Damals, 1927

Früher, als ich noch den Rhein vor der Nase hatte und im Rücken 600 Meter hohe Taunuserhebungen, da konnte ich gar nicht im Flachen Rad fahren. Egal, wohin ich wollte, rauf und runter ging’s, entweder auf dem Hinweg oder auf dem Rückweg. Oder mittendrin. Auch die alltäglichsten Wege waren eine Berg- und Talfahrt und vor dem Extrataschengeld von der Oma für den Kinobesuch am Sonntagvormittag war eine Bergwertung mit dem 3-Gang Bonanzarad.

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damals27_2So ging das jahrein-jahraus. Auch morgens um 6:00 Uhr auf dem Weg zur Arbeit standen später erst einmal einige Höhenmeter auf dem Programm. Die historische Zahnradbahn fuhr früh am Morgen noch nicht, hätte Geld gekostet und überhaupt, der junge kreuzbube hat jede Gelegenheit genutzt, sich bewegen zu dürfen.

Begeistert haben wir die ersten Mountainbikes aus den Schaufenstern geholt und sind damit die Abhänge hoch und runter gesaust. Schalthebel direkt am Lenker, Bremsen, die richtig bremsten, später dann die ersten Federgabeln. Der Spaßgewinn, vor allem in Herbst und Winter, war enorm. Die ollen Rennräder hingegen landeten in der finstersten Kellerecke, wo ich meines bei irgendeinem Umzug kurzerhand zurück ließ. Sie waren nur was für die alten Männer, die schon im vorgerückten Alter von über 40 waren.

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gelber_turm_smDerzeit findet mein Mountainbike Wiederbeachtung, nicht nur der Abwechslung wegen. Das Schöne am Mountainbikefahren ist nicht zuletzt der Zeitgewinn. Nach 2 1/2 Stunden habe ich mich so sehr angestrengt wie auf dem Rennrad in der doppelten Zeit. Vor allem auf den Abfahrten wird der Unterschied spürbar. Auf dem Renner rollt man den Asphalt hinunter und freut sich, dass man sich erholen kann. Über Stock und Stein und von Wildschweinen durchpflügte Böden hingegen müssen die Beinmuskeln auch bergab wie ein Stoßdämpfer arbeiten. Frösteln und Frieren sind auch unter 0° C Außentemperatur Fremdworte, schon nach wenigen Meter geht die Heizung an. Für diese Jahreszeit ist das perfekt und der geringere Zeitaufwand lässt mehr Raum für’s leider notwendige Geldverdienen und für andere Zerstreuungen, mit denen das Leben aufwartet. 

So bleibt denn auch mehr Gelegenheit für die Muße auf dem Sofa neben dem heimischen Kachelofen, um erneut die Erkenntnis zu gewinnen, daas früher schon immer früher alles besser war. Ganz gleich, zu welcher Zeit die Zeitgenossen lebten, stets beklagten sie die schlimmen Dinge, die die moderneren Zeiten mit sich brachten. Stets drohte der Verfall der Sitten und der körperliche Verfall der Jugend. 

„Anstelle der alten Heimatspiele im Freien, trat das armselige Kegelspielen und das öde Kartenspiel, anstelle des Angers das Wirtshaus, anstelle der alten Tänze und Trachten unter der Linde trat die grauenvolle Nachahmung moderner Stadttänze und Stadtkleider in überwucherten und überfüllten Tanzsälen, statt zur Geselligkeit der Spinnstuben mit ihren Liedern, suchte und fand jetzt der Bauernsohn seinen Weg ins städtische Bordell.“

1927 fragte man sich, „wo bei der immer intensiveren Ausnutzung des Bodens und dem zunehmenden Autoverkehr auf den Landstraße noch der reichliche Platz zum Spiel für die Dorfjugend ist.“ 

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Schlimmer noch stand es um die Städte, der „Feind des Einzelhauses und des Spielplatzes“ wurde ausgemacht:

