Ominöses Omnium

O nutzen Sie Ihre Jugend, solange sie da ist. Die Welt gehört Ihnen nur kurze Zeit. Vergeuden Sie nicht das Gold Ihrer Tage. Hören Sie nicht den Langweiligen zu.  (Oscar Wilde)
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42.000. Davon etwa 20 % bei Rennen, der Rest im Training. So beantwortete Jan Schur, Olympiasieger im Mannschaftszeitfahren von 1988, meine Frage nach seiner maximalen jährlichen Kilometerleistung während seiner aktiven Zeit als Rennfahrer. 

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Jan war so nett, uns einzuladen und sich überaus freundlich und hilfsbereit um uns zu kümmern, uns herumzuführen, uns alles zu zeigen und zu erklären, bei den Deutschen Meisterschaften im Omnium kurz vor Weihnachten 2014. 

oderlandhalle_2_smSo sauste um uns herum die Elite der Frauen und Männer auf der wunderschön modernisierten Radrennbahn in der Oderlandhalle in Frankfurt/Oder, während ich allerlei über Trainingsumfänge und Trainingsmethoden und deren wissenschaftliche Untermauerung hörte. Wieder einmal dachte ich mir, der ich in meiner Freizeit ein wenig herum radle, dass ich mich wahrlich nicht verrückt machen. Ob ich ein paar Kilometer mehr absolviere oder weniger, ob der Schnitt ein, zwei Kilometer höher oder niedriger liegt, es kommt ohnehin nicht darauf an. Die Jugend ist dahin, ich werde nicht mehr schneller und besser. Meine Leistungsfähigkeit findet ihr Pendant im sonntäglichen Kicken im Park oder bei den Alten Herren in der Kreisklasse, die ihr Gebolze auch nicht mit Arjen Robbens Turbo-Fussball verwechseln. 

Omnium Deutsche Meisterschaften 2014

Dort hingegen, auf dem schnellen Holzoval mit den stark überhöhten Kurven, kreisten Frauen und Männer im besten Alter und sie sahen, wie das zwischen 18 und 28 eben so ist, noch richtig jung und sportlich aus. Nicht verbraucht, nicht zu lange schon von der körperlichen Substanz zehrend, sondern voller Kraft und Dynamik und Explosivität, ihre Vielseitigkeit als Radrennfahrer beweisend. 

Omnium Deutsche Meisterschaften 2014

Omnium ist ein Mehrkampf, der sechs Disziplinen des Bahnradsports umfasst. Bei den ersten fünf Disziplinen gibt es jeweils Punkte für die Erstplatzierten. Beim abschließenden Punktefahren können Punkte für Sprints und Rundengewinne eingeheimst werden. So bleibt es spannend bis zum Schluss, auch im letzten Wettbewerb kann sich das Gesamtklassement noch wandeln. „Spannend“ muss ich allerdings relativieren: Wer das Reglement nicht kennt, weiß beim Punktefahren gar nicht so recht bis überhaupt nicht, was da gerade passiert.

Und darum geht es bei den einzelnen Teildisziplinen. Scratch ist ein Start-Ziel Rennen mit Massenstart. Wer als erster durchs Ziel fährt, hat gewonnen. Ganz simpel. 15 km ist die Distanz für die Männer, die Frauen fahren 10 km.

Omnium Deutsche Meisterschaften 2014

Die Einerverfolgung der Männer geht über 4000 Meter, die Frauen jagen einander über 3000 Meter. Der Start erfolgt von gegenüberliegenden Seiten der Bahn und dann geht es darum, den anderen einzuholen oder die bessere Zeit zu fahren.

Omnium Deutsche Meisterschaften 2014

Beim Ausscheidungsfahren wird nach jeder zweiten Runde der jeweils Letzte rausgenommen. Das ist für die Zuschauer schön überschaubar, den Fahrern macht es ordentlich Beine.

