Deutsch-Südwest, 1

In Kamerun steht ein Bismarckturm, auch wenn Bismarck kein großer Freund des Kolonialismus war und ihn für einen ausgemachten Schwindel hielt. Nur der Wahlen wegen müssen man mitmachen, auch wenn die wirtschaftlichen Vorteile zu gering, zu groß jedoch die Risiken politischer Störungen seien. Auch der politische Gegner, die SPD, war gegen den Kolonialismus und warf die Frage auf, was das wieder alles kosten werde.
Wilhelm II. hingegen konnte gar nicht genug bekommen von Deutschlands Weltgeltung, die das Kaiserreich auch im Wetteifern um neue Territorien erlangen sollte. Bernhard von Bülow, Bismarcks Nachfolger als Reichskanzler und zuvor Staatssekretär im Auswärtigen Amt, begründete die  vermeintlichen Ansprüche mit pathetischen Worten:
„Mit einem Worte: wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“
Bismarcks komplizierte Bündnispolitik mit den anderen europäischen Mächten (natürlich bis auf den Erzfeind Frankreich) gab man auf,  statt Handelsstützpunkten wurden Militärstützpunkte errichtet. Kanonenbootpolitik wurde gemacht und das Flottenwettrüsten mit Großbritannien begann.

einweihungsfeier

Deutsche „Schutzgebiete“ nannte man die Kolonien Deutsch-Westafrika (Kamerun und Togo), Deutsch-Südwestafrika (Namibia), Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Ruanda, Burundi und ein Teil von Mosambik) und andere, kleinere Kolonien.  Bismarcks Vorstellung von der Verwaltung der Schutzgebiete war die einer indirekten Verwaltung, einer indirect rule, wie sie die Engländer in ihren Kolonien praktizierten. Dabei wurden die traditionellen, lokalen Herrschaftsstrukturen in die Herrschaftsausübung einbezogen. Ganz anders machten das die Franzosen in den von ihnen annektierten Gebieten, wo sie alle Herrschaftsstruktruen zerschlugen und durch ihren eigenen Machtapparat ersetzen. Denn die Franzosen waren ja als Revolutionäre der Meinung, dass ihr revolutionäres Konzept überall und an jedem Ort alternativlos sei. Aber nicht dass nun jemand denkt, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hätten auch für die Bevölkerung in den Kolonien gegolten; wir wollen es ja nicht übertreiben!
Kamerun, wurde nach nach der deutschen Niederlage im ersten Weltkrieg unter Engländern und Franzosen aufgeteilt und erlangte 1960 die Unabhängigkeit. Es existiert noch ein Foto aus dem Jahre 2004 mit dem dort noch stehenden Bismarckturm. Ob und wann wir den jemals ansteuern werden, er liegt noch dazu in einem militärischen Sperrgebiet, ist offen und wird die spannendste Etappe der Unendlichen Rundfahrt sein. Vielleicht fahren alle Unendlichen Rundfahrer ihn aber auch als gemeinsame Schlussetappe an, wer weiß?
Bis es so weit ist, macht die Unendlichen Rundfahrt Station im heutigen Deutsch-Südwest. Dort hat Arne zwei Etappensiege errungen, von denen er berichtet.
***

von Arne

Motiviert vom Bericht des Kreuzbuben vom 04.08. (gefunden bei randonneurdidier) fährt Arne von Göppingen nach Tübingen, entlang von Fils und Neckar. Statt der üblichen Rennstrecke im Filstal mit den vielen Ortsdurchfahrten sollte es diesmal eine Tour möglichst vollständig auf Radwegen sein – der im Sommer erstandene Cross-Racer mit den breiten Reifen macht mutig.

