Das Boot

fliegenpilzIm Kiefernwäldchen, in dessen Mitte unser Ferienhaus steht, gibt’s kein Netz. Aber Multimedia, sobald man nur vor die Tür tritt. Geräusche machen Möven und Kraniche und Krähen und Fische, die aus dem Wasser springen und glucksend wieder eintauchen. Ansonsten Stille, wohin man auch horcht. Legt man das Konzept „Straße“ mal ganz großzügig aus und bezieht Trampelpfade und Fahrspuren oder auch nur einen gemähten Streifen Wiese mit ein, dann erlebt man die Insel auf eine Weise, die am Automobilisten völlig vorbei geht.

DSC_6891 Kopie

Die nächste Erkundung Usedoms sollte mich bis an den nördlichen Zipfel nach Peenemünde bringen. Im Lieper Winkel bezwinge ich vom Basislager 1 kommend zunächst den Jungfernberg. Ermattet von der Anstrengung sinke ich auf eine Bank neben dem Gipfelkreuz und schaue mir an, was andere Reisende in 18,4 Metern Höhe über Normalnull ins Gipfelbuch geschrieben haben.

gipfelbuch

Etwas später: Rechts die Wellen, die an den Strand klatschen, unter mir die Reifen, die leise im Sand abrollen; Möven, Hunde, Spaziergänger, eine Karatetruppe, die mit Blick auf die See trainiert. Am Meer finde ich unweigerlich einen ganz eigenen Rhythmus des Fahrens, nicht langsam, aber ganz unaufgeregt und gar nicht mehr ans Treten denkend. Alles fließt wie von selbst, heute bleibt der Krawall aus.

strand_1

Dann bin ich auch schon da – und auch schon da ist der Russe. Potzblitz!

U461_0Da hört und schaut man mal eine Woche lang keine Nachrichten und dann so was. Der Putin, wenn er will, nimmt er in zwei Wochen nicht nur Kiew, sondern auch Berlin ein. Wahrscheinlich auch den Mars, was man so liest.

Falscher Alarm. U461 wurde 1961 gebaut, lief 1962 vom Stapel und wurde 1993 als künftiges Museumsschiff verkauft. Nun liegt das U-Boot in Peenemünde, wo 1942 die erste Rakete überhaupt ins Weltall geschossen wurde. SS-Mann Wernher von Braun brachte erst die Nazi-Raketen zum Fliegen und dann die Amerikaner auf den Mond. Dass sich auch die Sowjets in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde nach deren Eroberung bedienten, versteht sich von selbst. Was man aus der Top-Kriegseinrichtung der Nazis brauchen konnte, wurde von ihnen in die UDSSR gebracht. Den Stützpunkt selbst nutzten die Rotbannerflotte und später die NVA weiter.  Den 42 m hohen Bismarckturm auf dem Präsidentenberg zwischen Heringsdorf und Ahlbeck, von aus man nach einem Waldspaziergang über das Meer schauen konnte, den haben sie nach dem Krieg gesprengt.

kreuzbube nimmt euch mit an Bord

Es steht da zwar schwarz auf weiß, aber ich will nicht glauben, dass auf diesem U-Boot 70 bis 80 Mann Dienst taten. Das Boot ist knapp 90 Meter lang und hat 6,90 m Durchmesser und alles ist vollgestopft mit Technik. Ich finde da beim besten Willen keinen Platz für Menschen und rechne inmitten all des Gewirrs aus Kabeln, Leitungen, Rohren, Handrädern und komischem Irgendwas jeden Moment damit, dass mir aus einem unbeleuchteten Winkel das Alien ins Gesicht springt.

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Dann komme ich langsam dahinter. Die Mannschaftsgrade lagen irgendwo herum, wo gerade Platz war, wie hier hinter den vorderen Torpedorohren, wo man ein paar Kojen unterbrachte.

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Nicht weniger spartanisch ging es bei den Offizieren zu, die ganz kleine Doppelkabinen hatten.

