Salzig schmeckt der Wind

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Der Hund ist schuld, dass ich dann doch wieder Rad fahren muss. Schneidet sich einen Tag vor der Abreise die Pfote auf. Richtig fies, richtig tief. Wird genäht, wird versorgt, leckt in einem unbeachteten Moment so lang am Verband herum, bis er ab ist und zieht sich gleich selbst die Fäden. Der Veterinär waltet erneut seines Amtes und es ist klar: Der Hund darf im Urlaub nur kurze Wege machen, Strand und Wasser sind tabu und alleine bleiben auch.

Das wäre was gewesen. Einmal nicht Rad fahren. Nicht einmal ein Rad mitnehmen. Noch nicht einmal das kleine Programm, also den eigenen Sattel und die eigenen Pedalen für ein etwaiges Leihrad. Von Seebrücke zu Seebrücke das Meer entlang schlendern und den morgendlichen Cappuccino in die Espressi des Tages übergehen lassen. Allenfalls beim Essen in Schwitzen kommen…

schuheWenn nun aber ohnehin einer immer den Köter versorgen muss, so kommt es mir schnell in den Sinn, kann ich auch ein Rad einpacken. Und wenn ich schon einmal dabei bin, kann ich auch mal eben die Insel umrunden, die Insel verlassen und den Griff nach Greifswald wagen. Denn wenn ich schon einmal dabei bin, warum sollte ich da nicht einen weiteren Etappensieg bei der Unendlichen Rundfahrt einheimsen? Zwischen des Mittags und des Abends Speisekarte passt immer noch eine Bismarckwarte.

Greifswald zeichnet sich in dreierlei Hinsicht aus. Greifswald ist die jüngste Stadt Deutschlands. 55.000 Einwohnern, 12.500 Studenten, das senkt den Altersdurchschnitt. Greifswald soll angeblich die deutsche Stadt sein, in der die meisten Leute das Fahrrad für ihre Alltagswege benutzen. Greifswald ist die einzige Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, in der noch ein Bismarckturm steht.

Der Reihe nach: Als ich am Sonntag in Greifswald eintreffe, ist von Studenten natürlich nicht viel zu sehen. Wir sehen hier den Freisitz vor der Mensa. Da weisste Bescheid über Greifswald.

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Greifswald war nämlich eine der Teststädte für den modernen sozialistischen Städtebau. Altstadt fand man altbacken, was nicht freiwillig verfiel, wurde abgerissen und durch Plattenbauten ersetzt. Greifswald war im Krieg trotzt Wehrmachtsgarnison nicht zerstört worden, sondern wurde der Roten Armee unversehrt übergeben. Was dort heute fehlt, und das sind 50 % der historischen Bausubstanz, fiel in Friedenszeiten. Vor allem am Markt stehen allerdings noch historische Gebäude und die sind heute allesamt ganz schmuck herausgeputzt.

Die Sache mit den vielen Radfahrern möchte und muss ich in Frage stellen. Auf die paar Pedaleure, die mir dort auf den Radwegen begegneten, kam ein Mehrfaches an Automobilisten. Verkehr wie in jeder anderen Stadt auch, so scheint es mir.

Der Bismarckturm hingegen steht tatsächlich da. Als eine der 47 Säulen nach dem Einheitsentwurf von Wilhelm Kreis entlockt sie einem erfahrenen Unendlichen Rundfahrer kein Oha! Ein leichter Pflichtsieg ist’s, einfacher als dieser Turm war noch keiner zu finden. Man fährt die Einfallstraße in die Stadt hinein und zwei, drei Kilometer nach dem Ortsschild liegt er rechter Hand. 50 Meter Wiese und gefühlte zwei Höhenmeter sind zu überwinden, dann steht das Empella für das Beweisfoto bereit.

Bismarckturm Greifswald

Bismarckturm Greifswald

Anschließend gehe ich in mich und lege meine empathischen Züge frei. Diesen Turm widme ich Toni, den es gerade auf dem Rad zerlegt hat. Verbeult ist er selbst und verbeult ist auch sein schönes Kocmo. Kopf hoch, toi-toi-toi und gute Besserung! Auf baldigen Wiedereinstieg in unsere Rundfahrt.

