Need for speed

needforspeed_2Ja, wo laufen sie denn? fragen sich im besten Loriotschen Sinne die unendlichen Rundfahrer kreuzbube (1. von links) und justbiking (1. von rechts.) Wer wissen will, was sie da so gebannt verfolgen, clickt eins weiter zu carodame, die sehr schöne Fotos von den Deutschen Meisterschaften im Steherrennen präsentiert, die am vergangenen Wochenende zu Leipzig stattfanden.

Wie man sieht, ist der kreuzbube noch nicht ganz renntauglich, extra für seine Ablichtung hat er den fotogenen blauen Verband gewählt. justbiking nutzt das im Anschluss prompt zu einer Soloflucht zum Bismarckturm in Wettin aus.

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Die Hölle des Ostens – Römisch Zwei 

von justbiking

Was hat ein Leipziger in Halle verloren? Es gibt für einen Leipziger wirklich keinen Grund da hin zu fahren. So ist es ja immer, die direkten Nachbarn lieben sich nicht gerade. Immer gibt es so kleine Nickligkeiten, Rivalitäten, gibt es Neid, Missgunst und Vorurteile. Das ist natürlich völliger Quatsch, ist aber so.

Aber wer auf dem Tableau der Unendlichen Rundfahrt die Etappe Wettin gewinnen will, der muss, wenn er denn Leipziger ist, durch Halle. Für den Radfahrer bietet die Verbindung zwischen Leipzig und Halle vor allem viel Autoverkehr, Zersiedlung und trostlose Rübenfelder. Die kürzeste, und mit einigem Abstand scheußlichste Strecke führt über Schkeuditz, Großkugel und Gröbers. Schon nach 45 km hat das Elend ein Ende und ich stehe neben Herrn Händel auf dem Marktplatz in Halle.

Es kann nur besser werden, sage ich mir, verabschiede mich von Georg Friedrich und halte Ausschau nach dem Saale-Radweg. Der führt über die Peißnitzinsel, hört aber kurz danach abrupt auf zu existieren. Verdammt, es ist doch immer das gleiche mit diesen Radwegen. Kaum hat man sie gefunden, schon verliert man sie wieder. Also fragen. „Ja, der hört hier auf, aber Du kannst ja da oben auf der Straße fahren, dann am Lidl links, weiter bis kurz hinter dem Bahnübergang, da rechts fahren und immer geradeaus an Kaufland vorbei und dann kommst Du wieder drauf auf den Weg“. Es gibt wirklich keinen Grund nach Halle zu fahren.

Wettin

Wettin

Ah, da ist sie ja wieder, die Saale.  Längst habe ich entschieden, den Radweg nicht mehr zu suchen, sondern vielmehr der eigenen Navigation zu vertrauen. Das heißt aber, im vollsten Vertrauen auf die eigene Orientierung, irgendwelche Singletrails durch den Wald zu fahren. In Brachwitz endet der Trail und es beginnt eine übelste Kopfsteinpflasterstraße. Das Straßenschild verrät mir, es handelt sich um die Thomas-Müntzer-Straße. Ja, kann schon sein, dass der hier vor 500 Jahren schon drüber gepoltert ist. Gut, dass ich das Crossrad genommen habe. Gleich erinnere ich mich an die denkwürdige Radtour vor einigen Jahren. Die Hölle des Ostens – 160 km, davon ca. 30 km Hardcore-Katzenköpfe.

Templerkapelle 2

Templerkapelle Wettin

Dann aber wird es richtig schön. Direkt an der Saale schlängelt sich ein asphaltierter Weg über Döblitz nach Mücheln. Hier in Mücheln gibt es eine Templerkapelle aus dem 13. Jahrhundert, erbaut von denen, die es geschafft haben aus Jerusalem zurückzukehren, nachdem sie dort ordentlich Dresche bezogen hatten. Schön und ruhig ist es hier. Schade, dass das Cafe „Picknick am Wegesrand“ geschlossen ist.

Templerkapelle Wettin

Templerkapelle Wettin

Schon etliche Kilometer vor Wettin sehe ich das Etappenziel – da ist er, der Bismarckturm. Jetzt noch die bergigen Kopfsteinstraßen dieser geschichtsträchtigen Stadt  hinaufholpern und die Stufen zum Turm hinaufstolpern. Geschafft! Etappensieg! Vergoldeter Lorbeerkranz! Schmatz links, Schmatz rechts!

Bismarckturm Wettin

Bismarckturm Wettin

Der Turm befindet sich in einem fast tadellosen Zustand, sogar eine Kupferscheibe mit dem Relief des Reichsgründers befindet sich über dem Eingang. Und natürlich einer dieser unvermeidlichen Sinnsprüche, wie er an fast jedem Turm zu finden ist. „Wir Deutschen fürchten Gott, sonst nichts in der Welt“. Welcher Geist muss damals geherrscht haben, frage ich mich und wende mich nachdenklich um. Einen schönen Blick über das Saaletal gibt es hier. Der Berg ist immerhin die zweitgrößte Erhebung hinter nach dem Petersberg bei Halle, und dieser ist mit seinen 250 m üN. bekanntlich die höchste Erhebung bis zum Ural.

Das aktuelle Klassement der Unendlichen Rundfahrt.

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Zum oben erwähnten Orden der Tempelritter erzählt euch jetzt der kreuzbube noch was, weil die Geschichte dieses Ordens eine spannende ist und die Templer im 14. Jahrhundert das spektakulärste Ende unter all den echten und vermeintlichen Feinden Gottes, die je der Häresie, Gotteslästerung und Unzucht bezichtigt wurden, erlebten.

