Belle Epoque, 4

zelena hora_smAls bei justbiking und mir nach dem Kampf um den Turm langsam die Atmung wieder einsetzt und wir bedächtig und auf die Ellnbogen gestützt den Oberkörper wieder anheben können (an Aufstehen ist noch nicht zu denken), steht ein älterer Herr neben uns. Mit seinem Trekkingrad fährt er immer mal vom sächsischen Bad Brambach aus auf den Grünberg. 70 km hin, 70 zurück. „Kann man an einem Nachmittag mal machen“, meint er. Er stammt aus dem Egerland und erzählt uns ein wenig von der Geschichte des Turms. Wie alle Bismarcktürme stand auch der bei Cheb ursprünglich frei. Nach 100 Jahren sind längst Bäume drum herum gewachsen. Das erklärt, weshalb man der nachrückenden Bevölkerung nach 1945 erzählen konnte, dass der Turm nicht mehr existiert. Er war aus der Stadt ja nicht mehr zu sehen. „Nachrückende Bevölkerung“ heißt in diesem Falle nicht Kinder, Enkel, Urenkel der Stadtbewohner, sondern Menschen, die aus anderen Landesteilen umgesiedelte wurden. Cheb/Eger war einst eine rein deutsche Stadt, so wie in Westböhmen ohnehin überwiegend Deutsche, darunter die Vorfahren des kreuzbuben, lebten. Das änderte sich schlagartig 1945.

r6_eger_karlsbad_5Drei Millionen Deutsche waren es, die diesen Landesteil bevölkerten, zu denen im weiteren Staatsgebiet der Tschechoslowakei etwa sechs Millionen Tschechen und einige hunderttausend Ungarn, Ukrainer und Polen kamen. Die deutschsprachige Bevölkerung war, um einmal den heutigen Sprachgebrauch zu benutzen, so etwas wie prodeutsche Separatisten, sie stellten 90 % der Bevölkerung und suchten die Nähe zum Deutschen Reich. Nachdem die Deutschen ganz Tschechien besetzt hatten, nach dem angezettelten Krieg, gab’s für alle Deutschstämmigen die Quittung. Verpisst euch, und zwar alle, und zwar schnell, hieß es von tschechischer Seite. So zogen drei Millionen Menschen mit ein paar Habseligkeiten los, irgendwo hin. Zurück blieb, um das anhand von Cheb/Eger zu illustrieren, eine Geisterstadt. Keiner mehr da. Also wurden aus anderen Landesteilen Tschechen, Slowaken, Ungarn, Ukrainer, Sinti und Roma umgesiedelt, um wieder Leute in die Stadt zu bekommen.

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Nach diesem erneuten Exkurs in die Vergangenheit wenden wir uns schnell wieder dem hier und heute zu. justbiking shreddert auf der Schotterabfahrt vom Grünberg seinen Reifen, dann rollen wir zum dritten Mal in Cheb ein. Wir überqueren die Eger, steigen ein paar Stufen zum Ufer hinunter und werden für die nächsten 30 km überwiegend mit anständigstem Asphalt der recht neu angelegten Radroute 6 belohnt, die uns die knapp 60 km nach Karlsbad bringen soll.

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Doch gerade auch dort, wo der Asphalt endet und die Strecke über Waldwege führt, wird’s richtig schön. Der Fluss ist immer in der Nähe, es grünt und plätschert und die Sonne zaubert Farben auf die Felssteine.

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Die Route ist landschaftlich wirklich vom Feinsten und weil wir nicht nur Kilometer schrubben wollen, halten wir nach 35 km in Sokolov/Falkenhain an. Da steht das „Grüne Kolonial“, ein Laden, der die davor an Tischen und Bänken sitzende Dorfbevölkerung auch mit Bier versorgt. Das sieht ganz hübsch aus und wir setzen uns dazu.

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Weil wir keine Kronen, sondern nur EURO haben und die Inhaberin natürlich auch kein Wechselgeld hat bzw. gar nicht auf die Idee kommt, dass wir Kronen als Wechselgeld akzeptieren könnten, packen wir solange irgendwelchen Kram auf die Ladentheke, bis der 5.- EUR-Schein verbraucht ist. Um den Anschein zu wahren, tippt die Inhaberin währenddessen aberwitzig lange Zahlenkolonnen auf ihren Taschenrechner, als würde sie da irgendwas nach irgendeinem Wechselkurs umrechnen.