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Auf die Rückfahrt habe ich zunächst eher wenig Lust. Die letzten 30 der etwa 70 km des Hinwegs waren ziemlich öde. Auf der ersten Hälfte der Wegstrecke konnte ich mich an Strand und Meer zur Rechten und dann an einem Radweg erfreuen, der rauf und runter und in vielen Kurven durch den Wald führte.

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Ab Wolgast hingegen war ich in Mecklenburg-Vorpommern, wie es leibt und … nun ja, “lebt“. Nach einer halben Stunde dachte ich mir, kreuzbube, würdest Du hier wohnen, wärst Du wahrscheinlich kein Rennradfahrer, da würdest Du ja vor Langeweile im Sattel einschlafen. Etwas später sind die Ansichten radikaler und umfassender. Von Wismar bis Stettin gehört der Küstenstreifen, meinetwegen mitsamt der Insel Rügen, abgeschnitten und nördlich von Berlin, direkt oberhalb der Schorfheide, wieder eingefügt. Über den Rest könnte das Meer schwappen, das wäre auch kein Verlust. 

keinortLandstraßen, die endlos geradeaus führen, die immer flach sind, wo zur Linken und zur Rechten immer und so weit man schauen kann, flache Wiesen und flache Felder liegen. Ein paar Baumgruppen, ein paar Stromtrassen, ein paar Windkrafträder, das war’s. Die Touristenblechlawine macht wusch-wusch-wusch an meiner Seite. Da heißt es, exakt und ohne Schlenker auf dem weißen Strich zu fahren. Die Alleenstraßen sehen schön aus, dem Radfahrer jedoch bleibt zwischen der Leitplanke und dem Strom der Autos nur ein Meter Platz. Nachts, wenn Old McPommelds nicht nur seinen Wagen, sondern auch sich selbst betankt hat, möchte ich hier nicht unterwegs sein. 

Apropos tanken, auf dem Hinweg nach Greifswald, das fällt mir gerade ein, hatte ich unterwegs einen kurzen Halt für einen halben Liter Apfelschorle gemacht. Am Imbisswagen lungerte die einheimische Bevölkerung herum, die zu 50 % (oder drei Personen) aus Nazis bestand. Thor Stejnar Jacken und Thor Stejnar Jogginghosen, das scheint hier der Sonntagsausgehanzug zu sein. Wie sie so da standen, sahen sie nicht so aus, als kämen sie bei einem casting für Deutschland sucht den Herrenmenschen auch nur in die Nähe der zweiten Runde. White Trash, der sich an der mittäglichen Bierpulle festhält. Das zugehörige Kind war extrem blond und sah hübsch aus, vielleicht hat es Glück und erfährt irgendwann die Zuwendung von normalen Leuten.

Nach dem müden Sieg am Bismarckturm Greifswald gönne ich mir im Hafen ein Crêpe mit Apfelmus, einen Espresso und noch einen halben Liter Schorle, das soll mich ohne nochmaligen Zwischenstopp nach Hause bringen. Tut es auch, die Strecke ist allerdings ein paar Kilometer kürzer, dafür auch reizloser, weil ich auf die schönen Waldwege überwiegend verzichte. Denn unterwegs blieb meine Belohnung für die Mühen nicht aus, was mich zeitlich ein wenig ins Hintertreffen brachte. 

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Auf 20 Hektar Wiese haben Künstler im Skulpturenpark Katzow an die 100 Skulpturen aufgestellt. Auch wenn die Zeit verrinnt und die Sonne versinkt, kann ich mir das nicht entgehen lassen und drehe eine kleine Querfeldeinrunde.

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Anschließend bin ich mit der Umgebung versöhnt. Tolle Gegend, dieses Vorpommern, habe ich ja schon immer gesagt, die haben wenigstens Platz!

Nun aber hurtig, bevor es am Ende dunkel wird. Die 35 mm breiten Reifen rollen zwar auf Asphalt schwerer ab als ein Rennradreifen, aber dafür lässt sich das Gefährt mit Schmackes über jeden Schotter und jedes Pflaster prügeln und auch in etwas sandigeren Passagen hinter den Dünen bleibe ich nicht stecken. Ich bin etwa 15 km vor dem Ziel, da ruft carodame an, wir wollen uns an der Seebrücke treffen. Sie hat mit dem Auto 25 km zu fahren und will nicht glauben, dass ich auf sie warten werde. Da hat sie sich getäuscht, ich rumple auf kürzestem Weg über alles drüber, was kommt („Immer auf Krawall fahren“ hieß es neulich in der Einladung zur Huschke) und bin als erster da. Ein Hoch auf Ad van Empel, einen prima Crosser hat er gebaut.

