Sächsischer Kreisel

„Wir fahren alle drei zusammen los. Fahrer 1 fährt dann zum Turm 1, Fahrer 2 und Fahrer 3 fahren dran vorbei und direkt weiter nach Rudolstadt. Fahrer 2 fährt dort zum Turm 2, während Fahrer 3 Turm 3 und 4 ansteuert. Von Turm 2 aus fährt Fahrer 2 zu Turm 5. Dann kommt Fahrer 3 von Turm 4 und Fahrer 2 von Turm 5 aus zum Verpflegungspunkt. Unterdessen saust Fahrer 1 von Turm 1 an Turm 2 vorbei zu Turm 6 und von dort ebenfalls zum Verpflegungspunkt. Anschließend fahren wir alle gemeinsam zurück zum Start.“

Irre, was? Sächsischer Kreisel.

Sächsischer Kreisel

Sächsischer Kreisel

Nirgends ist die Dichte an Bismarcktürmen größer als im Thüringischen westlich von Rudolstadt und Saalfeld. Dichtgedrängt stehen sie dort und sind von großer rennstrategischer Bedeutung. Nicht einmal, um sie für sich selbst zu gewinnen, nein, zu verhindern, dass sie in fremde Hände fallen, steht im Vordergrund. Also erstellt kreuzbube ein phänomenales roadbook, das jeder Teilnehmer, als da außer dem kreuzbuben wären carodame und Izoard, auf sechs Seiten individuell auf sich zugeschnitten erhält.

bismarckturmschildBei der Unendlichen Rundfahrt muss man sich von der üblichen Orientierung an Entfernungsangaben frei machen. In Gegenden wie dem Thüringer Wald liegen die Türme mehrere Kilometer außerhalb der auf der Route vermerkten Städte. Man kann 6 bis 10 km extra pro Turm veranschlagen und muss für jeden Turm 30-45 Minuten an Zeitaufwand rechnen. So lange dauern einfach Suche und Erstürmung der Bauwerke und die Rückkehr in die Stadt und auf die Route. Der Zeitaufwand bei so einer Rundfahrt ist also immens und sechs Türme auf einmal, zuzüglich der Autofahrt von Leipzig aus, sind nicht zu schaffen, denn auch der Gute Bubi wartet auf seinen Auslauf. Deshalb also entwirft der kreuzbube im Vorfeld die phänomenale Aufgabenteilung. Wenn jeder zwei Türme ansteuert, spart das enorm Zeit.

Am Sonntagmorgen dringt dann Izoards leicht belegte Stimme aus dem Hörer. „Ich bin erkältet, ich kann nicht mitfahren.“ Die jüngsten 60 km Regenfahrt fordern ihren Tribut von ihm. Was tun? Abblasen scheidet aus, denn über Funk hat der kreuzbube vernommen, dass das Verfolgerfeld das Tempo erhöhen und  den Abstand verkürzen will. Drei weitere Fahrer des Teams Guter Bubi sind bei Rennen im Ausland, ein Ersatzfahrer kann am Sonntagmorgen auf die Schnelle nicht verpflichtet werden. Der sächsische Kreisel muss von nur zwei Rennfahrern dargeboten werden oder ganz entfallen.

bismarckturm_neustadt

Bismarckturm Neustadt/Orla

Am Sonntagmorgen will carodame in Nebel und Sprühregen nicht kreiseln, sondern des kreuzbuben Windschatten nutzen. Der Turm in Neustadt an der Orla wird ohne nennenswertes Warmfahren gemeinsam angesteuert und die Zufahrt bietet das typische thüringische Bild. Einen Kilometer geht’s auf Asphalt hinauf, das Schild zeigt 12 %.  Dann biegen wir in den Wald ab, fahren auf Sand und feinem Schotter weiter bergauf und haben recht bald den Bismarckturm Neustadt an der Orla erreicht. Leider sind wir viel zu früh da, erst ab 13:00 Uhr ist er geöffnet. Der ungewöhnlich schlanke und hohe Turm steht tip-top da! Ein emsiger Verein ist dort zugange und hat auf dem Areal gleich noch einen Kinderspielplatz und Schutzhütten hingestellt. Schön ist’s ohnehin in Thüringens Wäldern, keine Spur von Betonkrebsgefahr für den kreuzbuben.

neustadt orla

Nach guten 50 km haben wir immer noch erst den einen Turm abgehakt und vor dem nächsten Turm müssen wir erst einmal das ganze Stadtgebiet Rudolstadts durchfahren. Wie schon gesagt, das dauert, und wie schon gesagt: Mehrere Kilometer außerhalb, steil rauf, dann steil auf Waldwegen weiter. Hier wird allerdings ordentlich an der Schraube gedreht. Die erste „Ashalthälte“ besteht aus Betonplatten, jeweils einen Meter breit sind sie. Das macht bam-bam–bam-bam–bam-bam beim Hinauffahren. Dann bieten sich zwei Alternativen. carodame wählt wie in Jena die erste und nimmt den kürzesten und steilsten Fußweg. Schlammig und rutschig ist er. kreuzbube erinnert sich an die Worte seine Großvaters, „besser schlecht gefahren als gut gelaufen“, und fährt einmal um den Berg herum. Das nützt ihm nicht viel, denn dann muss er ebenfalls einen steilen und schlammigen Fussweg hinauf. Beim besten Willen, der Weg ist nicht mehr fahrbar.

