Fietsers welkom!

Ken: Harry, seien wir ehrlich. Und ich mach keine Witze, ich will auch nicht respektlos sein, aber du bist ein Drecksack. Du bist jetzt ein Drecksack und du warst immer ein Drecksack. Und das einzige, was sich ändern wird, ist, dass du ein noch größerer Drecksack wirst und vielleicht noch mehr dreckige Kinder kriegst.
Harry: Lass meine Kinder da raus, was haben die dir getan? Du nimmst das verdammt nochmal mit meinen scheiß Dreckskindern zurück!
Ken: Ich nehme das mit deinen scheiß Dreckskindern zurück.
Harry: Du beleidigst meine scheiß Kinder! Das geht entschieden zu weit, Kumpel!
Ken: Ich hab’s doch zurückgenommen, oder?
(Dialog aus Brügge sehen und sterben?)
***

knotenpunktDeutschland ist Dritte Welt. Unterentwickelt, ohne Infrastruktur. Flandern hingegen hat ein Radwegenetz aus 12.000 km.  Kein Radweg endet im Nichts, sondern mündet immer im nächsten Radweg.  Wie ein Spinnennetz kann man sich das vorstellen und an den Knotenpunkten stehen jeweils Schilder.  Die weisen den gerade erreichten Knotenpunkt mit einer Nummer aus und zeigen die Richtungen zu den nächsten erreichbaren Knotenpunkten. Es gibt zudem die Beschilderung der überregionalen Radfernwege und auch zwischen den Knotenpunkten steht unterwegs an jedem Abzweig, an jeder Kreuzung und an jeder Einmündung ein Schild, das keine Unklarheiten über die einzuschlagende Richtung lässt. Die Vlaanderen fietsroute zum Beispiel könnte man komplett ohne Karte fahren, wollte man sie nicht hier und da zwecks Städteerkundung verlassen. Man ist fast völlig verkehrsbefreit und landschaftlich reizvoll unterwegs. Dort, wo einem Autofahrer begegnen, lernt man schnell, das man in Flandern als Radfahrer nicht Verkehrsteilnehmer zweiter Klasse ist. Da wird nicht gehupt und geschimpft und bedrängt, und im Zweifel wird dem Radfahrer der Vortritt gelassen.

Auch abseits der Radrouten ist der Radfahrer gleichberechtigt. Fast an allen Nationalstraßen, die wir entlang gekommen sind, verlief parallel ein Radweg. Holländer, die wir unterwegs getroffen haben, beklagten sich indes über die schlechten belgischen Radwege. Ihnen war der Asphalt nicht immer glatt genug… und in der Tat setzen die Niederländern noch einmal eins drauf. Schön rot angepinselt waren die Radwege durch Holland, mit gesonderten Bordsteinen und Einmündungen an den Ampelanlagen und Hinweisschildern für die Autofahrer, die erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber den fietsers anmahnten.

Zeit für die Wegsuche sollte man dann einkalkulieren, wenn etwas sehen und nicht nur kurbeln möchte und deshalb die Radfernwege verlässt. Die Vlaanderen fietsroute führt stets durchs Grüne und an den Städten vorbei, so dass man für die Abstecher in die Ortsmitte nicht nur wegen der Besichtigungen Zeit mitbringen sollte, sondern vor allem, um aus der Stadt wieder heraus zu gelangen und in der Peripherie den Einstieg am nächsten Knotenpunkt zu finden. Stellt euch einfach eine Stadt eurer Wahl vor und wie schnell ihr vom Marktplatz aus den 10 km außerhalb beginnenden Radweg finden würdet, wenn ihr noch nie da wart.

truiden

Abends steht zudem die Quartiersuche an und nicht immer hat das erste aufgefundene Hotel ein Zimmer frei. Letztlich kann man beides gut machen, Radreisen und Radrasen, je nachdem, nach welcher façon man selig wird.  

bahn_1

Glücklich auch, wer in Flandern mitsamt seinem Rad mit der Bahn fahren möchte. Wir sind unterwegs verständnislos angeschaut worden, wenn wir erzählten, dass man in Deutschland nicht in jeden Zug mit dem Rad einsteigen kann. In Belgien ist es eine Selbstverständlichkeit, dass der Zug ein Fahrradabteil hat, und auch ansonsten…

ridley_zug

Als wir unterwegs weniger als eine Minute vor Abfahrt an der Spitze des Zugs standen und es nicht mehr bis nach hinten zum Radabteil geschafft hätten, durften wir die Räder kurzerhand ins Abteil der Bediensteten hängen. Anschließend nickten wir im Zug ein, wurden an unserem Ziel vom freundlichen Schaffner geweckt, bevor der Zug noch mit uns weitergefahren wäre, und in aller Ruhe bedeutete der Schaffner dem Lokomotivführer, dass der mal eben eine Minute warten solle, bis wir die Räder ausgeladen hätten. Alles easy, in Flandern. Wenig Hektik, wenig eilige Betriebsamkeit dort, wie mir scheint.

