Toursplitter, 1

07.07.2014

Was für ein Auftakt zur ersten Tourwoche. Jens Voigt wird doch noch einmal für die Tour nominiert, David Millar von einem Tag auf den anderen wieder ausgeladen und für Mark Cavendish sind die großen Hoffnungen schon am ersten Tag wieder vorbei.  

Er hat sich wohl ohnehin in der weiteren Karriereplanung verzockt, der gute Cavendish. 2012 hatte er immerhin drei Etappensiege geholt, doch das war ihm scheinbar nicht genug, weshalb er das starke Team Sky verließ. 2013 lief es dann enttäuschend für ihn, nur einen Etappensieg konnte er erringen. Dieses Jahr hat er sogar einen der Altmeister unter Sprintern, den 40-jährigen Alessandro Petacchi als Anfahrer angeheuert; die Älteren unter euch werden sich erinnern, der war gut, als Erik Zabel noch der Platzhirsch war. Und dann war vor dem heimischen Publikum nach einem Sturz und mit Bänderrissen in der Schulter alles schon auf der ersten Etappe vorbei. (Aufgemerkt: Bänderriss kann kreuzbube auch, beim Sturz mit dem Kuchenblech in Händen). Widerlegen kann er mich nicht, also behaupte ich ganz frank und frei: Der Cav hätte auch dieses Jahr nichts gerissen, von Marcel Kittel hätte er nur das Hinterrad gesehen, wie alle anderen auch auf zweien der bisher drei Etappen.

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Der ewige Jens Voigt nach seinem Husarenritt ins Bergtrikot mit einem weiteren Spruch für die Radsportgeschichte:

„You know it’s the book of cycling, page number one: Never, ever give one meter to Jens Voigt!”

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prieditis wollte wissen, ob bei der diesjährigen Tour GoPro-Kameras eingesetzt werden. Yes Sir! Sony setzt … Schafe als Kameraleute ein. Die bekommen ein Hundegeschirr umgeschnallt, an dem die Kamera befestigt wird.  Glaubt ihr nicht? Voilà:

Des moutons pour filmer le Tour de France

Ich bin gespannt, was die sheep cam uns zeigen wird und ob sie auch nur einen einzigen Radfahrer einfängt…

*** 08.07.2014:

Für die Modcyclists da draußen: Bradley Wiggins trifft Paul Weller. Der bekennende Mod und der Modfather über das Radfahren, Musik, die ersten Schallplatten. „This is Bradley Wiggins on BBC Radio 6 Music Show“ (noch fünf Tage).

Weller: Did you came by car or by bike?
Wiggins: I came by car today. It’s far too cold to be on a bike.

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Das Tempo auf den letzten drei Kilometern der dritten Etappe.

speed evolution ***

Mit dem Rad 100 Meter unter dem Meer. Chris Froome im Eurotunnel.

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Nicht alle Profis fahren elektronische Schaltungen, wie man bei Thomas Voeckler sehen kann, der gerade wieder einmal bei einem seiner Ausreißversuche unterwegs ist. 

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Marcel Kittel zum ersten, Marcel Kittel zum zweiten, Marcel Kittel zum dritten Mal! Sieben Etappensiege hat er nun bei der Tour de France auf der Habenseite. Nur Rudi Altig (8) und Erik Zabel (12) haben mehr. Die beiden sollten doch zu knacken sein, Kittel ist erst 26.

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Inside the peloton: So sieht der Zielsprint aus Sicht von John Degenkolb aus:

(Dass ihr bei youtube die Bildqualität einstellen könnt, das wisst ihr, nicht wahr?)
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Unlängst war ich bekanntlich mit dem Rad in Flandern und habe berichtet, wie es da so ist und dass das kleine Belgien eine weit größere Radsportgeschichte hat als Deutschland. Das lässt sich anlässlich der Tour de France mit Zahlen untermauern.