Zeitfahren ist Zeitfahren. Über 1000 Meter müssen die Männer raushauen, was geht, und das sind bei ihnen im Durchschnitt (!) (nicht in der Spitze) 1000 Watt über die vier Runden. Die Frauen fahren 500 Meter.

Omnium Deutsche Meisterschaften 2014

Bei der nächsten Disziplin wird aus dem fliegenden Start heraus die Bestzeit über die Sprintdistanz von 250 Meter ermittelt.

Omnium Deutsche Meisterschaften 2014

Beim abschließenden Punktefahren haben die Männer über 40 km und die Frauen über 25 km noch einmal die Gelegenheit, das bisherige Klassement umzukrempeln. In festgelegten Abständen erfolgt in Wertungsrunden eine Punktevergabe für die Platzierung beim Erreichen der Ziellinie. Wer das Feld überrundet, kann sich weitere 20 Punkte auf seinem Konto gutschreiben lassen. Ein Rundenverlust hingegen, also das Überrundetwerden, ist mit 20 Punkten Abzug ein Schlag ins Kontor. Das Punktefahren gewinnt folglich nicht, wer am Schluss als erster über die Ziellinie fährt, sondern wer während des Rennverlaufs die meisten Punkte gesammelt hat.

Omnium Deutsche Meisterschaften 2014

Wenn ich schon die Gelegenheit habe, mir im Innenraum alles aus nächster Nähe anzuschauen, dann lasse ich der Neugier natürlich freien Lauf. Da werden zum Beispiel die Leistungsdaten in Echtzeit direkt von der Kurbel auf den Computer des Trainers übertragen, der so direkt mitverfolgen kann, welche Leistungsentfaltung sein Schützling hat. Die Tüftler bringt so etwas entscheidend voran. Ein Beispiel: Zwei gleich schwere Fahrer fahren dasselbe Tempo. Einer von beiden muss dafür 25 Watt mehr treten: An der Aerodynamik muss gefeilt werden.

Apropos Watt: Bei der enormen Kraft, die die Bahnfahrer aufs Pedal bringen, halten die Clickpedalen alleine die Füße nicht immer fest genug. Mittels Riemen lassen sich manche den Fuß zusätzlich festschnüren, damit es ihn in der Zugphase nicht vom Pedal reißt.

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Interessant auch, dass an den sündhaft teuren Rädern aus der FES High Tech Schmiede ganz normale Alukurbeln verbaut sind. Das hätte ich nicht erwartet, wo doch sonst von vorn bis hinten Carbon zu sehen war. Auch klassisch eingespeichte Mavic CXP 33 Laufräder am Carbon-Zeitfahrrad entdecke ich. Ich kenne mich da zu wenig aus, womöglich bewertet man den tatsächlichen Nutzen von Komponenten realistischer, als uns das in Magazinen und von Radsporthändlern verkauft wird. Dennoch, und da gibt es kein Vertun, mit wirklich alten Rädern wäre hier kein Staat zu machen. Klar wird sehr schnell auch, dass der Kostenaufwand für die Radsportler enorm ist. Straßenrad, Zeitfahrrad, Bahnrad, das alles jeweils für richtig viel Geld, und wenn man Pech hat, Jahr für Jahr neu: Ein Juniorenfahrer aus unserem Bekanntenkreis hat dieses Jahr zwei Carbonrenner geschrottet, das belastet die Haushaltskasse über Gebühr und ich weiß nicht, wie die Familien das hinbekommen. Vermutlich bekommen viele das schlichtweg nicht hin und der Nachwuchs geht stattdessen Fussball spielen. Oder schwimmen. Oder daddelt im Netz herum.

DSC_7814 KopieNicht jedoch beim Eisenschweinkader. Recht bald nach dem Eintreffen sehe ich eins der unübersehbaren Trikots mitsamt Träger, der darin steckt. Wir waren uns zuvor noch nicht begegnet, also denke ich mir, stellst du dich mal vor, wie sich das gehört. Indes, dazu komme ich nicht. Einen halben Satz habe ich gerade heraus gebracht, da werde ich unterbrochen: Du bist der kreuzbube.

