Speed Single

As they pulled you out of the oxygen tent 
You asked for the latest party 

(David Bowie, Diamond dogs)
***

„Go fuckin‘ wild!“ ruft Ozzy und nur kurz denke ich „Fuck, ich bin gerade bei 32 °C mit dem Rennrad von Leipzig nach Berlin gefahren und ein Fall für die Sanitäter.“

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Dann sehe ich Ozzy mit seiner fast diebischen Freude, die er auf der Bühne hat, wie er mit Trippelschritten nach links und rechts huscht, ein Überlebender, der Überlebende von Jahrzehnten des substance abuse, Entertainer und in manchen Momenten Lausbub‘. Mal mit weit aufgerissenen Augen, mal mit starrem Blick auf den Boden, man weiß ja nicht immer, was der nächste Schritt bringt, wenn die eine oder andere Nervenbahn schon aus der Spur geworfen ist. Winkend, hüpfend, anfeuernd und ohne Pause verausgabt er sich in der heißen Nacht in der Wuhlheide. Scheiß auf die Kilometer in den Beinen, die werden schon irgendwo ein Sauerstoffzelt haben, falls ich umkippe. Go fuckin‘ wild!

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erdbeerkuchen

Morgens um 7:00 beim Frühstück auf der heimischen Terrasse bin ich noch frisch, voller Elan, bereit und auch willens, endlich aufs Rad zu steigen. Paranoid im Ohr gibt mir den Rhythmus vor, für die ersten zwei, drei Stunden. Die Mittagshitze stecke ich auch noch eine Weile weg, aber dann kommt sie mit Macht, bin ich so aufgeheizt, dass ich aus jeder Pore heraus mit der Sonne in Sachen Hitzeaustrahlung wetteifere. Am Berliner Ring ist aus Paranoid längst „I am Irooon Maaouuunnn“ geworden. Twobeers, mein angedachter Lotse durchs Berliner Stadtgebiet hat, so denke ich mir längst, es genau richtig gemacht und seinen Schlepper der Kompassnadel gen Norden folgend gesteuert. Schon um fünf Uhr ist er an die Ostsee gestartet, was die zweite schlaue Idee war, so ist er aus dem Gröbsten raus, als ich gerade mitten hinein steuere.

Unterwegs erfahre ich indes unerwartete Unterstützung. Die Männer der SG 1910 Woltersdorf veranstalten einen Sommerkick und schicken mich unter einen Rasensprenger. Offenkundig sehe ich so aus, als ob ich das dringend nötig habe. „Wo willsten hin? Nach Berlin? Verrückt. Und wohin da? Bis in die Wuhlheide? Hey, da ist doch heute der Ozzy! Da willste noch hin? Verrückt. Wo kommsten überhaupt her? Aus Leipzig? Tock-tock!“

Nur fünf Minuten später hat mich die Sonne wieder getrocknet und weil Essen gerade gar nicht geht, ballere ich mir fast einen Liter Cola rein. Der Zucker gibt Treibstoff und weil die Männer mir zudem den richtigen Weg weisen und mir ein dritter Umweg an diesem Tag damit erspart bleibt, kommt neue Entschlossenheit in mir auf – die aber ratzfatz mitsamt dem Schweiß in Strömen ausgeschwemmt wird. 

Endlich Berlin. Ein kurzer Zusammenbruch. Eine Dusche. Flüssigkeit und Nahrung, soweit überhaupt etwas hinein geht. Über die Straße rüber zur Kindl-Bühne in der Wuhlheide. Soundgarden gewährt mir als Vorband noch ein wenig Verschnaufpause und dann muss der Kreislauf zeigen, was er drauf hat. Go fuckin‘ wild! Schwer fällt es mir nicht. Das sind zwei Stunden, die ich nimmer wissen will, „fast wie damals, nur irgendwie erwachsener“, schreibt die Berliner Morgenpost heute.

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Black Sabbath. Keine Gimmicks. Keine große Bühnenshow außer der Show, um die es geht. Keine Tänzer, Zweit- und Drittgitarristen, Keyboarder, kein background Chor, der mal hilft, keine Bläser, keine Percussionisten. Drei Instrumente, eine unverwechselbare Stimme. Ozzy haut bei einem Song mal ein paar Töne daneben und gestikuliert der Technik, ist aber ansonsten auf der Höhe. Tony Iommi wuchtet uns aus seiner SG kantige Riffs mit einer Souveränität entgegen, dass man sich schwer vorstellen kann, dass er wegen seiner Krebserkrankung alle paar Wochen zur Behandlung muss.

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Hat man nur eine Gitarre und keine weiteren Instrumente, muss der Bass viel Arbeit leisten. Geezer Butlers Finger fliegen zwei Stunden ohne Unterlass über die Saiten. Wenn man mal darauf achtet, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Am Schlagzeug gibt Tony Clufetos den Berserker und nachdem er richtig losgelegt hat möchte ich keine Silbe mehr darüber verlieren, dass ich mich an diesem Tag auf dem Rad ein wenig angestrengt habe.

