Bismarck, Karl May, und ein schlimmer Finger

Die Königsetappe, und kreuzbube schwächelt. Drei Türme, und carodame hat die Nase vorn.

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Heckklappe und Kofferraumdeckel von Autos hatten mal Griffe zum Öffnen und Schließen. Irgendwann bekamen sie Griffmulden – an der Innenseite. kreuzbube schließt die Heckklappe, zieht die Finger raus, will die Finger rausziehen, hat den Schlüssel dabei in der Hand, das Schlüsselband bleibt kurz irgendwo hängen. Aua-Aua!

Gekühlt wird in der Elbe. kreuzbube rennt zum Ufer, rennt durch das kniehohe Gras, will durch das kniehohe Gras rennen, rennt durch die kniehohen Brennnesseln. Aua-Aua! Das wird heute eine schwere Etappe.

***
bismarckturm dresden plauen 1

Bismarckturm Dresden-Plauen

Eine Stunde später ist mit links ans Schalten nicht mehr zu denken. kreuzbube bleibt mit 100er Trittfrequenz auf dem kleinen Blatt, carodame lässt es den Fluss entlang rollen.

Brühlsche Terrassen, Frauenkirche, Altmarkt; dann geht es stetig und dann steil bergauf Richtung Fichtepark. Hoch über Dresden steht der Bismarckturm Dresden-Plauen, der seit 1954 Fichteturm heißt. Umbenennung durch die Taliban, das Bismarckrelief wird heraus geschlagen.

Bis zum Park führe ich noch locker, aber in den sandigen Kurven muss ich aufpassen, ich will ja nicht auf den Turm aufprallen. carodame schiebt sich auf den letzten Metern vorbei, der Turm geht an sie.  Die ersten 153 Stufen des Tages bescheren uns in 30 Metern Turmhöhe einen weiten Blick nicht nur über Dresden und die Elbe, sondern bis in die Sächsische Schweiz.

Der zweite Turm auf unserem Rundkurs steht in Dresden-Räcknitz. Vom Fichtepark müssen wir wieder steil bergab fahren und es stellt sich heraus, dass außer dem Schalten mit links nun auch das Bremsen mit links untunlich ist. carodame lässt es weiter rollen, nutzt ihre Chance.

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Auch der Bismarckturm in Räcknitz steht auf einer Anhöhe und die erreicht carodame, mittlerweile stark motiviert, als erste, was ihr den nächsten Wertungspunkt einbringt.

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Bismarckturm Dresden-Räcknitz

Außer einem weiteren, weiten Ausblick bietet dieser Bismarckturm vor allem Einblicke. Im Zuge der Sanierung hat man gezeigt, wie es auch gehen kann statt ideologisch bedingten Zerfall zuzulassen. Das Innere des Turms enthält einen über Treppen nach oben zur Plattform führenden Rundgang mit Informationstafeln und Fotos, die den Bogen von den Befreiungskriegen 1813 über das Bismarckreich bis hin zu der ersten Bücherverbrennung durch die Nazis im Jahre 1933 spannt.  All das macht man an der Räcknitzhöhe und dem auf ihr errichteten Turm fest. Da liegt zum einen das Grab Moreaus, eines französischen Militärs, der erst in Diensten der französischen Republik stand, dann zu Napoleon überlief und schließlich für Russland gegen die Franzosen kämpfte. 1813 verlor er in der Schlacht gegen die napoleonischen Truppen durch eine Kanonenkugel beide Beine, die auf der Räcknitzhöhe begraben liegen.

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Erzählt wird vom Architekten Kreis, der die Bismarcktürme entwarf und munter in jedem System mitschwang, vom Kaiserreich über die Weimarer Republik über NS-Deutschland bis hin zur BRD.

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Dann natürlich Bismarck, seine Mythologisierung als Gegenpol zu Kaiser-Wilhelm II durch die Bevölkerung, von der ein anderes Mal zu berichten sein wird. Schließlich die Bücherverbrennung vom Mai 1933, auf der Räcknitzhöhe direkt vor dem Bismarckturm initiiert durch  Professoren und Studenten der Technischen Hochschule Dresden.

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Zurück im Zentrum Dresdens bei Kaffee und Kuchen puckert es munter im Finger. Ruhepausen bekommen ihm schlechter als die Bewegung. Nun wird es zudem eine Materialschlacht. Der Schlauch will auch mal schauen, was es zu sehen gibt.

panaracer kaputt

Es wird kurz beratschlagt, ob der kreuzbube das Rennen aufgeben soll. Aber rundherum reden sie sowieso alle schon über ihn, er hört das ganz genau.

"Ach, guckt mal, der kreuzbube, den muss man wieder um die Kurve tragen!"

„Ach, guckt mal, der kreuzbube, den muss man wieder um die Kurve tragen!“

"Jetzt reiß' Dich mal zusammen, man kann auch mal was aushalten!"

„Jetzt reiß‘ Dich mal zusammen, man kann auch mal was aushalten!“

"Das war dieser kreuzbube? Von dem bin ich nicht beeindruckt."

