Zeitzseeing

Ein Debakel. Dabei ging es gut los: Nicht gerade die Krim, aber auch ganz nett. (Das ist nicht der gleiche See wie in der vergangenen Woche. Die Dinger gibt’s hier im Dutzend)

zwenkauer_see

Versprochen hatte ich, wie überhaupt für diese Wochen des behutsamen Formaufbaus, des Fahrens außer Konkurrenz, relaxtes Radweg-Rollen (den Mitfahrern) und Bebilderung der hiesigen Kulturgeschichte (den Lesern). Beides gedachte ich zu einer Einheit zu verbinden. Hat nicht geklappt.

Die Radwege gab es zwar, zumindest waren sie so benannt (soweit Schilder vorhanden waren). Auf dem Hinweg: Der Kohleradweg, ein Schülerprojekt. Tja, lieber Kinder, das müssen wir aber noch üben. Am Einstieg am Mondsee weist kein Stein (Steine waren als Wegmarkierung angekündigt) und kein Schild (Schilder waren ebenfalls als Wegmarkierung angekündigt) darauf hin, dass wir uns auf besagtem Kohleradweg befinden. Dafür darf man sich auf scharfkantigem Schotter durchrütteln lassen (dafür können die Schüler wiederum nichts), was nicht nur die schmalen Reifen schmerzt, sondern auch die Brüche und Risse und Prellungen und Entzündungen der gerade eben im Heilungsprozess befindlichen Gelenke und Sehnen und Schleimbeutel von dreien der vier Exkursionsteilnehmer. Einzig der nach längerer Zeit am Start befindliche Montymind war frei von körperlichen Malaisen und bildete so das gesunde Rückgrat des Ausflugs. 

16.00.08

Zwischendurch kamen dann wie aus dem Nichts mal zwei, drei Schilder, die den besagten Kohleradweg kennzeichneten – nachdem wir unwissend bereits etliche Kilometer auf ihm gefahren waren. Unpraktisch, liebe Kinder, ist es, wenn die Beschilderung nach 1,5 km schon wieder endet, und das noch direkt vor der Bundesstraße, so dass man nicht weiß, ob es nun links, rechts oder geradeaus weitergeht.

Es hatte sich also erledigt mit der Erkundung von alten Brikettfabriken und Schwelereien und Schachtanlagen, die mit dem hier bereits um 1850 einsetzenden Tagebau einher gingen. 

paul

Nachdem wir das mental bereits durchgewunken hatten, sprang uns dann noch noch eins der angekündigten frühindustriellen Bauwerke ins Auge. Nach rechts sollten wir abbiegen, zur Schachtanlage Paul II. Naja. Ein nicht gerade beeindruckender Ziegelsteinbau, der vor sich hin bröckelt, steht da und dient vor allem als Stätte der Müllablagerung für die im Umkreis wohnende Bevölkerung.

paul_2

Wir fahren lieber weiter und auch die Brikettfabrik Herrmannschacht in Zeitz lockt uns nicht mehr, mag sie auch weltweit die älteste erhaltene Brikettfabrik sein. Denn das war gestern und heute ist heute und heute locken uns längst Kaffee, Eis und Kuchen. Mit Sahne.

Am Pausenpunkt in Zeitz verzichten wir daher sofort aufs Zeitzseeing, bevor wir auch nur einen näheren Gedanken daran verschwendet haben und verbleiben stattdessen im Mikrokosmos einer Eisdiele. Wobei, man könnte Zeitz durchaus einmal erkunden, nämlich unterirdisch.  Vom 14. bis 16. Jahrhundert haben die Bewohner ihre Stadt untertunnelt. Ihr Bier wollten sie kühl lagern und dafür scheuten sie keine Mühen und gingen unter Tage. Heute noch kann man sich hinunter in diese Tunnel begeben… wenn man nicht einen der begehrten Tische vor der Eisdiele ergattert hat, hungrig die Energiespeicher auffüllt und sich dabei auf den Rückweg freut, der mit einem Radweg fast bis nach Hause lockt.