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Das alles ist unverkennbar Sabbath und gleichzeitig keine Spur museal, durchzieht  kraftvoll und frisch und von grandioser Spielfreude getragen den aufgeheizten Kessel in der Wuhlheide.  Zwei Stunden verfliegen bis zur ultimativen Zugabe. „One more song, one more song, one more song…“

Paranoid. Noch einmal ein paar Minuten alles geben. Dann hinaus in die warme Berliner Nachtluft. Absacker mit den Freunden. 4:00 Licht aus. „Fast wie damals, nur irgendwie erwachsener.“

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So war’s:

So ging es den anderen:
Ist Gott tot? Ist das der Anfang vom Ende? Oder das Ende vom Anfang? Ozzy Osbourne weiß es auch nicht. Er steht, während er die großen Fragen stellt und singt, auf einer weiten Bühne und kann selbst nicht fassen, dass er da ist, an einem Pfingssonntag im Berliner Stadtwald. Seine alte Band reist wieder mit ihm um die Welt. Black Sabbath feiern noch einmal die Schwarzen Stadionmessen ihrer Jugend, und manchmal muss Ozzy dabei kichern wie das bucklicht Männlein aus dem Märchen.
Die Welt
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Diesen Männern da oben auf der Bühne macht keiner etwas vor. Da sind gestandene Handwerker bei der Arbeit, die einst kräftig am Rad der Rockhistorie gedreht haben. Als langsam die Dunkelheit über die verschworene Gemeinde hereinbricht, geht es auch schon in die Zielgerade. „Children of the Grave“ vom 1970er-Album „Master of Reality“ ist schließlich das Finale eines zweistündigen, geschichtsträchtigen Konzerts, bei dem Black Sabbath im knappen Zugabenteil mit dem unvermeidlichen Hit „Paranoid“ beglücken. Headbanger vor!
Berliner Morgenpost
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Alles fit, Ozzy? Rücken agil? Drogen weggesperrt? Nägel schwarz manikürt? Genügend Fledermäuse verputzt? Dann kann es ja losgehen mit Black Sabbath, den Satansbraten aus Birmingham, den ältesten Kinderschrecks der Hardrockgeschichte, die seit 1969 rocken – und auf der aktuellen Tour sogar fast in Originalbesetzung auftreten: Der gut gelaunte, agile, hoch motivierte Ozzy Osbourne, dazu Gitarrist Tony Iommi, der das Doommetalriff als solches erfunden hat, und Geezer Butler, dessen Finger über den Saiten seines tieffrequenten, verzerrten Basses nie zur Ruhe kommen.
Auf dem Podest der Wuhlheider Kindl-Bühne sitzt zudem wie ein tätowierter Mullah der 34-jährige, bärtige Tommy Clufetos und verprügelt seine Toms, als ob er sauer auf sie wäre: göttlich.
Tagesspiegel
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Wenn Osbourne nicht gerade zum Zweck des Singens am Mikrofonständer verharrte und mit seiner unnachahmlichen Mischung aus „Wo-bin-ich-hier-eigentlich-gerade-und-wer-sind-diese-Leute-um-mich-herum“-Ratlosigkeit und priesterlicher Vollkontrolle über den ekstatischen Mob in die Arena guckte, huschte er mit steifer Hüfte, nach vorn gebeugtem Oberkörper und schlaff zu beiden Seiten hinunterschlackernden Armen über die Bühne: eine Form der Motorik, die man sich auch gut an einem Rollator vorstellen könnte.
Berliner Zeitung
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Als in einer sächsischen Kleinstadt in den frühen 70er Jahren auf verschlungenen Wegen – im Radio lief das nicht – solches erstmals aufdröhnte, löste das einige Erschütterung aus. Hinter sozialistischem Lerneifer, fröhlichen 1.-Mai-Aufmärschen und Reden zum Weltfriedenstag musste es also noch etwas ganz anderes geben. Etwas Großes, Gefährliches, das einen zu verschlingen drohte – aber auch ungeahnte Abenteuer versprach.
40 Jahre später wehte eine Ahnung davon durch das Open-Air-Rund der Berliner Wuhlheide, wie das Hintergrundrauschen vom Urknall. Noch immer beben die Grundfesten der eigenen Existenz, wenn Tony Iommy seine tonnenschweren Gitarrenriffs wälzt, wenn Geezer Butler irre schnelle Läufe aus seinem Bass reißt, der 65jährige Ozzy Osbourne sein Horror-Heulen bis zum Abkippen dehnt.
inforadio.de
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Man musste sich einfach Sorgen machen: Sahara-Hitze und über 30 Grad Celsius brachten Berlin am Pfingstwochenende zum Schmelzen. Da macht so mancher Kreislauf schlapp – halten Ozzy Osbourne, Tony Iommi und Geezer Butler auch wirklich durch bis zum abendlichen Auftritt in der Wuhlheide in Berlin?
Erst als Ozzys Stimme hinter dem schwarzen Vorhang erklingt, herrscht Gewissheit: Es passiert! Black Sabbath kehren nach über 30 Jahren in Originalbesetzung (minus Drummer Bill Ward, dessen Posten Tommy Clufetos übernimmt) zurück nach Berlin. Und sind auf der Bühne fitter als so manch schwitzender Fan im Publikum!
Gitarrist Tony Iommi macht derzeit eine Krebstherapie durch und wirkte schon agiler, hält sich aber wacker und reisst die schwergewichtigsten Riffs der Metal-Geschichte herunter, punktgenau und erhaben wie kein Zweiter. Und Ozzy? Schleicht zwar wie ein alter Mann, hüpft aber wie ein Frosch, macht Liegestütze, „Kuckuck“-Singspiele, ist aufgeweckt und bestens drauf.
Die muntere Band, das ehrfürchtige Publikum, die grandiose Setlist – all das macht den Abend mit Black Sabbath und Vorband Soundgarden legendär und unvergesslich!
Metal-Hammer
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10 Antworten zu Speed Single

