Im Sekundenschlaf durchs Leben

Die Erfolge an der Wand, in vergoldeten Rahmen,
plötzlich schiebt dich ’n Zivi im Rollstuhl durch den Park.
Marteria, Sekundenschlaf
DSC_0238_smVor ein paar Wochen fuhren wir bei einer Querfeldeinveranstaltung durch Feld und Flur. Anschließend präsentierte einer Fotos der Teilnehmer in einem Rennradforum. Und ein anderer, ein offenkundig junger Mountainbikefahrer, kommentierte jedes einzelne Foto.  Jedes einzelne Foto, immer so: „Alter Sack“. „Noch ein alter Sack“. „Schon wieder ein alter Sack.“ Zur Abwechslung auch mal, wenn das Bild es her gab: „Zwei alte Säcke.“ Das wurde beklagt, es wurde dagegen an argumentiert, schließlich wurden sogar alle Bilder gelöscht, dem Kommentator alle Angriffsfläche zu nehmen. 
Ich habe mir dann überlegt: Eigentlich hat er ja recht. Es sind -wir sind-  alles alte Säcke. Da kann man sich einreden was man will, da erinnert man sich besser mal daran, wenn man noch kann, wie es war, als man noch jung war; als man welche kannte, die schon alt waren; die schon 30 waren. Kaum etwas trauriger als ein alter Sack, der meint, kein typischer alter Sack zu sein; mal abgesehen von alten Säcken, die bei den Jungen mitmachen oder gar dazu gehören wollen und dabei denken, sie fielen nicht sofort als alter Sack auf. Und diese Kalendersprüche, man sei so alt, wie man sich fühlt, die kannst du gleich stecken lassen, denn du bist so alt wie du alt bist. Noch kein richtig alter Sack? Warte mal ab, die braunen Flecken auf der Haut kommen noch und dann gibt’s kein Vertun mehr. All das ist schön untergebracht in drei Minuten, auf die ein alter Sack auch erst mit einem Jahr Verspätung stößt, weil’s nicht im Feuilleton steht, (was übrigens ein weiteres Indiz dafür ist, dass man ein alter Sack ist: Man kann zu jeder Tages- und Nachtzeit
Feuilleton richtig buchstabieren):

Marteria feat. Peter Fox, Sekundenschlaf. Für euch anderen alten Säcke da draußen.

Und heute Abend gucke ich mir endlich Only lovers left alive von Jim Jarmusch an. Das macht’s wahrscheinlich auch nicht besser.
(Ein wirklich böser Ohrwurm von Marteria ist Kids. Hört euch das besser nicht an, das bekommt man so schnell nicht mehr raus…)
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter kreuzbube lauscht abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

28 Antworten zu Im Sekundenschlaf durchs Leben

  1. cut schreibt:

    Lasst 100 Noten blühen!

  2. cut schreibt:

    Alte Gitarren an der Wand habe ich auch zu bieten: http://cutup.blogger.de/stories/1807896/

  3. kid37 schreibt:

    Das ist die berühmte Folge „Home“, die vielen als ziemlich schockierend gilt (Hier mal auf Platz 1 scrollen). Sehr verstörend. So ein Gitarrenraum hingegen ist sehr beruhigend. Schöne Stücke dabei.

    • kreuzbube schreibt:

      Die Folge war atmosphärisch sehr gut gemacht. Verstörend vor allem, wenn man sich überlegt, dass man sich kaum etwas ausdenken kann, was irgendwer nicht tatsächlich macht.

      Einen Gitarrenraum habe ich auch. Mit einer Gitarre drin… Eine zweite habe ich mal meinem Patenkind geschenkt, auf dass etwas Vernünftiges aus ihm wird. Eine dritte, halbakustische habe ich verkauft, nachdem ich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt merkte, dass das endgültig nichts mehr wird mit mir und dem Musizieren. Nun steht die Strat dort herum, und steht, und steht.. Eigentlich sollte ich sie auch verkaufen…

    • donferrando schreibt:

      Meinst Du mit Strat eine Fender Stratocaster, wie sie z.B. Stevie Ray Vaughan spielte?

      • prieditis schreibt:

        Rein ZUFÄLLIG, habe ich da vor Jahren mal was zum Thema Stratocaster gebastelt…
        https://myspace.com/erpre/video/fender-stratocaster-beta-2-1/54123257

      • kreuzbube schreibt:

        Ja:


        Stevie Ray Vaughan hat in einem Interview mit „Rude Mood“ (ab 2:30) mal ganz locker gezeigt wie’s geht. Zum Niederknien.

        Der Durchbruch übrigens als Gitarrist für David Bowie auf Let’s Dance. Er sollte Bowie dann auf der anstehenden Tour begleiten, wozu es allerdings nicht kam. Da werden offiziell andere Gründe genannt, aber es ging tatsächlich wohl um den Drogenkonsum. Bowie hatte sich nach einem Jahrzehnt voller Drogen gerade davon verabschiedet und wollte keinen mit auf Tour haben der sich ständig zudröhnt. Und Stevie war damals ständig zugedröhnt. Gestorben ist er -Ironie des Schicksals- dann ja, als er clean und nüchtern war.

