The Race against the Stasi

friedensfahrt 1961

Dieter Wiedemann war Radrennfahrer. Dieter Wiedemann fuhr 1967 die Tour de France. Er erlebte, wie Tommy Simpson plötzlich Schlangenlinien fuhr und vom Rad fiel.

Dieter Wiedemann war aus der DDR. Beim Klassenfeind, beim verpönten Rennen der Profisportler, hätte er nie dabei sein dürfen. Doch Dieter Wiedemanns Herz hing nicht nur am Radsport. Er hatte sich verliebt – in eine junge Frau auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs.

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Race against the Stasi ist das aktuelle, neue Buch von Herbie Sykes, dem in Turin lebenden Briten, der bereits Biographien über die italienischen Radsportler  Franco Balmamion und Fausto Coppi sowie mit Maglia Rosa eine illustrierte Geschichte des Giro d’Italia vorgelegt hat.  Der eine oder andere Leser wird sich vielleicht am Kopf kratzen und fragen, Mensch, britischer Autor mit Faible für Radsport, wo ist mir das nur begegnet? Richtig, hier beim Guten Bubi. Vor knapp zwei Jahren stellte ich eine Ausgabe von Rouleur vor, die einen Schwerpunkt mit dem Thema Radsport in der DDR und Friedensfahrt gesetzt hatte. Damals schrieb ich „und weil das nicht aus der Sicht des Deutschen geschieht, hebt es sich wohltuend von Ost-West-Einfärbungen ab. Auf politische Voreingenommenheiten oder gar erhobene Zeigefinger wird verzichtet.“

In seinem neuen Buch setzt sich diese Herangehensweise Sykes fort. Im Vordergrund stand für ihn keine kritische Aufarbeitung des Radsports in der DDR oder gar des politischen Systems der DDR. Stattdessen sollten Dieter Wiedemann selbst, seine Frau, seine Familie, ehemalige Radsportkameraden, Trainer und Funktionäre, ihre Erlebnisse, ihre Wahrnehmungen und ihre Sichtweisen schildern.

„Wir sind alle alt genug und mit genug Lebenserfahrung versehen, uns unsere eigene Meinung zu bilden.“, auch das schrieb ich damals, und The Race against the Stasi lässt dies erneut zu. Sykes führt Stunden um Stunden Gespräche mit den Beteiligten und mit Zeitzeugen und stellt die Schilderungen der von ihm Befragten einander gegenüber. Dieter Wiedemann hat dabei schon so eine Ahnung, als gebe es ihn zweimal; ihn, wie er sich und sein Leben selbst wahrgenommen hat und den Dieter Wiedemann, wie er von außen beobachtet und beschrieben und in Akten geheftet wurde. Der zweite Pfeiler des Buches sind denn auch die Stasi-Akten über Wiedemann, ziemlich umfangreiche Stasi-Akten. Abgerundet werden beide Teile durch die veröffentlichten „Geschehnisse“ und Meinungen im Neuen Deutschland.

Im Zusammenwirken ergibt all das ganz von selbst und ohne dass der Autor auch nur ein Mal eigene Kommentare einstreuen muss, ein ziemlich plastisches Bild eines paranoiden Staatssystems, das überall, bis in die banalsten Dinge des Alltags hinein, die verderbliche Einflussnahme des Feindes sah und fürchtete. Eins aber fand in den Überlegungen der Apparatschiks nicht statt: Dass sich einer verliebt. Dass sich da einer als Mensch nicht als funktionierender Teil des Systems definiert, sich nicht primär als dessen Repräsentant empfindet, seine vordringlichste Aufgabe nicht im Mitwirken an Aufbau und Bewahrung der Gesellschaftsordnung sieht, sondern einfach dieses Mädchen aus Westdeutschland nicht mehr aus dem Kopf bekommt, mit dem er sich über Jahre hinweg Briefe schreibt.

Dieter Wiedemann hat sich 1964 in Gießen bei einer Qualifikation für die Olympischen Spiele abgesetzt. Er stieg auf sein Rad und fuhr davon, was mir eine clevere Sache scheint, wenn ich mir vorstelle, wie ein Stasioffizier auf dem Rad versucht, einen Rennfahrer zu verfolgen. Die Mutmaßungen der Stasi schossen ins Kraut. Die Kapitalisten, selbstverständlich, mussten Wiedemann mit Geld bestochen haben. Andere Vermutungen gingen in Richtung der Zeugen Jehovas, denen die Familie seiner Freundin angeblich angehören sollte. Eine Herzenssache? Das war wohl zu simpel und zu unbedeutend, um als ausreichender Grund für die Republikflucht herzuhalten.

