2 + 2 Gespräche

nebelMorgens, bei unserem Aufbruch, war es 7 °C kühl und es sollte einer dieser Tage werden, an denen ich erneut die simple Erfindung von Arm- und Beinlingen zu schätzen weiß. Über mittag kletterte die Säule des Thermometers nämlich um zehn Grad nach oben, um schließlich bis zu meiner abendlichen Rückkehr wieder auf 11 °C herunterzufallen. Und wie Twobeers ganz richtig meinte, als wir schließlich in Decken gewickelt vor der Kneipe saßen, nach 200 km ist der Kreislauf eh im Keller. Kein Wunder also, dass ich mich anzog und auszog und wieder anzog.

Doch beginnen wir von vorne. Nimm Dir Essen mit, mit fahr’n nach Brandenburg sang Grebe ganz treffend.  Zu unseren 2 +2 Gesprächen starteten aus Berlin Twobeers und Ritzelflitzer vom Eisenschweinkader und aus Leipzig justbiking und der kreuzbube. Und ganz gleich, von wo aus man losfährt, ins Niemandslands zwischen Sachsen-Anhalt und Brandenburg, ob aus Leipzig oder aus Berlin, man sollte sich Essen mitnehmen. Wer denkt, ein Stück Kuchen ließe sich unterwegs problemlos, gar jederzeit ergattern, der irrt. Die gesamte Wegstrecke war nicht nur verkehrsberuhigt, sondern auch verzehrberuhigt. 75 km hat es gedauert, bis wir dann einen kleinen Imbiss erlangen konnten.

faehre_pretzschIn einem Hotel mit schönem alten Saal, kurz vor der Elbfähre Pretzsch, schmierten sie dem justbiking ein Schinkenbrötchen und ich bekam ein Stück Kuchen. Das hatte ich dringend nötig, weil mir morgens noch nicht nach Essen gewesen war. Ein halbes Marmeladenbrötchen, ein halbes Käsebrötchen, mehr konnte ich mir nicht rein zwingen, und das hat nicht gereicht. Doch wer hätte das auch gedacht? Entweder es gab in den Orten unterwegs gar keinen Bäcker oder der Bäcker hatte bereits geschlossen. Um elf Uhr. In Sachsen-Anhalt Richtung Brandenburg, da brauchen sie definitiv mehr netto. Denn nicht einmal Nettomärkte (oder deren Konkurrenten) gab’s, die uns mit einem Kaffee hätten versorgen können.

wegweiser_duebenEinen meiner typischen, kleinen Umwege haben wir uns dennoch nicht nehmen lassen, das schien uns nicht schlimm, weil die Berliner ohnehin 10, 15 km mehr auf der Uhr haben sollten. Leider kam wir dann doch ein wenig zu spät, Asche auf unser Haupt.

Dann, an der Schwarzen Elster gelegen, Jessen, unser Treffpunkt. Jesses! Um halb eins, eins haben dort schon alle Geschäfte rund um den Marktplatz geschlossen. Alle, ausnahmslos; und dem italienischen Gastwirt am Platze schien es den Aufwand nicht wert, für eine Handvoll Gäste extra die Tische und Stühle vor seinem Lokal aufzuschließen. Drinnen hatte er Fotos hängen von sich, mit Roberto Baggio, mit Giovanni Trappatoni, usw. It’s been a long way, von Roberto Baggio nach Jessen an der Schwarzen Elster.

Nach einem Espresso und einem Hefeweizen für justbiking steuerten wir Bad Schmiedeberg an. Richtig, das habt ihr neulich erst gelesen, dort steht das Radfahrerdenkmal und mein Ausflug unlängst dorthin diente der Erkundung einer Route nach Leipzig, die ich der Abordnung des Eisenschweinkaders ruhigen Gewissen präsentieren konnte.

ESK-schmiedebergDa natürlich auch der Rückweg verkehrs- und verzehrberuhigt war, traf sich der Stopp am Kurzentrum in Bad Schmiedeberg gut, da es Ritzelflitzer ebenfalls vernehmlich nach Kuchen verlangte. Kurze Zeit später, in der Dübener Heide, überkamen dann Twobeers Kindheitserinnerungen. Ob es denn noch Köhlereien gebe? Dort drüben, die Hammermühle! 

ESK_2

magnolienUnsere Reise verging wie im Flug, führte allerdings auch durch den Pollenflug, der nun bei strahlendem Sonnenschein durch keinerlei Nebel mehr am umherschwirren gehindert wurde. Fortan war beim kreuzbuben der Druck auf der Brust und noch weniger auf dem Pedal, wo ich ihn hätte brauchen können, denn da gibt es kein Vertun, bei all unseren Unternehmungen fahren ja ohnehin alle immer viel besser Rad als ich. Das Schöne: Sie nehmen mich trotzdem immer wieder mit. Nette Leute, auch die aus Berlin.