Gelbe Trikots pro Nation: Belgien 18, Deutschland 1
Grüne Trikots pro Nation: Belgien 19, Deutschland 7
Gepunktete Trikots pro Nation: Belgien 11, Deutschland 0

*** 09.07.2014:

Ein kurzer Blick hinüber zu den Randsportarten.

brazil

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Die Präsentation eines 4,6 Kilo Rennrades geschieht für den Sponsor.  Die heutige 5. Etappe beginnt in Ypern und führt unter anderem über insgesamt 15 km Kopfsteinpflasterabschnitte. Was die Fahrer bei solchen Rennen tatsächlich wählen, zeigt uns hier der Mechaniker von Bradley Wiggins, der dessen Rad für Paris-Roubaix vorstellt. Carbonlenker- und Vorbau werden gegen welche aus Aluminium ausgetauscht („for safety reasons“), das Hinterrad bekommt eine klassische Einspeichung, 27 mm breite Reifen werden aufgezogen und auch die Flaschenhalter sind aus Alu statt aus Carbon.

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Ypern also. Dort, wo die Radrennfahrer heute auf die 5. Etappe gehen und mit dem Kopfsteinpflaster kämpfen, zogen die Radrennfahrer vor 100 Jahren in den Krieg ließen ihr Leben, im Kampf auch gegen die Radsportler aus anderen  Ländern. Um Ypern lagen die großen Schlachtfelder des 1. Weltkriegs, auf denen erstmals der Gaskrieg tobte. Chlorgas und etwas später Senfgas setzten die Deutschen ab 1915 ein, die Alliierten zogen nach. Glückliche Zeiten, in denen wir Mitteleuropäer heute leben.

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Christopher Froome ist raus! Auf der spektakulären 5. Etappe im Dauerregen musste der Tourfavorit nach zwei Stürzen aufgeben, nachdem er bereits am Tag zuvor zu Fall gekommen war. Links und rechts standen die Zuschauer mit Regenschirmen an der Strecke von Ypern nach Arenberg. Die Fahrer natürlich ohne Schirm, aber viele mit Armlingen und Beinlingen. Die Bedingungen waren im Dauerregen so katastrophal, dass der Veranstalter zwei der neun Pavé-Abschnitte kurzfristig gestrichen hatte. Dennoch kam es unterwegs, auf auf dem normalen Asphalt, reihenweise zu Stürzen. Einer indes war vom Wetter unbeeindruckt: der holländische Sieger Lars Boom, dessen Teamkollege Maarten Wynants sagte: „Als wir gestern die Bilder von den verregneten Pavé-Stücken gesehen haben, hat Lars Boom schon gelächelt und sich gefreut.“

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Lars Boom ist übrigens ein hervorragender Cyclocross-Fahrer und war unter anderem 2008 Weltmeister in dieser Disziplin. Da lernt man das Radfahren.

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Zweiter Gewinner des Tages: Vincenzo Nibali, der dem ebenfalls zum Tourfavoriten erklärten Alberto Contador satte 2 1/2 Minuten abnahm. Finde ich gut. Um einen Vergleich zu bemühen, Vincenzo Nibali ist so etwas wie der erklärte Gegner des Tiki-Taka-Fussballs auf den Radsport bezogen. Keiner, der die Planung einer ganzen Tour Monate voraus vom Reißbrett mag, wie dies das Team Sky und früher US-Postal gemacht haben. So fährt man nicht Rennen, meint Nibali, und wie man Rennen fährt, das hat er heute gezeigt.

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Alberto Contador mit einem Schnappschuss, bevor dort 200 Rennfahrer im Renntempo entlang donnern werden.

contador_ypern

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Chris Froome ist raus. Kann passieren. Aber ein paar andere große Namen sind dieses Jahr von Anfang an erst gar nicht dabei:

Tom Boonen, Philippe Gilbert, David Millar, Nairo Quintana, der Vorjahreszweite und diesjährige Gewinner des Giro d‘ Italia und – Bradley Wiggins, der Tour-Sieger von 2012. Prognose: Wiggins hört ganz auf. Warum auch nicht? Wozu die Schinderei, wenn man ausgesorgt hat?