DSC_7813 KopieSo kann’s gehen. Auf Schritt und Tritt überwacht, mithilfe dieser elektronischen Zauberkästen. Denn Oberst Jockel, dem ich da begegne, ist kein Hellseher, sondern hat dank Twobeers, der offenkundig stets über den Aufenthalt aller Schäfchen der Herde mittels Fußfesseln oder so Im Bilde ist, einen entscheidenden Informations-vorsprung. Er wusste schon, dass ich da bin, bevor ich noch richtig da war. Sein bezaubernder Nachwuchs ist bei den Damen am Start und wir bewundern den farblich zum Anzug passenden Nagellack. Ich befürworte so etwas uneingeschränkt und sage frei nach Lothar Matthäus:

Die Socken müssen zum Lenkerband passen.

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Dann will mir Jan wieder allerlei zeigen, Räder, Räume in der Sportanlage, was es so zu sehen gibt. So vergeht der Abend, und ich, der ich, wie jeder weiß, im Grunde meines Herzens still und introvertiert bin und dem man sonst jedes Wort aus der Nase ziehen muss, komme aus dem Quatschen nicht heraus und brauche fast zwei Stunden, bis ich endlich dazu komme, etwas zu essen, mein erstes Mahl des Tages übrigens.

Omnium Deutsche Meisterschaften 2014

DM FFO-11 KopieIrgendwann landen wir bei Herbie Sykes, mit dem Jan eine Woche lang in Ostdeutschland für die Recherchen zu Race Against the Stasi herumgefahren war, und das hätte alles immer so weiter gehen können, wäre da nicht noch die Heimreise über die nächtliche Autobahn vor uns gewesen. Denn am Sonntagmorgen stand eine Verabredung mit einem nach kurzer Zeit dreckigen Dutzend zu einer Querfeldeinfahrt auf dem Programm. Das aber ist ein ganz anderes Thema, und deshalb ist hier jetzt für heute Schluss, mit dem Siegerfoto des Deutschen Meisters im Omnium 2014, Theo Reinhardt (leider haben wir keins von der Siegerin des schöneren Geschlechts).

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Viel mehr und noch dazu größere und schönere Fotos gibt’s bei carodame in ihrem Fotoblog. Wer sich entdeckt, darf sich gerne melden und bekommt die Fotos von sich als 4000 x 3000 MB große Datei per email. 
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10 Antworten zu Ominöses Omnium

  1. kreuzbube schreibt:

    Girls Team Sachsen:

  2. crispsanders schreibt:

    schöner und gut bebilderter Einblick. danke

  3. montymind schreibt:

    huhu. gibt es denn auch photos von jungen damen aus leipzig? also! nein! nicht mißverstehen, aber vielleicht könnte ich meinem nachbarn damit eine freude machen. seine tochter war wohl auch in ffo mit dem dhfk team.

    • kreuzbube schreibt:

      DHfK? Ich habe die Starterliste vor mir liegen und die verzeichnet keine einzige DHfK-Frau. Petra Rossners Girls Team Sachsen war mit einem halben Dutzend Frauen am Start, vielleicht ist die gesuchte Dame für diese Mannschaft gefahren? Dann könnte ich mal schauen, ob was dabei ist. Nach so einem Tag ist die Speicherkarte ziemlich voll und nur ein Bruchteil der Bilder (mehrere hundert) findet Verwendung. Viele fliegen zudem von vornherein raus, weil die Qualität nicht gut ist.