16.04.37

Was soll ich sagen, landschaftlich 1 a. Weitläufige Auen links und rechts der Elster, Gärten, Pferdekoppeln, der sich entlang schlängelnde Fluss. Doch, doch, hübsch. Wäre da nur stets etwas, was man Radweg nennen könnte und nicht nur Schilder, die behaupten, da sei ein Radweg. Zwar flutscht es zunächst auf feinem Asphalt, dann jedoch gibt’s wieder Schotter für die Gelenke und Sehnen und Schleimbeutel (siehe oben). Der Erfindungsreichtum der Wegeplaner kennt wenig Grenzen: Man kann zum Beispiel einen Traktorreifen eine Furche durch einen Feldrand ziehen lassen, streut dann 20 cm breit Split hinein und stellt ein Schild auf: Radweg.

17.17.51

turm_groitzschAber ansonsten war’s schön. Die beiden Schulterlädierten schoben sich Schulterblatt an Schulterblatt der tiefer sinkenden Sonne entgegen, vornedran zog die rekon-valeszierende carodame mit Montymind ihre Bahn bis zum verdienten Absacker am Hafen. Verdient  vor allem, und das muss heute hervorgehoben werden, für Helga, die meinen haltlosen Versprechungen über Länge und Güte der geplanten Strecke zum Trotze knapp 130 km tadellos durchhielt, obwohl es sie von uns allen in punkto Sportverletzung in den zurückliegenden Winterwochen am schwersten gebeutelt hatte. Respekt!

hafen_1

(Unsere Gedanken sind bei unseren beiden wackeren Mitstreitern H. und T. , welche -es ist wie verhext!- aufgrund akuter Sportverletzungen und Erkrankungen kurzfristig ausgefallen sind.)
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19 Antworten zu Zeitzseeing

  1. kreuzbube schreibt:

    Den Colmberg kenne ich wie meine Westentasche. Da kann ich taktisch ganz anders agieren und meine Haut zumindest teurer verkaufen!

  2. donferrando schreibt:

    Ja, wirf mir nur vor, daß ich erst Freitag abends anreisen konnte!

    • kreuzbube schreibt:

      Dafür blieb Dir der Anstieg zum Colmberg erspart!

      Aber die Seen laufen nicht davon, an ihnen entlang verläuft bei der noch ausstehenden Westerkundung ohnehin ein großer Teil der Wegstrecke. Hier ein Ausblick, im Mai 1813 hatte Napoleon sich ja noch mit Mühe durchgesetzt:

  3. donferrando schreibt:

    Gibt es nicht Unmengen Abraum aus dem Kalibergbau, den man nun in die Braunkohlelöcher kippen kann?

    • kreuzbube schreibt:

      Wie will man die benötigten Massen transportieren? Beim zuletzt fertiggestellten See haben sie außer dem Abraum dieses ehemaligen Tagebaus noch weitere 100 Millionen Tonnen verfüllt, bevor geflutet wurde. Dieser See ist 50 Meter tief. Nun stell Dir das mal bei einem viel größeren Loch wie Hambach in NRW mit 300 Meter Tiefe vor. bzw. angesichts der hier vorgenommen Unterteilung in eine Vielzahl von Seen, die zu einem Gewässerverbund werden. Da ist die Flutung die einzige Möglichkeit, zugebuddelt bekommt man das nicht mehr. (Am 1. Tag des Concours des Corbeaux hättest Du das hautnah sehen können, eine ganze Reihe von Apelsteine haben wir entlang der neu entstandenen Seen angesteuert)

  4. kreuzbube schreibt:

    Wie man ein 300 Meter tiefes Tagebauriesenloch je rekultivieren will, ist mir ohnehin ein Rätsel. Wie lange soll eine Flutung einst dauern? 100 Jahre? Hier haben die Arbeiten, sprich Stillegung, Verfüllung mit Abraum und Flutung, an den wesentlich flacheren Löchern ja schon 20 Jahre gedauert

  5. mark793 schreibt:

    Die Bilder Nummer 2 und 4 hätten auch hier in der Gegend entstanden sein können. Themenrouten mit z.T. etwas fragwürdiger Beschilderung (und nicht so kommod zu fahrenden Abschnitten) haben wir hier im Westen übrigens auch. Was hier im Vergleich zu Eurer Gegend noch fehlt, sind die größeren Seen, aber wenn das Garzweiler-Restloch erstmal geflutet ist…

    Weiterhin gute Besserung allen Lädierten!