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So geht Jens Voigt an einem Regentag in eine Kopfsteinpflasteretappe:

voigt_ypern

*** 10.07.2014:

Über Kopfsteinpflaster fährt man schnell, und lässt die Muskulatur die schlimmsten Stöße auffangen – wenn man die Kraft dazu hat. Andernfalls wird’s schlimm, man knallt von Stein zu Stein zu Stein zu Stein…

Weil die Tour gestern in Flandern war und weil der kreuzbube neulich in Flandern war, gibt’s einen kleinen Rückblick: An Koppenberg & Co. gilt das mit dem schnellen Fahren eher weniger, da geht’s eher darum, überhaupt hinauf zu kommen. Zumindest war das für den kreuzbuben so. So sieht das in bewegten Bildern aus, wenn die Rennfahrer dort hinzu müssen:

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Andy Schleck ist raus, hat nach einer Kollision mit einem Zuschauer Teilrisse des Seiten- und Kreuzbandes sowie einen Meniskusriss erlitten und eine schwere Verletzung des Gelenkkorpels davon getragen. Es gibt tatsächlich Deppen die meinen „Ey, die kriegen genug Kohle, immerhin bezahlen wir die, also haben wir auch das Recht, hautnah dabei zu sein.“

Ist natürlich quatsch. Die denken gar nicht, außer „Ey“… ähm… „ey“..

cancellara_1

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Rückblick auf einen anderen 10. Juli: Die Etappe am 10.07.2000 gewinnt Javier Ochoa. Im Februar 2001 erleiden er und sein Bruder Ricardo ein schlimmes Schicksal. Ein Autofahrer kollidiert mit ihnen. Ricardo stürzt. Javier liegt wochenlang im Koma, bleibt behindert. 2004 tritt er bei den Paralympics an und gewinnt Gold- und Silbermedaillen bei den Radrennen.

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Dann halt André Greipel, wenn Kittel mal aus irgendeinem Grund den Sprint nicht gewinnt. Sechste Etappe, vierter Sieg eines deutschen Sprinters. Und so wird’s geübt, direkt vor der Tour im Höhentraining in der spanischen Sierra Nevada:

*** 11.07.2014:

Afrika. Aus den afrikanischen Ländern kommen all die guten Läufer und im Radsport wäre das vielleicht ebenso, wäre Radrennsport für Afrikaner nicht unerschwinglich. Überhaupt ein Fahrrad zu haben, verändert in Afrika viel: Medikamente können zu einer viel größeren Zahl von Menschen in abgelegenen Dörfern gelangen, als wenn das zu Fuß erfolgen muss. Bauern transportieren ihre Ernte mit Hilfe des Rads, Kinder können in weit entfernte Schulen gelangen. Während hierzulande abertausende von Fahrrädern als Sperrmüll vor sich hin gammeln oder als viert, fünft, sechst, zehnt …. -Sammelobjekt herumstehen, ist ein einziges Rad in Afrika oftmals die Lebensgrundlage der Menschen. 

Zurück zur Tour de France. Bernard Hinault sieht in den Afrikanern die Zukunft des Radsports: „Obwohl es eine Weile gedauert hat, bis die schwarzen Athleten im Radsport mithalten konnten, kann ich Ihnen sagen, dass sie jetzt im Kommen sind! Sie können klettern, sie sind leidensfähig. Ich bin überzeugt, dass einer von ihnen eines Tages in Gelb nach Paris fahren wird.“

Derzeit sieht es noch nicht danach aus.

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To be continued.

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2 Antworten zu Toursplitter, 1

  1. Twobeers schreibt:

    “You know it’s the book of cycling, page number one: Never, ever give one meter to Jens Voigt!”

    Wie geil ist das denn!

    • kreuzbube schreibt:

      Tja, was soll man sagen. Jens Voigt, ein Glücksfall auch für jeden Sponsor. Er meinte auch, nachdem er jetzt der beste Bergfahrer sei, warte er auf einen Millionen-Dollar-Vertrag – für den Start im nächsten Jahr… 😉

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