„Als der Landrat von Stubenrauch am  20. Oktober 1892 seine viel umkämpfte Teltower Bauordnung bekannt gab, die für einen Teil westlichen Berliner Vororte die Mietskaserne ausschloss, fielen an einem Tag die Aktien der Terraingesellschaft Kurfürstendamm um 16 %, die der Friedenauer Terraingesellschaft um 37 %.“

damals27_7Die Zeiten waren also schon immer schlimm und die verführte Jugend, auch die turnende Jugend, hat das alles mitgemacht, hat sich zum Beispiel dem Spektakel der Geldpreisfahrerei auf Rennbahnen hingegeben, statt beim Turnen Maß, Askese und auch innere Einkehr zu suchen.

damals27_8Bevor ich jedoch im Rahmen des vorweihnachtlichen Unterhaltungs-programms weiter davon berichte, muss der Hintergrund skizziert werden, vor dem dies zu den Zeiten von Großvätern und Urgroßvätern und Ururgroßvätern geschah. Denn auch wenn es uns heute natürlich ebenfalls und wieder einmal ganz schlimm geht und früher nicht alles schlecht war, so wurde die Frage nach einer work-life-balance Balance schon im 19. Jahrhundert aufgeworfen: „Acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit und acht Stunden Mensch sein, ist das zuviel [verlangt]? 

1926 stellte der Reichsausschuss für Jugendpflege in Berlin folgende Forderungen auf:

1. Grundsätzliche Ausdehnung der Schutzbestimmungen für die Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter und Angestellten auf das Alter vom 14. bis zum vollendeten 18. Jahr.

2. Drei Wochen bezahlter Ferien für erwerbstätige Jugendliche einschließlich Lehrlingen unter 16 Jahren, und zwei Wochen bezahlte Ferien für die erwerbstätigen Jugendlichen zwischen dem 16. und 18. Jahr.

3. Festsetzung einer Arbeitswoche von höchstens 48 Stunden.

4. Beginn der sonntäglichen Arbeitsruhe mit Sonnabend mittag.

5. Festsetzung ausreichender Arbeitspausen.

6. Verbot der Nachtarbeit für Jugendliche.

So also sah es aus, und die Empfehlung für die Häufigkeit der sportlichen Betätigung machte diese von der beruflichen Tätigkeit abhängig: Während der eine 4-5 mal in der Wochen turnen könne, komme der andere nur 2 mal dazu, denn vor übertriebenem sportlichen Ehrgeiz müsse angesichts der Belastungen des Arbeitslebens gewarnt werden.

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Nächste Folge: Medizinalrat Prof. Dr. Johannes Müller von der Preußischen Hochschule für Leibesübungen gibt „Gesundheitliche Ratschläge für Turner und Sportler“ – unter Berücksichtigung des Geschlechtsverkehrs.

Alle Zitate und Fotos aus Die Deutschen Leibesübungen,  Essen 1927.
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12 Antworten zu Damals, 1927

  1. kid37 schreibt:

    Das ist übrigens ein berühmter Topos in der anrüchigen Unterm-Ladentisch-Magazinwelt der 40er/50er-Jahre. „Don’t let this happen to you! Learn Jiu-Jiutsu!“ Zur Illustration von „this“ wurde dann eine überwältigte Damsel in distress and bondage gezeigt, gerne auch geknebelt oder was der Fetisch, also der gefährliche Alltag, mit seinen mannigfaltigen Situationen so bescherte. interessant, daß das schon viel weiter zurückgeht.

    • kreuzbube schreibt:

      Jiu Jitsu wurde bereits 1906 im Hinterzimmer einer Berliner Kneipe gelehrt und schon im gleichen Jahr kam ein japanischer Großmeister in die Stadt und gerierte sich dort ein paar Jahre als Sensei. Wie übrigens viele Japaner aus den unterschiedlichen Kampfsportstilen ihr Glück in Deutschland und anderen Ländern des Westens suchten.

      War ohnehin eine wilde Zeit, das beginnende 20 Jahrhundert, in vielerlei Hinsicht, aber ich bekomme gerade keine Kurve von „unterm Ladentisch“ oder auch „aus dem Logenraum“ zum (Rad)Sport. Eins allerdings scheint mir gesichert: Die Berliner waren immer vorneweg, egal wobei. Die Leipziger waren allerdings auch gut im Rennen, hier waren ja damals die ganzen Verlage, auch die abseitigen.