  4. Jockel schreibt:

    Hallo Ihr Beiden (ich schließe die carodame einfach mal mit ein),
    vielen Dank für den schönen Artikel und natürlich auch für die hervorragenden Bilder. Ich konnte einige davon ja schon in einer Vorauswahl bewundern. Es gibt ihn tatsächlich, den Unterschied zwischen Fotografieren und Knipsen.
    Das ich über Deine Anwesenheit in der Oderlandhalle informiert war, war einer ungeplanten Indiskretion meinerseits zu verdanken. Ich wollte ein Bildchen an meine Frau schicken. Dank nachlassender Augenleistung, gepaart mit einem akuten Wurstdaumen, landete die Botschaft bei twobeers, welcher dir richtigen Schlüsse zog und mich über Deine Anwesenheit in der Halle informierte.
    Mit dem Thema, der enormen Kosten, welche durch die Eltern des Radsportnachwuchses zu tragen sind, hast Du ein ernstes Thema angesprochen. Ich habe mir schon manches Mal gewünscht, dass das Reglement nicht nur die im Nachwuchsbereich zu fahrenden Übersetzungen, sondern auch die sonstige Technik (Rahmen, Laufräder usw.) stärker beschränkt. So würde es dem Sport m.E. dienlich sein, wenn es bis einschließlich der U19 Einheitstechnik geben würde. Dann könnten die Vereine die Technik halten und sie dem interessierten Nachwuchs, auch gerade von finanziell nicht ganz so potenten Elternhäusern, zur Verfügung stellen, ohne dass diese schon kurze Zeit später „moralisch“ verschlissen ist. Derzeit gibt es teilweise bereits ab der U15 ein enormes Wettrüsten. Die kleinen Sportler messen dadurch der Technik einen viel höheren Stellenwert ein, als diese tatsächlich hat. In anderen Sportarten (bspw. Bootssport) funktioniert das ja auch. So kann ich aus eigener Erfahrung (unser Söhnchen sitzt sich den A…. im Rennkajak platt) sagen, dass die, durch die Eltern zu tragenden Kosten in diesen Sportarten nur ein Bruchteil der Kosten des Radsportes betragen.

    Es würde mich freuen, wenn man sich mal wiedersieht. Gerne auch auf dem Rad.

    • kreuzbube schreibt:

      Ich bin ganz Deiner Meinung. Man könnte allen das gleiche Rad zur Verfügung stellen und damit der Kostentreiberei begegnen. Gerade auf der Bahn sollte das doch möglich sein. Dann könnten Jahrgang für Jahrgang ungezählte Nachwuchssportlern die gleichen Räder nutzen, so wie hier:

      Den Jan hatte ich auf Querfeldeinaktivitäten seiner Jugendlichen angesprochen. Das Problem war hier das Gleiche: Dann bräuchten sie ja noch ein Rad mehr, das wäre für die Familien zu teuer.

  5. carodame schreibt:

    Huch, hier liegen lauter Lorbeeren herum…
    Ich mache dankend einen Knicks und gucke in die Kammer, ob die Fotos inzwischen trocken sind…
    Vorweihnachtskonsumentengesichter findet man bei Sportveranstaltungen eher weniger. Aber ich kriege selber noch ein solches, spätestens übermorgen 😉

  6. prieditis schreibt:

    Also, diese Fotos (ohne Ihren Beitrag zu schmälern), die hauen dem Fass den Boden aus!
    Toll! Mein Kompliment!

    Und ich bin sehr neidisch! So eine Einführung in die Thematik durch so hervorragende Experten…
    Klasse!
    Dankeschön!

    Das ist doch auch viel schöner, als sich derzeit die verkniffenen Einkaufsgesichter in den Städten anzuschauen.

    • kreuzbube schreibt:

      Offen gesagt: Sonst habe ich immer den Text fertig und bebildere ihn dann anschließend. Dieses Mal gab’s die tollen Fotos und ich habe darum herum formuliert. Ich hätte sie auch umkommentiert veröffentlichen können, aber dann fiel mir ein, dass ja längst nicht jeder mit den Bahnwettbewerben vertraut ist.

      Ein paar richtig schöne Bilder kommen erst noch, aber die Fotografin sitzt sowieso dauernd in der Dunkelkammer. Mal schauen, wann ich sie raus lasse.

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