1_vor_der_Abfahrt

Die Radwege im Filstal sind teilweise schotterig oder sogar matschig, zumindest mit Brennnesseln gesäumt. Der Neckartalradweg zeigt sich besser und meist gut ausgeschildert. Da dieser Sonntagnachmittag die ersten Sonnenstunden nach einer längeren, nassen Phase bietet, üben sich auch viele Fußgänger in der Kunst, beim Klingeln immer zur ungünstigen Seite auszuweichen. Je näher Arne Tübingen kommt, desto mehr andere Radfahrer sind unterwegs – und nicht mehr nur mit E-Bike, nein, richtig schnelle Rennradler sind dabei, die Arne gelegentlich die breiten Reifen des Cross-Racers bedauern lassen, wenn er das Tempo nicht dauerhaft mithalten kann.

Tübingen zeigt sich dann von seiner romantischsten und blumig-sonnigen Seite.  Studentinnen und Studenten flanieren, joggen, genießen das Wetter. Entlang etlicher Verbindungshäuser geht es mit ordentlichem Tempo den Österberg hoch, doch dann muss Arne feststellen, dass er zunächst selbstsicher den falschen Turm angefahren hat („das wird schon der Turm auf dem Österberg sein, der steht so souverän an einer Aussichtsstelle“).

Falscher Turm zu Österberg

Falscher Turm zu Österberg

Mit telefonischer Hilfe von Daheim („schau bitte mal unter http://www.bismarcktuerme.de nach“) wird der Weg zum versteckten, richtigen Bismarckturm gefunden. Arne staunt: 7 Jahre Kindheit in Tübingen, später viele Besuche bei der Freundin (jetzige Ehefrau) die in Tübingen studiert hat und dabei eigentlich alle romantischen Aussichtsstellen und Spazierwege genutzt – aber der Bismarckturm versteckt sich hinter dem Tübinger Schloss etwas neben dem beliebten Wanderweg zur Wurmlinger Kapelle. Runter vom Österberg, vorbei an Stiftskirche und Marktplatz geht der Weg zum Schloß Hohentübingen.

"Geheimgang"

„Geheimgang“

Dort durch den Schloßhof in den „Geheimgang“, der Arne schon als Kind fasziniert hat. Diesmal das Experiment: Auf dem Rad oder schieben? Der erste Gang lässt sich befahren, aber nach der Bastion kommt dann ein Schiebe- und Tragestück.

Auf der anderen Seite des "Geheimgangs"

Auf der anderen Seite des „Geheimgangs“

Auf dem Weg Richtung Wurmlinger Kapelle (ordentliche Steigung) kommt nochmal ein „falscher Turm“, der aber sehr schön gelegen ist.

Noch ein falscher Turm

Noch ein falscher Turm

Schließlich erscheint der richtige, deutlich erkennbar, auch wenn nirgends schriftlich auf ihn hingewiesen wird.

Bismarckturm Tübingen

Bismarckturm Tübingen

Auf dem Rückweg gibt es zum Abschied noch einmal den berühmten Blick über die Neckarfront mit Stocherkahnfahrern und Hölderlinturm, bis die Rückfahrt schließlich wegen Dunkelheit in Plochingen mit der Bahn fortgesetzt wird.

8_Neckarfront_Tübingen_mit_Hölderlinturm

Postkartenmotiv „Neckarfront mit Studenten auf dem Mäuerle am Hölderlinturm und Stocherkahn“

Deutsch-Südwest 2 folgt.

Das aktuelle Gesamtklassement der Unendlichen Rundfahrt

 

 

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2 Antworten zu Deutsch-Südwest, 1

  1. randonneurdidier schreibt:

    Hallo Arne, noch beim Kreuzbuben! Du wirst noch ein echter Blogger! Schön, von Tübingen, von Dir und vom alten Bismarck zu lesen.
    Dietmar

  2. kreuzbube schreibt:

    Ich gratuliere zur ersten gewonnen Etappe und stelle fest: Mit diesem vollausgerüsteten Rad haben wir wohl den Reiseleiter für das Afrikaunterfangen gefunden… 😉

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