Am nächsten Morgen habe ich vom Krawallmachen ein wenig schwere Beine, aber unser Ferienhaus hat eine eigene Sauna und der Tag verläuft so, wie ich mir das im Vorfeld gedacht hatte: Ganz langsam, vom ersten Tee zum Frühstück über den einen oder anderen Kaffee und Blaubeerkuchen bis hin zu Riesling und Räucherfisch. Und 24 Stunden lang ganz ohne Rad. 

Nachzutragen bleibt Arnes Sturm auf Stuttgart, der Dreifachsieg von Team Oranje und prieditis‘ Fahrt in Franken. Auch der Unendliche Seefahrer kreuzbube hat noch manches erlebt, lasst euch überraschen, wie es demnächst weitergeht.

Das aktuelle Gesamtklassement der Unendlichen Rundfahrt

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10 Antworten zu Salzig schmeckt der Wind

  1. prieditis schreibt:

    Na, kein Wunder, daß der Friedrich mit Kersting das Weite der Natur gesucht hat, bei dieser Vedute…
    Äh, also, kein Wunder, daß Caspar david Friedrich mit seinem Kumpel raus in die Natur wollte, bei dieser Enge der Stadt. Schöne Landschaft, schönes Rad. Das Empella fährt sich sowieso ganz hervorragend, wie ich ja mal für eine kleine Runde in, um, und um Leipzig herum testen durfte…

    Unbekannterweise Genesungswünsche an den Kollegen Toni!

    • kreuzbube schreibt:

      Es gibt in Greifswald einen 18 km langen Caspar David Friedrich-Weg mit Stationen und Infos zu seinem Leben und Wirken, den ich eigentlich suchen und abfahren wollte. Aus Zeitgründen bin ich auf Nummer sicher gegangen und habe das Tageslicht für die Rückfahrt genutzt. Damit bleibt ein Ziel für die nächste Reise dorthin.

  2. carodame schreibt:

    Usedom im Inneren, fernab des Kaiserbäderhumtata, ist zu dieser Jahreszeit wundervoll. Fluglärm durch reisende Federträger, ansonsten unglaubliche Stille, Weite, schöne Wege und Pfade, kaum Menschen…
    Manchmal welche auf dem Rad oder Traktor. Fisch frisch auf den Tisch…
    Ich habe mir am letzten Tag, also dem der Einheit, eine zauberhaftes feuerrotes, zentnerschweres Damenrad! geliehen und fuhr damit den Kreuzbuben in Grund und Boden 😉

  3. twobeers schreibt:

    Ein sehr schöner Bericht, die Strecke Ahlbeck – Greifswald fuhr ich auch schon einige Male. Und auf Usedom gibt es herrliche Straßen im Inselinneren….

    • kreuzbube schreibt:

      Die Rad- und Wanderkarte Usedom für 5,50 EUR hat mir all die Wege eröffnet, die es über das ohnehin dichte Radwegenetz hinaus auch noch gibt. Südlich um den Flugplatz Heringsdorf hat sich vom Haff-Radfernweg kommend über Kamine ein etwas abgelegener Weg über die polnische Grenze nach Swinemünde eröffnet. Aber das wirst Du als erfahrener Usedom-Reisender ohnehin alles kennen.

  4. randonneurdidier schreibt:

    na, bisher hatte ich Dich als differenzierenden Zeitgenossen und nicht als Pauschalabqualifizierer erlebt. Sollte ich mich getäuscht haben? Zwischen der Küste und der Schorfheide gibt es reichlich interessante Wege, Landschaften und und… Wenn Du in dieser Gegend die Augen, die Ohren und das Herz aufmachst, schläfst Du auch nicht ein!!!

    • kreuzbube schreibt:

      Ich schreibe hier nicht für den Baedeker. Das zu verwechseln wäre, als schaute man die Harald Schmidt Show und riefe dann bei der ARD an, um sich über die Polenwitze bei den tagesthemen zu beschweren.

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