  4. kreuzbube schreibt:

    kid37, die Jazzmasters waren da schon vor Sonic Youth, die stammen wohl nicht vom LKW. An der nächsten Wand geht es weiter mit ein paar Selbstgebauten, Obstkistengitarren und so, dann kommen Bässe und die Jazzgitarren, Gibson L 5 und so was. Dazu Ukulelen und sonstiges, was so anfällt vom Gitarrendealer.

    Diese Agentenserie… ja… ich habe da sogar mal ein bisschen was von gesehen. In Erinnerung blieb einem Freund und mir eine gemeinsam gesehene Folge. Eine Mutter ließ sich wieder und wieder und wieder von ihren Söhnen schwängern. Heraus kamen dann irgendwie ziemliche Monstren. Der besagte Agent hat (die Agentin war aber auch dabei) ermittelt. Am Schluss sind ein oder zwei dieser Söhne mit dieser Mutter aber glaube ich entkommen, die haben die Fortpflanzungs-Alte in den Kofferraum des Autos geworfen und sind mit ihr weg. Oder so ähnlich. Jedenfalls war diese Folge ein ziemlicher Schocker.

  5. kid37 schreibt:

    Sind das etwa die Jazzmasters, die Sonic Youth mal samt Laster, öh, abhanden gekommen sind?!? (Ach nein, die an der Wand sehen zu ordentlich aus.) Es gibt übrigens eine sehr hübsche, fast anrührende Vampirliebesgeschichte in einer bekannten US-amerikanischen Agenten-TV-Serie, wo die eine Agentin ausnahmsweise nicht anwesend ist und der andere Agent deshalb in einem dunklen Musikclub einer aparten Bluttrinkerin verfällt und ihren abgefuckten Freunden fast zum Opfer gerät. Bei Sonnenlicht betrachtet, hat Jarmusch da vielleicht seine Idee her. (Ich sag aber nicht, um welche Serie es sich handelt.)

  6. carodame schreibt:

    Es war eher eine Liebesgeschichte über ein schon sehr, sehr altes Paar, welches Likör(Blut) aus Gläschen oder Flachmann trinkt, sich in unendlicher Melancholie mit reichlich Wissen über die Herkunft der Dinge durch die Zeit maroden Seins bewegt – immer noch verliebt! Ich bin zwischendrin eingenickt… ein paar Soundkrumen im Ohr. Adams Bude mit all dem Klang übertragenden und erzeugenden Kram war schön. Auch Adam…
    Montagskino irgendwie. Mit der schönen Metapher, dass Frau Eve die Koffer für ihre Reise zu Adam mit Büchern füllt.

    • kreuzbube schreibt:

      Jaja, die waren schon recht artsy fartsy… Adams Bude… das hat mich in den Rezensionen mit am meisten überrascht, was war daran so ungewöhnlich? Wie es bei altgedienten Guitarreros halt so aussieht, bei denen sich Instrumente und Verstärker und Elektronik und Kisten und Kram halt so durcheinander stapeln.

      (3/4 einer von vier Wänden)

  7. kreuzbube schreibt:

    Only lovers left alive bekommt von mir einen -wohlwollend- quer gehaltenen Daumen. Hätte er nicht Tilda Swinton, Jim Jarmusch hätte keinen Film. Den Lebensüberdruss des Vampirs gab’s viel eindrücklicher vor 20 Jahren in Interview mit einem Vampir. Der Niedergang Detroits zeigt sich in nächtlichen Bildern nicht annähernd so deprimierend wie in Aufnahmen der Stadt bei fahlem Tageslicht, wie sie hier so richtig gelungen sind.

    Detroit – Urban Decay

    Alles in allem bleiben ein paar schöne Bilder, Soundschnipsel und Ideen, die für mich aber keinen ganzen Film tragen, der noch dazu zu lange geraten ist.

    (Noch dazu hat ein Freund von mir, den ich wohl langsam mal mit anderen Augen sehen sollte in seinem überfüllten Studio mit den stets heruntergelassenen Jalousien, viel mehr Vintage-Gitarren angesammelt als Adam im Film.)

  8. cut schreibt:

    Da es um alte Säcke geht, wollte ich mich doch kurz zurückmelden. Erwarte weitere Instruktionen!