2014-09-14 14.39.30 Wie in Jena auf dem Tatzend geht es dem kreuzbuben durch den Kopf: Scheiße-Scheiße-Scheiße, wie weit ist die carodame jetzt schon? Die carodame ist gar nicht weit und muss aufgegeben, denn ein Zaun steht ihr mitten im Weg. Das weiß indes der kreuzbube nicht, der verzweifelt schneller zu werden versucht, das Rad schultert, in Laufschritt verfällt, einen Laufschritt, der angesichts von weit über 20 % Steigung auf Geröll und Schlamm Gänseschritten ähnelt. Die Aussicht aus 481 Metern Höhe ins Umland entschädigt jedoch für die Mühe, der Bismarckturm Rudolstadt hingegen nicht. Nicht viel übrig ist von ihm, der einst stolze Zinnen trug. Das ist ganz klar ein Turm, der ganz nach hinten in der Reihe der bisher besuchten gehört.

Bismarckturm Rudolstadt

Bismarckturm Rudolstadt

Man sieht aber auch hier, dass Thüringen ganz anders ist als Sachsen. Wo in Sachsen auf dem Land nur Landschaft ist, rauchen in Thüringens Landschaft unterwegs  immer wieder die Schlote.

Blick vom Bismarckturm auf Rudolstadt

Blick vom Bismarckturm auf Rudolstadt

carodame wird eingesammelt und gemeinsam fahren wir weiter nach Keilhau. Dort kommt der Kracher. So was gab’s bisher noch nie bei der Unendlichen Rundfahrt. Den Ort finden wir schnell, die Zufahrt zum Turm hingegen nicht. Einheimische helfen:

„An der Kastanie vorbei, dann bis zum Wohnblock (ein Haus mit sechs Wohnungen, das gilt in der ländlichen Region als ausgemachter „Block“, Anm. kreuzbube). Davor ist eine Schneise zu einer Wiese. Die entlang bis zur Apfelplantage. Schöne rote Äpfel gibt’s da. Dort links hoch. Dann steil die Treppe aus Eisenbahnschwellen hinauf (glatt wie Schmierseife, Anm. kreuzbube). Dann noch steiler zum Fröbeldenkmal und dann richtig steil in Serpentinen durch den Wald zur Bismarcksäule hinauf.“

carodame_keilhau_4jpg

Wir finden den besagen Block, finden die Wiese, finden die wirklich hübsche Apfelplantage mit den wirklich leuchtend roten Äpfeln, rutschen über schmierseifige Holzstufen, klettern zum Fröbeldenkmal und dann – da ist jetzt nicht deren Ernst, nicht wahr? Das hier, das ist mit Radschuhen kaum zu Fuß zu bewältigen. Doch die carodame will ihren Turm und sie will ihn unbedingt und sie beginnt, zu schieben, das Rad in jeder Kehre herumzuwuchten. Am Fuße des Bergs hatte sie bereits mein Rad verlangt. Titan sei leichter als Stahl, also schiebe und schleppe sie meines, wenn sie schon schieben und schleppen müsse. Wie das aussieht, zeigt sie uns in einer Bildfolge, Serpentine für Serpentine:

carodame_keilhau_1

carodame_keilhau_2

carodame_keilhau_3

carodame_keilhau_5

Mit wirklich letzter Kraft schleppt sie sich zur Bismarcksäule. Auch hier ist sehr schön im Wald, doch schnell wandern die Gedanken zum Abstieg. Wie kommen wir da wieder heil herunter? Ohne Bergstiefel?

Bismarcksäule Keilhau

Bismarcksäule Keilhau

Ohne nennenswerte Stürze und Verletzungen gelingt es, unten erfolgt der Blick auf Karte und Uhr. Das hat richtig lange gedauert. Fast zwei Stunden für die beiden Türme. Wenn wir direkt zurück fahren haben wir damit 120 km hinter uns. Nehmen wir die Türme 3 und 4 mit, kommen weitere 30 km hinzu. Steuert dann der kreuzbube alleine noch den Turm Nr. 6 an, werden das noch einmal 40 kam extra. Das ist eingedenk der Suche und der Kraxeleien zeitlich nicht zu bewältigen. Wir belassen es im wieder einsetzenden Sprühregen bei den drei Türmen. Auto. Dusche. Walk the dog. Toller Tag. Wir könnten vielleicht im Winter bei Schnee mit dem Mountainbike zurückkehren.

Das aktuelle Gesamtklassement der Unendlichen Rundfahrt.