  1. donferrando schreibt:

    Phantastisch – phänomenal- großartig!
    Nach all den guten Kritiken und den Berichten meiner Schwester und nicht zu letzt (last but not least) des Kreuzbuben Blogeintrag hier, habe ich mich auf den Weg nach Stuttgart gemacht-allerdings im Kraftwagen- um die Chance zu nutzen Black Sabbath zu hören und zu sehen!

    Ozzys Kuckuck war tatsächlich das i-Tüpfelchen einer einzigartigen Darbietung!

    GO FUCKING WILD

    • kreuzbube schreibt:

      Ob Kraftwagen, ob Pferdedroschke, das ist doch ganz egal, Hauptsache da!

      Wir werden vielleicht die letzten sein, denen das noch vergönnt war. Tony Iommi deutet an, dass die jetzigen Auftritte die abschließenden sein könnten… wer will es ihm verdenken?

      Die Stuttgarter Zeitung über den dortigen Auftritt:

      11.500 Zuschauer kamen am Mittwochabend in die Stuttgarter Schleyerhalle, um die britische Hardrockband Black Sabbath zu erleben, und sie wurden reich beschenkt: Die Begründer des Heavy Metal präsentierten sich in Hochform.

      Gitarrist Tony Iommi zelebrierte die Riffs von Klassikern wie „War Pigs“, „Black Sabbath“ und „Iron Man“, Bassist Geezer Butler ließ mit seinen tiefen Frequenzen die Halle erbeben und US-Drummer Tony Clufetos machte mit fulminantem Spiel vergessen, dass Originaldrummer Bill Ward wegen rechtlicher Querelen nicht dabei sein konnte.

      Die größte Überraschung aber war die makellose Darbietung von Sänger Ozzy Osbourne, der nach jahrzehntelangem Kampf mit Drogen aller Art frisch und aufgeräumt wirkte, jeden Ton traf und das Publikum immer wieder zum Mitsingen animierte.

      Rarität aus dem ÖR-Fernsehen: Sabbath 1970 in Deutschland, War Pigs mit anderem Text… und die deutschen Fernsehmacher warnen, dass den jungen Menschen, die ohnehin nichts haben, mit solchen Konzerten das Geld aus der Tasche gezogen werde…

  2. jawolllll, musik und radsport… was für eine verbindung 🙂

    • kreuzbube schreibt:

      Gerade gestern habe ich mit jemandem darüber sinniert, dass wir immer mal eine Rock’n Roll Ride starten müssten.

      Vor meiner Abfahrt nicht Berlin hatte ich mich noch gefragt, ob die alten Herren auf der Bühne das bei der Hitze überhaupt noch durchhalten. Angekommen war die Frage eher, ob ich das vor Bühne noch durchhalte… Ging aber, ich habe noch mal alles rausgeholt, mit einem kurzen Krampfanflug zwischendurch…

  3. kreuzbube schreibt:

    „Unbekannte haben dem US-Internetriesen Google einen Streich gespielt: Wer sich am Montag via Google Maps über die Dresdner Waldschlößchenbrücke leiten lassen wollte, wurde zur „Ozzy Osbourne Brücke“ geführt. So stand es zumindest für einige Stunden im Onlinekartendienst des Unternehmens.“

    http://www.welt.de/vermischtes/kurioses/article129156656/Google-gibt-Dresden-eine-Ozzy-Osbourne-Bruecke.html

  4. kid37 schreibt:

    Ich glaube, wenn man im Alter so gelungen die Balance zwischen öffentlichem Können und der eigenen Parodie halten kann, hat man es geschafft.

  5. mark793 schreibt:

    Hat er auch das hier gespielt? Hätte sich in der Wuhlheide doch angeboten. 😉

  6. carodame schreibt:

    Black Swan…
    Ozzy bekommt wie ein Tänzer die Arme hoch und die Schultern dabei hinter die Ohren, staune ich über die gerade gesehene elegante Position dieses Superstars, eines Überlebenden, dessen Überleben nicht besser sein kann. Was für eine Mucke! Mehrere Generationen jubeln textsicher und Arme schwingend ihre Entzückung in die Nacht. Das Verlangen nach eine Kippe hatte ich längst vergessen…

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