  9. fritz_ schreibt:

    Ich bin ja mal in den Urlaub gefahren, der halbe Hausstand war dabei. Zwei Fahrräder, zwei Unterhosen, Schuhe, Mütze, Schal. Was man so braucht. Unterwegs ging ich tanken und da eine steife Brise blies, wollte ich meine Windjacke überziehen.
    Haha, keine Windjacke im Auto, entweder hatte sie der Fuchs gefressen, oder weit wahrscheinlicher, sie hing noch friedlich zu Hause am Haken. ich war schon 500 km gefahren, es war Winter, es war Freitagabend, und das Ziel meiner Reise lag irgendwo ganz nah beim Popo der Welt.
    Also runter von der Autobahn, die nächste Stadt angesteuert, und schon nach dreißig Minuten stand ich in einem Ladengeschäft um meine feste Absicht umzusetzen, ein Windjäckchen zu kaufen. Die Auswahl war sehr gut.
    Schließlich ging ich mit einem Teil bester Qualität in beige, oben unten vorne hinten links und rechts je eine Tiertatze aufgemalt. Wunderwunderschön.
    Ich muss das Ding mal aus dem Keller holen, um zu überprüfen, dass es kein Traum ist.

  10. prieditis schreibt:

    Warten Sie nur ab, bald kommt die neue konservative Modewelle im frechen RAL 1000 ff.
    Aber nur für die unter 30-jährigen!
    Also, als meine Eltern in meinem Alter waren, da haben die jedenfalls ein ganz ein anderes Leben gelebt, als ich das nun tue.

    Und Fahrradfahren, das ist die einzige Form der Midlife-crisis, die ich mir finanziell erlauben kann ;o)
    Bis zum Sommer hab ich übrigens gedacht: „Mannmannmann, Du strampelst ja ganz schön was weg, da ist ja richtig Talent! Was hätte nur aus mir werden können!“
    Und dann bin ich mit so einem 20-jährigen Schnösel unterwegs gewesen.
    Jetzt fahr ich wieder alleine…

    • kreuzbube schreibt:

      „Und Fahrradfahren, das ist die einzige Form der Midlife-crisis, die ich mir finanziell erlauben kann“

      Das ist so schön, dass es eigentlich für sich alleine stehen müsste. Allerdings werde ich es als hookline für meinen Überraschungserfolg „Fack ju Colnahgo“ plagiieren.

      Der 20-jährige Schnösel ist doch der, der mir beim 400-Meter-Sprint über eine Minute Sekunde abgenommen hat, nicht wahr?

  11. mark793 schreibt:

    Oder schlimmer noch: Man ist freier Mitarbeiter des Feuilletons. Einer Zeitung, von der man immer dachte, sie werde vor allem von Leuten gelesen und geschätzt, die den Ostgebieten hinterhertrauern. 😉

    Ansonsten: volle Zustimmung! Wo hab ich denn den Quelle-Katalog, ich wollte mir jetzt mal so eine beige Jacke bestellen, wie Herbert Knebel eine trägt.

    • kreuzbube schreibt:

      Haha, aber dieser Typus des alten Sacks stirbt ja langsam aus, so dass sich auch die Zeitung wandelt. Dennoch geht so mancher Japser, der von dort kommt dafür, nicht als Startseite meines Browsers durch.

      • mark793 schreibt:

        Browser-Startseite, da sagst Du was. Hatte lange Spiegel online, aber irgendwann ging das nicht mehr. Die FAZ mit der Startseitenposition zu adeln, so sehr ist sie mir dann doch nicht ans Herz gewachsen. Habe seit längerem die Firefox-Startseite mit dem Bedienfeld „vorige Sitzung wieder herstellen“ am Start, die meistgeöffneten Seiten habe ich zudem als Auswahl in der Browserzeile, damit kommt man auch los.

        Aber nochmal zum Thema Altsackigkeit: Ich halte ja auch nichts davon, krampfhaft auf jung machen zu wollen. Aber es hat mich vor paar Jahren schon bisschen geschockt, als wir eine frühere Kollegin samt Gefährten besuchten, der so alt ist wie ich und eine typische beige Rentner-Windjacke trug. Und zwar erkennbar nicht metaironisch im Sinne von „hinten ist das neue vorne“. Irgendwann habe später ich bei Max Goldt gelesen, die meisten würden beim Klamottenkauf einfach das nehmen, was in Reichweite auf dem Kleiderständer hänge und keinen Gedanken daran verschwenden, dass ihre Kluft ein Statement abgeben würde. Und mit der Erklärung habe ich mich dann zufriedengegeben. Mir ist Outfit oder gar Mode ja im Grunde auch ziemlich hurz.

      • prieditis schreibt:

        Ähm… Klamottenkauf ist … äh…
        Ich gehe ja gerne, wenn ich Zeit habe, in Kaufhäuser für zum Pärchen gucken.
        Zum Schweden in die Schrankabteilung – samstags ein Genuss!
        Oder eben in die HaKa- Abtlg….
        Er:“Oh, das ist aber eine schöne hellblaue Hose!“
        Sie:“Du trägst doch gar kein hellblau!!!“
        Nur NOCH besser, wenn der/die/das Bekleidungskeyaccountsales-Agent am POS involviert ist…Hähähä

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s