geertal

Landschaftlich bekamen wir in Flandern ab Maastricht zunächst eine flache Strecke durchs Geertal geboten. Man kann auch eine Alternativroute mit ein paar Steigungen wählen, aber die Fahrt durch die Flusslandschaft war sehr kurzweilig und abwechslungsreich. In Tongeren, der ältesten Stadt Belgiens, kann man einen Abstecher zu diesem Herrn machen, der wenig Fragen offen lässt, wem er Vorbild stand. Es ist Ambiorix, Anführer eines gallischen Stammes und Widerstandskämpfer gegen die Römer unter Julius Cäsar.  Huhn mit Apfelkompott haben wir dort gegessen, eine Kombination, die neu für mich war. (Befremdlich die Frage, ob wir auch Mayonnaise dazu wünschen…)

ambiorix

Durch den Haspengau durchquert man stundenlang bisweilen welliges Terrain, das vorwiegend durch weitflächige Obstplantagen und Ackerbau geprägt ist. Die weiter westlich gelegenen flämischen Ardennen geben Gelegenheit, ein wenig mehr zu klettern, sie warten mit einer Vielzahl von Hügeln auf. Die Hellingen sind nur 200 bis 250 Meter hoch, die Anstiege nicht lang, aber steil – und häufig über Kasseien statt auf einer Asphaltdecke zu erklimmen. Wer sich schon an ostdeutschen Katzenköpfen abgearbeitet hat, den schreckt das belgische Kopfsteinpflaster als solches nicht. 

hellingen

Die Kombination indes zwischen Steigung und Kopfsteinpflaster verlangt Muckis und Herzen, die mal eine kurze Zeit richtig im roten Bereich drehen können. 

beginenhof_leuven

Eine Besonderheit flämischer Städte sind die Beginenhöfe. Dabei handelt es sich um eine Ansammlung von Gebäuden, in denen Frauen lebten, die alleinstehend waren und sich zu einer Gemeinschaft zusammenschlossen, um sich vor allem im sozialen Bereich zu betätigen. Alte, kranke und behinderte Menschen wurden von den Beginen betreut, aber auch als Leichenwäscherinnen und im Textilhandwerk waren sie tätig. Die Beginen waren aber keine Ordensangehörigen im Sinne von Nonnen und religiös nicht immer auf Kirchenlinie, was ihnen ihre gewaltsame Auflösung einbrachte. Ihr Gelübde legten die Beginen meist auf Zeit ab, sie konnten aus der Gemeinschaft stets wieder austreten und in ihr bürgerliches Leben zurückkehren. 

beginenhof_leuven_2

26 Beginenhöfe gibt es noch, 13 von Ihnen sind Unesco Weltkulturerbe und unterwegs sind sie schöne, sehr ruhige und entschleunigte Orte zum Innehalten, bevor man weiterzieht.

kanal_gent_brügge

Dritte charakteristische Wegführung in Flandern ist die entlang von Flüssen und Kanälen. Das findet man in Nordflandern von Ost nach West, beispielsweise zwischen Brügge und Gent und nach Süden zwischen Gent und Oudenaarde, wo man stets den Kanal auf der gleichen Seite des Radwegs hat. Ziemlich schwierig, sich da zu verfahren…

In der Tat ist uns das auch nur ein Mal passiert, im einzigen Waldgebiet, das wir durchquerten. Nach zwei Pannen und meinen etwas benebelten Führungs- und Orientierungsqualitäten geschuldet, sind wir an der einzigen Stelle falsch abgebogen, an der das überhaupt möglich war. Schön windstill war’s im Wald, und auch als wir ihn verlassen hatten, sind wir noch eine Stunde lang ungebremst vorangekommen. Denn eine Stunde hat es gedauert, bis mir auffiel, dass wir ja plötzlich gar keinen Gegenwind mehr hatten… und wir zurück nach Westen gefahren waren.

bild_knotenpunkt_76In besagtem Wald findet der aufmerksame Pedaleur das Bild, das wir ausgesetzt haben. Südlich von Leuven, in der Nähe des Knotenpunkts 76. Ostern war’s, und das Bild daher kein weiteres Motiv aus der Serie des Concours des Corbeaux, weshalb wir es auch nicht nach Waterloo bringen mussten. Es trägt auf der Rückseite eine Widmung für carodame und Helga, don ferrando, fritz und Hannes und vielleicht erfahren wir ja vom Finder eines Tages, was aus dem Bild geworden ist.

weiter zum letzten Teil: Vaarwel Vlaanderen                   zurück zu Teil 3: Sneller en stärker in de Vlaamse Ardennen

 

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6 Antworten zu Fietsers welkom!

  1. mark793 schreibt:

    Nanu, ich erwartete auf den Bildern eigentlich das Schutzblechrad mit der Lenkertasche zu sehen?

    Ach ja, der Rhein-Kreis Neuss ist dabei, dieses numerierte Knotenpunktsystem für Radwege auch einzuführen. Damit brechen zwar nicht unbedingt sofort belgische oder holländische Verhältnisse hier an, aber immerhin…

  2. twobeers schreibt:

    Sehr schön, und ich hab mir fest vorgenommen, die Tour nachzufahren.

    Twobeers

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