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Eine Viertelstunde später fahren wir weiter, die Strecke bleibt schön und der Crosser (kreuzbube und justbiking sind beide auf Empella Bonfire unterwegs) beweist erneut, dass er das ideale Tourenrad ist. Man könnte diesen Teil unserer Tagestour zwar mit dem Rennrad fahren, sollten dann aber wenigstens 28 mm breite Reifen aufziehen.  Besser geht’s mit den 32 bzw. 35 mm breiten Semislicks, die auch auf Asphalt gut abrollen und abseits des Asphalts schneller sind, weil sie weniger Rücksicht verlangen.

americke armadyEine Anekdote muss ich noch eben einfügen. Man sieht in Böhmen immer mal Steine, die an die Befreiung durch die US-Armee erinnern. Die erreichte Böhmen 1945, wie auch Thüringen und Sachsen, zuerst, bevor sie wieder abrückte und diese Gebiete den Sowjets überließ, um dafür West-Berlin zu erhalten. In der kommunistischen Tschechoslowakei durften die Amis aber nicht als Befreier gelten und so waren es nach offizieller Lesart glorreiche Kämpfer der Roten Armee, die sich zu Täuschungszwecken US-Uniformen angezogen hätten. Gaga!

karlsbad_1Karlsbad ist mit 50.000 Einwohner etwa zehnmal so groß wie Franzensbad und empfängt uns ebenso herausgeputzt, wie dies Franzensbad am Morgen tat. Bewohner von abgewirtschafteten Städten im Zonenrandgebiet West kommen ins Staunen. Preisschilder in Geschäften sind an erster Stelle auf Russisch gehalten und die zweite kaufkräftige Besuchergruppe ist im Stadtbild in arabischem Erscheinungsbild auszumachen.

Extra für unseren Empfang haben sie ein Radrennen organisiert. Ich denke kurz, da stimmt doch was nicht, die haben ja gar keine leptosom anmutenden Oberkörper und Ärmchen, dann löst sich das auf: Es handelt sich um wohlgebaute Triathleten.

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Erneute Begrüßung der Damen, wir haben ihnen aus dem Grünen Kolonial Schokolade und Pralinen mitgebracht. In Karlsbad einkaufen kann ja jeder.

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Nun wäre da noch Marienbad, das dritte im Bund der weltbekannten Kurbäder. Marienbad liegt auf Pfaden quer durch den Böhmischen Wald hindurch 50 km entfernt. 130 sind wir bisher gefahren, noch mal zwei Stunden wären den Beinen locker zuzumuten. Wir verzichten dennoch. Es wird bereits etwas später, das Erkunden des Landes hat ein wenig Zeit gekostet und wir sind ja schließlich auch nicht alleine da, sondern wollen noch gemeinsam zu Abend essen. Im Auto liegt zivile Kleidung bereit, dann sitzen wir im Restaurant und hauen zu viert satte 24.- EUR auf den Kopf, für Sauerbraten mit Knödeln, für Gulasch mit Knödeln, für Suppen, für eingelegte Würste, für Palatschinken, für die Getränke.

Über die nächtliche Rückfahrt hüllen wir den Mantel des Schweigens. Im Erzgebirge haben sie zwei Straßen gesperrt. Viel Spaß dabei, wenn ihr dem Navi folgen wollt, das aber ausnahmslose eine andere Richtung weist als die Umleitungsschilder der Straßenverkehrsbehörde. Den anstrengendsten Part hatte damit carodame erwischt, die für uns die ganze Autofahrerei übernommen hat.

Anschließend erfahre ich zuhause, dass auch der dritte tschechische Bismarckturm gefallen ist und ein paar Tage später trifft ein Teil der Mittürmer in Leipzig ein. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich ein anderes Mal…

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2 Antworten zu Belle Epoque, 4

  1. cut schreibt:

    Gruß vom Westpol! Hier (also da, bei Ihnen, tief im Osten eben, haben Sie schon Frost?) geht es ja unverändert heftig zur Sache.

    • kreuzbube schreibt:

      Als Kind habe ich immer Augsburger Puppenkiste geschaut. Das Urmeli wollte auch immer „all die sönen Sachen sehn“.

      Aber es wird auch wieder ruhiger werden, bald, vielleicht, ein wenig… denn eigentlich wollte ich in Herbst und Winter mal wieder was machen, was mit dem Rad (und auch dem Bloggen) rein gar nichts zu tun hat.

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