You gotta say yes to another excess

Dieter Meier ist ein reicher Geldsack gehört ein ordentlicher Batzen Anteile an Orell Füssli, einer Verlags- und Medienholding, bekannt auch als größter Schweizer Buchhandel, der nebenbei die Schweizer Banknoten druckt. Meier hat sich in wichtigen Berufen wie dem des Studiumabbrechers, des professionellen Pokerspielers, Golfers, Rinderzüchters und Winzers bewiesen und war natürlich Gesicht und Stimme von Yello. Ganz nach meinem Geschmack vor allem sein Beitrag zur 5. documenta in Kassel im Jahre 1972. Damals hatte er eine Platte in Bahnhofsnähe in den Boden eingelassen, die verkündete, dass am 23. März 1994 Dieter Meier von 3 bis 4 Uhr nachmittags auf ihr stehen werde. Sprach’s und tat es, 22 Jahre später.

Wann immer ich mal mit einem Zürcher Freund über Dieter Meier spreche, sehe ich seinen Blutdruck steigen. Meiers Omnipräsenz in der Schweiz kann wohl zu viel des Guten sein. Hier im großen Kanton ist das anders und obwohl mein Freund dem Meier eher Tod und Teufel wünscht nicht wohlgesonnen ist (die persönlichen Animositäten spare ich an dieser Stelle aus) und nicht mal hingehen würde, träte er in der Wohnung neben ihm auf, meint er, ich solle mir das Leipziger Gastspiel Meiers anschauen, ich werde es genießen. Die Musik sei brilliant geworden, die aktuelle CD einfach grossartig und Dieter Meier könne mittlerweile sogar drei Töne singen. 

Kaum Licht im Dunkel

Kaum Licht im Dunkel

Nun weiß ja jeder, der lässig nebenher kundtun will, dass er was weiß, dass Yello vor allem Boris Blank war und Dieter Meier der fix und fertig im Kasten befindlichen Musik abschließend Stimme und Gesicht verliehen hat. Die Frage, die durchaus berechtigte Frage war also, kann er es auch alleine und wie gut kann er es? Klappt das vor Publikum, denn Yello waren kein Live-Projekt? Die Antwortet lautet: Alle Achtung, der Mann kratzt an den 70, wirkt springlebendig und präsentiert ein Album, bei dem alles stimmt. Man hört Yello heraus, ohne ständig Yello zu hören, denn Meier verzichtet auf Gefälligkeiten und Anbiedereien und damit auch auf die größten Hits der 80er, das Beste der 90er und … Die hat er auch nicht gebraucht, der Auftritt war eine runde Sache und Dieter Meier trifft in der Tat mehr Töne, als ich das vorher für möglich gehalten hätte. Dabei ist er meist ein halber Meier, im Saal des alten, morbiden UT Connewitz steht er im Bühnennebel, der bis auf wenige Ausnahmen nur von einem gelben Scheinwerfer von rechts oben erleuchtet wird. Da steht Meiers halbes Gesicht, sein halber Hemdkragen und ein Bein, mit der Souveränität des jahrzehntelang Kunstschaffenden. Ab und zu taucht ein zweiter Arm im Bühnenlicht auf, die Hand ruht dann abgeklärt auf dem Mikrofonständer. Meier ist freundlich, hat eine die Stimmung auflockernde Anekdote zu bieten, gibt einen kleinen Exkurs ins Schwizerdütsch, trägt zu musikalischer Begleitung einen Monolog und ein Gedicht vor. Da steht einer, der auf der Bühne sein will, auf die Bühne muss und dem das gefällt, was er tut und der das, was er tut, nicht tun muss, weil er die Gagen längst vergangener Jahre verjubelt hat.

Seine Musiker liefern ein perfektes Klangbild und Sängerin Nina Ernst überzeugt mit sparsamen Bewegungen und zurückgenommener Präsenz, die nie eine Frage aufkommen lässt, um wen es hier eigentlich geht. Obgleich gesanglich sehr im Hintergrund hält sie mit einem freundlichen Lächeln und mit der Präzision einer Wasserwaage stets das Kinn im Lot.

Was hervorgehoben werden muss: Bester Sound seit langem! An der Bühnentechnik musste nicht gespart werden (Dieter Meier ist ein alter Geldsack), alles klingt richtig knackig, wuchtig, dabei blitzsauber. 

Kommen wir zur abschließenden, der entscheidenden, der einzigen Frage bei allem, was der kreuzbube treibt, was ihn umtreibt, bis hin zum Radfahren: Hat es mich unterhalten? Absolut.

Weitere Tourdaten im deutschsprachigen Raum:
07.05.14 Berlin, Berghain
23.05.14 Hamburg, Mojo Club
28.05.14 München, Freiheiz
29.05.14 Wien, WUK
05.06.14 Frankfurt, Batschkapp
06.06.14 Köln, Gloria
***

edit: Eine kleine Fotoreihe vom Konzert im UT Connewitz gibt es von Jan Rillich auf flickr.

Die Leipziger Volkszeitung ist so angetan wie der kreuzbube von der Darbietung outofchaos und schreibt am 08.05.2013, was da los war:

Ein Nacht-für-Nacht-Armageddon, ein Hubert-Fichte-Schaumbad in Siff, Sex und Ekstase. Nichts, was Meier aus der Ruhe bringt. Aus der Gosse führt der Weg in den Nachthimmel.

Der Maestro, der erscheint und das Chaos bändigt. Ein Chaos allerdings, von dem er einiges zu berichten weiß. Und es fortan auch immer wieder tut in seinen Songs, die er darbietet mit der Art eines wenn vielleicht auch nicht gleich altersweisen, so doch aber erfahrungssatten, spätnächtlichen Flaneurs, der selbst beim Anblick des Abgründigen nicht zu schwitzen beginnt. Wäre ja stillos.

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5 Antworten zu You gotta say yes to another excess

  1. carodame schreibt:

    Da wurde die alte Liebe zu elektronischen Klanggeweben geweckt, nebst Erinnerung an Zürcher Zeiten… Leider hatte ich die Kamera nach dem langen Arbeitstag nicht im Gepäck. So war ich ganz Ohr. Auge aber auch. Die Bandmitglieder waren vorzüglich bei ihrem Dienst am guten Ton anzuschauen. Vor den Projektionen an der Wand des alten Gemäuers.
    Sehr feine Fotos von Herrn Rillich.

  2. kreuzbube schreibt:

    Live viel wuchtiger, als man es anhand des Albums vermutet. Aber gut!

    Die Haare schneiden? Wo ich das gerade als Option für mich entdeckt…

  3. kid37 schreibt:

    Der hat neulich noch die Hamburger Deichtorhallen bzw. Sammlung Falckenberg bespielt, inklusive Auftritt. Ansonsten bildhaftes. ich habe es selbst leider nicht gesehen, aber Kollegen waren ganz angetan vom Tausendsassa Meier. (Die Haare könnte er sich schneiden, finde ich. Aber das nur nebenbei.)

  4. Twobeers schreibt:

    Heute in Berlin? Mist, werde ich nicht schaffen…

    • kreuzbube schreibt:

      Wenn’s irgendwie geht, dann geh‘ hin. Hier ging es eine halbe Stunde später los. Dauert aber nicht lange, etwa 1 1/2 Stunden, sie wollten ja nur eigenes, neues Material spielen. Stilrichtung: Electro-Chanson, so nennt er es.

      edit: Die Mitteldeutsche Zeitung schreibt doch tatsächlich „Mit knapp 70 hat der frühere Diskostar Dieter Meier ein Soloalbum vorgelegt“

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