Nördlich von Leipzig konnten wir uns dann praktischer Weise an einen Rennradkollegen hängen, der all die Wege durch die dort entstandenen Gewerbegebiete und Werke kannte. Umso schneller waren wir schließlich im Killiwilly in der Karl-Liebknecht-Straße, dem Ziel der Exkursion, wo die Frage nach unserer Bestellung von uns vorab mit „einen zweiten Tisch“ beantwortet wurde, auf dass auch genug Platz für all die Teller und Gläser sein möge. Hunger und Durst (oder andersherum) hatten sich zum Ende des Tages bei allen eingestellt.

Twobeers gab noch eine denkwürdige Anekdote aus seiner Lehrzeit in einer Leipziger Brauerei zum Besten, schreckte uns mit der 27 km-Kopfsteinpflasterpassage bei der Huschke-Gedenkfahrt (Notiz kreuzbube: schon mal über Ausrede nachdenken), dann wurde es Zeit aufzubrechen. Um kurz vor halb acht stieg die Berliner Delegation in den Zug zurück in die Hauptstadt und kreuzbube rollte durch die Dunkelheit in Richtung Heimatdorf. Das war ein schöner Tag meine Herren, hat mir viel Spaß gemacht und ruft nach einer Wiederholung, wie ich meine.

Last but noch least: Vielen Dank für die Grüße und Grüße zurück an Crispinus und (GT) danni. 
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22 Antworten zu 2 + 2 Gespräche

  1. kreuzbube schreibt:

    Wir kamen auf unserer Strecke aus: Ohne Pommesbude, ohne Industrieruine, (fast) ohne Gewerbegebiet, ohne Tanke. Man kann sich also denken, wie wenige Auto unterwegs bei den 2+2 Gesprächen störten. Im Juni fahre ich die Strecke noch einmal bis Berlin und freue mich darauf.

    Durch Pollen werde ich sonst kaum gehandicapt. Ein wenig Brennen in den Augen, ein wenig Nase und Husten, nichts Dramatisches. Dieses Jahr hat sich das drastisch verschärft, warum auch immer. Ist bestimmt der Russe schuld.

    • Twobeers schreibt:

      Mein Zug käme um 9:22 in Leipzig an. Falls der Termin passt, am 19.6. ist abends das ESK-Paarzeitfahren in Berlin, wir wären rechtzeitig da.

      • kreuzbube schreibt:

        Moment mal, wir fahren 200 km und machen anschließend noch das Zeitfahren? Warum nur habe ich keine Zweifel, dass das ernst gemeint ist…?

        Also… das… muss ich mir gut überlegen. Das Zeitfahren habe ich schon halb eingeplant, soweit ich das jetzt schon sagen kann, aber Leipzig-Berlin fahre ich ja ein paar Tage vorher schon wieder, zum Black Sabbath-Auftritt in der Wuhlheide.

  2. cut schreibt:

    NRW ist ja eigentlich überall irgendwie bebaut. Inklusive Pommesbude, Industrieruine, Gewebegebiet, Tanke und Dorfkneipe. So eine richtig lange Strecke ohne Rastmöglichkeit gibt es daher kaum. Egal. Was ich eigentlich sagen wollte: Schöne Tour, schöner Bericht. Und weiterhin gute Fahrt!

    (Seit gestern kämpfe ich hier auch massiv gegen die Pollen. Von 0 auf 100 in einem Tag. Nicht gut für den Druck aufs Pedal. Das stimmt wirklich.)

    • mark793 schreibt:

      @cut: Gute Besserung! Jetzt wo ich das Cortison allmählich runterfahre, merke ich die Belastung seit gestern auch wieder stärker.

      Ansonsten: Ja, ist so. Von hier aus muss man schon eine ganze Weile strampeln, um in dünn besiedeltes Gebiet zu kommen.

  3. kreuzbube schreibt:

    Naja, wir sind eben keine Randonneure, sondern beschränken unsere Planung meist auf „Wir sind jetzt hier und da wollen wir hin“. Aber immerhin, wir hatten für unsere Hälfte der Strecke ne Karte einstecken und ich hatte der Gastfreundschaft wegen sogar den Großteil der Route höchstpersönlich erkundet!

    Wie gesagt, stellt man sich eben um. Statt trostloser Tanke ein Parkhotel ist kein schlechter Tausch.

  4. randonneurdidier schreibt:

    danke für den illustren Bericht! Jetzt weiß ich auch, was „Gose“ ist. Macht mir aber keinen Durst danach. Und übrigens: In diese kleinen Taschen hinten im Trikot kann man prima Datteln, Brote, Bananen und und packen. Hähähä! Dann liegt ihr nicht gleich darnieder, wenn mal 50 km lang keine Tanke zu sehn ist, dafür aber herrliche Landschaft satt!

  5. velolars schreibt:

    Feiner Bericht! Schön geschrieben. Danke für’s teilen. Es gibt bei uns in Halle tatsächlich eine Gosenschänke, aber ich hab das Zeug noch nie probiert. Wo steht eigentlich der Wegweiser, den du da oben festgehalten hast?