 

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17 Antworten zu Sächsischer Kreisel

  1. kreuzbube schreibt:

    Leser montymind schickt eine Ergänzung. Er ist im Besitz eines Bildes, wohl eine Schulwandkarte, die aus anderer Perspektive eben jene Stelle bei Rudolstadt zeigt, die vom Bismarckturm aus fotografiert habe:

    Das Bild trägt die Beschriftung: „Mittelgebirge“.
    Untertitel: „Rand des Thüringer Waldes bei Rudolstadt-Schwarza an der Saale. Thüringisches Kunstfaserwerk Wilhelm Pieck. Gemälde von Werner Lenz“

    Das Bild stammt folglich aus der DDR, das war ein Staat, der im vergangenen Jahrhundert mal vierzig Jahre lang existierte und deren erster (und einziger) Präsident Wilhelm Pieck war.

  2. tinotoni67 schreibt:

    Cola hab ich auf Arbeit, Zahnarzt in der Familie! Hut ab, trotzdem hätte ich gern die Bergabbilder gesehen! 😉

    • kreuzbube schreibt:

      Die haben da mit ein paar Ästen seitlich den Hang etwa stabilisiert, damit man auf einem schulterbreiten Pfad nach oben marschieren kann. Steht man vor dem Berg, sieht man nicht, dass da überhaupt so etwas wie ein Fußweg ist.

      carodame hat das etwa so gemacht: Ein paar Meter bis zur Kehre, dann Rad quer gestellt. Halb um das Rad herum, dann das Rad die zweite Hälfte um die Kehre herum gestellt. Dann selbst hinterher. Usw.

  3. carodame schreibt:

    Vielen Dank für die Ehrungen! Also dieser sehr spezielle Weg zum Säulenturm hat mir doch irgendwie einen Zahn gezogen, wie sich später herausstellen sollte. Beim Abstieg habe ich das Rad als eine Art Zaun vor mich in den Boden gestemmt und mich dran festgehalten, Windung für Windung, bergauf war es eher so eine Art Rollator(wie sich unschwer erkennen lässt) 😉 den ich auf der Heimfahrt beinahe gebraucht hätte. Da kam plötzlich derartig boshaft der Hammermann und drohte mir die Beine abzuschrauben. Eine rettende Cola ließ mich zum Glück weiterpedalieren. Heute Zahnarzt nach der Arbeit… aua.

  4. prieditis schreibt:

    Gratulation! Die Schinderei der carodame kenn ich ja in ähnlicher Weise vom Wanderer ;o)
    Hut ab! Und was für ein Stück Glück, daß auf dem Abstieg nix passiert ist.

  5. crispinus schreibt:

    Schinderei das alles!
    Gratuliere dem Team.

    • kreuzbube schreibt:

      Schinderei klingt zu hart. Mir bereitet das Freude. Es ist so kurzweilig, dass man gar nicht merkt, wie die Zeit verfliegt. Schöner geht’s doch kaum als am Sonntagmorgen im Wald zu sein. Man ist noch allein, Autos und LKW sind fernab, der Nebel verflüchtigt sich, der Tau hängt an Farnen und Gräsern, es riecht nach Kiefern und Pilzen und man hat den ersten Erfolg eingeheimst.

      Gleichzeitig ist allerdings auch genau das das Problem: Viel Zeit verfliegt im Nu.

  6. Twobeers schreibt:

    In keinster Weise wollte ich der Carodame einen Erfolg nehmen, vielmehr ging es um eine zweifelsfreie Auslegung der Ausschreibung. So gilt Ihr mein Gruß und Glückwunsch!

  7. Twobeers schreibt:

    Seit wann ist eine Säule ein Turm? „Bei einem Gleichstand entscheiden am Schluss die Sonderwertungspunkte. Das sind sonstige Bismarckdenkmäler im engeren und weiteren Sinne, die keine Bismacktürme sind. “

    Twobeers

    • kreuzbube schreibt:

      Unter Bismarcktürme ist beides zusammengefasst: Bismarcktürme und Bismarcksäulen. Ein Teil der Bauwerke, die man errichtet hat, waren nicht von innen begehbar. Sie hatten oben eine Feuerschale, zu der man von außen hinauf geklettert ist. Die Säulen sind aber alle Teil der 170 zu fahrenden Etappen. Dort, wo in den Karten ein Turm verzeichnet ist, erwartet uns bisweilen eine Säule.

      Ich konkretisiere daher: Jeder auf bismarcktuerme.de verzeichnete Turm gibt einen Punkt.Auch wenn der Turm eine Säule ist. Oder ein Hausanbau wie in Radefeld. Oder ein Knubbel wie in Dresden-Cossebaude. Oder eine runde Steinhütte wie Frankfurt/Oder.

      ( Du weißt aber schon, wie das bei carodame ankommen wird, dass Du ihr ausgerechnet diesen härtesten aller Etappensiege aberkennen willst…?)

    • kreuzbube schreibt:

      Für den Bau eines ausgemachten Bismarkturms bzw. einer Bismarcksäule wird selbstverständlich ein Punkt vergeben, auch wenn das Chesini sich nicht von ihm weg und wieder hin bewegt.

      Immerhin ist das eine enorme Anstrengung: Lotterie für die benötigten Mittel veranstalten, Rodung des Terrains, Turmbau, Eröffnung mit der umliegenden Bevölkerung, Befeuerung der Feuerschale zu Bismarcks Geburtstag, Bewirtung der anreisenden Unendlichen Rundfahrer…

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