50 Jahre lang hatte Dieter Wiedemann mit niemanden über seine Flucht und sein neues Leben gesprochen. Als zurückhaltender, schüchterner Mann, der er war, blieb er mit Bedacht auf Abstand zur Presse und ließ sich auch von Schmierblättern wie der BILD nicht instrumentalisieren. Ich kann und möchte nicht 400 Seiten vorwegnehmen, weil sich das Buch wirklich spannend liest, gerade weil darin so viele Zeitzeugen unterschiedlicher Couleur zur Sprache kommen. Der Bogen spannt sich von Wiedemanns Familie über DDR-Rennfahrer wie Täve Schur und Manfred Weißleder bis hin zu Klaus Huhn, den ehemaligen Sportredakteur des Neuen Deutschland. Viele Aspekte und kleine Splitter bekommt man am Rande präsentiert, ein paar davon möchte ich herausstellen.

race_against_ stasi

In den Anfangsjahren war die Friedensfahrt eine polnisch-tschechische Radsportveranstaltung. Als DDR-Fahrer teilnehmen sollten, stieß dies bei Polen und Tschechoslowaken auf großen Unmut. Die aus der DDR, das waren keine kommunistischen Brüder, sondern Scheiß-Deutsche, die ausgebuht wurden, das war der Feind aus dem Krieg, ganz gleich ob die Sowjets dieses Gebilde namens DDR nun als Satellitenstaat in Leben gerufen hatten. Man versteht Täve Schur vielleicht besser, der mit seinem makellosen Trikot in Warschau am Start stand, um sich herum die Ruinen einer zerstörten Stadt und sich fragte, wie er diesen Menschen nur klar machen könne, dass er keiner von denen war, die das getan hatten? 

Diesen Aspekt, wie der Leistungssport als Mittel dient, um dem neu entstandenen Staat eine bislang fehlende, nationale Identität zu verschaffen, arbeitet Sykes anhand der Anfangsjahre der Friedensfahrt anschaulich heraus.

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Täve Schur: „Jeder war Teil des Erfolgs und jeder fühlte sich als Teil davon. Ich repräsentierte den Staat, aber es gab keinen Unterscheid zwischen dem Staat und den Menschen. In der DDR waren die Menschen der Staat.“

Emil Reinecke: „Wir hatten mehr Geld in der Tasche, als wir ausgeben konnten und durch den Sport waren wir privilegiert. Wenn mich meine Freundin in Leipzig besuchte, wünschte ich ein Zimmer im Hotel Astoria. Sobald sie meinen Namen hörten, bekam ich  eins. Brauchte ich einen neuen Anzug, ging ich zum Schneider und bekam einen genäht. Ich bekam immer den besten Platz im Restaurant.“

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Dieter Wiedemann: „Ich fand meine neue Torpedo-Kappe [damaliges westdeutsches Radsportteam, Anmerkung kreuzbube] cool und trug sie im Training. Sie befahlen mir, sie abzusetzen, weil das gegen sozialistische Prinzipien verstieße“.

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Dieter Wiedemann: Sie [die Friedensfahrt, Anm. kreuzbubehatte die besten Fahrer des Ostblocks, aber sie traten gegen Amateure und U-23 Fahrer aus dem Westen an. Für die Belgier, Holländer und Franzosen war unser großartiges Rennen nur eine Abschlussklasse. Sie wussten, die Friedensfahrt würde hart werden, aber wenn sie gut abschnitten, würde  ihnen das vielleicht einen Profivertrag einbringen.“

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Dieter Wiedemann: „Am dritten Tag nahmen wir den Zug nach Chemnitz und gingen in einem Hotel tanzen. Wir hatten einen wundervollen Abend zusammen und ich brachte sie vor Mitternacht nach Hause. Als ich zu Bett ging, drehte sich alles in meinem Kopf, doch ich wusste, dass ich mich wirklich in sie verliebt hatte.“

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Ministerium für Staatssicherheit 383/65 Berlin, 6. Juli 1964:

„Unverständlich bleibt die Vereinbarung zwischen unserem Radsportverband und  dem westdeutschen Verband, dass die schnellsten drei Fahrer beider Verbände für eine Dopingprobe ausgewählt würden. Aus diesem Grund gab es den strikten Befehl, keinerlei Stimulanzien zu nehmen. Das war offenkundig ein kluger Schachzug der Westdeutschen. Nach dem Rennen wurde kein einziger Fahrer getestet.“

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MfS 383/65, Flöha 7.7.64:

„Bürger ? sagt, es [die Flucht Wiedemanns, Anm. kreuzbube] sei die Schuld des Staates, weil unsere Sportler Zucker in den Arsch geblasen bekämen.“

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Manfred Weißleder: „Er sagte, von nun an gingen alle Preise an den Verband und nicht mehr an uns, und sie würden entscheiden, ob wir sie bekommen oder nicht. […] Es gab fast eine Prügelei und das war das Ende meiner Radsportkarriere. Ich war fünfundzwanzig und sie sagten, ich sollte darüber nachdenken, mit Fußball anzufangen.“

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Dieter Wiedemann: „Ich war der fünfte Sportler aus Wismut, der geflohen war, aber der erste nach Errichtung der Mauer. Ich wusste, dass Ampler es auch geplant hatte.“

