Söhne (und Töchter) der Wüste

„Führ mich zum Schotter“, habe ich zu Thomas gesagt und der hat sich das nicht zweimal sagen lassen. Über Stunden hinweg hat er Wegstücke präsentiert, auf denen man kaum einmal mit dem Rennrad hätte fahren können. Kreuz- und querfeldein ging’s und beim nächsten Mal werde ich auf breitere Reifen als die 28 mm auf dem alten Crosser aus den 70ern zurückgreifen. Die Entscheidung fürs richtige Rad ist nicht immer leicht, zum frühlingshaften Mai passte der grüngelbe Crosser ganz entschieden besser als das doch eher winterlich weiße Gegenstück. Reifen hin oder her.

Ganz nach meinem Geschmack waren die Wege und Pfade, die ich nicht kannte, nie gefunden und kennengelernt hätte, dieser halbe Tag auf dem Rad, bei dem man nie wusste, was der nächste Kilometer bringen würde. Bisweilen war selbst das Wort Pfad hoch gegriffen, mochte es auch sein, dass da schon mal jemand zu Fuß gegangen ist. Das Bootshaus in Merseburg an der Saale und mit Blick auf die Saale bot unterwegs Erfrischung und Stärkung, aber das eigentliche Ziel unseres sechsköpfigen Erkundungstrupps war ein aus Raum und Zeit gefallenes Bauwerk.

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Wüsteneutzsch. Hochaufragender Beton, inmitten von Grün, teils überwuchert von Grün. Überbleibsel einer nie bezwungenen Wildnis. Eine Schleuse sollte dort entstehen, so die Planung in den 1920 Jahren, und eine Schleuse entstand auch, nur wurde sie nie fertiggestellt und das Wesentliche einer jeden Schleuse fehlte ihr stets: Ein Wasserweg zu beiden Seiten.

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Noch im 19. Jahrhundert war’s, da suchte man nach einer Anbindung der Handelsstadt Leipzig an die Elbe. Gedankenspiele gab es viele, sie alle scheiterten an Aufwand und benötigten Geldmitteln.  Dann legte Karl Heine, ein Mann der Tat, ordentlich Kohle auf den Tisch und baute ab 1856 mitten durch Leipzig den nach ihm benannten Kanal. Ein Vierteljahrhundert später hatte man den Stadtrand erreicht und dabei blieb es dann auch.

wüsteneutzsch_3In den kommenden Jahrzehnten wurden munter weitere Pläne geschmiedet, bis Reich und Länder 1926 Nägel mit Köpfen machten. Der Saale-Elster-Kanal sollte her, mit Schleusen und Hebewerken und allem, was man so braucht, um einen Wasserweg schiffbar zu machen. 1933 gingen die Bauarbeiten los, Tag und Nacht arbeiteten Tausende von Arbeitern auf einer der größten Baustellen im Deutschen Reich. 

Wie das so ist, wenn die öffentliche Hand baut, ob gestern oder heute, es kam zu finanziellen Schwierigkeiten. Geld musste nachgeschossen werden, Kredite wurden benötigt. Ein paar Jahre nach Baubeginn wurde klar, dass es mit einer baldigen Fertigstellung nichts werden würde. Dann wollten die Nazis aufrüsten und Krieg führen, wofür der angedachte Mittellandkanal aber ohne Bedeutung war. 1943 wurde die unvollendete Baustelle geräumt und seitdem steht die vom Krieg unbeschädigte Schleusenruine in der Landschaft herum.

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Visionen von einem Weiterbau gibt es nach wie vor. Da gibt es die üblichen tollkühnen Begründungen, wieso der Kanal unbedingt her müsse. Die reichen von vielen neuen Arbeitsplätzen über die Schleuse als Besuchermagnet für Touristen aus dem In- und Ausland bis hin zum Bild von 100.000 Paddlern und Bootsführern, die dann jährlich von sagen wir mal Hamburg nach Leipzig fahren könnten und auch würden. All dass soll eingebettet sein in Bundesgartenschauen und Themengärten und Besucherzentren entlang der Strecke. 

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Der Trick ist, dass das diesmal gar nicht kosten würde. Keinen Pfennig, und hinterher hat man es schön. Das Prinzip bei Bauvorhaben ist ja: Hat die Stadt kein Geld, zahlt das Land, zahlt der Bund, zahlt die EU. Auf diese Weise kostet es nichts. Sagt sich der Leipziger, Sachse, Deutsche und EU-Bürger.

***

Dank an Thomas, für die kundige Wegbegleitung und Wissenvermittlung und auch für die finale Schussfahrt auf dem 50 cm schmalen singletrail hinab zur Saale nach Erklimmen der alten Rodelbahn. Dank außerdem an Beate für das feine Holunderblütensirup und das leckere Tiramisu.
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7 Antworten zu Söhne (und Töchter) der Wüste

  1. kreuzbube schreibt:

    Napoleon ist Schuld, dass es den Kanal nicht schon früher gab. Schon vor den napoleonischen Kriegen wollte man dort ausschachten. Bis zum Beton-Monster vergingen aber noch einmal über 100 Jahre Industrialisierung mit rasanter technologischer Entwicklung. Von den 19 km Kanal bis zur Schleuse sind 11 fertig und weitere 5,5 teilweise ausgeschachtet. Für den Güterverkehr würde die Fertigstellung aber keine Rolle mehr spielen und bei den Zahlen, die dafür in den Raum geworfen werden (100 Millionen aufwärts), kann man sich seinen Teil denken…

  2. mark793 schreibt:

    Sehr beeindruckend! Wir haben ja noch ein paar Reste von Napoleons Nordkanal-Projekt, aber die lassen die einstige Megalomanie des Projektes nicht mehr so recht erkennen – im Gegensatz zu Eurem Beton-Monster.

  3. prieditis schreibt:

    Boah!
    Beeindruckende Anlage.
    Und gar keine Graffiti-Schmier…äh…-Kunst?
    Scheint also wirklich weit ab vom Schuß zu sein.

    • kreuzbube schreibt:

      Das ist schon irre. Ich stürme da einen grasbewachsenen Hügel hoch und plötzlich und unvermittelt steht da dieses Ding – seit über 70 Jahren. Und es steht, nicht wie unsere Autobahnen, die nach 5 Jahren schon Betonkrebs haben.

      • prieditis schreibt:

        In Halle (Belgien) hätte man daraus einen Bahnhof gemacht…

      • donferrando schreibt:

        Die spinnen die Belchier!

      • kreuzbube schreibt:

        In Halle (Belgien) haben sie ein recht hübsches, neues Dach über ihren, so scheint es zunächst, kleinen Bahnhof gemacht. Dann tritt man hinunter zu den Gleisen – und zwischen einen Kilometer Beton, der links und rechts aufragt wie die Schleuse oben im Bild.

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