„Das war dieser kreuzbube? Von dem bin ich nicht beeindruckt.“

Aufgeben scheidet also aus. Et hätt noch immer jot jejange. Wir verabschieden uns von Dresden und belauern uns auf dem Weg nach Radebeul, wo der dritte Turm -und die härteste Prüfung- auf uns wartet. Vor dem Anstieg in die Weinberge hoch über der Elblandschaft machen wir einen Schlenker auf den Friedhof. Dort liegt Karl May begraben, gestorben 1912. Das Grab wird gerade saniert, aber ein Foto zwischen den Planen der Absperrgitter hindurch musste sein. 

Grab von Karl May

Grab von Karl May

bismarckturm radebeul 2Und irgendwann hört der Spaß einmal auf. Definitiv hört der Spaß auf, wenn carodame mit dem geschulterten Rad die Treppe hinauf davon stürmt und ausruft „den hole ich mir“. Nicht mir mir, und was sie in Unkenntnis meiner Streckenführung ja nicht weiß: Die 60 Meter-Treppe ist nur die Treppe zur Treppe.

spitzhaustreppe unten

Die eigentliche Treppe kommt dann erst, man kann sie vom Einstieg aus nicht sehen. Für carodame kommt der Hammer.

Spitzhaustreppe Radebeul

Spitzhaustreppe Radebeul

396 Stufen. Immer zwei Stufen auf einmal, so wird die Konkurrentin auf halber Strecke pulverisiert. 

Vor ein paar Jahren errechnete beim Anblick der nicht enden wollenden Stufen jemand, wie man den Weg auf den Mount Everest in die Treppenstufen der Spitzhaustreppe umrechnen könne. Seit 2005 wird dort ein Ultramarathon gelaufen, immer rauf und runter. Weil’s immer welche gibt, denen auch das nicht reicht, musste zudem ein 24 Stunden-Rennen her. Ergebnis: 120 km und 12700 Höhenmeter in 24 Stunden. Auf der Treppe.

Solcherart übertreiben wollen wir es nicht. Oben erwartet uns eine neben dem Bismarckturm Radebeul gelegene Labe. Die Mohntorte ist sehr lecker, der Traubensaft auch, Traminer und Riesling leider etwas zu warm.

Bismarckturm Radebeul

Bismarckturm Radebeul

spitzhaus 2 KopieDafür kommt dann die Abkühlung. Es kracht und blitzt über uns und klatschnass gehen wir die letzte Stunde im strömenden Regen an. Bei Temperaturen um die 25 °C ist es indes ziemlich wurscht, ob man nass ist, die Landschaft ist schön, das Wasser kühlt im Fahrtwind den Finger, dessen Endglied nun die Anmutung einer Pflaume hat, so dass auch die uns schon den ganzen Tag begleitenden kurzen Pavé-Abschnitte zu verschmerzen sind. Der Schlauch hält, sogar über den Schotter von Baustellen hinweg.

elbe

carodame freut sich über zwei Wertungspunkte und darüber, dass wir schon wieder schöne, neue Eindrücke mit nach Hause bringen. Ich pflichte ihr bei, denn auch wenn die Fahrt für mich nicht ganz ungetrübt war, es hat sich gelohnt. Und wer bin ich, durch Ningelei unterwegs anderen den Tag zu verderben?

Das aktuelle Klassement der Unendlichen Rundfahrt.

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18 Antworten zu Bismarck, Karl May, und ein schlimmer Finger

  1. mitstreiter schreibt:

    Da will man mal mitspielen und die Türme der ‚alten‘ Heimat einheimsen. Und dann dass.
    Aber bei solch herrliche Zeilen sind die Punkte wahrlich verdient errungen. Wobei man, so ihr denn bis zum Meissner Bahnhof geradelt wäret, von einer Fahrt im Kreis sprechen könnte.
    Die Türme, Hygienemuseum, die Sanierte Augustusbrücke, das Lingnerschloss etc.

    • kreuzbube schreibt:

      Naja, im Kreis sind wir ja gefahren. Wir sind unterhalb von Dom und Albrechtsburg gestartet und kamen auch wieder dort an. Ursprünglich sollte der Kreis größer sein, aber da war das Gewitter und der zunehmend lästiger werdende gequetschte Finger, und zuhause die auf Aktion wartenden Vierbeiner.

      Ein Turm steht dort ja noch, weiter nördlich, in Weinböhla, den haben wir liegen lassen. Aber bei der derzeitigen Schlagzahl kann man sich nicht darauf verlassen, dass er lange unbehelligt bleibt… Also los: Schlag den kreuzbuben!

  2. Anneke schreibt:

    Danke für den bebilderten Lehrgang 😉 Habe mein Leichtgewichtcrosser versucht durch den Garten zu schultern…..der Wunsch nach überdimensionierte Schulterpolster kam sofort wieder durch! Aber ich bleibe mal dran….

