Belle Epoque, 2

Gerne nimmt der Mensch die Verhältnisse während der von ihm überschauten kurzen Lebensspanne als Maß der Dinge. Wo er lebt, ist der Mittelpunkt der Welt. So, wie die Länder mit ihren Grenzen jetzt sind, so sind sie „normal“. Als müssten sie aus unerfindlichen Gründen erstmals in der Geschichte für immer so bleiben. An Aš, dem früheren, deutschen Asch, Zielort der 30. Etappe der Unendlichen Rundfahrt, lässt sich indes trefflich zeigen, dass auf Dauer nur eins beständig ist, und das ist der Wandel. 

Hainberg bei Asch, Bismarckturm

Hainberg bei Asch, Bismarckturm

Denn Aš im nordwestlichen Böhmen liegt im heutigen Tschechien und das gab es die längste Zeit gar nicht. Unter Karl dem Großen gehörte Böhmen ab 796 zum Fränkischen Reich, ab 950 wurde es Teil des Römischen Reichs unter Otto dem Großen. Irgendwann begann man dann damit, Leute aus dem Fenster zu schmeißen, die Sportart nannte sich Prager Fenstersturz und war der Startschuss für ein internationales Kräftemessen. Im 16. Jahrhundert übernahmen die Habsburger Böhmen und zu Österreich-Ungarn gehörte Böhmen dann bis zum Ende des 1. Weltkriegs. Anschließend gab es die Tschechoslowakei. 1938 wurden Teile davon mit dem Münchner Abkommen dem Deutschen Reich zugeschlagen. Unterzeichner waren die Regierungschefs Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und des Deutschen Reichs, die Tschechoslowaken fragte man erst gar nicht. Weil man gerade dabei war, marschierte das Deutsche Reich kurzerhand in der ganzen Tschechei ein; das Reichsprotekorat Böhmen und Mähren entstand.  Nach 1945 existierte für ein paar Jahrzehnte die Tschechoslowakei (1948 flog mit dem ehemaligen Außenminister Jan Masaryk mal wieder einer aus dem Fenster), die ab 1960 Tschechoslowakische Sozialistische Republik hieß.  Schon 1992 war damit wieder Schluss, das Land zerfiel, Tschechen und Slowaken gehen seither getrennte Wege. Insgesamt gab es die Tschechoslowakai (unter verschiedenen Namen) gerade mal 68 Jahre lang.

bismarckturm_asch_1All die Wirrungen des 20. Jahrhunderts überstand der Bismarckturm in Asch. Eröffnet 1904, war er auch in der ČSSR ein beliebtes Ausflugsziel der Bewohner von Asch, auf deren Hausberg, dem Hainberg, der Turm errichtet worden war. Zwar entfernte man nach 1945 alle Hinweise auf Bismarck, aber ansonsten war man begrüßenswert pragmatisch und erfreute sich daran, dass man einen Spaziergang auf den etwa 750 hohen Hainburg machen und von der 22,70 Meter hohen Aussichtsplattform des Turms weit ins Land nach Bayern, Böhmen und Sachsen schauen konnte. In den 1970er und -80er Jahren wurden gar Sanierungsarbeiten durchgeführt und der Turm feierlich wiedereröffnet. Heute ist der Turm in einem sehr guten Zustand und man hat rund um ihn herum eine gepflegte Grünanlage angelegt. Eine Straße führt hinauf und auch zwei Wanderwege. Nur das Gasthaus ist bedauerlicherweise vor ein paar Jahren abgebrannt. Man müsste wieder hinunter nach Asch, wollte man speisen oder trinken, aber weil Asch wenig ansehnlich ist, lässt man das lieber sein und reist -wie wir- weiter in eins der wunderschönen Bäder, die in der Belle Epoque prosperierten, in denen Kaiser, König, Zaren, Maharadschas, Schriftsteller und Komponisten urlaubten und die sich heute wieder in ihrer einstigen Pracht darbieten.

Guter Bubi, 1.von links,  am Bismarckturm Aš/Asch

Guter Bubi, 1.von links, am Bismarckturm Aš/Asch

Das zeige ich euch natürlich auch, aber zuvor steht die Sportübertragung auf dem Programm. In den Kampf um den Etappensieg auf dem Hainberg konnte der kreuzbube nicht eingreifen. Denn nachdem um sechs der Wecker geklingelt hatte, ein erster Tee getrunken und die diesmal an Bord befindlichen Hunde erst ausgeführt und dann in den Kombi geladen waren, wir noch der Ankunft unserer Mitreisenden justbiking nebst Gattin Shenja entgegenblickten, verkündete carodame folgenderlei: Sie reklamiere, wenn sie uns alle mit Sack und Kegel durch Böhmen kutschiere, den Bismarckturm bei Asch für sich. Das Kreuzbubenrad beanspruche sie, damit werde sie den Etappensieg einfahren. kreuzbube winkt müde und unbestimmt irgendwohin ab und fügt sich, bevor auch nur Gedanken an einen Protest sich zu Worten formen könnten. Für den kreuzbuben, das ahnt er da schon, sollte es an diesem Tag richtig schwer werden, denn für drei Rundfahrer standen nur zwei Türme auf dem Streckenverlauf, beide mit Zielankunft auf dem Berg.

carodame schwingt sich also auf den Crosser, durchquert Asch und fährt mit justbiking steil hinauf auf den 754 Meter hohen Hainberg. kreuzbube marschiert derweil mit den Hunden auf kürzestem Weg bergan. Oben dann: Justbiking kurvt um die Bergkuppe und den Turm herum, nähert sich ihm von hinten, bummelt siegessicher. Derweil hat carodame das Rad schon geschultert, erklimmt von der Vorderseite über die Treppe kommend die letzten Meter, rammt das Rad vor den Eingang und freut sich. Ein weiterer Etappensieg für sie.

Bismarckturm Aš/Asch

Bismarckturm Aš/Asch

bismarckturm_asch_6

Blick vom Bismarckturm Asch

Bismarckturm Aš/Asch

Bismarckturm Aš/Asch

Nun stand an diesem Tag ein zweiter Turm auf dem Programm und es war abzusehen, dass es ein arges Hauen und Stechen zwischen dem kreuzbuben und justbiking geben würde. Ein internationales Rennen, da würden sich beide die Butter auf dem Brot nicht gönnen.

Und so kam es dann auch. Härter, entschlossener und unnachgiebiger umkämpft wurde bei der Unendlichen Rundfahrt noch kein Turm. Auf dem 637 Meter hohen Grünberg westlich von Cheb/Eger ließen wir zwar nicht die Baumgrenze hinter uns, aber die Kotzgrenze haben wir erreicht. Davon erzähle ich beim nächsten Mal.

Fortsetzung folgt.

Im Gesamtklassement der Unendlichen Rundfahrt behauptet carodame den zweiten Platz.

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2 Antworten zu Belle Epoque, 2

  1. kreuzbube schreibt:

    Als Gesamtführendem wird mir nichts geschenkt. Die Unendliche Rundfahrt bietet allen das gesamte Spektrum, mal sind wir auf einer bummeligen Überführungsetappe, mal heißt es „Mithalten oder Raushalten“.

  2. mark793 schreibt:

    Kotzgrenze? Vielleicht solltet Ihr diese Sache mit den Bismarcktürmen künftig etwas weniger verbissen angehen.

    Ansonsten stelle ich fest, dass Kollege Prieditis mir nicht mehr allzuviele Möglichkeiten in der Region offengelassen hat. Auch wenn NRW recht gut bestückt ist, dominieren hier im Revier halt doch mehr die Kühl- als die Kanzlertürme.

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