  6. kreuzbube schreibt:

    @prieditis: Es gibt hier einen Gosewanderweg bis nach Halle. Der führt an einer Reihe von Goseschenken vorbei. Ich wollte den aber auch nicht zu Fuß absolvieren, denn diese Plörre ist so übergärig und säuerlich, dass ich immer wieder (am Pier 1) beobachte, wie Bananensaft und Waldmeisterlimonade drin landen…

  7. justbiking schreibt:

    Immerhin kennen wir ja jetzt den nördlichen Fluchtweg aus unserer Stadt. Und wenn die Gegend da oben so entvölkert ist, so hat das für den Pedaleur ja eigentlich nur Vorteile (…von der elektrolytischen Grundversorgung mal abgesehen).

    Ja, das sind schon stramme Jungs, die vom Eisenschweinkader. Straffer Tritt und disziplinierte Doppelreihe, und ständig einen flotten Spruch auf den Lippen. Ein hochachtungsvolles Lob aus Sachsen! War ein nettes Pedalieren.
    Auch an den kreuzbuben ein dickes Lob, der trotz asthmatischer Attacken die 190km ohne Wehklagen tadellos mitgezogen hat.

    • kreuzbube schreibt:

      Ein schöner Weg, nicht wahr, so unbehelligt zwischen den beiden Bundesstraßen die ein paar Kilometer links und rechts liegen. wenn wir uns ausgucken, wo alte Hotels liegen, gewinnt das einen zusätzlichen Reiz.

      Wer den Kader im Namen trägt, der fährt auch geordnet, nicht wie unsereins anarchisch querbeet, das war schon zu vermuten.

      Man kann nicht immer jedem Wehwehchen nachgeben. Wie meinte prieditis neulich: „Von einem einmal gefassten Beschluss ist nicht mehr abzurücken.“ Punkt.

  8. twobeers schreibt:

    Vielen Dank für die Gastfreundschaft, wir sehe uns wieder.

  9. mark793 schreibt:

    Boah, in so einer strukturschwachen Gegend hätte ich ja echt gelitten. Warum gurkt man da auch freiwillig rum, wo es nichts zu essen gibt? Da war meine bergische Tour gestern wirklich Kontrastprogramm, so viele Fressoptionen (auch außerhalb des beliebten Ausflugsziels Schloss Burg) gab es, da musste man gucken, dass man bei all den Verlockungen noch zum Radfahren kommt.

    • twobeers schreibt:

      Der Aufruf beim ESK lautete „Auf eine Gose nach Leipzig“ und nicht „Versorgungsengpässe gestern und heute“. Am Ende gabs 10 verschiedene Biersorten, keine Leipziger dabei. Müssen wir wohl nochmal ran…..Uns hats gefallen, bis zum nächsten Mal.

      Twobeers

    • kreuzbube schreibt:

      @mark793: Genau deshalb fahren wir da rum: weil es nicht an jedem Ortseingang Supermärkte mit Bäcker/Fleischer und integriertem Getränkemarkt gibt. Bei anderer Streckenführung hätten wir den schönen Hotelsaal verpasst und wären womöglich an einer schnöden Tanke gelandet.

      Apropos Hotelsaal: Die uneingeschränkte Kinoempfehlung des Wochenendes ist Grand Budapest Hotel.

      @twobeers: Also die Gose… ob ich die euch wirklich empfehlen soll…? Ich kenne persönlich keinen, der das Zeug mag…

      • mark793 schreibt:

        @kreuzbube: Natürlich wähle ich mein Terrain auch nicht danach aus, ob ich eine möglichst große Dichte an Filialbäckereien und Drive-in-Kettenrestaurants vorfinde. Aber wenn man mal die existenzielle Mangelerfahrung eines Hungerastes in der Lüneburger Heide gemacht hat, bleibt es im Unterbewusstesein abgespeichert, dass schöne und ursprüngliche Landschaft nicht so recht über akuten Nährstoffmangel hinwegtröstet.

      • prieditis schreibt:

        Gose, Geuze… das hat doch den gleichen Effekt wie „Brottrunk“ (oder Sauerkrautsaft).
        Nach dessen Genuss würde ich aber nicht mehr aufs Rad…

      • carodame schreibt:

        Ähem, ich mag das Zeugs. Im Sommer.
        Übrigens kann man bei alimentären Notfällen auch tatsächlich mal ins Gras beißen. Da ist für den Ernstfall was drin. Mit ner Brennnessel garniert… 😉

  10. crispsanders schreibt:

    gern geschehn‘ und Kompliment für den vorzüglichen bericht über Strukturwandel etc. Könnte mit einem Lagebericht aus Westerburg, WW kontern, aber da war immerhin um 4 eine Eisdiele geöffnet.
    die Hauptstraßen sind in der Westprovinz jetzt langsam da, wo „der Osten“ 1998 war.

    Man muß halt damit rechnen und stets englisch frühstücken.

    • kreuzbube schreibt:

      Es hat so etwas von Pony-Express, wenn man durch die Great Plains reitet… 😉

      „… brave young souls raced against nature’s cruel elements and rugged terrain in an attempt to unite a country separated by distance“

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