    • kreuzbube schreibt:

      Die Ähnlichkeiten bei solch großflächigem Tagebau sind wohl zwangsläufig. Nach der Flutung bei euch wird’s wohl hüben wie drüben zum Verwechseln sein.

      Ich hatte es ja schon erwähnt, der Freizeitwert ist enorm. Auf der anderen Seite wird großräumig eine „Landschaft“ aus dem Boden gestampft, die nichts historisch Gewachsenes hat. Wir sind am Sonntag um einen großen See herumgefahren, der nun gerade freigegeben wird und dort entsteht das Gleiche wie an allen anderen Seen auch. Ein geflutetes Riesenloch, Asphaltband drumherum, Hafen und die unvermeidbaren Würfel und Quader mit Seeblick in Hanglage an der ehemalige Abbaukante. Bald hat in drei Himmelsrichtungen rund um Leipzig jede Gemeinde so etwas und man weiß gar nicht, wo man gerade unterwegs ist… (100 Quadratkilometer Rübenfelder wären allerdings auch nicht sonderlich aufregend…)

      Kurz: Das also erwartet euch: In ein paar Jahren sieht es bei euch aus wie in der DDR… 😉

      (Garzweiler hat allerdings eine Dimension, die sicher sehr beindruckend sein wird)

      • mark793 schreibt:

        Ganz vergleichbar ist es nicht, denn wie Du richtig sagst, die Dimensionen sind noch mal andere. Garzweiler ist noch nicht mal das größte Loch, Hambach dürfte das noch toppen, und Inden ist auch ziemlich groß.

        Aber in den kleinteiligeren Abbaugebieten westlich von Köln, wo die Rekultivierung früher begann, könnt Ihr gucken, wie es aussieht, wenn da auch Bäume um die Restlochseen gewachsen sind. 😉

  6. carodame schreibt:

    Tragischer Moment, als mir durch ein bisher unbekanntes Loch in der Trikottasche ein wundervoller Lippenstift im Straßenverkehr verloren ging und vermutlich dort zu Tode kam.

  7. carodame schreibt:

    Widrigkeiten sind die Würze schöner Tage…
    In den Elsterauen war es mehr als postkartenschön. Ein Ortsschild trug gar den Untertitel „Bilderbuchdorf“. Man fühlte sich erinnert. Sehr beeindruckend, und schon deshalb würde ich die Fahrt mit geeignetem Rad und Fotorucksack wiederholen, waren uralte Weiden, die standen dort wie wunderbare Skulpturen. Herrlich.

  8. donferrando schreibt:

    Hört sich doch der kleinen Widrigkeiten nach einer sehr schönen gemeinsamen Ausfahrt an!

    • kreuzbube schreibt:

      Wie meist sind die schönsten Wege abseits der Autostraßen gelegen. Mit dem Crosser wunderbar, mit schmalen Rennradreifen allerdings weniger. Und wenn man gerade Heilungsprozesse durchläuft, sticht es schon immer mal fies durch Mark und Bein, wenn der Pneu gar nichts abdämpft. Alles in allem aber doch ein schöner Ausflug. Ich sorge mich halt immer, dass es auch alle schön hatten…

  9. justbiking schreibt:

    Wie wohltuend, kein Wort über das Wetter.
    Ähm, und für den diesjährigen Guinness-Giro ist die Strecke wohl eher ungeeignet, oder? Und überhaupt, den Pub in Zeitz habt ihr wohl ausgelassen? Skandalös!

    • kreuzbube schreibt:

      Ach, stimmt, das Wetter: Ein Traum!
      Der Guinness-Giro lässt sich dort gut fahren, aber nicht mit dem Rennrad. Mit dem Crosser hingegen ist der Elster-Radweg perfekt. Wir sind ja aber auf dem Hinweg in großem Bogen nach Zeitz gefahren, das wäre für den Giro wohl zu lang. (Man könnte aber vielleicht in Zeitz durch die Biertunnel stolpern, den Pub aufsuchen und mit der Bahn zurück fahren)

      Pub…erlapp! Freund Peter hat bereits die Luke offen, deshalb sind wir dann natürlich bei ihm aufgeschlagen.

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