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Dieter Wiedemann: Mir wurde bewusst, dass man mir mein ganze Leben zuvor gesagt hatte, was ich tun sollte, was ich denken sollte und was ich glauben sollte, und jetzt war alles, was man mir sagte, welches Waschpulver ich kaufen sollte.“

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Dieter Wiedemann: „Wir hatten die besten Räder, aber sie waren nichts im Vergleich mit dem, was es heute gibt. Ich fuhr über den Aubisque, den Mont Ventoux und den Galibier mit einer Übersetzung von 46 – 24.“

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Dieter Wiedemanns Herzenswünsche wurden erfüllt. Er fuhr bei der Weltmeisterschaft für Rudi Altig, er fuhr bei der Tour de France (für Hennes „„Hätt ich misch doch dä Fisch nit gejesse“ Junkermann), er lebte sein Leben mit der Frau seines Herzens. Sein zweites Leben.

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Manfred Weißleder: „Wiedemann fuhr die Tour de France? Wirklich? 1967? Das wusste ich nicht.
Dieter Wiedemann?
Bist Du sicher?
Ist er angekommen?“

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Herbie Sykes, Race against the Stasi, Aurum Press September 2014, 399 Seiten in englischer Sprache.

(Die Übersetzungen in diesem Blogbeitrag stammen vom kreuzbuben. Alle Interviews mit den zitierten Personen, die Auszüge aus den Stasi-Akten und die Artikel aus dem Neuen Deutschland wurden vom Buchautor zuvor ins Englische übertragen)

 

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12 Antworten zu The Race against the Stasi

  1. prieditis schreibt:

    Ich hab schon überlegt, mir auf den Rücken des Leibchens „Récupération“ zu stempeln… aber ich trag ja immer Rucksack… aber dedication for medication… das wäre was für mich!

  2. kreuzbube schreibt:

    update:

    man kann doch alles irgendwie verwursten:

    Der britische Bekleidungshersteller Milltag bringt ein Trikot (nebst Kappe) heraus, das unter dem Slogan “Dedication Not Medication” Dieter Wiedemann gewidmet sein soll. Zurück geht dies auf einen Song der britischen Punkband The Fall (Punk ist lange her, die älteren Herren tragen heute Anzug), die einen gleichnamigen Song geschrieben haben, dem man, nun ja, nichts entnehmen kann, was textlich mit Dieter Wiedemann in Verbindung zu bringen wäre. Das mag damit zusammenhängen, dass die Verständlichkeit eines Textes bei besagten Künstlern nicht sondern ich hoch angesiedelt wird.

    „The song is about cyclist Dieter Wiedemann, a sporting hero of East Germany“ heißt es beim Trikothersteller und bei allem Verständnis für Dieter Wiedemanns Flucht in den Westen bleibt doch nach Lektüre von Herbie Sykes‘ Buch wenig Raum dafür, ihn zu einem Sporthelden der ehemaligen DDR zu machen.

  3. Nicole Sandra Wiedemann schreibt:

    Sehr, sehr gelungene Rezession. Allerdings. . .wenn man die Danksagung am Ende des ?buches liest, faellt dem aufmerksamen Leser auf, dass alle Interviews nicht nur von Herbie Sykes dondern auch von Nicole Sandra Wiedemann begleitet und von dieser auch simultan gedolmetscht wurden.

    • kreuzbube schreibt:

      Ich kann aus einer Danksagung des Autors schlecht eine Person hervorheben. Nach welchem Kriterium sollte ich das tun? Danksagungen sind eine persönliche Sache, an denen ich mich nicht vergreifen möchte.

      Der deutschen Ausgabe des Buchs allerdings sollte bei einer solch fähigen Übersetzerin, die zudem so nah am Thema ist, kaum etwas besseres passieren können.

    • mark793 schreibt:

      Aufmerksamen Orthographen/Semantikern fällt auch auf, dass es „Renzension“ heißen müsste und nicht „Rezession“. aber das nur am Rande…

      • kreuzbube schreibt:

        Bevor nun irgendwelche Autokorrekturfunktionen der software noch mehr Unheil anrichten, einigen wir uns einfach auf Rezension Besprechung… 😉

  4. montymind schreibt:

    interessantes buch. vielleicht traue ich mich mal ans original. aber dem autor ging wohl auch ein wenig die phantasie durch: das es ein hotel astoria in le gab, ist mir bekannt. aber waldorf astoria? oder war das der wunsch von herrn w.?

    • kreuzbube schreibt:

      Gut, dass Du aufgepasst hast. Den Fehler habe ich gemacht und aus dem leerstehenden Astoria ein Waldorf Astoria gemacht.

      Das Buch kann ich Dir gerne auch ausleihen, allerdings ist es derzeit vergeben.

  5. randonneurdidier schreibt:

    DANKE, das nenne ich eine klasse Rezension. Nicht zu kurz und nicht zu lang. Und mir macht sie Lust, das Buch bald zu lesen.

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