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Einzelkabinen gab es nur für den Kommandanten, den Politoffizier (so eine Spitzeltype wie Leutnant Tamara Jagelovsk vom Galaktischen Sicherheitsdienst, die als Aufpasser den lässigen Commander Cliff Allister McLane -unsterblich: der unlängst verstorbene Dietmar Schönherr- an Bord des Schnellen Raumkreuzers ORION überwachen soll) und den wohl wichtigsten Mann an Bord, den leitenden Ingenieur. Der Mann muss ein Genie gewesen sein, um zu wissen, was es mit all diesen Bauteilen, mit diesem Wirrwarr auf sich hatte.

U461_4Wir sind hier nicht in Hollywood, nicht der geringste Luxus ist an Bord und es gibt ist auch keine große zentrale „Brücke“, wo alle Mann um den Kapitän herum stehen und auf großen Monitoren schauen, wie sich ein ping-ping-ping nähert.

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Auch für den Kommandanten reichte die persönliche Kabine gerade einmal aus, dass er sich der Länge nach auf einer schmalen Koje hinlegen konnte. Das war es an Einrichtungsgegenständen dann auch schon mehr oder minder.

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Kojen gab es nur halb so viele, wie Besatzungsmitglieder an Bord waren. Die eine Hälfte hatte ohnehin Wache, also brauchte man nur für die dienstfreien Seeleute eine Liegemöglichkeit.

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Hobbyköche aufgepasst! Ihr braucht eine Kücheninsel mit allen Schikanen inmitten von 40 Quadratmetern? Hier wurde für 80 Mann gekocht.

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Die Offiziersmesse. Macht nicht viel her, nicht wahr?

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Und dann die Hygiene. Ohnehin wurden die Seeleute auf den dieselgetrieben U-Booten von ihren Kameraden bedauert, die auf sauberen Atom-U-Booten Dienst taten. Dieselgeschwängerte Luft atmend und ölverschmiert liefen sie umher. Waschbecken gab es – in den beiden Toiletten an Bord. 

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Eine dritte Toilette lag außerhalb des Druckkörpers hinter dem Turm. Da brauchte man keinen WC-Sitz, sondern zwei Fußrasten, in die man sich stemmte. Die Seewasserspülung trieb die Kacke ins Meer.

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IMG_1353Nachdem ich vom Bug bis zum Heck durch ein Schott nach dem anderen -sieben an der Zahl- gekrabbelt bin (man muss da die richtige Technik entwickeln) gehe ich wieder von Bord und bin froh, dass mir ein solcher Dienst damals erspart geblieben ist. Meine seinerzeit nicht näher konkretisierte Ahnung, in dieser engen, soldatischen Männerwelt fehl am Platz zu sein, hat mich wohl nicht getrogen.

U461

Welch eine Verschwendung von großartiger Ingenieurskunst. U461 hat 30 Jahre lang nichts getan, als ein paar Raketen und Torpedos hin und her durch die Meere zu fahren. Nun dümpelt und rostet es im Hafen vor sich hin. Aber ein paar schöne Skulpturen trägt es, die ebenso gut im Skulpturenpark in Katzow stehen könnten.

U461_6

Das ganze restliche Raketen- und Militärmuseum erspare ich mir. Das habe ich alles vor Jahren schon gesehen und muss es nicht ein zweites Mal haben. Wie lieb ist mir dagegen mein Fliegender Holländer, der mich zurück ins zivile Leben einer schönen Ferieninsel bringt.

heringsdorf_seebruecke

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22 Antworten zu Das Boot

  1. tinotoni67 schreibt:

    Berlin-Prag stand beim ESK eigentlich schon öfter auf dem Plan! Vielleicht geht ja was und die Termine passen im Sommer! PS:Meine Rippen Muckern auch noch! Gute Besserung!