  3. Anneke schreibt:

    Bilder und Text sprechen für einen schönen Tagesausflug….abgesehen vom schlimmen Finger natürlich. Carodame schultert Ihr Rad, da freut sich das Crosserherz. Ich habe da noch immer nicht die richtige Technik gefunden, oder meine Schulter ist einfach zu dünnhäutig überzogen?

    • kreuzbube schreibt:

      Schultern? So: Oberrohr auf die Schulter, der rechte Arn greift innen durch den Rahmen, unter dem Unterrohr zur linken Lenkerhälfte.

      So ist das Rad gut fixiert, der Lenker baumelt nicht herum, der linke Arm ist frei und kann beim Laufen mitschwingen.

      Am Sonntag hatte ich einen alten Stahlcrosser aus den 70ern gewählt, das drückt auch bei richtigem Schultern. Mit den heutigen breiteren und unten abgeflachten Rahmen Rahmen geht das viel schöner.

  4. kreuzbube schreibt:

    Wir haben unterwegs noch mehr Fotos gemacht und eins davon möchte ich aus sportgeschichtlichen Gründen nachreichen. Am Dresdner Heinz-Steyer-Stadion ist eine Tafel mit den dort erzielten Weltrekorden angebracht. Die Namen kamen mir sofort wieder ins Gedächtnis, die erzielten Zeiten will man kaum glauben.

    Weltrekorde Steyer-Stadion

    Vor wenigen Tagen waren erst die Deutschen Meisterschaften 2014 der Leichtathleten. Keine der Frauen schafft auch nur annähernd die Zeiten und Weiten, die vor 40 Jahren in der DDR erreicht wurden. Die 100 und 200 Meter Finalistinnen sind im Bereich von einer ganzen Sekunde (und mehr) langsamer, den Diskus werfen sie zwischen 5 und satten 20 Metern weniger weit und gemessen an Heike Drechslers 7,46 m Weitsprung hüpfen die Damen des 21. Jahrhunderts einen Meter hinterher (die Zehntplatzierte hat nicht nicht einmal annähernd 6 Meter geschafft…)

    Erstaunlicherweise waren die männlichen Leichtathleten der DDR nicht annähernd so erfolgreich und es hat lange gedauert, bis mir jetzt ein Licht aufgegangen ist: Die sind bei den Frauen gestartet!

  5. carodame schreibt:

    Ich sag mal die Wahrheit: Der kreuzbube hat sich absichtlich ein wenig ungeschickt gegeben, damit so eine digitale Behinderung ihn bremst, weil er sonst nicht langsam genug sein kann, um mich zuerst an den Türmen ankommen zu lassen. Sehr ritterlich.
    Am Fuße dieser Treppe habe ich zunächst schallend gelacht, weil ich nicht mit dieser immensen Länge gerechnet hatte. Das Lachen ist mir dann vergangen. Bis zum Traminer. Mit Möhrentorte.

  6. carodame schreibt:

    Ich sag mal die Wahrheit: Der kreuzbube hat sich absichtlich ein wenig ungeschickt gegeben, damit so eine digitale Behinderung ihn bremst, weil er sonst nicht langsam genug sein kann, um mich zuerst an den Türmen ankommen zu lassen. Sehr ritterlich.
    Am Fuße dieser Treppe habe ich zunächst schallend gelacht, weil ich nicht mit dieser immensen Länge gerechnet hatte. Das Lachen ist mir dann vergangen. Bis zum Traminer. Mit Möhrentorte.

  7. randonneurdidier schreibt:

    Hat dies auf randonneurdidier rebloggt und kommentierte:
    wunderbare „Schreibe“, erstklassige Fotos!

  8. randonneurdidier schreibt:

    Danke für den Einblick in die deutsche Geschichte und die Geschichten von kreuzbube und carodame. Inhaltlich und literarisch wertvoll !!! Mehr davon bitte!

    • kreuzbube schreibt:

      Oh, vielen Dank! Ich berichte gerne auch weiterhin von unseren Ausflügen und habe schon ein paar in petto. Die Ideen für 2015 nehmen bereits Gestalt an…

  9. mark793 schreibt:

    So eine Schlauchgeschwulst habe ich mal provisorisch mit einem Streifen Heftpflaster kuriert, innen an der entsprechenden Stelle in den Mantel geklebt.

    Ansonsten: gute Besserung dem schlimmen Finger!

    • kreuzbube schreibt:

      Heftpflaster! Innen drauf: Klasse Idee. Darauf hätten wir kommen müssen… Ich wollte ja einen neuen Reifen kaufen, aber sonntags…

      Ich gebe mal einen Tipp zurück, so kann man Finger nachts formidabel ruhigstellen: Socken in die Handfläche, Binde drum herum wickeln.

      • mark793 schreibt:

        Ah, ich hoffe, dass ich den nicht zur Anwendung bringen muss. Ich wünschte, ich fände so einen genial-einfachen Dreh für mein derzeit mal wieder völlig hohldrehendes Immunsystem.

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