Gibt’s nich Alta, Du in Berlin?

„Sach mal, findste dit schau?“
„Naja, hier sind wa alleene, stört keena.“
„Alta, ick kann die Katzenköppe nich mehr sehn…“
„Ach wat, nimm Kopp mang de Beene und quatsch nich dusselich!“
„Irjendwann werd ick mir alle Knochen brechen bei deinem Mist…“
(Aus einer Einladung an den kreuzbuben zu einer radsportlichen Leibesertüchtigung)
***

ESK_muetze_1Am Freitag dringt eine nicht mehr ganz so alte Stimme aus dem Telefonhörer: “Ich bin krank, ich kann morgen nicht fahren.” Der da zu mir spricht, diesmal glaube ich es sofort, ist Twobeers. Ursprünglich wollte ich bei ihm übernachten, um die Huschke-Gedenkfahrt mit ihm zu fahren. Dann verlegte ich das Anreisevorhaben auf den Samstag, ohne Twobeers‘ Kopfkissen in Anspruch zu nehmen. Eine Wildcard für den illustren Kreis der Teilnehmer hatte ich erhalten, die Huschke konnte ich mir nicht entgehen lassen. So also war der Plan: Am Samstagmorgen am Bahnhof Oranienburg auf den Eisenschweinkader treffen, um mit diesem erst zum Huschke-Denkmal und dann 150 km durch Brandenburg zu rollen. Indes, Twobeers, Eiserner unter Eisernen, leidet unter Flugrostbefall. Die Huschke kann nicht stattfinden. Wer sich gerade fragt, wovon die Rede ist, erfährt hier, worum es geht: Schnell wie Huschke.

Nun denn, so langsam wird’s bei der Unendlichen Rundfahrt ohnehin Zeit, sich mal wieder zu wehren. Carodame und kreuzbube nehmen als Trostpflaster zwei Bismacktürme in Thüringen in Angriff.

Als Start zu einer 100 km Runde mit dem Crosser dient das immer wieder gerne genommene, etwa eine Stunde Autofahrt entfernte Naumburg mit seiner schönen Fluss- Weinbau- und  Burgenlandschaft. Wer sich dort noch nicht umgesehen hat, kann sich des kreuzbubenfahrt in den Kyffhäuser anschauen: Lieber Spätburgunder als Frühschicht. Wir parken das Auto nahe der Saale und laden die Räder aus. Carodame packt die Radschuhe aus, kreuzbube hingegen nicht, denn er hat die Radschuhe zuhause vergessen. Das wird ihn im weiteren Verlauf einen der beiden Türme kosten, denn mit den weichesten aller Turnschuhsohlen und mit Füßen im Schlafmodus wird die carodame im Sprint nicht bezwungen.

Dobermanndenkmal Apolda

Dobermanndenkmal Apolda

Gute dreißig Kilometer später sind wir in Apolda, dem Geburtsort des dort von seinem Namensgeber, dem Herrn Dobermann, gezüchteten Hundes. Die Zufahrt zum Bismarckturm finden wir recht bald, man bekommt mit der Zeit einen Sinn dafür.

Einige hundert Meter führt die Straße stetig bergan, an deren Ende der Turm liegen soll. Auf halber Strecke geht carodame aus dem Sattel. kreuzbube guckt fragend, für einen Sprint ist es zu früh. carodame trickst, bergauf könne sie sowieso nicht sprinten, meint sie. Damit ist sie auch schon durch eine Absperrung hindurch als erste auf einem Stück Wiese, über das ein handbreiter Pfad führt. kreuzbube sieht dahinter noch weitere 50 Meter Asphalt, das reicht locker. Lächerlich, sogar barfuß kein Problem. carodame indes hat bereits, ohne sich etwas anmerken zu lassen, den abzweigenden Sandweg entdeckt, biegt scharf rechts ab und kreuzbube kommt in der Kurve nicht mehr außen an ihr vorbei. Tagessieger am Bismarckturm Apolda ist carodame, die ihr Konto auf sechs Etappensiege schraubt.

Bismarckturm Jena

Bismarckturm Jena

jena_1806

Nach der Turmbesteigung machen wir uns auf den Weg nach Jena, wo carodame für den Sieg in Apolda wird leiden müssen. In Erinnerung an unseren Concours des Corbeaux im Jahr 2013 nehmen wir den Napoleon-Radweg, der an den Stätten der Kämpfe zwischen Franzosen und Preussen anno 1806 vorbeiführt. Teilweise ist der Weg wohl identisch mit dem Luther-Wanderweg, nicht immer ist das recht zu erkennen. Der Crosser ist eine gute Wahl, zwischendurch warten Feldsteine auf uns, die ebenfalls aus Napoleons Zeiten übrig geblieben sein dürften. Gepaart mit nassem Gras und Schlamm, lässt der Untergrund die 32 mm breiten Vittoria semislicks, die für den Rest der Strecke eine perfekte Wahl sind, an ihre Grenzen stoßen.

1806_1

Die Streckenführung ist dafür umso abwechslungsreicher, und das soll sich am entscheidenden Schlussanstieg noch einmal drastisch steigern. Der Bismarkturm in Jena liegt 328 m hoch auf dem Tatzend, und wie das mit niedrigen Bergen oft so ist: Es geht auf kürzestem Weg geradeaus steil nach oben.

tatzend_2

Das ist wirklich heftig und wird noch heftiger, als Schotter, Geröll und Wurzeln hinzukommen. Bei der Unendlichen Rundfahrt ist die Materialwahl wichtig, viele Zielankünfte sind mit dem Rennrad nicht fahrbar – oder überhaupt nicht fahrbar.

tatzendDieser Turm hier ist ein Kreuzbubenturm! Hier werden heute keine Gefangenen gemacht! Runter vom Rad, selbiges geschultert und im Laufschritt voran. Tja, carodame, Laufschuhe müsste man den Füßen haben!  