    • kreuzbube schreibt:

      Meine Route wird mich von Leipzig über Dresden nach Prag führen. Von hier aus partiell an der Mulde entlang, dann an der Elbe entlang, schließlich an der Moldau entlang. Besten Dank für die Genesungswünsche.

  2. kreuzbube schreibt:

    2015 könnten wir dann vielleicht auch mal Prag ansteuern, ich habe das fest auf dem Plan.

    • ich weiß nicht, ob ich mir das zutraue, mit dem rad nach prag… aber es wär schon reizvoll. aber wie wär’s mit der cyclocross-wm 2015 in tabor, das etwas südlicher von prag liegt?

      • natürlich nicht mit’m rad 😉

      • kreuzbube schreibt:

        Haha… Ich hatte Deinen ersten der beiden heutigen Kommentare in der Mailbox gelesen und gleich nachgeschaut. Leipzig-Tabor etwa 350 km, wenn ich den Flussverläufen folge statt übers Erzgebirge zu fahren… „…und das im Winter?“ Nach dazu, wo ich gerade ziemlich angeschlagen bin und nur lockere zwei Stunden schaffe, weil Hüfte geprellt, Ellbogen, und vor allem die Rippen…

        Ich behalte die WM mal im Auge, die Idee gefällt mir.

        Prag ist für Dich von Wien aus ein Stück weiter als für mich von Leipzig aus. Aber im Frühjahr/Sommer, wenn lange genug Tageslicht ist, will ich das machen. Die Rückfahrt mit dem Zug am nächsten Tag (oder mit carodame im Auto) ist ja nicht so lang.

    • ja… das mit prag hat schon was… wünsche dir aber jedenfalls gute besserung für deine schrammen!!!

  3. sorry, hab deine antwort hier irgendwie übersehen… also, den bismarkturm kannte ich natürlich nicht. vielleicht geht sich der im kommenden sommer aus 🙂

  4. sehr schön… ich mag u-boote! ich war vor kurzem in Laboe, da steht die u995 am strand herum… und ein echtes, funktionstüchiges u-boot lief gerade aus kiel aus… wunderbar. leider war ich nicht mit dem rad dort, daher nicht blogwürdig 😉

  5. crispsanders schreibt:

    Ja, das Interesse war groß an den Rockets und populärwissenschaftlich finden sich mehrere Andeutungen bei, man verzeihe die Quelle, Tim und Struppi: sowohl in l’affaire tournesol als natürlich auch in der Mondreise…….
    Kraftwerke: einige hielten sie für unsterblich.

    • kreuzbube schreibt:

      Tim und Struppi, natürlich. Die Rakete ist dort zwar rot-weiß, könnte aber ansonsten auch aus Peenemünde stammen.

      Aber die Spekulationen sind teilweise auch ordentlich ins Kraut geschossen. Da haben nach dem Krieg Zeitschriften von sowjetischen Ufos geschrieben, die auf geheimen deutschen Entwürfen basiert haben sollen… Iron Sky, sozusagen. Das Stichwort dazu ist Flugkreisel Schriever, (Schriever war ein deutscher Flugkapitän, der doch tatsächlich so etwas entworfen hatte). Ein Artikel des Spiegel von 1950:

      http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44447768.html

    • kreuzbube schreibt:

      Werner Janke, ehemaliger Spielwarenhändler. In der DDR jahrzehntelang in der Psychiatrie. Entwarf da Raketen, Flugzeuge, Raumschiffe. Immer mit der Betonung: „Nur für friedliche Zwecke!“

      Vor Jahren gab es eine sensationelle Ausstellung in den alten Gebäuden in Peenemünde, in der man Janke dem Wernher von Braun gegenüber stellte und sich die Frage fast schon von selbst beantwortete, wer der Irre war.

