The times they are a-changin

Der Bismarck, um mal wieder die Unendliche Rundfahrt zum Aufhänger zu nehmen, der soll in seinen späten Jahren über den Hamburger Hafen geschaut und gesagt haben, „Das, meine Herren, ist eine Welt, die ich nicht mehr verstehe.“ Ob er das wirklich gesagt hat weiß man nicht, es wird ihm zugesprochen. Bisweilen passt das vermeintliche Zitat so gut zur Person und den Umständen, dass es nicht mehr darauf ankommt, ob’s echt ist.

„No Viet Cong ever called me Nigger“ ist auch so eins. Es gibt keinen Beleg, dass Muhammad Ali, der amtierende Boxweltmeister, das 1967 wirklich gesagt hat, als er damals den Kriegsdienst verweigerte, woraufhin er zunächst zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. (Das Urteil wurde später aufgehoben wurde, er durfte jedoch drei Jahre lang nicht boxen durfte und den Weltmeistertitel war er los) Auf der Stelle glaubt man, dass die Worte von ihm stammen könnten, bringt es doch seine tatsächlichen Worte verkürzt und so prägnant auf den Punkt, dass das vermeintliche Zitat einfach wahr sein musste. „No I’m not going 10,000 miles from home to help murder and burn another poor nation simply to continue the domination of white slave masters of the darker people the world over.
Ali und Bismarck in einem Absatz, das muss mir auch erst einmal jemand nachmachen. So geht es mir manchmal, ursprünglich habe ich nur eine Kleinigkeit im Sinn, dann entgleiten mir die Dinge.

henningerturm_3

Doch zurück zum Radsport und den Veränderungen der Welt, in die auch er eingebettet ist. Auch mir, obgleich um einiges jünger als der alte Bismarck, wird der Wandel der Zeiten bisweilen deutlich bewusst. Dazu reicht ein Bierdeckel, dazu recht ein Trikot, die nebeneinander gestellt mehr sagen als alle Worte.

henningerturm_1_smJedes Jahr am 01. Mai gab’s bei uns im Südhessischen eine Parade. Da gingen die Menschen auf die Straße, da ging es richtig rund – Rund um den Henniger-Turm. Besagter Turm war ein Getreidesolo und oben drauf war ein großes, stilisiertes Bierfass mit dem Schriftzug der Brauerei Henninger. Die Siegerliste des Rennens, das mit dem Mammolshainer Berg sogar mit einer Steigung im Bereich der 20 % aufwarten kann, weist illustre Namen aus: Eddy Merckx, Rudi Altig, Freddy Maertens, Erik Zabel.

Große Namen, und doch kam die Stadt, kam die Region früher in der Werbung wie ein großes Dorf daher, beschaulich, mit Lokalkolorit. Ich glaube, zu dieser Zeit hießen die Bierdeckelgestalter auch noch nicht art director.

rund um den henninger turm

2013 hat man den Hennigerturm abgerissen. An seiner Stelle wird bis 2016 ein Turm mit Luxuswohnungen errichtet. Immerhin,  oben drauf soll etwas thronen, das entfernt an das Fass erinnert. Auch das Rennen hat seinen Abriss schon vollzogen, auch wenn das Eintagesrennen noch stattfindet. Der Start ist nun nicht mehr in der Nähe des (abgerissenen) Turms, sondern in Eschborn, das ist im Grunde ein großes Gewerbegebiet mit Autobahnanschlussstellen. Als ich dann das Trikot sah und ungläubig ablichtete, ging auch mir ein Zitat durch den Kopf, das ich mir ohne weiteres zuschreiben lassen würde angesichts der nun zu sehenden Ungeheuerlichkeit: Vorbeugen ist besser als auf die Schuhe zu kotzen

henningerturm

Die Umbenennung als solche ist schon ein starkes Stück. Aber wer zieht so etwas an?