      • kid37 schreibt:

        Damit es nicht heißt, das hat der sich wieder bloß ausgedacht, hier ein kleiner nicht ganz arbeitstauglicher Link (können Sie gerne wieder löschen). Bei dem oben abgebildeten Foto auf der Wiese sehe ich auch keine Verbindung zum Radfahren, daher vermute ich eine verkappte andere Zielgruppe. Die Freikörper- und Lichtkultmagazine dieser Zeit erfüllten ja auch einen doppelten Zweck.

      • kreuzbube schreibt:

        Ich werde mich hüten, den link zu löschen. Warum auch? Dabei fällt mir gerade wieder ein, dass ich mit prieditis irgendwann mal darüber nachsann, ob man nicht mal eine Reihe „Sexismus gegen Rechts“ machen sollte.

        Die Dame auf der Wiese ist aus dem Kapitel über Jiu Jitsu und wurde zwischen die Abbildung der Schutzmänner gestreut, die irgendwelches Lumpenpack überwältigen. Es gibt auch viele fast Nackte im Buch, das sind aber fast alles Männer. Aber zunächst noch einmal zu den toughen Damen:

        Eher kontinentaleuropäisch ausgerichtet beim Boxen:

      • prieditis schreibt:

        Sexismus gegen Rechts… wie konnte das nur unter den Tisch fallen?
        Wir sollten das wirklich beackern, dieses Feld… wenn die Holzarbeiten hier erledigt sind, und ich wieder arbeiten kann, zum Beispiel. Aber Gedanken um den theoretischen Überbau, für die Fö… die Föhj… die Kulturteile der Gazetten, die kann man sich ja schon mal machen…

      • kreuzbube schreibt:

        Ich habe da vorsorglich schon mal etwas vorbereitet, um jederzeit ins Thema einsteigen zu können.

  2. Twobeers schreibt:

    Stehen die Herren mit den Kugeln fast nackt im Schnee? Leibesertüchtigung für die Ostfront?

    • kreuzbube schreibt:

      Ja, sie stehen im Schnee. Denn beim Turnen ist „die Wahl der Halle zu den obergenannten Übungen zwar berechtigt und notwendig, bleibt aber doch ein Notbehelf.“

      Und: „Die Haut wird durch die Kleidung ihrer Tätigkeit der Wärmeregulierung entwöhnt und in ihrer ganzen Lebenstätigkeit geschwächt. Wir müssen daher zeitweise die Kleidung möglichst weitgehend ablegen.“

      Allerdings: „Kaltes Wetter erfordert das Überziehen von Sporthemden auch für männliche Personen.“

      Man fragt sich an dieser Stelle, was wohl kaltes Wetter sein mag, wenn Schnee dazu noch nicht ausreicht.

      An die Ostfront dachten die da noch nicht, sie waren in Gedanken noch an der Westfront…
      Das wird durchaus thematisiert, denn die Forderung nach gesunder Lebensweise unter Einschränkung von Alkohol- und Nikotinkonsum hatte laut den Dozenten des Sportwesens damals auch volkswirtschaftliche Aspekte. Die Reparationen, die das Deutsche Reich nach dem Großen Krieg zahlen musste, waren der Höhe nach an Ausgaben unter anderem für Alkohol und Tabakwaren geknüpft. Je mehr getrunken und geraucht wurde, desto mehr Reparationen wurden fällig.

  3. carodame schreibt:

    Die Jiu Jitsu beflissene Dame erleidet einen unschwer erkennbaren Bruch ihres linken Unterschenkels und lächelt. Sehr sportlich!

    • prieditis schreibt:

      oh, jetzt sehe ich es auch! vielen dank für diesen hinweis! ein neuer leitfaden für die aufzucht von premiumkindern steht an, quasi. arbeitstitel: „man muss auch mal was aushalten“

      • kreuzbube schreibt:

        Untertitel: „Das (beliebig einzusetzende körperliche Einwirkung -oder auch Wehrdienst-) hat noch keinem geschadet!“

      • carodame schreibt:

        „Habt Euch nicht so“ ( als Teil 2)
        Ich habe meine medizinische Bildung auch mit dieser Leitlinie für den Umgang mit maladen Bürgern durchlaufen. Und welche Folgen ergaben sich daraus? Man hatte sich nicht so! So sind wir mitten im Thema: „Früher…“

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