      Hier gibt’s den wunderbaren Ausstellungskatalog als pdf, leider lässt sich nicht erkennen, wie toll die Druckausgabe gestaltet ist:

      http://www.peenemuende.de/hti/fileadmin/user_upload/Ausstellungskatalog_Janke_vs_von_Braun.pdf

      • twobeers schreibt:

        Reichsflugscheibe! Ganz großes Kino.

      • kreuzbube schreibt:

        Geht noch weiter:

        Stalin hat dann von Nazi-Wissenschaftlern ein Ufo bauen lassen, das dann in New Mexico abstürzte und kleine Gestalten mit riesigen Köpfen an Bord hatte, die von Josef Mergele gezüchtet worden waren…

      • kreuzbube schreibt:

        N24 packt ab heute mal wieder eine Sendung über die Mythen der Nazi-Wunderwaffen inklusive Reichsflugscheiben aus:

        „Ufos im Dritten Reich“
        9. Oktober, 20.05 Uhr
        10. Oktober, 1.40 Uhr
        11. Oktober, 15.10 Uhr

  6. randonneurdidier schreibt:

    klasse Fotos! Und eine Anregung für mich, den Militärschrott auch mal anzuschauen, wenn ich wieder auf der Insel bin. Am Wochenende schaue ich mir vor HH-B Industrieschrott ( Kraftwerk Krümmel) an. Das Hotel liegt direkt daneben. Das wird dann sicher eine „strahlende“ Nacht.

    • kreuzbube schreibt:

      Zuerst wollte ich noch nach Lubmin, wo die DDR ein Atomkraftwerk errichtet hatte, das zehn Prozent des gesamten Stroms des Landes lieferte. Da gab es Mitte der 70er mal einen Störfall, als ein Elektriker einem Lehrling zeigen wollte, wie man einen Schaltkreis überbrückt. Durch einen Brand sind dabei fünf von sechs Kühlungspumpen ausgefallen, die Feuerwehr brachte das aber noch rechtzeitig unter Kontrolle. Für die notwendige Verbesserung des Brandschutzes brauchte man nur elf Jahre…

      Im Radio gab es neulich eine Doku, in der ehemalige Ingenieure aus dem Nähkästchen plauderten. Zum Beispiel wurde das Kraftwerk ohne eine Kuppel über den Reaktoren gebaut, die im Störfall einen Überdruck hätte auffangen können. Stattdessen gab es oben Klappen, die dann aufgeflogen wären, damit das alles nach draußen entweichen kann. Sieht ja keiner was…

      Wahrscheinlich macht es keinen Unterschied macht, ob ich 2 Kilometer dran vorbei fahre oder 200 Meter, aber ich habe auf einen Besuch dann doch verzichtet.

  7. crispsanders schreibt:

    Nicht bis ins Weltall, aber immerhin bis London, atmosphärisch. Gilt der gesprengte Bismarckturm? ZurHälfte? Was sagen die Politoffiziere vom ESK?

    • kreuzbube schreibt:

      Nee, das galt wirklich schon fast als Weltraum. Zumindest hat man 1942 daran gekratzt. Nach den Regularien der Internationalen Aeronautischen Vereinigung beginnt der Weltraum bei 100 km Höhe. Die erste Rakete schaffte 1942 84,5 km. 1944 war man dann bei einer Höhe von 174,6 km. Die Alliierten waren alle ganz scharf auf diese Raketen und haben die im Nu nachgebaut und weiterentwickelt, bis hin zu den Saturn V, die für die Nasa-Mondflüge verwendet wurden.

      http://de.wikipedia.org/wiki/Aggregat_4

      Was den Bismarckturm bei Heringsdorf betrifft, der zählt natürlich nicht. Ich hatte noch überlegt, ob etwaige Überreste einen Sonderwertungspunkt rechtfertigen und bin mittels einer Handzeichnung von 1948 losgezogen. (Die übrigens detaillierter als Google maps) Aber da stand nichts mehr vom Turm, man konnte nur erahnen, wo er einst gewesen sein musste, trotz der Bäume, die dort heute stehen.

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