 
Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter kreuzbube grübelt abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu The times they are a-changin

    • kreuzbube schreibt:

      Die Tanke ist weg? Vor oder nachdem vor ein paar Tagen ihr ehemaliger Betreiber gestorben ist?

      (Tankwart scheint ja mal ein beliebtes Berufsfeld ehemaliger Radsportler gewesen zu sein, der Hugo Koblet hatte auch eine.)

      • Twobeers schreibt:

        Der Pächter hatte schon vor 8 Jahren gewechselt. Aber jetzt ist der ehemalige Pächter der ehemaligen Tankstelle, die Institution des West-Berliner Radsports gestorben.
        Ruhe in Frieden Otto Ziege!

  1. crispsanders schreibt:

    Es geht nicht um modern oder unmodern. Rennfahrer müssen, ob Amateur oder Profi rein psychologisch den heißesten Scheiß fahren, oder eben etwas kurz davor. Ich allerdings beobachte seit dem Sprung zur 9fach Schaltung eine Verkürzung von Produktlebenszyklen bei abnehmendem Grenzertrag. D.h, die Leistungsgewinne werden geringer, die Kapitalintensität steigt.
    Das mag für den einen oder anderen Prosumenten ein grund sein, das Spiel erst recht weiter zu treiben, das Rad als Veblen-Gut. Steht auf einem anderen Blatt

    Interessanterweise bezeugt die Rückwärtsgewandheit vieler Veranstaltungen auch einen Wandel des Sports an sich, was im Niedergang des Bahnradsports und auch des Henninger Turms sichtbar wird. Daß die Gestaltungshöhe von Trikots abnimmt ist folgerichtig.
    Mein Protest ist auch ein ästhetischer, nicht nur ein kultureller.

    Im übrigen ist fraglich, ob bei einem Anteil von ca 15% am gesamtgewicht das Rahmenmaterial ausschlaggebend ist. Es gibt da inzwischen Stahlsorten . . . .

    • kreuzbube schreibt:

      Ach, ich hänge das alles nicht so hoch auf. Für mich ist Stahl ein Material unter anderen, nicht mehr, nicht weniger. Meine Vorlieben sind eher individueller Natur und hängen nicht per se vom Werkstoff ab. Ich habe das alles hier stehen, im täglichen Vergleich, Stahl, Alu, Carbon, Titan. Mal greife ich zu dem, mal zum anderen und es entwickeln sich auch Vorlieben, aber letztlich ist es doch nur Radfahren.

  2. crispsanders schreibt:

    Kadersumpf Karlhorst!

  3. Twobeers schreibt:

    Eines noch, eine Untergruppe des ESK mit separatistischen Tendenzen firmiert seit einiger Zeit als Empor Karlshorst Süd.

  4. Twobeers schreibt:

    „Ach, was waren das für Zeiten!“ sang Rio Reiser, an dessen Grab ich letztens stand. Klingende und klangvolle Namen schallten aus den Rundfunkempfängern, wenn die Fußballspiele kommentiert wurden. Volksparkstadion, Kampfbahn Rote Erde, Hindenburg Arena, Zentralstadion. Und was ist daraus geworden? Die Freunde des runden Leders pilgern in die Imtech Arena, den Signal Iduna Park, die Hänsch Arena und die Red Bull Arena.

    • kreuzbube schreibt:

      Das Zentralstadion, das Stadion der 100.000, war wirklich beeindruckend. Wir sind da nachts noch reingeklettert und haben Kirschholzbänke geklaut, bevor sie es durch den Einbau einer modernen Mehrzweckarena zerstört haben, die auch an jedem anderen Ort stehen könnte.

      Apropos Auswüchse: Easy Credit Stadion in Nürnberg. (Derzeit Grundig Stadion) Blödsinnig sind diese Umbenennungen auch deshalb, weil die Namensrechte oft alle paar Jahre von anderen Sponsoren gekauft werden und auf diese Weise markante Bauwerke einer Stadt immer wieder anders heißen.