Der Templerorden, eine Bruderschaft adliger Kreuzfahrer, schließt sich 1118/1119 zusammen, um die nach Jerusalem ziehenden Pilger mit dem Schwert gegen Muslime zu verteidigen. Nach kurzer Zeit sind die Templer zu einer der schärfsten Waffen gegen die islamischen Heere geworden. Papst Innozenz II. beruft sie im Jahre 1139 zu Kämpfern gegen die Heiden und zu Verteidigern der Kirche. Der Papst nennt die Templer die wahren Israeliten.

Macht, Einfluss und Reichtum der Tempelritter wachsen in den folgenden zwei Jahrhunderten immer weiter an. In den Morgenstunden des 13. Oktober 1307 indes dringen Beamte des Königs von Frankreich in die Templerhäuser ein, um die Ordensmitglieder gefangen zu nehmen. Nur wenigen gelingt die Flucht. Häresie, Betreiben magischer Künste, Okkultismus, Homosexualität lauten die Anklagen. Jahre der psychischen und physischen Folter folgen, bis Geständnisse vorliegen, für die im Gegenzug Straffreiheit zugesichert wird. Einige der Tempelritter jedoch verteidigen sich gegen die Anschuldigungen oder widerrufen ihre Geständnisse. So werden 54 von ihnen am 14. Mai 1310 zum Tode verurteilt und vor den Toren von Paris verbrannt. Der letzte Großmeister des Ordens, Jacques de Molays (der noch am Tag vor seiner Verhaftung an der Beerdigung einer Schwägerin des Königs teilnimmt), lehnt es ab, seinen Orden zu beschuldigen und wird am 18. März 1314 verbrannt. Seine letzte Bitte lautet, ihn so an den Pfahl zu binden, dass er im Tode die Türme von Notre-Dame sehen und mit dem Antlitz zur Mutter Gottes gekehrt sterben kann.

Eine empfehlenswerte Zusammenfassung des Templerprozesses gibt Kaspar Elm, Der Templerprozess, in: Alexander Demandt (Hrsg), Macht und Recht, Große Prozesse in der Geschichte, erschienen im juristischen Fachverlag C.H. Beck, München 1990.
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7 Antworten zu Need for speed

  1. Twobeers schreibt:

    Als ich las, daß die Herren dem Steherrennen in Leipzig beiwohnten, stiegen Tränen in mir auf. War es doch in Leipzig beim Steherrennen, wo der lustige Franz zu Tode kam. Erläuterungen dazu finden sich hier: http://eisenschweinkader.org/archives/2013/08/14/didi-a-senftenberg-auf-dem-friedhof/ und http://eisenschweinkader.org/archives/2013/08/15/didi-a-senftenberg-im-privatarchiv/

  2. kreuzbube schreibt:

    Du solltest noch den einen oder anderen Etappensieg einfahren (aber nicht zu viele…) wenn dabei stets so ein schöner Bericht herausspringt. In diesem Falle habe ich gar eine Überraschung, denn für den Bismarckturm Wettin gibt’s einen Preis. Tusch, Tara:

    Aber wo bist Du denn herumgefahren? Offenkundig dieselbe hässliche Strecke, die ich bei meinem ersten Ausflug nach Halle damals genommen und verflucht habe. Dabei kommt man immer am Fluss entlang idyllisch durchs Grüne bis nach Halle. Ob von der Rennbahn, der Sachsenbrücke oder dem Richard-Wagner-Hain aus, der Fluss bleibt immer ein paar Meter zu linken Hand. Am Auensee vorbei, bei Schkeuditz ein Stück durch den Wald, dann wieder nur auf dem Damm entlang. So geht das (mit dem Crosser) bis Döllnitz, das sind, glaube ich, etwa 35 km. Dort hält man sich links und steht schließlich in Halle am Rive-Ufer, wo unser Zieleinlauf bei der Hölle des Ostens war.

    Wir können das im Herbst noch mal üben, ich als Zugereister kenne mich aus, die Burg der Wettiner wäre auch noch ein Ziel.

    Tja, und die Zeiten? Damals wollte der Kaiser Deutschlands „Weltgeltung“. Heute will das Staatsoberhaupt, dass Deutschland „mehr Verantwortung“ in der Welt übernimmt.

    • justbiking schreibt:

      Die Antwort auf Deine Empfehlung, eine andere Strecke zu wählen, steht ganz oben im Text. „Es gibt wirklich keinen Grund….“. Ich bin wirklich selten in dieser Stadt, somit mangelt es an Streckenkenntnis und es mangelt darüber hinaus sogar an Interesse, mich mit einen Weg dahin zu beschäftigen.

      • kreuzbube schreibt:

        Halle ist gar nichts soo schlimm… und wer aus Halle nach Leipzig fährt, empfindet Leipzig bei entsprechender Einfallschneise auch als ganz fürchterlich. Mit dem Crosser eröffnen sich die schönen Wege. So geht’s im Grunde bis Halle:

        Durch Halle führen auch brauchbare Wege, zum Beispiel die alte Hafenbahn, die umgestaltet wurde:

        In Halle gibt’s am Saaleufer ein paar nette Impressionen:

        Und über den Petersberg hinaus kann man einen Wanderweg wählen:

        Das gibt eine schöne Herbstausfahrt. Alle nach Halle!

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