Am Sieg kann kein Zweifel bestehen. Zwei Läuferinnen meinen es auf halbem Weg gut mit dem kreuzbuben. Einfach hier rechts herum weiter, dann kommt ein breiter Weg, dort fährt es sich viel schöner. kreuzbube springt auf, vermeidet einmal kurz den Absturz den Hang hinunter, aber er rollt. Viel schneller als zu Fuß. Um den Berg herum, immer weiter um den Berg herum. Scheiße, Scheiße, Scheiße! Das geht zwar flott, ist aber dreimal so lang wie carodames Fußweg. Scheiße, Scheiße, Scheiße! Der zweite Turm…

IMG_1083 Kopie

kreuzbube drückt, was die tauben Füße hergeben. Dann sieht er carodame vor sich. Wenige hundert Meter vor dem Ziel wollte sie nicht glauben, dass sie in der richtigen Richtung geklettert war und kommt dem kreuzbuben nun stattdessen entgegen. Der hingegen hat jetzt Witterung aufgenommen. Nur dort kann er sein, der Turm! Rein in den Stern, das ist ein zentraler Platz auf dem Tatzend, in dessen Mitte eine Linde steht und von dem aus in sieben Richtungen Wege führen. An deren jeweiligen Ende befinden sich Türme und Bauten und Aussichtspunkte. Von jedem hat man einen Blick über die Stadt und das Land. kreuzbube nimmt die vierte Ausfahrt, die richtige, donnert eine Allee entlang. An ihrem Ende wartet der Bismarckturm, der dieses Mal unangefochten dem kreuzbuben alleine gehört.

Bismarckturm Jena

Bismarckturm Jena

Schlusskilometer wie hier und wie zuletzt auch in Cheb kosten mächtig Körner, da sind drei Kilometer wie dreißig auf der Straße. In Jena, bekannt für die von Carl Zeiss dort begründete optische Industrie und die Fertigung von Mikroskopen, Objektiven und Linsen, stillen wir unseren Heißhunger. kreuzbube denkt über den Kauf von Radschuhen im nächstbesten Radsportladen nach. carodame setzt Nadelstiche: „Mit den Turnschuhen siehst Du auf dem Rad aus wie ein Tourist!“ kreuzbube findet auf der Stelle den nächstbesten Radladen. Im letzten Moment verzichtet er aber doch darauf, die Kreditkarte einem Belastungstest zu unterziehen. Naja, hier sind wa alleene, hier kennt uns keiner, auf diesem Rad prangt zudem noch nicht der Guter Bubi! Schriftzug. Noch einmal Glück gehabt.

Saaleradweg. Radweg, soweit das Auge reicht...

Saaleradweg. Radweg, soweit das Auge reicht…

Die Rückfahrt über den Saale-Radweg von Jena nach Camburg ist einfach perfekt. Belag, Streckenführung, Landschaft: Besser geht’s nicht. Von Camburg nach Bad Kösen ist es nicht weniger schön und in Nu sind wir auch schon zurück in Naumburg, das im Herbst bei der Fahrt in den Federweißen wieder auf uns wartet. 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Die Unendliche Rundfahrt, kreuzbube fährt abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Gibt’s nich Alta, Du in Berlin?

  1. carodame schreibt:

    Also der Turm in Jena war da oben im Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Meine Pfiffe nach dem kreuzbuben bleiben in den Wipfeln hängen. Ich fluche und will gerade entnervt umdrehen, da ist der kreuzbube HINTER mir. Vergessen der Entschluss, mit dem Zug die Ausfahrt zu beenden, strebe ich am Rande der Erschöpfung doch dem Turm entgegen, vorbei an den Abzweigen zum Fuchsturm und zur Leuchtenburg. Der Turnschuhmann passiert mich mit einem Grinsen. Ich bin froh, angekommen zu sein. Aber da sind wir noch lange nicht wieder unten. Ein Ortskundiger verrät uns die beste Strecke, die meine lädierten Hände in einem kilometerlangen Geschüttel dennoch arg beutelt. Nach einer Stärkung fällt die Idee mit dem Zug diesem schönen Radweg zum Opfer. Eine wirklich schöne B-Turm-Runde.

    • kreuzbube schreibt:

      Das gibt mir Gelegenheit, noch einmal zu schildern, dass die Birmarcktürme einst frei standen. Man hat sie so angelegt, dass man von ihrem Standort aus (oder vom Turm aus selbst) eine Blick ins Land hatte. Auch die Feuerschalen, in denen man zu Bismarcks Geburtstag Feuer entzündet hat, wären bei Verdeckung durch Baumwuchs unnütz gewesen. Nun sind aber 100 Jahre vergangen und die Bäume ringsherum sind gewachsen. Nicht überall hat man so vorbildlich wie in Tschechien rund um die Türme ein wenig Landschaftsgestaltung betrieben. Das Ziel wird wohl auch künftig bisweilen erst auf den letzten Metern zu sehen sein. Das macht die Renntaktik interessanter.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s