    • montymind schreibt:

      endlich bin ich auch mal klug: die „rote erde“ trägt den namen weiterhin und ist das heimstadion von die amas von borussia (mit tollem freisitz auf der dammkrone unter kastanien). aber das westfalenstadion – „40 jahre heimat“ – wurde wohl wie oben angeführt von einer versicherung „adoptiert“ und trägt ihren blau-weißen (sic!) schriftzug.

      • kreuzbube schreibt:

        Kastanien, da sagst Du was. In einem Artikel las ich mal von einem Fußballer, der es tröstlich fand, nach einem Gegentor oder einer Niederlage einen Baum sehen zu können. Heutzutage sieht man in den Arenen gar nichts mehr, keinen Baum, keine Häuser, keinen Kirchturm. Ob die Fussballer die Stadien wohl noch auseinanderhalten können, in denen sie gerade kicken?

    • prieditis schreibt:

      So wie die Sportstätten früher, heißen jetzt nur noch die Einkaufszentren…
      Rhein-Ruhr-Zentrum, Düssel-Arkaden… etc.
      Aber geradezu putzig finde ich das Playmobil-Stadion und das (hihi) Bad..äh..Bud-Spencer-Bad in Schwäbisch Gmünd

      • kreuzbube schreibt:

        Echt jetzt? Bud Spencer Bad? Klasse! Zu seinen aktiven Zeiten als Schwimmer hielt er übrigens nicht viel davon, zu trainieren. 1500 Meter mussten reichen, frei nach dem Motto: Wer üben muss, kann nichts.

  5. crispsanders schreibt:

    Da sind die Amateure ganz schmerzlos. Sonst hätten sich die ekelerregenden Muster der 90er nie durchgesetzt, auch nicht die rückwärtig bedruckten Hosen. Den Frankfortern wird es recht sein, überhaupt ein Rennen zu haben, das professionellen Status hat. Da ist zwar Hamburg, mit seinen unverständlichen Cyclassics, ein Nachsaisonrennen zum Ausrollen, aber Frankfurt, (eine Stadt, in der übrigens Geld gedruckt wird) , hatte tatsächlich einen anspruchsvollen, ernsthaften Klassiker, den man nicht einfach per Absprache gewinnen konnte.
    Allein, das Gedächtnis ist so kurz wie die Produktionszyklen von Carbonrahmen. Wer die Welt der Carbonrahmen, der rollenden Litfaßsäulen und der häßlichen Trikots akzeptiert, akzeptiert auch Eschborn: nicht wenigen gibt das Gewerbegebiet Lohn und Brot und einen VAG Dienstkombi. Und des Lied ich eben sing!

    • kreuzbube schreibt:

      Ich bin nicht konservativ genug, als dass alles so bleiben müsste, wie ich es mal irgendwann kennengelernt habe. Wandel und Fortentwicklung müssen aber nicht bedeuten, dass man alles völlig auf den Kopf stellt und vom Gewesenen nichts erkennbar bleibt.

      Die Werbekarawane ist allerdings so alt wie der Radsport, sofern man von Sport sprechen will. Ein Spektakel, eine Sensation, alleine zu Werbezwecken ins Leben gerufen. Mag jeder für sich die Grenzen des Erträglichen ziehen. Clevere Marketingleute verbinden beides und vermeiden die Auswüchse, was der Erfolg eines Unternehmens wie Rapha aufzeigt.

      Und die Räder, nun ja, kein Rennfahrer wollte vor 30, 40, 50… Jahren einen klassischen Stahlrahmen. Die wollten schon immer das Neueste und Modernste, was man kriegen konnte. In der Goldenen Zeit des Radsport haben sie nicht nach Rädern von 1930 gesucht und, sondern sich an damaligem Hightech bedient. Das war damals halt Stahl, heute ist es was anderes.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s