- und Zeitmessers den Spaß verdorben. Verblüffend genug, aber das Abschrauben des Tachos hat mir geholfen, dass es wieder zu einer gemütlichen Fahrradfahrt wurde, die eindeutig zur Freizeit gehört, und nicht nur ein erforderlicher Weg zur Schaffe.
        Ein-, zweimal im Moment gehe ich nämlichen Weg übrigens zu Fuß. Das ist vielleicht geil (dauert halt eeeetwas länger)! Diese Vergnügungen gehen bei euch Fahrradfreaks scheinbar völlig unter. 🙂

  5. donferrando schreibt:

    Oh, das Tour Café!
    Vielleicht schaffe ich ja 2014 einen Besuch, nachdem mein persönlicher Giro dinToscana dieses Jahr erst später startet.

    • kreuzbube schreibt:

      @don ferrando: Der richtige Giro startet dieses Jahr ebenfalls unkonventionell, in Nordirland. Am Kaffeetisch ist ein Platz frei und wir könnten noch eine schöne Ehrenrunde zum Concours des Corbeaux fahren. Das machen wir dann in voller Mannschaftsstärke, mit fritz und den anderen.

      @cut: Das Bild hat dankenswerter Weise carodame an Land gezogen, nachdem ich mir wegen einer Budgetüberschreitung eine Haushaltssperre verhängen musste. Schon ist bei üblicher politischer Betrachtungsweise wieder alles im Lot: Wenn das Geld für ein Projekt aus einem anderen Topf kommt, dann kostet es nichts.

      • donferrando schreibt:

        Hört sich gut an. Die Ehrenrunde werde ich dann aber mit dem Daccordi absolvieren, nachdem die Eigentumsverhältnisse am Colnago-Crosser noch nicht geklärt sind !

  6. fritz_ schreibt:

    Das finde ich so herrlich bei der Literatur:
    „1000 km weniger bei vollem Leistungsausgleich!“

    Wollte man sich das allgemein zu eigen machen, wären bis auf fünf aus zehntausend Leuten alle raus aus der Nummer, weil bei Null angelangt. Kilometer wie gelesene Seiten.
    Trotzdem, es wäre eine Überlegung wert, schließlich bliebe noch, äh, Ballonfahren und Fernsehen.

    • kreuzbube schreibt:

      Noch nicht eindeutig geklärt habe ich die Frage, ob Rad-TV-Kilometer auch zählen. Dabei denke ich schon an das sommerliche Tour-Café, das ich wieder allfreitaglich eröffnen möchte. Vorsorglich war ich heute mit dem werten justbiking schon im Antiquariat.

  7. donferrando schreibt:

    Das Bild gefällt mir sehr gut!

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